Category Archives: Ausstellungen

Aktuell
Topography of Terror (19.12.2016), Elisa Caldana and Diego Tonus Topography of Terror (19.12.2016), Elisa Caldana and Diego Tonus

Topography of Terror (19.12.2016)
Elisa Caldana und Diego Tonus
08.09 – 18.11.2017

Eröffnung: 7. September 2017, 18.30 Uhr

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

 

ar/ge kunst eröffnet die neue Saison mit parallel stattfindenden Ausstellungen: in der Museumstraße und gleichzeitig im Stadtmuseum Bozen; terminlich so gelegt, damit sie mit der Eröffnung des Transart Festivals zusammenfallen.

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, Installation View at ar/ge kunst. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano

Elisa Caldana and Diego Tonus, Topography of Terror, detail of Mental Maps for Topography of Terror. Photo Guadagnini, 2017 ©argekunst, Bolzano


Am Donnerstag, den 7. September um 18.30 Uhr präsentiert ar/ge kunst in den Galerieräumen in der Museumstraße Topography of Terror (19.12.2016) von Elisa Caldana und Diego Tonus: eine Zwei-Personen Ausstellung, zentriert auf den gleichnamigen Film – dies ist seine italienische Premiere – zusammen mit einer Reihe von Zeichnungen und mentalen Karten, die während der Zusammenarbeit entstanden sind.

Der Film Topography of Terror (19.12.2016) spielt im nicht verwirklichten Gebäude der “Topographie des Terrors” in Berlin, das anfänglich vom Schweizer Architekten Peter Zumthor 1993 geplant wurde. Das Design Zumthors hat eine Ausschreibung gewonnen, die den Bau eines Dokumentationszentrums genau an dem Ort vorsah, an dem die Gestapo, die SS und die Reichssicherheitsbehörde während der Nazizeit ansässig waren. Das Projekt wurde jedoch aufgrund seiner hohen Kosten, der radikalen Einstellung des Architekten und seiner Kompromisslosigkeit nie umgesetzt.

Caldana und Tonus sind von den originalen Zeichnungen und Plänen Zumthors ausgegangen und haben darauf basierend ein CGI-Rendering der Topographie des Terrorgebäudes erstellt: das Bild einer gegenwärtigen Zukunft, die nie zum Leben erweckt wurde und somit die perfekte Bühne für eine Erzählung bietet, die sich Fragen über die verschiedenen Arten von Terror stellt, wie sie heutzutage arbeiten und wie sie in Zukunft walten könnten.

Der Film erzählt die Geschichte eines Nachrichtenagentur-Journalisten, der unter traumatischen Belastungsstörungen leidet. Er war den gewalttätigen Bildern in der Nachrichtenredaktion zu lange ausgesetzt. Die Informationen hierzu sind durch eine Reihe von Gesprächen mit Psychoanalytikern und Journalisten von Reuters und dem BBC gesammelt worden. Der Schauspieler und Aktivist Khalid Abdalla verleiht dem fiktiven Ich-Erzähler seine Stimme und der Film untersucht hiermit die Wege, wie der heutige Journalismus Informationen zusammenstellt. Dabei möchte er auf genau diese Rolle hinweisen und auf den Wert, den die Bilder bekommen, wenn sie dazu benutzt werden, Terror zu zeigen und die Realität zu manipulieren.

Dem leeren Gebäude wird durch die Unmöglichkeit der Definition einer einheitlichen Topographie des Terrors eine neue Bedeutung zugeschrieben: das schizophrene Wesen des heutigen Terrorismus hallt an den Nicht-Orten des Internets und der Medien wider. In diesem Sinne ist die Topography of Terror (19.12.2016) „sogleich eine unwiderstehliche Rekonstruktion eines bahnbrechenden Gebäudes, das niemals existiert hat, eine tiefgreifende Recherche unserer zerstörten und zerstörenden Konfliktvermittlungen, und eine beeindruckende Untersuchung der komplexen Beziehung zwischen persönlichem und öffentlichem Ethos.“

Eine Reihe von Skizzen und mentalen Karten, die von den Künstlern während des Schaffensprozesses angefertigt wurden sind auf großformatige Drucke der Pläne Zumthors der Topographie des Terrors gezeichnet. Damit offenbaren sie, wie die „Architektur“ des Skripts geplant wurde und gleichzeitig wird ein konzeptueller Dialog mit der Geschichte von ar/ge kunst eingeleitet, wo Zumthor 1990 seine erste italienische Einzelausstellung hatte.


Topography of Terror (19.12.2016) wird von der Hessischen Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit den ACME Studios in London unterstützt.


Mit freundlichen Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Abteilung Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse
Stadtgemeinde Bozen, Abteilung Deutsche Kultur
The Keir Foundation, Australien

Öffnungszeiten:
Di-Fr von 10 – 15 Uhr und von 15 – 19 Uhr
Sa 10 – 13 Uhr
Freier Eintritt

CLOSE
Aktuell
research image, Islands songs research image, Islands songs

ISLANDS SONGS
Nicolas Perret & Silvia Ploner
08.09 – 27.09.2017

Eröffnung: 07.September 2017, 20:00 Uhr

LIVE PERFORMANCE > 20.30 + 21.30 + 22.30 Uhr

 

In Zusammenarbeit mit Transart Festival
Im Stadtmuseum, Bozen 
Sparkassenstr. 14

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

 

 

Every passion borders on the chaotic,
but the collector’s passion borders on the chaos of memories.
Walter Benjamin


ar/ge kunst eröffnet die neue Saison mit parallel stattfindenden Ausstellungen: in der Museumstraße und gleichzeitig im Stadtmuseum Bozen; terminlich so gelegt, damit sie mit der Eröffnung des Transart Festivals zusammenfallen.

Ab Donnerstag, den 7. September um 20 Uhr, wird im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen ar/ge kunst und dem Transart Festival das Künstlerduo ISLANDS SONGS (Nicolas Perret & Silvia Ploner) ihre Arbeiten im Stadtmuseum Bozen zeigen – und damit erstmals in Italien. Diese Kooperation wird 2018 ein neues Projekt entwickeln und ebenfalls in Bozen präsentieren.

Die Ausstellung im Stadtmuseum Bozen präsentiert zwei voneinander unabhängige Arbeiten: Nýey und All Depends on the Sun, beschäftigen sich forschend mit Klang als Geschichtenerzähler und dessen Einfluss auf die menschliche Vorstellungskraft und Phantasie. Während Nýey die Geschichte der jungen Vulkaninsel Surtsey erzählt, 1963 vor der Küste Islands entstanden und wegen ihres einzigartigen Ökosystems Interessensmittelpunkt wissenschaftlicher Studien und Forschungsarbeiten, macht sich All Depends on the Sun auf die Suche nach dem Klang der sagenumwobenen Nordlichter. Ein die Nordlichter begleitendes akustisches Klangphänomen, das zwar mehrmals wissentlich erlebt und wahrgenommen wurde, sich aber bis dato jeder wissenschaftlicher Dokumentation und Aufnahme zu entziehen scheint.

Am Eröffnungsabend des FESTIVAL HUB von Transart präsentieren ISLANDS SONGS die Uraufführung ihrer Performance Stellar Surf. Ausgangspunkt dieses elektroakustischen Experiments sind VLF Klänge, die sie im Rahmen einer Recherchereise zu All Depends on the Sun in Finnland aufgenommen haben.


Mit freundlichen Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Abteilung Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse
Stadtgemeinde Bozen, Abteilung Deutsche Kultur

Öffnungszeiten:
10.00 – 18.00 Uhr montags geschlossen
Freier Eintritt

CLOSE
Archiv
Natalie Czech - A critic’s bouquet by Övül O. Durmusoglu for Flowers are Documents – Arrangement I, 2017, foto GuadagninI e Sorvillo ©ar/ge kunst. Natalie Czech - A critic’s bouquet by Övül O. Durmusoglu for Flowers are Documents – Arrangement I, 2017, foto GuadagninI e Sorvillo ©ar/ge kunst.

Flowers are Documents — Arrangement II
(Composition / Support / Circulation / Ritual / Storytelling / Time)
22. Juni — 29. Juli 2017

Eröffnung am 22. Juni 2017 um 19 Uhr

 

 

Mit Milena Bonilla und Luisa Ungar; Martina della Valle in Zusammenarbeit mit Rie Ono; Natalie Czech; Kapwani Kiwanga

Episoden von Haris Epaminonda, Oliver Laric, Paul Thuile, Bruno Munari, Ettore Sottsass Jr.

 

 

22. Juni, 19:30 Uhr
Lecture Performance by Milena Bonilla und Luisa Ungar

 

Ausstellungsdesign in Zusammenarbeit mit Matthias Pötz und Ada Keller

Kuratiert von Emanuele Guidi

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, installation view. Photo Guadagnini ©argekunst

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, installation view. Photo Guadagnini ©argekunst

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, installation view. Photo Guadagnini ©argekunst

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, installation view. Photo Guadagnini ©argekunst

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, courtesy Toni Psenner. Photo Guadagnini ©argekunst

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, courtesy Toni Psenner. Photo Guadagnini ©argekunst

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, courtesy Famiglia Ebner. Photo Guadagnini ©argekunst

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, courtesy Famiglia Ebner. Photo Guadagnini ©argekunst

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, Courtesy Manfred Leiner. Photo Guadagnini ©argekunst

Paul Thuile, selection of the exhibition Serra III, curated by Paul Thuile at Gärtnerei Schullian Floricultura, Courtesy Manfred Leiner. Photo Guadagnini ©argekunst

Oliver Laric, Vase, Polyurethane, 2015, courtesy of the artist. Photo Guadagnini ©argekunst

Oliver Laric, Vase, Polyurethane, 2015, courtesy of the artist. Photo Guadagnini ©argekunst

Haris Epaminonda, Untitled #21 B/H, collage, 2016. Photo Guadagnini ©argekunst

Haris Epaminonda, Untitled #21 B/H, collage, 2016. Photo Guadagnini ©argekunst

Haris Epaminonda, Untitled #21 B/H, collage, 2016. Photo Guadagnini ©argekunst

Haris Epaminonda, Untitled #21 B/H, collage, 2016. Photo Guadagnini ©argekunst

Martina della Valle in collaboration with Rie Ono, One flower one leaf #3, Serie fotografica, 2017. Photo Guadagnini ©argekunst

Martina della Valle in collaboration with Rie Ono, One flower one leaf #3, Serie fotografica, 2017. Photo Guadagnini ©argekunst

Martina della Valle in collaboration with Rie Ono, One flower one leaf #3, Photo serie, cut flowers, vase, variable dimensions, 2017. Photo Guadagnini ©argekunst

Martina della Valle in collaboration with Rie Ono, One flower one leaf #3, Photo serie, cut flowers, vase, variable dimensions, 2017. Photo Guadagnini ©argekunst

Martina della Valle in collaboration with Rie Ono, One flower one leaf #3, cut flowers, vase, variable dimensions, 2017. Photo Guadagnini ©argekunst

Martina della Valle in collaboration with Rie Ono, One flower one leaf #3, cut flowers, vase, variable dimensions, 2017. Photo Guadagnini ©argekunst

Kapwani Kiwanga, Flowers for Africa, 2014 – in progress Cut flowers. Installation view (22.06.17), photo Guadagnini ©argekunst

Kapwani Kiwanga, Flowers for Africa, 2014 – in progress
Cut flowers. Installation view (22.06.17), photo Guadagnini ©argekunst

Installation view on 22.06.2017- photo Guadagnini, ©argekunst

Installation view on 22.06.2017- photo Guadagnini, ©argekunst

Installation view on 22.06.2017- photo Guadagnini, ©argekunst

Installation view on 22.06.2017- photo Guadagnini, ©argekunst

Installation view on 22.06.2017- photo Guadagnini, ©argekunst

Installation view on 22.06.2017- photo Guadagnini, ©argekunst

Milena Bonilla and Luisa Ungar, Ladies, Parrots and Narcotics, cut flowers and vase, lecture-performance. photo Guadagnini, ©argekunst

Milena Bonilla and Luisa Ungar, Ladies, Parrots and Narcotics, cut flowers and vase, lecture-performance. photo Guadagnini, ©argekunst

Installation view on 22.06.2017- photo Guadagnini, ©argekunst

Installation view on 22.06.2017- photo Guadagnini, ©argekunst


Arrangement II, die zweite Inszenierung von Flowers are Documents, fügt den Blumengestecken von Kapwani Kiwanga (Flowers for Africa) und Natalie Czech (A Critic’s bouquet), die am 26. Mai dem Publikum vorgestellt worden sind und sich auf natürliche Art im Laufe des Monats verändert haben, neue Kompositionen hinzu.

Ein neues Bouquet von Milena Bonilla und Luisa Ungar wird während einer lecture performance zusammengestellt. Darüberhinaus wird das Ikebana von Martina della Valle, in Zusammenarbeit mit Rie Ono, aus den vor Ort spontan wachsenden Pflanzen, die während eines Workshops gesammelt wurden, arrangiert. Neue Episoden von Haris Epaminonda, Oliver Laric und Paul Thuile, jeweils eine Vase, eine Collage und eine Ausstellung, werden dem Buch Bruno Munaris (Eine Blume mit Liebe, 1973) und dem Foto von Ettore Sottsass Jr. (Ich habe eine Vase für meine Geliebte gezeichnet, 1977) hinzugefügt.

Die Farben der Komposition werden teilweise verändert und von Enzo Parduzzi erneut aufgetragen, der diese 1969 für die Decke der Villa Tabarelli, nach einem Projekt von Carlo Scarpa, zusammengestellt hat. Vom Grau-Hellblau der Stunden vor dem Sonnenaufgang bis hin zum Rosa des Sonnenuntergangs geben die Farben sinnbildlich die Bewegung der Sonne vom Morgen bis zum Abend wieder und fahren so mit der Beleuchtung der Ausstellungsstücke fort.


Siehe Flowers Are Documents – Arrangement I

CLOSE
Archiv
flowers are document_foto_splash page_GIALLO

Flowers are Documents
Arrangement I
(Composition / Support / Circulation / Ritual / Storytelling / Time)
27. Mai – 29. Juli 2017

ARRANGEMENT I

Eröffnung: 26. Mai 2017, 19 Uhr

 

Mit: Natalie Czech; Kapwani Kiwanga
Episode mit: Chiara Camoni, Douglas Coupland, David Horvitz, Bruno Munari, Ettore Sottsass Jr.

David Horvitz - you and I may not hurry it with a thousand poems my darling but nobody will stop it With all the Policemen in The World.zip*, (2012 - ?). Poster und Internetfile, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

David Horvitz – you and I may not hurry it with a thousand poems my darling but nobody will stop it With all the Policemen in The World.zip*, (2012 – ?).
Poster und Internetfile, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Natalie Czech - A critic’s bouquet by Övül O. Durmusoglu for Flowers are Documents – Arrangement I and II, 2017.  Schnittblumen und Vinyl (Ansicht des 26.05.17), Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Natalie Czech – A critic’s bouquet by Övül O. Durmusoglu for Flowers are Documents – Arrangement I and II, 2017.
Schnittblumen und Vinyl (Ansicht des 26.05.17), Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Natalie Czech - A Critic's Bouquet by Vanessa Desclaux for Marc Camille Chaimowicz, 2015. Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Natalie Czech – A Critic’s Bouquet by Vanessa Desclaux for Marc Camille Chaimowicz, 2015.
Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekun

Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekun

Douglas Coupland With Helios Design Labs, Toronto, Electric Ikebana, video, 2012 Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Douglas Coupland With Helios Design Labs, Toronto, Electric Ikebana, video, 2012
Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Chiara Camoni, Barricata, 2017 Verschiedene Materialien Ausstellungsansicht (Ansicht des 26.05.17), Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Chiara Camoni, Barricata, 2017
Verschiedene Materialien
Ausstellungsansicht (Ansicht des 26.05.17), Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Kapwani Kiwanga, Flowers for Africa, 2014 – in progress Schnittblumen.  Ausstellungsansicht (Ansicht des 26.05.17), Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Kapwani Kiwanga, Flowers for Africa, 2014 – in progress
Schnittblumen.
Ausstellungsansicht (Ansicht des 26.05.17), Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Bruno Munari, Un Fiore con amore, 1973 Buch, Emme Edizioni Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Bruno Munari, Un Fiore con amore, 1973
Buch, Emme Edizioni
Ausstellungsansicht, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht des 01.06.2017, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht des 01.06.2017, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht des 01.06.2017, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht des 01.06.2017, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht des 01.06.2017, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht des 01.06.2017, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht des 01.06.2017, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst

Ausstellungsansicht des 01.06.2017, Foto Guadagnini e Sorvillo ©argekunst


ARRANGEMENT II
Eröffnung: 22. Juni 2017, 19 Uhr

Mit: Milena Bonilla und Luisa Ungar ; Martina della Valle in Zusammenarbeit mit Rie Ono;
(Natalie Czech; Kapwani Kiwanga)
Episode mit: Haris Epaminonda, Oliver Laric, Paul Thuile, (Bruno Munari, Ettore Sottsass Jr).


Ausstellungsdesign in Zusammenarbeit mit Matthias Pötz und Ada Keller


Kuratiert von Emanuele Guidi


Flowers are Documents – Arrangement I and II erfasst und stellt die Positionen verschiedener Künstler und Künstlerinnen gegenüber, deren anhaltendes Interesse für Blumengestecke sich Untersuchungen diverser paralleler Bereiche öffnet.

Ausgehend von diesem traditionellen Thema in der Malerei und in Dialog tretend mit der Südtiroler Landschaft mit ihrer tief verwurzelten und florierenden Blumenzucht-Industrie, zeigt die Ausstellung Praktiken, die sich auf die Begriffe Dekoration und Ornament konzentrieren, im vergänglichen sowie im marginalen Sinne und diese problematisieren.

Bouquets und Ikebana werden zu Hilfsmitteln, die es ermöglichen, uns am Rande historischer Geschehnisse und „extremer Gegenwart“ zu bewegen und damit Themen wie Dekolonisierung, Gesetzmäßigkeit, kulturelle Identität und placemaking anzusprechen. Gleichzeitig hinterfragen sie, was ein Dokument eigentlich ist, indem sie indirekte Wege des Verständnisses anbieten und zwar zweierlei betreffend: den Charakter des Exponats, des Beweises und den Vorgang des „Ausstellens“ an sich.

Wie aufeinanderfolgende Jahreszeiten entwickeln sich die zwei Kapitel Arrangements I und Arrangement II um die, von vier Künstlerinnen geschaffenen Blumengestecke. Die vier neuen Auftragsarbeiten, welche sich im Raum ansammeln, werden von „Episoden“ begleitet und unterstützt, die von anderen Künstlern, Designern und Schriftstellern verfasst wurden: Vasen, Bücher, Videos und Ausstellungsprojekte. Indem die Zusammenstellung der Arbeiten verändert wird, verflechten die zwei Arrangements das „Event“ der Blüte mit dem des Vergehens. Hiermit wird das zeitbegrenzte Wesen der ausgestellten „Materie“ unterstrichen und den Besuchern eine Anzahl von Werken dargeboten, die täglich ihr Dasein verändern.


VERANSTALTUNGSKALENDER WÄHREND DER AUSSTELLUNG

26. Mai um 19 Uhr: Vernissage Flowers are Documents – Arrangement I

13. Juni: Lancierung des Projektes von David Horvitz mit Newsletter: I may not hurry it with a thousand poems my darling but nobody will stop it With all the Policemen in The World.zip* (2012-?)

17. Juni um 11 Uhr: Führung mit dem Künstler und Kurator Paul Thuile durch die Ausstellung Glashaus III – Serra III in der Gärtnerei Schullian, Meraner Straße 75 A, Bozen

19. und 20. Juni 2017, Workshop mit Martina della Valle und Rie Ono (für 12 Personen): An die Umgebung angewandtes Ikebana.

22. Juni um 19 Uhr: Vernissage Flowers are Documents – Arrangement II


Ein besonderer Dank an:
Gärtnerei Schullian, Bozen
Herr Enzo Parduzzi, Bozen
Archivio Ettore Sottsass, Milano
Corraini Edizioni, Milano
Galerie Jérôme Poggi, Parigi
Galerie Tanja Wagner, Berlino
Libreria delle Donne di Milano
Spazio A, Pistoia
ChertLüdde, Berlin
Rodeo Gallery, London
Capitain Petzel, Berlin
Tanya Leighton Gallery, Berlin

Mit der freundlichen Unterstützung
Gärtnerei Schullian, Bozen
Autonome Provinz Südtirol, Abteilung Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse, Bozen
Gemeinde Bozen, Abteilung Kultur

CLOSE
Archiv
Alex Martinis Roe, A story from Circolo della rosa, film still (detail) of an image courtesy of the Milan Women's Bookstore, 2014. Alex Martinis Roe, A story from Circolo della rosa, film still (detail) of an image courtesy of the Milan Women's Bookstore, 2014.

To Become Two
Alex Martinis Roe
25.02. – 06.05.2017

Ausstellungseröffnung: 24.02.2017, 19 Uhr

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

 

“To Become Two” ist eine Erzählung, die sich aus sechs verschiedenen, jedoch miteinander verknüpften Geschichten zusammensetzt; Geschichten einiger feministischer Gruppen, die ab den siebziger Jahren in Europa und Australien angefangen haben, Gemeinschaften um eine „Beziehungs-Praxis“ aufzubauen und bis heute weiterhin daran arbeiten.

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017

Alex Martinis Roe, To Become Two, installation of the exhibition at ar/ge kunst, ©ar/ge kunst, Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2017


Die genossenschaftlich geführte Libreria delle Donne in Mailand; die Bewegung der Psychanalyse et Politique in Paris; der Fachbereich in Women´s Studies an der Universität von Utrecht; ein Netzwerk in Sydney, das die Sydney Filmmakers Co-operative, Feminist Film Workers und den Studiengang der Allgemeinen Philosophie der Universität von Sydney miteinbezieht; Duoda – Centro de investigación de Mujeres und Ca La Dona in Barcelona: all dies sind die Kollektive und Orte, mit denen und in denen Alex Martinis Roe ihre Forschungen der letzten vier Jahre durchgeführt hat.

To Become Two ist eine Erzählung, die die Künstlerin in Dialoge mit den Hauptpersonen dieser Geschichten eingeflochten hat. Während sie ihre Treffen besuchte, hat sie sich auf deren mündliche Aussagen verlassen und mit der Zeit eine relevante Beziehung zu ihnen aufgebaut um diese Geschichte dann, in fünf von den sechs ausgestellten Filmen, umzusetzen.

“How can one learn from the story of the practice of another?“ (Wie kann man aus der Erfahrungsgeschichte einer anderen lernen?) ist eine der zentralen Fragen, um die es in der Ausstellung geht. Wie kann man diese erlebten Geschichten in Vorschläge und Vorhaben umsetzen, mit der Absicht, an der Bildung neuer politischer Praktiken mitzuwirken?

Die Erfahrungen und Anekdoten der, im Laufe der Zeit, erfolgten Treffen, die sorgfältige Auswahl der Orte, an denen diese Treffen stattgefunden haben, die Gemeinsamkeit der Theorien und Methoden, die Empathie, die gegenseitigen Beeinflussungen und Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen, all dies macht die Erzählung der Filme aus und schildert genau wie “it was an unusual way of doing politics,… there were friendship, loves, gossip, tears, flowers…” (es eine ungewöhnliche Art war, Politik zu machen, … es gab Freundschaften, Lieben, Tratsch, Tränen, Blumen…“), wie so schön in einem der Titel bestätigt.

Informationen, die Alex Martinis Roe mit neuen Gesprächspartnerinnen, Mitstreiterinnen und Institutionen geteilt hat und diese als Ausgangspunkt einer Recherche und Aufgabe eines Gemeinschaftsprojekts gesetzt hat, das noch heute andauert und das die Thematik des sechsten, in der Ausstellung gezeigten Films, darstellt (Our Future Network).

To Become Two ist also der Versuch, eine Verwandtschaft dieses feministisch, „neu-materialistischen“ Gedankenguts und des „geschlechtlichen Unterschieds“ aufzustellen, die mehrere Generationen durchläuft und sie dabei miteinander verbindet; mit der Absicht, sich eine Zukunft dieses erdachten Stammbaums auszumalen.


Das Ausstellungsdesign ist eine Zusammenarbeit mit Fotini Lazaridou-Hatzigoga. Die Plakatserie eine Zusammenarbeit mit Chiara Figone.
To Become Two wurde mit der Unterstützung der Kuratorin Susan Gibb produziert.

Die Veröffentlichung des Buches von To Become Two, herausgegeben von Archive Books (Berlin), wird Ende April im Public Program präsentiert.

To Become Two ist ein Auftragswerk von ar/ge kunst, Bozen, Casco – Office for Art, Design and Theory, Utrecht, If I Can’t Dance, I Don’t Want To Be Part Of Your Revolution, Amsterdam und The Showroom, London.

Das Public Program ist ein Gemeinschaftsauftrag mit Unterstützung von The Keir Foundation.


Mit freundlichen Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Abteilung Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse
Stadtgemeinde Bozen, Abteilung Deutsche Kultur
The Keir Foundation, Australien

CLOSE
Archiv
Riccardo Giacconi
El diablo en el pozo (dettaglio)
in collaborazione con Herlyng Ferla
2016 Riccardo Giacconi El diablo en el pozo (dettaglio) in collaborazione con Herlyng Ferla 2016

The Variational Status
Riccardo Giacconi
07.12.2016 –11.02.2017

Kuratiert von Emanuele Guidi und Antoine Marchand

 

Eröffnung 07.12.2016, 19 Uhr

 

Die Ausstellung “The Variational Status” (Das Variationsstatut) in der ar/ge kunst ist die erste öffentliche Präsentation eines Forschungsprojekts des Künstlers Riccardo Giacconi, das 2017 mit einer Performance in der Centrale Fies (Juli 2017), einem zweiten Ausstellungsvorhaben im FRAC Champagne-Ardenne in Reims (Oktober 2017) und einem bei Humboldt Books verlegten Künstlerbuch (Februar 2017) fortgeführt wird.

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

©ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2016

©ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, Foto Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Riccardo Giacconi, Installation View 
©ar/ge kunst, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016


Das Projekt spürt der Beziehung zwischen spezifischen Erzählformen – Figurentheater, cantastorie (Bänkellieder), Flugblätter sowie Pamphlete – und mehreren in Italien und Südamerika begangenen vorpolitischen Akten der Rebellion nach. Ausgehend vom Interesse Riccardo Giacconis am traditionellen Brauchtum als einem „Akt der Übermittlung“, evoziert The Variational Status (Das Variationsstatut) eine im Spannungsfeld zwischen Animation, Suggestion, Auflehnung und Oralkultur angesiedelte narrative Konstellation.

Die Ausstellung kreist rund um den espiritado, eine kolumbianische Puppenspielfigur, die vermutlich von einem bei einem Dorffest ermordeten Polizisten angeregt ist. Untersucht wird die Maske des espiritado unter Bezugnahme auf einen Vorfall von 1911 in Bologna, bei dem der Soldat Augusto Masetti in einem Akt der Insubordination gegen den in Libyen geführten italienischen Kolonialkrieg auf seinen Kommandanten schoss. In beiden Fällen ist den handelnden Personen eine totale Amnesie für ihre im Zustand der Trance oder des Schlafwandelns begangene Geste des Aufbegehrens gemeinsam. Während im Fall von Masetti dieser Umstand ihn zu einer Symbolfigur für die anarchistische Bewegung erhob, die sich weltweit zu seiner Verteidigung mobilisierte, geriet der espiritado hingegen zu einer komisch besetzten Marionettenfigur.

Die als Dekonstruktion eines Marionettentheaterstücks konzipierte Installation The Variational Status (Das Variationsstatut) besteht aus einer automatischen Marionette (angefertigt im Dialog mit der historischen Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli), aus einem Bühnenhintergrund in Form eines Vorhangs, der als Szenenbuch fungiert, und aus einer im Mobil-Letterndruck auf einer Druckerpresse des 19. Jahrhunderts in der kolumbianischen Stadt Cali gedruckten Serie von Plakaten zu dem espiritado-Stück „El Diablo en el pozo“ (Der Teufel im Brunnen).
Im Rückgriff auf Archivunterlagen, mündliche Zeugnisse und Theaterrollenbücher verknüpft Riccardo Giacconi die realen und fiktiven Ereignisse beider Personen, um so die Frage nach dem Status von Dokumenten aufzuwerfen, die nicht auf einem dauerhaft vorliegenden und zertifizierten Träger basieren, sondern in reiner Form der Variation bestehen können.

The Variational Status (Das Variationsstatut) entstand im Auftrag der ar/ge kunst (Bozen), der Centrale Fies (Dro, Trient) und des FRAC Champagne-Ardenne (Reims) und wurde in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Franco Citterio und der Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli (Mailand), den Carteles La Linterna Edigraphos (Cali), Herlyng Ferla, Carolina Valencia und Paola Villani realisiert.


Riccardo Giacconi studierte bildende Kunst an der Università IUAV di Venezia, der UWE Bristol und der New York University. Seine Werke wurden in verschiedenen Ausstellungen, u. a. in der WUK Kunsthalle Exnergasse (Wien), dem FRAC Champagne-Ardenne (Reims), tranzitdisplay (Prag), Peep-Hole (Mailand), der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo (Turin) und in der Sektion „Résonance“ der Biennale de Lyon, gezeigt. Er war Artist-in-Residence im Centre international dʼart et du paysage (Vassivière, Frankreich), Lugar a Dudas (Cali, Kolumbien), La Box (Bourges, Frankreich), MACRO – Museo d’arte contemporanea di Roma u.a. Seine Filme wurden auf verschiedenen Filmfestivals vorgeführt, etwa dem New York Film Festival, International Film Festival Rotterdam, Festival internazionale del film di Roma, Torino Film Festival, FID Festival international de cinéma Marseille, wo er 2015 den Grand prix de la compétition internationale gewann, und dem Filmmaker Festival di Milano (Primo premio „Prospettive“ 2015). Darüber hinaus wurde er mit dem von Careof und Sky Arte vergebenen Preis ArteVisione 2016 ausgezeichnet. 2007 war er Mitbegründer des Kollektivs Blauer Hase und betreut dort die periodisch erscheinende Publikation Paesaggio sowie das Festival Helicotrema.


Ein besonderer Dank geht an:
Stadtmuseum Bozen

Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Südtirol, Abteilung Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse, Bozen
Stadt Bozen, Abteilung Kultur

CLOSE
Archiv
Italo Zuffi Italo Zuffi

postura, posa, differita
Italo Zuffi
24.09 – 26.11.2016

Ausstellungseröffnung: 23. September um 19 Uhr

 

Performance  19 – 21 Uhr

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by aners (exhibition view)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by Tiberio Servillo (Performance)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by Tiberio Servillo (Performance)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by Tiberio Servillo (Performance)

@ar/ge kunst, Bozen/Bolzano, 2016, photo by Tiberio Servillo (Performance)


Die Ausstellung postura, posa, differita (Haltung, Pose, Zeitversetzt) von Italo Zuffi in der ar/ge kunst in Bozen ist das Schlussspiel eines dem Künstler gewidmeten Zyklus, der 2015 in der Nomas Foundation in Rom begonnen und im MAN in Nuoro fortgesetzt wurde. Eine Zusammenarbeit der Institutionen, die es sich als Ziel gesetzt haben, ein Fortbestehen der Recherchearbeit des Künstlers zu ermöglichen: Mit drei sich ergänzenden und doch unabhängigen Ausstellungsprojekten, die es erlauben, Werke und bedeutungsvolle Momente seiner Schaffensphase zu ergründen.

postura, posa, differita entwickelt sich um ein Herzstück von Werken, die die Komplexität der Recherche Italo Zuffis im Bereich der Performance zeigen. Diesen Zweig verfolgt der Künstler seit Anfang seiner Karriere und die Ausstellung hat dabei ein besonderes Augenmerk auf seine Beziehung zur Bildhauerei. Auch wenn die ausgestellten Werke nicht live aufgeführt werden, so behauptet sich die Anwesenheit des Körpers durch Erinnerung, Stärke und Archiv.

La ragazza caduta nel vuoto sta meglio (Dem ins Leere gefallene Mädchen geht es besser) (2001 – 2016) besteht aus einer Serie von Blechen, auf die der Titel der Arbeit, den der Künstler vor Jahren in der Zeitung gefunden hat, eingraviert ist. Alle Bleche werden von Zeitungsausschnitten begleitet, von denen jeder ein ähnliches Ereignis aus den Nachrichten erzählt: ein zuvor gestürzter Frauenkörper befindet sich auf dem Weg der Besserung.
Ähnlich geht Italo Zuffi von einer wahren Begebenheit in I Rigidi (die Steifen) (2006 – 2016) aus. Dieses Mal ist es eine seiner Performances (The reminder, 1997), die einen Sammlungsprozess ins Laufen bringt, indem er Archivbilder zusammenstellt, die Körper in steifen Positionen darstellen. Es handelt sich hier um eine Auswahl von Performances anderer Künstler und „alltäglichen“ Szenen aus Zeitschriften und Zeitungen, die ausgewählt wurden aufgrund ihres gegenständlichen und statutarischen Wesens des abgebildeten Körpers. Eine neue Gruppe von Keramiken (2006 – 2016) geht dagegen von einer Serie öffentlicher Umfragen aus – auch diese in Zeitungen und Zeitschriften erschienen – die Themen wie Immigration, Euthanasie, Braindrain, Europa und Wirtschaft behandeln. Er konfrontiert sich hier mit den Versuchen einer Kollektivdarstellung, in diesem Fall die der italienischen Bürger. Die Keramiken sparen jedoch die einzelnen prozentuellen Angaben der Umfragen aus und nehmen ausschließlich die statistische Sichtweise in ihrer ganzen Vielschichtigkeit in Augenschein. Das, was als eine Form von „öffentlicher Meinung“ anerkannt sein möchte, wird hierdurch nur noch mehr abstrahiert.

Die neuen ausgestellten Arbeiten sind demnach vereinigt durch eine erweiterte Zeitlichkeit als Arbeitsinstrument sowie durch die Methode der Quellensammlung, auf die sich die konzeptuellen Arbeiten stützten. Die Werke sind tatsächlich das Ergebnis eines Reifungsprozesses, der manchmal sogar Jahre gedauert hat, beginnend im entscheidenden Moment, in dem diese Arbeiten wahrhaftig erdacht oder anfänglich in Form von Prototypen gefertigt wurden. Die Wahl, diesen vollstreckenden Moment zu verzögern, hat das Anhäufen des Recherche- und Pressematerials zugelassen, das eine vielseitigere und bewusstere Anschauung des Originalprojektes zulässt.

Die ausgestellten Arbeiten erzählen demnach eine ganz persönliche Deutung des kontinuierlichen Stroms der Nachrichten und Informationen, die durch Identifikation und Empathie geprägt ist. Es sind Arbeiten, die sich mit der Zeit befassen und mit dem Bedürfnis, sich Zeit zu nehmen um eine persönliche und autobiografische Schaffensweise zu finden.

Am Eröffnungsabend präsentiert der Künstler zwischen 19 und 21 Uhr eine neue Performance.


Italo Zuffi (Imola, 1969, lebt in Mailand) benutzt in seinen Werken die Bildhauerei, Performance und Schrift um „keine Gesamtzeichnung, sondern eine undefinierte Serie von Zimmern“ (Pier Luigi Tazzi, 2003) zu erschaffen. Studium an der Kunstakademie von Bologna und am Central Saint Martins College of Art & Design in London. 2001 wird ihm der ‘Wheatley Bequest Fellowship in Fine Art’ vom Institute of Art & Design in Birmingham (UK) verliehen. Jüngste Einzelausstellungen: Potersi dire, MAN, Nuoro (2015); Quello che eri, e quello che sei, Nomas Foundation, Rom (2015); Gli ignari, appartamento privato, Mailand (2013); La penultima assenza del corpo, Fondation Pietro Rossini, Briosco (2012); Zuffi, Italo, Pinksummer, Genua (2010). Jüngste Gruppenausstellungen: Fuori Uso, Ex Tribunale, Pescara (2016); Riviera, Schweizer Institut Mailand (2016); ALT, Caserma De Sonnaz, Turin (2015); Esercizi di Rivoluzione, MAXXI, Rom (2014); Le leggi dell’ospitalità, Galleria P420, Bologna (2014); Per4m, Artissima, Turin (2014); I baffi del bambino, Lucie Fontaine, Mailand (2014); To continue. Notes towards a Sculpture Cycle | Scala, Nomas Foundation, Rom (2014); La Pelle – Symphony of Destruction, MAXXX Project Space, Sierre (2014); Le statue calde, Museo Marino Marini, Florenz (2014).


Ein besonderer Dank geht an
THUN und THUN Ceramic Residency

Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Südtirol, Abteilung Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse, Bozen
Stadt Bozen, Abteilung Kultur

CLOSE
Archiv
credits ivo corrà credits ivo corrà

VFI – Virgolo Future Institute
(Such Claims on Territory Transform Spatial Imagination Into Obscure Anticipations of Repartition)

CAN ALTAY
14. Mai – 30. Juli 2016

Eröffnung 13. Mai 2016, 19 Uhr

 

Eine Kooperation von ar/ge kunst und Lungomare

 

VFI – Virgolo Future Institute (Such Territorial Claims Transform Spatial Imagination Into Obscure Anticipations of Repartition) ist der aktuelle und letzte Teil von Can Altays anderthalbjähriger Residency in Bozen, ein Projekt von ar/ge kunst und Lungomare (Oktober 2014 – Juli 2016).

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo aneres, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016

Can Altay, VFI, Virgolo Future Institute, Installation View 
©ar/ge kunst_Lungomare, Bozen. Photo Tiberio Sorvillo, 2016


Für die Dauer des Projekts führte Altay eine Untersuchung der komplexen Beziehung der Stadt Bozen mit ihrem Hausberg Virgl durch, der über der Stadt thront und heute Gegenstand lebhafter Debatten hinsichtlich seiner zukünftigen Verwendung und Erschließung ist.


Altay bespielt die Räumlichkeiten von ar/ge kunst mit einer dreimonatige Ausstellung, als Weiterführung seiner Recherche, die sich in einer Serie unterschiedlich langer öffentlicher Interventionen artikuliert hat. Die bisherigen Beiträge haben die gegenwärtige Debatte beobachtet und sich daran beteiligt: eine zweiwöchige Ausstellung und eine öffentliche Diskussion bei Lungomare (Such Territorial Claims), eine vierwöchige Plakatkampagne im öffentlichen Raum der Stadt (Transform Spatial Imagination into), eine zweistündige performative Zusammenkunft auf dem Virgl, sowie eine wandernde Intervention zwischen Dezember 2015 und Mai 2016 in öffentlichen und privaten Räumen (Obscure). Diese öffentlichen Momente haben eine Reihe von Fragen zu Gebietsansprüchen (territorial claims), der Idee urbaner Imagination und der Erfahrung von Grenzen aufgeworfen – Begriffe, die in Bozen aber auch in vielen anderen Städten heute wieder sehr aktuell sind.


Für die Ausstellung hat Altay nun ein Setting in zwei Hauptmomenten entwickelt, die gleichzeitig als Display, Skulptur und redaktionelles Instrument agieren. Das erste ähnelt in der Form einem Tunnel und einem Dach und bildet den Zentralkörper von VFI. Mit deutlichem Hinweis auf jene kaum bekannte Anekdote, der zufolge Anwohner den unfertigen Virgltunnel während und nach dem zweiten Weltkriegs bewohnten, ordnet die Installation diverse Arten von ‚Fragmenten’ an, die Altay während der Residency gesammelt hat. Sie orientiert dabei ihre Hauptfragestellung an das ‚Bewohnen von Infrastrukturen’ (‚inhabiting infrastructures’) als der zentralen Narrative, von der verschiedene andere Forschungslinien ihren Ausgang nehmen (‚wer darf den öffentlichen Raum beanspruchen, wer muss die Räume der Infrastruktur bewohnen?’, heißt es auf einem der Poster der Kampagne).
Das zweite Moment dreht sich um Ahali: a journal for setting a setting, einer Zeitschrift, die Altay seit 2007 herausgibt. Diese besteht aus einer wachsenden Sammlung von Arbeiten, Stellungnahmen (‚statements’) und Stimmen aus künstlerischen und raumbezogenen Praxen. Im Kontext der Ausstellung wird Ahali als ein Instrument genutzt, um die verschiedenen, sich am Virgl entzündenden Thematiken zu erweitern und sie in einem erweiterten Rahmen von kulturellen Referenzen und internationalen Vergleichsfällen zu verorten. Themen wie ‚Bewohnen von Infrastrukturen’, ‚Landschaften des Begehrens’, ‚Allianz des radikal Anderen’, ‚Erschütterungen von hier und anderswo’ sowie ‚Errichten Unsicherer Öffentlichkeiten‘ werden über Ahali im Laufe des Ausstellungsprojektes eingeführt, um eine Brücke zwischen dem lokalen Bezug des Projektes und dem weiten Horizont der Publikation zu schlagen.


Can Altays Ausstellung verfährt sowohl als Werkzeug, wie auch als Fiktion: Indem der Künstler ein fiktives Institut (VFI) auf Basis inoffizieller, versteckter und ungeplanter Gebrauchsweisen gründet, entwirft er eine Archäologie des Begehrens, als Anregung unterschiedlicher Betrachtungsweisen und Gestaltungsmöglichkeiten des Virgl-Hügels und –im weiteren Sinne -auch der Stadt. Diese dienen als Beispiele für die vielfältigen Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit der –wie es Altay selbst formuliert– ‚neoliberalen Politik und ihren Gegen-Hegemonien‘.

CLOSE
Archiv
Occupy, Resist, Produce, video stills, Oliver Ressler and Dario Azzelini, 2014-2015 Occupy, Resist, Produce, video stills, Oliver Ressler and Dario Azzelini, 2014-2015

Everything Under Control
Oliver Ressler
26.02.2016 – 30.04.2016

Eröffnung und Künstlergespräch
25.02.2016, 19 Uhr
Oliver Ressler mit Marco Scotini (Kurator und Direktor der NABA – Nuova Accademia delle Belle Arti di Milano)
Hier klicken für das Video

 

Ausstellungsdisplay in Zusammenarbeit mit Akrat – Sozialgenossenschaft, Bozen

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016

Oliver Ressler, Everything Under Control, Installation view, photo by aneres, 2016


ar/ge kunst freut sich, mit Everything Under Control die erste Einzelausstellung des österreichischen Künstlers Oliver Ressler in einer italienischen Institution präsentieren zu können.


Die Ausstellung, die sich überwiegend auf Resslers Praxis als Filmemacher konzentriert, führt neue und neuere Arbeiten aus den verschiedenen Forschungslinien zusammen, die Ressler im Laufe seiner Karriere verfolgt hat; zugleich unterstreicht die als spezifischer Weg durch die Ausstellungsräume angelegte Präsentation, wie sehr die Stränge miteinander verflochten und Teil der kontinuierlichen Beschäftigung des Künstlers mit einer erweiterten Idee sozialer Gerechtigkeit sind.


Zentral für die Ausstellung ist die Opazität der Sprache des Kapitalismus, mit der dieser operiert und kommuniziert – und dabei tendenziell verdeckt, dass und in welcher Weise die ökonomischen, ökologischen und humanitären Krisen im globalen Süden genau die Rückseite der Narration sind, die den Reichtum des globalen Nordens so zeichnet, als sei er nachhaltig und produziere keine Opfer.
Das großformatige fotobasierte Bild des Meeres, auf dem sinkende Frachter und Containerschiffe zu sehen sind, bedeckt das Schaufenster von ar/ge kunst vollständig, um sowohl die Einkaufsstraße direkt vor dem Ausstellungsort anzusprechen als auch eine breitere Diskussion ökonomischer Fragen zu eröffnen, die in der Ausstellung selbst stattfindet.


Setzt man den Ausstellungstitel Everything Under Control mit diesem Bild in Beziehung, könnte dies zu der Auffassung führen, der Titel sei zynisch gemeint, da ja dieses Wirtschaftssystem, das auf dem globalen Handel basiert und täglich ökologische und soziale Katastrophen produziert, doch viel eher als „außer Kontrolle geraten“ zu charakterisieren wäre. Im Zusammenhang der zentralen Arbeit der Ausstellung, der dreiteiligen Videoinstallation Occupy, Resist, Produce (2014-2015), bezieht sich „Kontrolle“ allerdings vor allem auf jene Kontrolle, die von ArbeiterInnen in besetzten Fabriken ausgeübt wird. Diese neueste und noch laufende Produktion des Künstlers in Kollaboration mit Dario Azzellini dokumentiert Fabriken in Mailand, Rom und Thessaloniki, die zwischen 2011 und 2013 von den ArbeiterInnen besetzt wurden, nachdem sie von ihren rechtmäßigen EigentümerInnen stillgelegt worden waren. Jeder der Filme enthält eine Diskussion mit den ArbeiterInnen und zeichnet ihre Versammlungen auf. Durch die Stimmen der ProtagonistInnen selbst also werden die komplexen Entscheidungsfindungen und kollektiven Prozesse öffentlich gemacht und dokumentiert, die den Weg der Umwandlung dieser Fabriken von Orten der Güterproduktion in Orte der „Produktion“ neuer sozialer und wirtschaftlicher Modelle markieren; ein Vorgang, der die Suche nach einer gemeinsamen Sprache mit lokalen Gruppen und MigrantInnen-Communities einschließt, die in parallele Kämpfe verwickelt sind.


Die Filme The Visible and The Invisible (2014) und The Right of the Passage (mit Zanny Begg, 2013) beschäftigen sich mit Konzepten der grenzüberschreitenden Bewegung, des (verweigerten) Zugangs und der Plünderung, wenn auch mit je unterschiedlichem Ansatz. Der erste berichtet von der Rolle der Schweiz als dem wichtigsten globalen Sitz kaum sichtbarer, transnational agierender Konzerne, die mit Rohstoffen handeln, welche meist im globalen Süden abgebaut werden. The Right of Passage fokussiert auf Kämpfe um Erhalt der StaatsbürgerInnenschaft, während er zugleich die implizit ausschließende Natur der Institution StaatsbürgerInnenschaft in Frage stellt. Interviews mit Sandro Mezzadra, Antonio Negri und Ariella Azoulay bilden den Ausgangspunkt für die Diskussion mit einer Gruppe von Menschen, die „ohne Papiere“ in Barcelona leben.


Das Ausstellungsdisplay wurde von der Sozialgenossenschaft Akrat, im Dialog mit dem Künstler und ar/ge kunst realisiert.


Everything Under Control ist Teil eines Zyklus’ von Einzelausstellungen von Oliver Ressler in vier europäischen Institutionen – Lentos Kunstmuseum (Linz), n.b.k. – Neuer Berliner Kunstverein (Berlin), CAAC – Centro Andaluz de Arte Contemporáneo (Sevilla) und ar/ge kunst (Bozen), die jeweils verschiedene Aspekte des Werks des Künstlers präsentieren. Das Buch Cartographies of Protest wurde als Gemeinschaftsproduktion der vier Institutionen publiziert.


Buch:
Oliver Ressler: Cartographies of Protest, Verlag für Moderne Kunst, 2014.
Mit Essays von TJ Demos, Katarzyna Kosmala, Suzana Milevska und Marco Scotini. Herausgegeben von Juan Antonio Álvarez Reyes, Marius Babias, Emanuele Guidi und Stella Rollig. Deutsch und englisch, 160 S.


Mit freundlicher Unterstützung:
Autonome Provinz Bozen, Abteilung Kultur
Österreichisches Kulturforum in Mailand
Gemeinde Bozen, Abteilung Kultur
Sägewerk Tatz Luis, Eppan


In Zusammenarbeit mit:
AKRAT, Sozailgenossenschaft, Bozen
Bolzano Film Festival Bozen

CLOSE
Archiv
Sylvia Pankhurst Protesting

Many Maids Make Much Noise
Olivia Plender
5. Dezember 2015 – 13. Februar 2016

Vernissage
Mit Philipp Achammer (Landesrat)
4. Dezember, 19 Uhr

 

Many men make money
Merry maidens dance in May
Mining means moving mounds
Militant miners means more money
Many maids make much noise

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015

Olivia Plender, Many Maids Make Much Noise, Exhibition view at ar/ge kunst Bolzano, Foto aneres,2015


Mit der ersten italienischen Einzelausstellung der britischen Künstlerin Olivia Plender (1977) komplettiert ar/ge kunst sein Programm 2015, das der Reflexion seiner dreißigjährigen Aktivität als Kunstverein von Bolzano/Bozen sowie der Bedeutung des eigenen Namens (ar/ge als Arbeitsgemeinschaft) gewidmet ist.


Olivia Plender interessiert sich in ihrer Praxis für die Stimme als Material und Analysewerkzeug der Weisen, in denen Autorität und Machtbeziehungen entstehen und sich verfestigen können. Sie fragt vor allem nach der Bedeutung des Akts der öffentlichen Rede selbst, – wer genau sich legitimiert sieht, sie zu ergreifen und wer nicht, und wie sich diese Frage auf die Konstruktion und Narration von Geschichte auswirkt.


In Many Maids Make Much Noise setzt Plender ihre jüngeren Untersuchungen zur Geschichte der „Women’s Social and Political Union“ (WSPU), dem militanten Flügel der britischen Sufragettenbewegung fort, der im frühen 20. Jahrhundert für das Frauenwahlrecht kämpfte, – wobei sie Aspekte hervortreten lässt, die in der offiziellen Geschichtsschreibung als nebensächlich betrachtet werden, für die Genealogie des Kampfs für Bürgerrechte aber von zentraler Bedeutung sind.


Genauer, die Ausstellung bei ar/ge kunst kreist thematisch um Urania, einem 1915 von Sufragetten gegründeten Magazin, das bis 1940 fortbestehen sollte. Es war die erste britische Publikation mit einem kulturellen und politischen Diskurs zu Geschlechterfragen und den Forderungen von lesbischen und Schwulen Individuen und Gruppen. Die Namensgebung Urania bezieht sich auf eine bestimmte Idee von Utopia als dem Ort, wo Kategorien des ‘Männlichen’ und ‘Weiblichen’ nicht mehr existieren. Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichneten sich Personen, die sozialen und sexuellen Normen nicht genau entsprachen, insofern sie auf Vorstellungen von ‘männlichem’ und ‘weiblichem’ Verhalten beruhten, häufig als Uranier/Urninge. Entsprechend war Urania eine Art Katalog von ‘gender troubles’ und feministischen Kämpfen; eine Sammlung von Artikeln, ausgeschnitten aus Zeitungen aus aller Welt und mit minimalem editorischen und analytischen Kommentar wiederveröffentlicht, die privat in einem weiten Netzwerk von Freunden und Unterstützer_innen verteilt wurden. Die Kommentare waren häufig unsigniert oder wurden unter einem kollektiv von mehreren Autor_innen zugleich genutzten Pseudonym veröffentlicht, was die Urania zu einer ‘Institution’ machte, die sich vermittels der Stimme einer genuin kollektiven Subjektivität konstituierte.


In einer Reihe von Postern, Spruchbändern sowie einer Soundarbeit, in der ihre eigene Stimme zum Einsatz kommt, re-editiert Olivia Plender Fragmente, Artikel, Statements und den Index von Urania (Star Dust Index), um einen textuellen Raum zu schaffen, der das Publikum zu einer ‘öffentlichen’ Lesung einlädt. Der Titel der Ausstellung entstammt einer Reihe von Stimmübungen, die die Künstlerin zur Wiederherstellung ihrer Stimme eingeübt hat und die in der Soundarbeit, in der sie diese mit einem Stimmtrainer probt, einmal mehr auftauchen. Plender war ursprünglich auf die Übungen gestoßen, als sie ihre Sprachfähigkeit nach einer Krankheit im Jahr 2013 verloren hatte, und wiederholte sie täglich im Laufe ihrer einjährigen Rehabilitation. In dieser Zeit begann sie über den anonymen Autor der Wörter und Phrasen zu spekulieren: ein Pflegemitarbeiter des behandelnden Krankenhauses, dessen Botschaften heimlich durch die Körper derjenigen verbreitet wurden, die da eine Stimme wiederzufinden versuchten. Verborgen zwischen den absurdesten ‘Nonsens’-Klängen gibt es Übungen, die sich auf jüngste Geschichte zu beziehen scheinen, wie etwa den Streik britischer Bergarbeiter in den 1980er Jahren, und Militanz ebenso wie den Akt des Sprechens selbst thematisieren – was es bedeutet, kollektiv ‘Krach zu machen’, um in der Öffentlichkeit Gehör zu finden.


In der Ausstellung durchdenkt Plender die Beziehung zwischen Ideologie und Institutionen ebenso wie die Weisen, in denen diese den Körper beeinflussen als dem Ort, wo Persönliches und Politisches koexistieren. In dieser polyphonen Ausstellungen, in der viele Stimmen hörbar werden, bleibt Olivia Plender der edukativen, formativen und emanzipativen Dimension der Handlungen jener ‘vielen Jungfrauen’ verpflichtet, die zusammenfanden, um ‘viel Lärm’ zu machen.

CLOSE
Archiv
grillentöter cicrcle grillentöter cicrcle

You play this game, which is said to hail from China.
And I tell you that what Paris needs right now is to welcome that which comes from far away.
(Der Grillentöter / L’Ammazzagrilli)
11. September – 21. November 2015

INGRID HORA

 

Choreografiert von Claudia Tomasi

 

ERÖFFNUNG
11. September, 19 Uhr

 

Die Performance beginnt um Punkt 19 Uhr.

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

Ingrid Hora, Der Grillentöter, exhibition view, 2015, photo by aneres

Ingrid Hora, Der Grillentöter, exhibition view, 2015, photo by aneres

Ingrid Hora, Der Grillentöter, exhibition view, 2015, photo by aneres

Ingrid Hora, Der Grillentöter, exhibition view, 2015, photo by aneres

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo - visualite

Ingrid Hora, Der Grillentöter, documentation of the performance, 2015, photo by Tiberio Sorvillo – visualite


Mit dem Ausstellungsprojekt der Künstlerin Ingrid Hora setzt ar/ge kunst die Reflexion über seine dreißigjährige Tätigkeit als Kunstverein in Bolzano / Bozen und die Bedeutungen seines Namens (ar/ge kunst als Arbeits-Gemeinschaft) fort.
You play this game, which is said to hail from China. And I tell you that what Paris needs right now is to welcome that which comes from far away. (Der Grillentöter / L’Ammazzagrilli) ist die erste Phase von Recherchen, die Hora unter dem Stichwort der freizeyt unternimmt und die sich auf „Freizeit“ als einen Schlüsselbegriff richten, mittels dessen sich in der Gesellschaft operative, sie regulierende Formen von Kollaboration und Organisation beobachten und erkunden lassen.

Vor dem Hintergrund des fortschreitenden Verschwindens der Unterscheidung von Arbeitszeit und Freizeit im Semio-Kapitalismus folgt Ingrid Hora einer Reihe von historischen Referenzen, an denen kenntlich wird, wie das Management von Freizeit unter dem Gesichtspunkt ihrer „Produktivität“ in der Moderne entsteht. Hora untersucht jene Institutionen und Assoziationsformen, die sich im frühen 19. Jahrhundert in Europa (überwiegend Mitteleuropa) auszubreiten beginnen und die von den modernen Staaten gefördert werden, auf dass Menschen sich auch außerhalb ihrer Arbeitszeiten begegnen mögen. Verein (und daher: Kunstverein), Schrebergarten und Turnplatz [1] rücken in den Fokus der Künstlerin aufgrund der von ihnen je eröffneten Möglichkeiten, den kulturellen und Erholungsaspekt mit bürgerlichen, politischen und Bildungsaspekten zu kombinieren.

Zugleich interessiert sich Ingrid Hora für ein Detailphänomen, das man in dieser Zeit in Europa beobachtet: die Verbreitung des aus China importierten Tangrams, einer Art Zeitvertreib, der darin besteht, aus sieben in einer geometrischen Ausgangsformation zusammenliegenden Elementen tausende mögliche abstrakte oder figurative Formen zu bilden. Der Ausstellungstitel zitiert eine Vignette auf einer der zeitgenössischen Schachtelvarianten dieses Spiels, die die Notwendigkeit vermittelt, sich für verschiedene Perspektiven auf Möglichkeiten des „Zeit Verbringens“ zu öffnen. Wie als Antwort auf den Appell lässt Ingrid Hora all jene scheinbar unverbundenen Elemente zusammenkommen und entwickelt eine persönliche Grammatik im Sinne einer Migration von Formen und Perspektiven.

Raum und Zeit der Ausstellung werden in sieben Skulpturen artikuliert, die als Übersetzungen von Sportgeräten sowie des Tangrams selbst erscheinen und ein womöglich aufführbares und funktionierendes „Gymnasium“ ins Werk setzen, in dem zumal zwei Videoarbeiten und eine Performance gezeigt werden (letztere wurde in Zusammenarbeit mit der Choreografin Claudia Tomasi und dem Männerchor von Völs am Schlern in Südtirol realisiert).
Scheint dieses Setting einerseits das Training kollektiver Leibesübungen zu begünstigen, impliziert es zugleich eine ‘Logik der Konkurrenz’, die sich, so der deutsche Soziologe Hartmut Rose in seinem Buch Beschleunigung und Entfremdung, in Sport und Wirtschaft gleichermaßen ausspielt.
Nach der ersten Station in der ar/ge kunst wird die Ausstellung im DAZ – Deutsches Architektur Zentrum in Berlin gezeigt (01.12.2015- 14.02.2016).
Ingrid Horas Forschungsprojekt “Freizeyt“ entsteht in Zusammenarbeit mit ar/ge kunst und DAZ.
Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Südtirol,
Abteilung Kultur
 Autonome Region Trentino Südtirol,
Stadtgemeinde Bozen,
Barth – building interior architecture,
Stiftung Südtiroler Sparkasse
Ein besonderer Dank geht an:
Männerchor von Völs am Schlern
Ivo Barth

———————————-
[1] Die Entstehung des Schrebergartens lässt sich auf die Forschungen des deutschen Pädagogen Daniel Gottlieb Moritz Schreber (1808-1861) zurückführen; der erste Turnplatz wurde 1811 von Friedrich Ludwig Jahn im Berliner Volkspark Hasenheide eröffnet.

CLOSE
Archiv
Clemence Seilles_Bassin Ouvert

Bassin ouvert
Clémence Seilles
16. Mai – 1. August 2015

Eröffnung
15. Mai 2015, 19 Uhr

 

kuratiert von Emanuele Guidi

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Clemence Seilles - argekunst web 05

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres

Bassin ouvert, Clémence Seilles, Installation view, photo by aneres


ar/ge kunst freut sich auf die erste italienische Einzelausstellung der französischen Künstlerin und Designerin Clémence Seilles (*1984, lebt und arbeitet in Paris und Amsterdam). Das Projekt führt eine Serie von Präsentationen fort, im Rahmen derer Künstler/innen eingeladen wurden, anlässlich des 30. Jubiläums von ar/ge kunst und im Bewusstsein der kollektiven Dimension seiner Namensgebung, über das assoziative institutionelle Modell des Kunstvereins nachzudenken.

Ihre Anfänge im Produktdesign fortschreibend, erkundet Seilles’ künstlerische Praxis die Mittel, Materialien und expositiven Mechanismen, welche das Dispositiv der Kunstausstellung als Raum der Präsentation, Kommunikation und Legitimation abstecken. Während sie zuvor an den skulpturalen Qualitäten von Sockeln und Sitzen als tragenden Elementen und Kompositionsformen interessiert war, konzentrieren sich Seilles aktuelle Arbeiten auf die Erschaffung von Szenarien, die kollektive, produktive und performative Situationen ins Werk setzen. Vom Entwurf komplett möblierter und mit allen Accessoires ausgestatteter Salons bis hin zum Ausbau von Aufnahmestudios für unabhängige Musiker inklusive von Seilles selbst entworfener Musikinstrumente, sind diese Szenarien Mittel der Reflektion von sozialen Ritualen der Begegnung und des Ereignisses.

Bassin ouvert, Seilles Intervention in den Räumen von ar/ge kunst, erweitert das Terrain ihrer gegenwärtigen Erkundungen. Ein Bassin im eigentlichen Sinne ist ein künstliches Becken, das man überwiegend in mediterranen Ländern, in öffentlichen und privaten Höfen und Gärten vorfindet. In diesem Fall handelt es sich, wie der Titel andeutet, um ein ‘offenes’ bauliches Element; es fungiert rein als Ornament ebenso wie als Brunnen, als Wasserquelle, oder als eine Art Spa und Wellness-Center. Seine eigentliche Intention verwirklicht sich aber in der Präsenz von Wasser, das hier eine assoziative, hybride und (re)generative Umgebung kreiert. Dieses ‘Objekt’ suggeriert Funktionen und Operationsweisen, die von denen der Institution bewusst abweichen. Indem es sich im Laufe der Ausstellung von einer Szenografie in einen flexiblen Möglichkeitsraum verwandelt, wird das Bassin diverse Formen von Begegnung sowohl begünstigen wie reflexiv aufnehmen, insofern seine möglichen Gebräuche sich durch die dort zusammentreffenden Künstler/innen, Musiker/innen, Studenten/innen und Choreographen/innen immer wieder neu definieren.


Bassin ouvert mit einem Beitrag von Deborah Bowman, Laure Jaffuel, Theo Demans.


Clémence Seilles hat zur Eröffnung am 15. Mai die Künstler Estrid Lutz, Emile Mold und Theo Demans eingeladen, um die Performance An Extra Collision zu verwirklichen.


Save the Date

Am 2., 3., und 4., Juli wird die Künstlerin Valentina Desideri als Teil der aktuellen Ausstellung und in Zusammenarbeit mit der Philosophin Denise Ferreira da Silva sowie den Choreographinnen Jennifer Lacey, Cristina Rizzo und Mara Cassiani das Projekt Studio Practice: On the Act of Reading präsentieren.



Die Ausstellung Bassin ouvert ist Teil der Platform PIANO (Prepared Platform for Contemporary Art, Frankreich–Italien 2014-2016), die ihrerseits initiiert wurde von d.c.a (Association Française de Développement des Centres d’Art) in Zusammenarbeit mit dem Institut Français in Italien, der Französischen Botschaft in Italien; mit Unterstützung des französischen Ministeriums für auswärtige und internationale Entwicklung, des französischen Ministeriums für Kultur und Kommunikation und der Fondazione Nuovi Mecenati.


Studio Practice: On the Act of Reading ist eine Koproduktion mit dem Festival Bolzano Danza | Tanz Bozen.


Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Abteilung Kultur
Stadtgemeinde Bozen, Abteilung Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse
Nuovi Menenati, nouveaux mécènes – Fondazione franco-italiana di sostegno alla creazione contemporanea.
Bolzano Danza | Tanz Bozen


Ein besonderer Dank geht an: Triangle, Marseilles


Stampa
Schermata 05-2457155 alle 12.57.03

CLOSE
Archiv
Aldo Giannotti, Spatial Dispositions, 2014 Aldo Giannotti, Spatial Dispositions, 2014

Räumliche Veranlagungen
Aldo Giannotti
7. Februar - 30. April 2015

Eröffnung: 7. Februar, 19 Uhr

 

„disposition: 1) a person’s inherent qualities of mind and character; an inclination or tendency to  behave in a particular way; 2) the way in which something is placed or arranged; […].„

A Space Containing Itself,  from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

A Space Containing Itself, from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres


A Space Containing Itself,  from the Spatial Dispositions Series, Installation View, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

A Space Containing Itself, from the Spatial Dispositions Series, Installation View, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres

Spatial Dispositions, Aldo Giannotti, Installation View, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

Spatial Dispositions, Aldo Giannotti, Installation View, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres

Tracing Categories,  from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

Tracing Categories, from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres

Tracing Categories from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

Tracing Categories from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres

Tracing Categories from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo Aldo Giannotti

Tracing Categories from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo Aldo Giannotti

Arbeitsgemeinschaft - The Changing Space,  from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

Arbeitsgemeinschaft – The Changing Space, from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres

Tracing Categories from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

Tracing Categories from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres

Collective Curating from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015

Collective Curating from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015

The History of Management,  from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

The History of Management, from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres

The Budget,  from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

The Budget, from the Spatial Dispositions Series, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres


Spatial Dispositions, Installation View, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

Spatial Dispositions, Installation View, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres

Spatial Dispositions, Installation View, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015 photo aneres

Spatial Dispositions, Installation View, Aldo Giannotti, ar/ge kunst, Bozen/Bolzano 2015
photo aneres


ar/ge kunst, gegründet im Jahr 1985, feiert 2015 sein 30-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass widmet sich das gesamte diesjährige Programm einer kritischen Reflexion der Geschichte von ar/ge kunst und des Modells Kunstverein, an dem sich die Institution von Beginn an ausgerichtet hat.


Vermittelt durch die diversen Praktiken der eingeladenen KünstlerInnen wird sich dieser Prozess der Selbstuntersuchung auf die Ausstellung als eine Form von Research, Produktion, Kollaboration und Restitution konzentrieren; damit entsteht ein besonderer Raum und eine Zeit, in denen sich die Reziprozität und gegenseitige Beeinflussung von Ausstellungen und Begleitprogramm aus öffentlichen Diskussion, Workshops und Performances voll entfalten kann.


Das erste Ausstellungsprojekt von 2015 trägt den Titel Spatial Dispositions (Räumliche Veranlagungen) und zeigt Arbeiten von Aldo Giannotti (*1977, lebt und arbeitet in Wien). Die Schau präsentiert eine fortschreitende Recherche über ar/ge kunst selbst. Ausgehend von der Betrachtung des planimetrischen und architektonischen Raums untersucht Giannotti das weitläufige Netz von Beziehungen, die ar/ge kunst als institutionellen Ort definieren und immer wieder verändern. Dessen Geschichte und ökonomische Grundlagen, das Leitbild und die Ambitionen, die Verantwortung gegenüber Mitgliedern und Öffentlichkeit sowie das Verhältnis zu dem kulturellen und politischen Kontext, in dem ar/ge kunst sich bewegt, werden in installativen und performativen Projekten thematisiert.


Giannottis Beitrag umfasst eine „programmatische“ Serie von Ideen, die in Form konzeptueller Zeichnungen präsentiert werden. Aus ihnen ergibt sich eine Kartographie, die ständig erweitert wird durch Untersuchungen und Dialoge mit den BesucherInnen und mit Personen, die in den letzten 30 Jahren am Aufbau von ar/ge kunst mitgewirkt haben, – sei es im Team, als Mitglieder des Kunstvereins oder als Teil der Öffentlichkeit. Die Zeichnung war für Giannotti immer ein Medium, das der Ausarbeitung seiner Projekte diente. In dieser Ausstellung allerdings wird sie zum Instrument, das es erlaubt, imaginative und antizipative Praktiken freizusetzen und daraus eine Vielzahl von möglichen Interventionen und „Ausstellungen“ zu sammeln: Ideen, die wie Kommentare, Kritik und Beiträge funktionieren und den Raum immer wieder umgestalten. Spatial Dispositions verfolgt somit einen Ansatz, die Institution als lesbares und veränderbares System zu betrachten – und zwar im Sinne der zwei Bedeutungen des Wortes „Disposition“, das auf bestehende Qualitäten, Tendenzen und Verhaltensmuster von Subjekten ebenso zielt wie auf die mögliche Anordnung, Organisation und Verteilung von Objekten im Raum.


In diesem Sinne unternimmt Giannotti eine laufende Verschiebung dessen, was man den „Aufforderungscharakter“ von Institutionen nennen könnte und was sich meist der direkten Wahrnehmung entzieht: die den sozialen Umwelten eingeschriebenen Formen oder Designs, durch die bestimmte Gebrauchs- und Handlungsmöglichkeiten vorgezeichnet und nahegelegt werden. arge/kunst wird sichtbar als ein Objekt/Subjekt, das in Reaktion auf die aktuellen oder potentiellen Kontexte, in die es sich einschaltet, eine Vielzahl ganz verschiedener Rollen und Funktionen ausübt.

CLOSE
Archiv
Oliver Laric, “Untitled”, video 4k, 2014 Oliver Laric, “Untitled”, video 4k, 2014

OLIVER LARIC
28. November 2014 - 24. Januar 2015

Eröffnung
28. November 2014, 19 Uhr

 

Mit einem text von Rosi Braidotti

 

Metamorphische Andere und nomadische Subjekte

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

Oliver Laric, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, The Hunter and his Dog, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, The Hunter and his Dog, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, The Hunter and his Dog, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, The Hunter and his Dog, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, The Hunter and his Dog, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, The Hunter and his Dog, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, 2014, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric  2014  4K video, colour, sound  5 min 20 sec  Edition of 5 + 2 AP

Oliver Laric
2014
4K video, colour, sound
5 min 20 sec
Edition of 5 + 2 AP

Oliver Laric  2014  4K video, colour, sound  5 min 20 sec  Edition of 5 + 2 AP

Oliver Laric
2014
4K video, colour, sound
5 min 20 sec
Edition of 5 + 2 AP

Oliver Laric  2014  4K video, colour, sound  5 min 20 sec  Edition of 5 + 2 AP

Oliver Laric
2014
4K video, colour, sound
5 min 20 sec
Edition of 5 + 2 AP

Oliver Laric, Installation view, photo by aneres, 2014

Oliver Laric, Installation view, photo by aneres, 2014


ar/ge kunst Galerie Museum freut sich, die Eröffnung der ersten Einzelausstellung des Künstlers Oliver Laric (Innsbruck, 1981) in Italien anzukündigen.


Laric’s Forschung bewegte sich schon immer in einem weitgefasstem Bereich von visueller Kultur und deren komplexer Beziehung zum Internet; seine Untersuchung adressiert damit nicht nur Produktionsweisen, sondern auch Mechanismen der Verteilung in diesem Feld.
In seinen künstlerischen Praktiken bedient er sich hauptsächlich der Medien Skulptur und Video und stellt dadurch Fragen, wie Bilder verarbeitet, interpretiert, verschoben und in einer Vielzahl unterschiedlicher Versionen wieder in Umlauf gebracht werden.
Laric’s Interesse für Kultbilder, die er gleichermaßen der zeitgenössischen Kultur und der Mythologie entnimmt, entstammt seinem Bewusstsein für die Entstehung und Entwicklung von Wert und Macht dieser Bilder. Deren Wert wird nicht mehr von ihrer Einzigartigkeit oder Wahrheit bestimmt, sondern durch kollektive und oft anonyme Dynamiken, die durch Verbreitung der Bilder, Kultbilder schaffen.


In dieser Ausstellung in der ar/ge kunst lenkt Laric seine Forschungen in zwei gegensätzliche Richtungen. Diese erachten Anthropomorphismus, Formwandlung und Arten der Hybridzüchtung als Möglichkeiten, um die Beziehung von Reziprozität und Kontinuität zwischen der menschlichen Figur und anderen Vertretern, seien es nun Tiere oder Gegenstände zu erkunden; ein Thema, das sowohl Religionen und Wissenschaften, als auch Folklore, volkstümliche Kulturen und Subkulturen umspannt.


Eine neue Version von Hunter and His Dog (2014) wird als eine Reihe von Flachreliefs präsentiert: sie besteht aus drei Kopien von ein und derselben Skulptur von John Gibson (1838), welche Laric selbst in 3D gescannt und dann gegossen hat. Die Wahl dieses Sujets – eine Alltagsszene, in der ein Junge seinen Hund am Halsband hält – zeigt die Bedeutsamkeit dieser Art von Repräsentation, in der die menschliche Figur in eine dualistische Beziehung zum Hund gesetzt wird.
Während Laric den weißen Marmor der detaillierten neoklassischen Skulptur von Gibson als Ausgangspunkt nahm, verwendete er allerdings eine unterschiedliche Technik und ein anderes Material, um die Beziehung zwischen den beiden Figuren zu verändern. Wo vorher Kontrolle des Menschen über den Hund war, entsteht nun eine Kontinuität zwischen zwei Körpern, zwei Subjekten.


In seinem neuen Video hinterfragt der Künstler weiterhin dieses dualistische Kategorien-System (Mensch-Tier, Mensch-Objekt, Mann-Frau…), indem er das Verständnis von Metamorphose durch eine Auswahl von Szenen aus Abbildungen und Animationsfilmen vom 19. Jahrhundert bis heute untersucht. Wie bereits bei seiner Skulptur, hat Laric auch hier nicht mit Originalmaterial gearbeitet. Stattdessen hat er drei Grafiker damit beauftragt, Fragmente und Bildmaterialien abzuzeichnen, die aus Russland, Amerika, Japan und anderen Ländern, die für ihre Animations-Filme bekannt sind, stammen. Dieser Akt des Abzeichnens isoliert den Prozess der Verwandlung, er macht die Transformation zwischen Ausgangs- und Endpunkt sichtbar und zeigt ein Zwischenstadium inmitten klassifizierter Größen. Laric setzt diesen ständigen Zustand des ‘werdens’ aktiv ins Endlose fort und arbeitet so auf einen erwünschten Zustand zu, in dem Subjekte produziert werden, die sich frei zwischen Gender und Identitäten bewegen.


In Koproduktion mit
New Museum Triennial, New York
Tanya Leighton, Berlin


Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Abteilung Kultur
Stadtgemeinde Bozen, Abteilung Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse
IFA – Institut für Auslandsbeziehungen e.V.
Land Tirol – Abteilung Kultur
Bundesministerium für Bildung und Frauen, Wien
Österreichisches Kulturforum in Mailand

CLOSE
Archiv
Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science), Installation design di Harry Thaler, produced by Tischlerei & Möbelhaus Kofler, photo aneres, 2014 Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science), Installation design di Harry Thaler, produced by Tischlerei & Möbelhaus Kofler, photo aneres, 2014

Die unbequeme Wissenschaft
(The Uncomfortable Science)

Gareth Kennedy
20. September - 15. November 2014

Eröffnung: 19.09.2014, 19:00 Uhr

 

„Stuben-Forum“: 20.09.2014, 15:00 – 18:00 Uhr

 

Ausstellungsdesign von Harry Thaler

Produktion von Josef Rainer und Verena Rastner

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science) Installation design by Harry Thaler, Produced by Kofler and Deplau, San Felice / Val di Non © ar/ge kunst, Aneres 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science)
Installation design by Harry Thaler, Produced by Kofler and Deplau, San Felice / Val di Non
© ar/ge kunst, Aneres 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science) Installation design by Harry Thaler, Produced by Kofler and Deplau, San Felice / Val di Non © ar/ge kunst, Aneres 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science)
Installation design by Harry Thaler, Produced by Kofler and Deplau, San Felice / Val di Non
© ar/ge kunst, Aneres 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science) Installation design by Harry Thaler, Produced by Kofler and Deplau, San Felice / Val di Non © ar/ge kunst, Aneres 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science)
Installation design by Harry Thaler, Produced by Kofler and Deplau, San Felice / Val di Non
© ar/ge kunst, Aneres 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science) Masken, © ar/ge kunst, ANERES 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science)
Masken, © ar/ge kunst, ANERES 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science) Installation view   © ar/ge kunst, ANERES 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science)
Installation view
© ar/ge kunst, ANERES 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science) Installation view (Film from the Austrian Mediatech)  © ar/ge kunst, ANERES 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science)
Installation view (Film from the Austrian Mediatech)
© ar/ge kunst, ANERES 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science) Installation view © ar/ge kunst, ANERES 2014

Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft (The Uncomfortable Science)
Installation view
© ar/ge kunst, ANERES 2014


Die Unbequeme Wissenschaft ist das Ergebnis von Recherchen, die der irische Künstler Gareth Kennedy im Rahmen des ersten Einjährigen Forschungsprojekts bei ar/ge kunst unternommen hat. Eingeladen mit Blick auf seine Arbeiten zu Volks- und Populärkulturen, ließ sich Kennedy hier auf eine Erkundung der belasteten Geschichte von Folklore und visueller Anthropologie in Südtirol ein.


Als deutschsprachiges, nach dem 1. Weltkrieg von Italien annektiertes Gebiet verfügt Südtirol über eine spannungsgeladene Vergangenheit als Anwendungsgebiet ideologisch kompromittierter Wissenschaften – italienische Geographen und österreichische Ethnologen gleichermaßen erzeugten Mythen der ‘wahren Ursprünge’ von Ort und Bevölkerung.


Im Rahmen von fünf Aufenthalten in diesem und letztem Jahr, führten Kennedys Nachforschungen ihn zur ‘Kulturkommission’ der SS-Studienorganisation ‘Ahnenerbe’ (1) , die zwischen 1939 und 1942 in Südtirol aktiv war. Nach Wolfram Sievers, dem Leiter von ‘Ahnenerbe’, bestand die Hauptaufgabe der Kommission „in der Erforschung und Verarbeitung des gesamten Materials sowie der geistigen Güter von … völkischen Deutschen” (2). Das Forschungsunterfangen wurde in der Zeit einer systematischen Aufteilung der Bevölkerung zwischen dem faschistischen Italien und dem Dritten Reich realisiert. Dabei sah die Option, eine Vereinbarung der Achsenmächte von 1939, die Umsiedelung der deutschsprachigen Bevölkerung vor. Im Widerspruch zur nationalsozialistischen Ideologie wurde die kulturell und ethnisch deutsche Bevölkerung vor die Wahl zwischen Blut oder Boden gestellt: Sie sollte entweder in das Dritte Reich auswandern und ihre deutsche Kultur und Identität behalten, oder vollständig italienisiert werden.


In der vielleicht größten volkskundlich-linguistischen Feldforschungsaktion der Geschichte, dokumentierte die ’Kulturkommission’ erschöpfend die modischen, sprachlichen, populärkulturellen und musikalischen Bräuche der alpinen Bevölkerung. Ihre Kultur sollte erhalten und ihnen nach der Umsiedelung in die Tatra, nach Burgund oder auf die Krim wieder zugänglich gemacht werden – Anthropologie als politisch verordnete Bergungsaktion.


Nach Besuchen von Forschungsarchiven und Museen in Bozen, Innsbruck und Wien, stellte Kennedy ein Ensemble von fünf Charakteren mit Bezug auf diese unbequeme Episode der anthropologischen Wissenschaft in Südtirol zusammen. Fünf regionale Maskenschnitzer wurden beauftragt je einen der Charaktere zu schnitzen. Diese stellen dar: Richard Wolfram, den Leiter der ‘Kulturkommission’; den Ethnomusikologen Alfred Quellmalz; den Fotografen Arthur Scheler und den Anthropologen Bronislaw Malinowski, der, ein häufiger Urlaubsgast in Südtirol, der Tatsache der Anwendung anthropologischer Forschung von Europäern auf Europäer sehr kritisch gegenüberstand, da er dies als ideologisch kontaminiert ansah. Ebenfalls ins Ensemble aufgenommen wurde Ettore Tolomei, ein italienischer Faschist, Geograph und Irredentist.


Im Zusammenhang der Geschichte der Südtiroler Theatertradition interessiert sich Kennedy dafür, was innerhalb eines bestimmten kulturellen Kontexts überhaupt aufgeführt werden kann und was Tabu bleibt. So haben die genannten Personen in Südtirol bislang noch nie den Weg auf die Theaterbühne gefunden. ar/ge kunst zeigt neben den Masken einen 16 Millimeter Film über die Maskenschnitzer bei der Arbeit. Zusätzlich wird eine sorgfältig kuratierte Serie von Fotos und Filmmaterialien der ‘Kulturkommission’ präsentiert, vieles davon erstmals in Südtirol.


Die neben Film und Archivmaterialien gezeigten Masken fungieren auch als Kulisse einer öffentlichen Diskussion mit geladenen Gästen. Dafür wird der Ausstellungsraum, in Zusammenarbeit mit dem Designer Harry Thaler, in eine ‘Stube’ – Zentrum des häuslichen Lebens in Tirol und Stätte des Laientheaterspiels – verwandelt. Das ‘Stuben-Forum’ befasst sich mit Fragen im Zusammenhang der Erfindung von Tradition, der Instrumentalisierung von Volkskultur, sowie von Identität, Territorium und Performance. Zu den Vortragenden gehören Thomas Nussbaumer (Universität Innsbruck), Georg Grote (University College Dublin), Franz Haller, Bildanthropologe, Ina Tartler und Elizabeth Thaler (Vereinigte Bühnen Bozen), und Hannes Obermair (Stadtarchiv Bozen). Moderieren wird Hans Karl Peterlini, Journalist und Autor.


Gareth Kennedy ist ein irischer Künstler. Seine künstlerische Tätigkeit umfasst öffentliche Kunstprojekte, Ausstellungen und Kollaborationen. Zusammen mit Sara Browne und ihrer kollaborativen Persona ‘Kennedy Browne’ vertrat er Irland auf der Biennale in Venedig 2009.


Harry Thaler ist ein Designer aus Meran (I), er lebt und arbeitet in London seit 2008. Thaler hat einen Abschluss am Royal College in Produktdesign und ist Gewinner des Conran Award 2010 mit dem Pressed Chair.


(1) Die ‘ Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V.’ war eine zentrale archäologische und kulturgeschichtliche Institution im ‘Dritten Reich’.
(2) James R. Dow and Olaf Bockhorn, The Study of European Ethnology in Austria. Aldershot: Ashgate, 2004.


www.gkennedy.info
www.harrythaler.it
www.kennedybrowne.com


Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Südtirol, Abteilung Kultur
Autonome Region Trentino Südtirol
Stadtgemeinde Bozen, Abteilung Kultur
Culture Ireland / Cultúr Éireann
Stiftung Südtiroler Sparkasse
Kofler Tischlerei & Möbelhaus, St. Felix/Nonsberg
Rothoblaas, Kurtatsch
Deplau, St. Felix/Nonsberg
Wolfstuben, Tscherms
Österreichische Mediathek, Wien
pur SÜDTIROL
Lichtstudio Eisenkeil
Dr. Schär, Burgstall

Ein besonderer Dank geht an:
Egetmann Verein Tramin
Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde in Dietenheim
Ofas Architekten, Bozen
Referat Volksmusik, Fotoarchiv Quellmalz (Bereich Deutsche und Ladinische Musikschulen

CLOSE
Archiv
1500_ok

Making Room – Spaces of Anticipation
14 Juni – 02 August 2014

Brave New Alps & Paolo Plotegher,
Janette Laverrière in Zusammenarbeit mit
Nairy Baghramian, Alex Martinis Roe,
Marinella Senatore in Zusammenarbeit mit Assemble,
Mierle Laderman Ukeles

 

Eröffunung: 13 Juni 2014 um 19 Uhr

 

Kuratiert von Emanuele Guidi und Lorenzo Sandoval

 

Making Room - Installation view, photo by aneres, 2014

Making Room – Installation view, photo by aneres, 2014

Janette Laverrière, Chapeau chinois, 2011. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière, Chapeau chinois, 2011. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière, Chapeau chinois, 2011. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière, Chapeau chinois, 2011. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière, Chapeau chinois, 2011. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière, Chapeau chinois, 2011. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Making Room - Installation view, photo by aneres, 2014

Making Room – Installation view, photo by aneres, 2014

Brave New Alps & Paolo Plotegher, What It Means to Win, 2014. Courtesy of the artist, photo by aneres

Brave New Alps & Paolo Plotegher, What It Means to Win, 2014. Courtesy of the artist, photo by aneres

Brave New Alps & Paolo Plotegher, What It Means to Win, 2014. Courtesy of the artist, photo by snares 2014

Brave New Alps & Paolo Plotegher, What It Means to Win, 2014. Courtesy of the artist, photo by snares 2014

Making-Room-18

Janette Laverrière in collaboration with Nairy Baghramian, installation view, 2014. Courtesy of the artists and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière in collaboration with Nairy Baghramian, installation view, 2014. Courtesy of the artists and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière, Bibliotheque vertical, 2008. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière, Bibliotheque vertical, 2008. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière in collaboration with Nairy Baghramian, installation view, 2014. Courtesy of the artists and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière in collaboration with Nairy Baghramian, installation view, 2014. Courtesy of the artists and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière, La Commune, homage à Louise Michel (2001) from Evocation series. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Janette Laverrière, La Commune, homage à Louise Michel (2001) from Evocation series. Courtesy of the artist and Silberkuppe Berlin, photo by aneres

Marinella Senatore in collaboration with Assemble, The School of Narrative Dance. Courtesy MOTInternational, London & Brussels and the artist, photo by aneres

Marinella Senatore in collaboration with Assemble, The School of Narrative Dance. Courtesy MOTInternational, London & Brussels and the artist, photo by aneres

Marinella Senatore in collaboration with Assemble, The School of Narrative Dance. Courtesy MOTInternational, London & Brussels and the artist, photo by aneres

Marinella Senatore in collaboration with Assemble, The School of Narrative Dance. Courtesy MOTInternational, London & Brussels and the artist, photo by aneres

Marinella Senatore in collaboration with Assemble, The School of Narrative Dance. Courtesy MOTInternational, London & Brussels and the artist, photo by aneres

Marinella Senatore in collaboration with Assemble, The School of Narrative Dance. Courtesy MOTInternational, London & Brussels and the artist, photo by aneres

Mierle Laderman Ukeles Manifesto for Maintenance Art, Proposal for an Exhibition Care, 1969, text pages (2) 19 x 13 inch mounted text panels. Courtesy of the artist and Ronald Feldman Fine Arts, New York, photo by aneres

Mierle Laderman Ukeles Manifesto for Maintenance Art, Proposal for an Exhibition Care, 1969, text pages (2) 19 x 13 inch mounted text panels. Courtesy of the artist and Ronald Feldman Fine Arts, New York, photo by aneres

Mierle Laderman Ukeles, Private Performances of Personal Maintenance as Art, 1970-1973, black and white photographs, (1) 8 x 10 inch photo (4) 10 x 8 inch photo. Courtesy of the artist and Ronald Feldman Fine Arts, New York, photo by aneres

Mierle Laderman Ukeles, Private Performances of Personal Maintenance as Art, 1970-1973, black and white photographs, (1) 8 x 10 inch photo (4) 10 x 8 inch photo. Courtesy of the artist and Ronald Feldman Fine Arts, New York, photo by aneres

Mierle Laderman Ukeles Manifesto for Maintenance Art, Proposal for an Exhibition Care, 1969, text pages (2) 19 x 13 inch mounted text panels. Courtesy of the artist and Ronald Feldman Fine Arts, New York, photo by aneres

Mierle Laderman Ukeles Manifesto for Maintenance Art, Proposal for an Exhibition Care, 1969, text pages (2) 19 x 13 inch mounted text panels. Courtesy of the artist and Ronald Feldman Fine Arts, New York, photo by aneres


Die Ausstellung Making Room erforscht Ideen von Raum im Spannungsfeld raumgenerierender künstlerischer, kultureller und kuratorischer Praktiken.
Das Projekt versammelt Arbeiten und Gemeinschaftswerke von Künstler_innen, Architekt_innen und Designer_innen verschiedener Generationen und geographischer Kontexte, die den Wechselwirkungen zwischen Formen sozialer Praxis und den Umfeldern, die sie aufnehmen, Ausdruck verleihen.


In den gezeigten Arbeiten scheint die Aktion, mit der räumliche Konfigurationen und Setting erzeugt werden, mit dem Bedürfnis einherzugehen, Erfahrungen der Vergangenheit mit aktuellen zu verknüpfen: Ein In-Beziehung-Setzen, das sich in Kollaborationen, Erzählungen oder schlicht darin realisiert, dass Fragen gestellt werden. Eine Wohnsituation, ein Salon oder eine Schule, eine Display-Anordnung, eine kulturelle Vereinigung oder eine Kunstinstitution stellen weiterhin Modelle dar, um Begegnungen und Formen gemeinschaftlicher Nutzung zu ermöglichen. Da es neu darüber nachzudenken gilt, wie diese Orte gestaltet, erfahren und (gemeinschaftlich) erhalten werden können, wird im Rahmen von Making Room der Begriff der „Care“ produktiv gemacht (zu deutsch Pflege, Aufmerksamkeit, Sorge, Obhut, Betreuung).


Die Handlung des Raum-Schaffens (‘making room’) wird in diesem Sinne zu einer Geste der Gastfreundschaft gegenüber anderen, transformatorischen Praktiken und Wissensformen. Gleichzeitig behauptet sich hierin eine Weise, Allianzen ebenso wie Konflikten “Raum zu geben” und “Zeit zu widmen” – mögen diese nun zwischen Partner_innen, Arbeitskolleg_innen oder Publikumsteilnehmer_innen herrschen.


Vor diesem Hintergrund entfaltet das Manifesto for Maintenance Art 1969! der amerikanischen Künstlerin Mierle Laderman Ukeles (*1939 in Denver, Colorado) ein komplexes Gefüge von Beziehungen, welche das Leben einer Künstlerin (als Frau und Mutter) sowohl in ihrer Privatsphäre (im Haus) wie auch im öffentlichen Raum (Ausstellungsraum, Kunstinstitution) regulieren. In Proposal for an exhibition ‚Care’ geht es somit um das Sichtbarmachen jener unsichtbaren Aktivitäten und Zeitabläufe, die es erlauben, einen „Ort“ überhaupt als solchen zu unterhalten und zu versorgen. Der Maintenance Art Questionaire (1973 – 1976), den Ukeles in den darauffolgenden Jahren formulierte, ist als Geste der Affirmation zu verstehen, diese Beschäftigungen, Reflexionen und Verantwortung mehr und mehr mit dem Publikum zu teilen.


Eine ähnliche Konzeption von Sorge findet sich in A story from Circolo della Rosa von Alex Martinis Roe (*1982 in Australien, lebt und arbeitet in Berlin). Der Film, Teil von Roes Arbeit zu feministischen Genealogien, erzählt von der Begegnung zweier Frauen – beides aktive Mitglieder des Milan Women’s Bookstore Collective – und von ihrer Beschäftigung mit den pädagogischen Experimenten des Feminismus der späten 1980er Jahre. Ausgeführt in Form eines fiktionalen Briefs der Künstlerin, umschreibt die Geschichte den reziproken Charakter ihrer auf affidamento (Sich-Anvertrauen) gründenden Beziehung – eine sozio-symbolische Praxis, wie sie vom Milan Women’s Bookstore Collective praktiziert und theoretisiert wird.

Alex Martinis Roe, ‘A Story from Circolo della Rosa’, 2014 from ar/ge Kunst on Vimeo.


Die Notwendigkeit, andersartigen Narrativen Raum zu geben und sie fortzuschreiben, steht auch im Zentrum der Zusammenarbeit der französischen, ursprünglich aus der Schweiz stammenden Designerin Janette Laverrière (1909-2011) mit dem Künstler Nairy Baghramian (*1971 in Iran, lebt und arbeitet in Berlin), die nach einer Begegnung im Jahr 2008 begann. Laverriéres Zeichnungen, Möbel und Objekte werden im Rahmen einer von Baghramian entwickelten Ausstellungsanordnung gezeigt, die ein System von Vitrinen für Entwürfe sowie mit grüner Wasserfarbe bemalte Wände umfaßt, – letzteres als Referenz auf Laverriéres privates Wohnzimmer. Aus diesem Augenmerk auf die Präsentation entwickelte sich nicht nur eine generationenübergreifende Freundschaft der beiden Frauen („Schwestern im Geiste“, nach Definition Laverriéres); zugleich konnte so das Ineinander von Laverriéres beruflichem, privaten und politischem Leben herausgearbeitet werden. Laverriére war, neben ihrer Arbeit als Designerin, tatsächlich auch unter den Gründer_innen der Gewerkschaften National Front for Decorators und Decorators Trade Union (beide 1944), während sie später in ihrer Karriere „unbrauchbare“ Objekte entwarf, in denen das Bedürfnis, eine Geschichte zu erzählen, jede mögliche Funktion überwog. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Spiegel-Arbeit La Commune, hommage à Louise Michel (2001), Teil der Serie Evocations, welche die französische Anarchistin Louis Michel ins Gedächtnis ruft, inklusive des Ortes, zu dessen Gründung sie beitrug: die Pariser Commune.


The School of Narrative Dance ist ein 2013 von Marinella Senatore (*1977, lebt und arbeitet in Berlin und London) initiiertes Projekt, das das Modell einer multidiziplinären, nomadischen und kostenfreien Schule entwirft, die den Bildungsprozess durch (verbales und nonverbales) Geschichtenerzählen auf die Emanzipation der Studierenden, auf Inklusion und Selbstkultivierung hin fokussiert. Für Making Room entwirft Senatore im Verbund mit dem Architekturbüro Assemble (London) ein Display, das Dokumente und Skizzenmaterial versammelt. Dargeboten auf einer Art grafischem Arbeitstisch, unterstreichen diese bildlichen und konzeptuellen Referenzen den Übersetzungsprozess, der nötig war, um der School of Narrative Dance aus Anlaß des Premio Maxxi in Rom zum ersten Mal eine wirkliche architektonische und räumliche Gestalt zu geben.


Mit Blick auf solche Praxen schließlich begannen Brave New Alps & Paolo Plotegher einen Rechercheprozess mit und für ar/ge kunst, um die Potentiale von Modellen für die Institutionen der Kunst, etwa Kunstvereine, zu erkunden. Michel Serres Erzählung vom „The Troubadour of Knowledge“ dient hierbei als Ausgangspunkt. Den Besucher_innen werden Fragebögen ausgehändigt, um ihre Erfahrungen als Grundlage für einen am 19. Juli 2014 stattfindenden Workshop zu sammeln und zugänglich zu machen.


Making Room ist ein Teil der Erarbeitungsphase zum Projekt Spaces of Anticipation, eine Zusammenarbeit mit dem EACC – Espai d`art contemporani de Castelló in Castellón de la Plana.


Ein besonderer Dank geht an:
Silberkuppe (Berlin) e Ronald Feldman Gallery (New York)

CLOSE
Archiv
Invernomuto, I-Ration, installation view 1, 2014 photo Ivo Corrà Invernomuto, I-Ration, installation view 1, 2014 photo Ivo Corrà

I-RATION
05 April – 31 Mai 2014

Invernomuto

 

Eröffnung am 04. April 2014 um 19 Uhr

 

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

Invernomuto, I-Ration, installation view 2, 2014 photo Ivo Corrà

Invernomuto, I-Ration, installation view 2, 2014 photo Ivo Corrà

ar/ge kunst Galerie Museum freut sich, die Ausstellung I-Ration von Invernomuto (Simone Bertuzzi und Simone Trabucchi) und damit eine weitere Folge des 2011 begonnenen Projekts Negus zu präsentieren .

Der Titel I-Ration ist ein anglo-jamaikanischer Begriff und bezeichnet sowohl den Akt der „Schöpfung“ als auch das ekstatische Moment dieser Erfahrung.

Zion, Paesaggio, detail, 2014

Zion, Paesaggio, detail, 2014

Mit der Übernahme dieses rastafari-spezifischen Schlüsselbegriffs und der Annäherung und beinahe Erweiterung der Tatsache, dass „das Rastafarianische Volk das Recht beansprucht, sein ,Wesen und seine Existenz‘ außerhalb traditioneller Kategorien zu denken, anzuerkennen, zu nennen, neu zu interpretieren und zu definieren“ , fährt Invernomuto mit der Formulierung seiner eigenen Narration fort, in der Überlagerungen und Verschiebungen von historischen Momenten Äthiopien, Jamaika und Italien in Zusammenhang bringen. Eingebunden in diese Narration ist die Figur des Königs von Äthiopien Haile Selassie I., die Kolonialgeschichte Italiens und Persönlichkeiten wie Lee „Scratch“ Perry (ein einflussreicher Musiker in der Tradition des Reggae und Dub).

Invernomuto, I-Ration, installation view 3, 2014 photo Ivo Corrà

Invernomuto, I-Ration, installation view 3, 2014 photo Ivo Corrà

Die Ausstellung umfasst eine Reihe neuer Produktionen sowie für diese Gelegenheit neu bearbeiteter Interventionen. Daraus entsteht ein Diskurs, der die verschiedenen Phasen des Projekts Negus einbezieht und auch schon einen Ausblick auf zukünftige Projekte ermöglicht.

Das Interesse für die Erinnerung und für die Prozesse der Übersteigerung findet sich in Zion, Paesaggio (2014): Eine Rekonstruktion eines Denkmals in Form einer Treppe, das das italienische Heer während der faschistischen kolonialen Besatzung in Addis Abeba gegenüber der königlichen Residenz (heute der Sitz der Universität) errichten ließ. Nach der Niederlage der Besatzer „reduzierte“ man die vierzehn Stufen, die die Jahre der Regimeherrschaft repräsentierten, zum Sockel für Äthiopiens wichtigste Symbolfigur: den Löwen von Juda. Invernomuto unterstreicht die Geste der Wiederaneignung, indem es eine Landschaft zeigt, in der die Zeit jene Dimension ist, die die Erinnerung und Wahrnehmung des Exotischen regelt.
MEDO SET (2014) hingegen ist eine Stele, in der jener Text von Lee Perry eingraviert ist, den er für die Performance/das Ritual von Invernomuto in Vernasca (2013) verfasst und performt hat.

Die Absicht, das apotropäische Potential des Rituals mit dem symbolischen Wert des Denkmals zu überblenden, wird durch eine einzige Situation wiedergegeben, in der Dokumente, Dokumentationen und Skultpuren asynchron choreographiert sind (Negus, 2011; I-Ration, 2014; Negus – Lion of Judah (exerpt), 2014).

Invernomuto, “Negus – Lion of Judah (excerpt)”, 2014 from ar/ge Kunst on Vimeo.

Invernomuto, I-Ration, Installation view 4, 2014 photo Ivo Corrà

Invernomuto, I-Ration, Installation view 4, 2014 photo Ivo Corrà

Invernomuto, I-Ration, installation view 5, 2014 photo Ivo Corrà

Invernomuto, I-Ration, installation view 5, 2014 photo Ivo Corrà

I-Ration, detail, 2014

I-Ration, detail, 2014

Babylon, Monumenti, 2014

Babylon, Monumenti, 2014

Symbole aus dem Bilderfundus der äthiopischen Geschichte, die im sozialen, politischen und religiösen Zusammenhang der Rastafarianischen Bewegung eine neue Lesart gefunden haben, durchqueren alle Werke der Ausstellung und werden mit Gadgets und Materialien aus privaten Archiven kombiniert. Derart finden sich alte Zeitschriftencover des National Geographic, Tücher von Fluggesellschaften und Touristenressorts neben Erinnerungsstücken aus dem italienischen Kolonialkrieg in Äthiopien in den 30er Jahren (in diesen Jahren entstand auch die Rastafari Glaubensbewegung), dem dreizackigen Stern (Symbol von Haile Selassie wie auch das Ikon der Automarke Mercedes Benz) und einer Skulptur des Löwen von Juda (die Symbolfigur der Äthiopier und entsprechend auch des Rastafarianischen Volkes). Dieses gemeinsame semantische Feld erstreckt sich und strahlt auch in den öffentlichen Raum, insbesondere aufgrund einzelner Ikonographien, die die Kolonialpolitik des Faschismus hochhalten und die bis heute das Stadtbild von Bozen prägen.

Invernomuto, Movimenti Versus l'Altro, 2014 photo: Ivo Corrà

Invernomuto, Movimenti Versus l’Altro, 2014 photo: Ivo Corrà

Negus – Lion of Judah (video still), 2013

Negus – Lion of Judah (video still), 2013

Negus – Lion of Judah (video still), 2013

Negus – Lion of Judah (video still), 2013

Invernomuto scheinen sich die Einschätzung von Carole Yawney, dass der „Rastafarianismus ein Zusammenspiel ambivalenter Symbole [sei] und über das Potential [verfüge], bestimmte sozio-kulturelle Spannungen im globalen Kontext nicht nur deutlich zu machen, sondern sie geradezu zu beeinflussen“ zu eigen gemacht und eine mögliche Sichtweise daraus bezogen zu haben: Darstellungsweisen zu experimentieren, um der kolonialen Rhetorik entgegenzutreten und sie innerhalb eines komplexen Rahmens von Bewegungen, die zeitlich und geografisch nur scheinbar weit entfernte Räume durchqueren, anzusiedeln.

SAVE THE DATE
Im Rahmen der von Frida Carazzato kuratierten Werkreihe Il corpo sottile zur Medialen Fassade im Museion, wird das Projekt Invernomuto, in Zusammenarbeit mit ar/ge kunst, im September im Museion fortgesetzt (ab 4. September)

Biografie
Invernomuto wurde 2003 von Simone Bertuzzi und Simone Trabucchi gegründet. Das spezielle Interesse von Invernomuto für das Aufeinanderprallen und die Vermengung unterschiedlicher Ausdrucksweisen schlägt sich in ungewöhnlichen Produktionen wie das verlegerische Projekt ffwd_mg nieder. Ihr Arbeitsgebiet reicht von Videoproduktionen über live-media Performances bis zur Betreuung von Veranstaltungen und eigenen Aktionen. Zu ihren aktuellen Einzelausstellungen zählen: B.O.B. (Galleria Patricia Armocida, Mailand, 2010), Dungeons and Dregs (Grimmuseum, Berlin, 2010) und Simone (Padiglione d’Arte Contemporanea, Ferrara, 2011), Marsélleria (Mailand, Oktober, 2014). Teilnahmen bei Gruppenausstellungen und Festivals, derzeit bei: Ars artists’ residence show (Fondazione Pomodoro, Mailand, 2010); Terre Vulnerabili (Hangar Bicocca, Mailand 2010/2011); Nettie Horn Gallery (London), Italian Institute of Addis Ababa, Milan Film Festival (2013). 2013 waren sie unter den Finalisten des Preises Furla (Bologna) und Sieger des Preises MERU ART*SCIENCE für The celestial Path, das bei GAMeC in Bergamo präsentiert wurde.
Simone Bertuzzi und Simone Trabucchi sind auch als Musiker tätig mit den jeweils eigenen Projekten Palm Wine und Dracula Lewis. Sie leben und arbeiten in Mailand.

www.invernomuto.info

In Zusammenarbeit mit:
MUSEION

Ein besonderer Dank geht an:
Marsèll

Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Südtirol, Deutsche Kultur
Stadt Bozen, Amt für Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse

Öffnungszeiten der Galerie:
Di-Fr 10 – 13, 15 – 19 / Sa 10 – 13 / Freier Eintritt

CLOSE
Archiv
Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014 Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

CONSTELLATIONS OF ONE AND MANY
24 Januar - 22 März 2014

Falke Pisano in Zusammenarbeit mit Archive Books

 

24.01. - The man of the crowd
14.02. –  Here to there, there to here
07.03. - Flesh made numbers made flesh again

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

 

 

Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014


Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Mutant Matters in Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Mutant Matters in Constellations of One and Many, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Nach der Eröffnungsserie Prologue Part One und Part Two zeigt ar/ge kunst Galerie Museum italienweit die erste Einzelausstellung der Künstlerin Falke Pisano in Zusammenarbeit mit Paolo Caffoni, einem Mitglied des Verlagskollektivs Archive Books.

Falke Pisanos künstlerisches Interesse ist auf Verhältnisse gegensätzlicher und komplementärer Pole ausgerichtet wie etwa Sprache und Körper. In zwei Werkzyklen hat sich die Künstlerin mit der Disjunktion, Reproduzierbarkeit und Rekonstruktion einerseits des Sprechaktes (Figure of Speech, 2006-2010) andererseits dessen körperlicher Dimension (Body in Crisis, seit 2011) auseinander gesetzt.

Seit 2009 richtet Archive Books sein verlegerisches Interesse auf die Begriffe des „Sichtbaren“ und des kinematischen Bildes aus. In seiner soziopolitischen Dimension entspricht dieses Interesse einer Reflexion über die Bedeutung und über die Praxis des Ausstellens und öffentlich Machens (des Publizierens), im Bewusstsein, dass es sich dabei um die Inszenierung und Transformation von Produktionsprozessen handelt.

In einer Zusammenarbeit der Künstlerin mit dem Verleger wurde für ar/ge kunst das Projekt Constellation of One and Many entwickelt, eine gemeinsame Untersuchung über die Verhältnisse von Emotion und Macht zwischen Individuum und Gesellschaft, ausgehend von Quellen und Fallstudien aus Literatur, Philosophie und Soziologie.
Diese Untersuchung fand ihren direkten Niederschlag in dem von Pisano und Archive Books für die Ausstellung konzipierten strukturellen Displays, ein spezifisches Ausstellungsformat mit eigenen räumlichen und zeitlichen Koordinaten. Aufgabe dieses Displays ist es an und für sich disparate Elemente in einem gemeinsamen Kontext zu präsentieren und kann ebenso als Diagramm angesehen werden, das die Beziehungen zwischen Subjekt und Gesellschaft, Objekt und Architektur offen und flexibel zu halten imstande ist.
Eine Öffnung, die sich in der zeitlichen Organisation des Displays „widerspiegelt“: Der Ausstellungszeitraum ist in drei Abschnitte gegliedert, innerhalb derer sowohl die Inhalte als auch das Publikum entlang dreier verschiedener, in sich dezidiert „unvollständiger“ Konfigurationen geleitet (oder choreografiert) werden.

Die erste Konfiguration mit dem Titel The Man oft the Crowd ist eine direkte Bezugnahme auf die gleichnamige Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe aus dem Jahr 1840. In der Erzählung verweist die Beschreibung des Blickkontakts zwischen den beiden Protagonisten paradigmatisch auf die Menschenmassen, wie sie sich in jenen Jahren mit der Erschaffung weitläufiger großstädtischer Räume und ihren neuen sozialen, produktiven und perzeptiven Beziehungsmustern herausbilden.
Vor diesem Hintergrund wird im ersten Ausstellungs-Display ein hypothetischer individueller Standpunkt bewusst innerhalb der Menschenmasse angenommen. Eine Untersuchungsmethode, die es erlaubt, die emotionale Zuneigung der Individuen aufgrund ihres physischen Kontakts zu ermitteln, je nachdem wie sich das Bewusstsein der eigenen Subjektivität zu dessen Negation durch den Verlust von Identität in der Gruppe verhält.

Constellations of One and Many - Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many – Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many - Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many – Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many - Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many – Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many - Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many – Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Mutant Matters in Constellations of One and Many - Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Mutant Matters in Constellations of One and Many – Part II, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

In der zweiten Konfiguration Here to There, There to Here [mit Beginn am 14. Februar) verschiebt sich der Standpunkt, um von außen das Bild der Masse zu betrachten. Ausgelöst durch die Revolutionen des so genannten arabischen Frühlings und der Occupy-Bewegungen erleben wir, wie die Produktion von Bildern, die die Darstellung der Masse zum Inhalt haben, in den letzten Jahren, wie bereits in den sechziger und siebziger Jahren, vermehrt zunimmt. In diesem Zusammenhang stellen Pisano und Archive Books eine Reihe von Fragen: Wie wirkt sich die Mediatisierung der Subjektivität auf die Verhältnisse von Nähe und Distanz aus? Welcher Art ist die Aufmerksamkeit für das Bild der Masse? Und welche Rolle spielt dieses Bild innerhalb der anerkannten Rhetorik bezüglich der Vorstellungen von sozialer Veränderung?

Constellations of One and Many - Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many – Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many - Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many – Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many - Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many – Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

c13

Constellations of One and Many - Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Constellations of One and Many – Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Body at Publish editorial station by Curandi Katz in Constellations of One and Many - Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Body at Publish editorial station by Curandi Katz in Constellations of One and Many – Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Mutant Matters in Constellations of One and Many - Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Mutant Matters in Constellations of One and Many – Part III, Installation view, photo Ivo Corrà, 2014

Die dritte Konfiguration Flesh made numbers made flesh again [ab 7. März] betrachtet die Masse als Öffentlichkeit und untersucht ihren Grad an Subjektivität und ihre ökonomische Relevanz im Rahmen post-fordistischer Produktionsweisen. In diesem Zusammenhang ist jede Ausstellung, angefangen bei den großen internationalen Ausstellungsformaten, niemals nur ein Dispositiv der Betrachtung und Darstellung, sondern in erster Linie eine Organisationsform der Produktion und somit des Sozialen.

Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Südtirol, Deutsche Kultur
Stadt Bozen, Amt für Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse
Mondriaan Stichting, Amsterdam
Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

CLOSE
Archiv
Gianni Pettena, La Mia Scuola di Architettura, 2011. photo Annelie Bortolotti Gianni Pettena, La Mia Scuola di Architettura, 2011. photo Annelie Bortolotti

PROLOGUE – PART TWO: LA MIA SCUOLA DI ARCHITETTURA
15 November - 11 Januar 2014

 

Gianni Pettena, Pedro Barateiro, Otobong Nkanga, Lorenzo Sandoval & S.T.I.F.F.

 

Kuratiert von Emanuele Guidi

Nach Part One: References, Paperclips and the Cha Cha Cha findet das Projekt Prologue mit Part Two: La Mia Scuola di Architettura seine Fortsetzung. Auch dieser Teil ist darauf ausgerichtet, jene Themen und Perspektiven, die für die zukünftige Arbeit von ar/ge kunst unter der neuen künstlerischen Leitung von Emanuele Guidi wichtig sind, zu vertiefen.

Gianni Pettena, Wearable Chairs, 1971, photo Annelie Bortolotti

Gianni Pettena, Wearable Chairs, 1971, photo Annelie Bortolotti

Gianni Pettena, Wearable Chairs, documentation, 1971, photo Annelie Bortolotti

Gianni Pettena, Wearable Chairs, documentation, 1971, photo Annelie Bortolotti

La Mia Scuola di Architettura, Installation view, photo Annelie Bortolotti

La Mia Scuola di Architettura, Installation view, photo Annelie Bortolotti

La Mia Scuola di Architettura, Installation View, photo Annelie Bortolotti

La Mia Scuola di Architettura, Installation View, photo Annelie Bortolotti

Otobong Nkanga, Social Consequences, book edition, 2013

Otobong Nkanga, Social Consequences, book edition, 2013

Gianni Pettena, The Game of Architecture, 2013

Gianni Pettena, The Game of Architecture, 2013

Gianni Pettena, Situazioni Competitive, 1971

Gianni Pettena, Situazioni Competitive, 1971

Pedro Barateiro, Endurance  Test, 2012, Installation view, photo Annelie Bortolotti

Pedro Barateiro, Endurance Test, 2012, Installation view, photo Annelie Bortolotti

Pedro Barateiro, Endurance Test, performance, 2013, photo Annelie Bortolotti

Pedro Barateiro, Endurance Test, performance, 2013, photo Annelie Bortolotti

Pedro Barateiro, Endurance Test, detail, 2012, Photo Annelie Bortolotti

Pedro Barateiro, Endurance Test, detail, 2012, Photo Annelie Bortolotti

Mit dem Titel der Ausstellung La Mia Scuola di Architettura ist auch ein Werk von Gianni Pettena benannt und zwar eine 12teilige Fotoserie über die Gipfel der Dolomiten. Ausgehend von der Bedeutung, die Pettena diesem Panorama zumisst, hat es sich die Ausstellung zum Ziel gesetzt, Fragen zum Begriff „Landschaft“ zu stellen und über den Einfluss nachzudenken, den diese auf die Ausrichtung Einzelner (Künstler oder Bürger) und letztlich auf die Lebensumstände einer ganzen Gemeinschaft haben kann. Bereits in der Biografie des Künstlers angelegt und davon ausgehend, weist das in der Ausstellung eröffnete Spannungsfeld des Begriffs „Landschaft“ über dessen geophysische, soziopolitische und wirtschaftliche Bedingtheit hinaus hin zu einer emotionalen Dimension: 1940 in Bozen geboren, verlässt Gianni Pettena Südtirol bereits in frühen Jahren auf der Suche nach innovativen Ausbildungsmöglichkeiten und wird, zwischen Florenz und den Vereinigten Staaten, schließlich zu einem der konstituierenden Mitglieder jener Kerngruppe von Architekten, die mit Archizoom, Superstudio und Ufo als die Begründer der „radikalen Architektur“ Italiens angesehen werden. Erst der Umweg einer weitreichenden Karriere, mit der Pettena die Grenzen der Architektur auslotet, führt ihn schließlich zurück in die Landschaft seiner Kindheit und Jugend, der er mittlerweile eine „grundlegende“ Bedeutung für seine Arbeitsweise zuerkennt.

La Mia Scuola di Architettura (2011) setzt sich einerseits mit dem Wunsch einer Rückbesinnung auf dieses Ambiente auseinander, andererseits verdeutlicht es das konzeptuelle Ungleichgewicht, das die Architektur und das „Gebaute“ im allgemeinen im Verhältnis zur Naturlandschaft haben. Natur und Architektur befinden sich für den Künstler in einem Konfliktverhältnis, wie es auch in den beiden, bis heute nur auf Papier existierenden Projekten Situazione Competitiva (1971) und The Game of Architecture (2013) zum Ausdruck kommt, vor deren Hintergrund Pettena Mutant Matters von Lorenzo Sandoval & S.T.I.F.F. vorstellen und es mit einem weiteren seiner Werke Vestirsi di Sedie (1971) in Verbindung bringen wird.

Auch für Otobong Nkanga und Pedro Barateiro ist der „persönliche“ Bezug der Ausgangspunkt einer Untersuchung, mit der sie die sie umgebende Landschaft überprüfen und als komplexes und wechselseitig sich beeinflussendes Gefüge von Wirtschaft, Natur und „Körperpolitik“ wahrnehmen.

Otobong Nkanga, die in Nigeria geboren und aufgewachsen ist und in Frankreich ihre Ausbildung erfuhr und eigens für die Ausstellung eine Serie von Zeichnungen realisiert hat, bringt in ihrer Arbeit persönliche Erfahrungen mit einer Reflexion über die Dynamiken des Wohnens in Verbindung (Social Consequences IV, 2013). Die Zeichnung stellt für die Künstlerin dabei eine Übung im nicht-linearen Erzählen dar, mit der sie eine Beziehung herzustellen vermag zwischen dem Gewordenen einer Landschaft (durch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und die Praxis des Bauens) und den Umständen, unter denen das Individuum innerhalb einer Struktur/Gesellschaft sich konstituiert.

Anders formuliert Pedro Barateiro dieses Verhältnis in seiner Performance und Installation Endurance Test (2012). Mit „Härtetest“ bezieht sich der Künstler auf jene Bedingungen, die die Diktate der Troika dem Land Portugal (wo Barateiro geboren ist und wo er lebt) unentwegt auferlegen. Die Performance, auch verstanden als Kredit- und Zinsverkehr mit den internationalen Finanzmärkten, dem sein Land unterworfen ist, verwendet der Künstler, um über die Grenzen seiner eigenen künstlerischen Praxis nachzudenken. Entsprechend untersucht Barateiro ausgehend von dessen linguistischer und ontologischer Dimension ein Wirtschaftsszenario unter „Stresstest“, wonach ganze europäische Nationalstaaten geeinigt und deren innere Landschaften neu definiert werden.

Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Südtirol, Deutsche Kultur
Stadt Bozen, Amt für Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse
Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen

CLOSE
Archiv
Installation view, ar/ge kunst Galerie Museum. Photo: Annelie Bortolotti, 2013 Installation view, ar/ge kunst Galerie Museum. Photo: Annelie Bortolotti, 2013

PROLOGUE – PART ONE: REFERENCES, PAPERCLIPS AND THE CHA CHA CHA
06 September - 31 Oktober 2013

 

Stephen Willats, Curandi Katz, Gareth Kennedy, Hope Tucker, Lorenzo Sandoval & S.T.I.F.F.

 

kuratiert von Emanuele Guidi

Installation view, ar/ge kunst Galerie Museum. Photo: Annelie Bortolotti, 2013

Installation view, ar/ge kunst Galerie Museum. Photo: Annelie Bortolotti, 2013

Prologue

Prologue ist das erste Ausstellungsprojekt des Künstlerischen Leiters Emanuele Guidi in der ar/ge Kunst Galerie Museum.
Prologue versteht sich als vorwegnehmendes und vorbereitendes Moment für die zukünftigen Aktivitäten der Galerie Museum.
Prologue ist ein Beginn in zwei Teilen, darauf ausgerichtet, die Kontinuität zur Geschichte von ar/ge Kunst zu wahren und dabei nach neuen Erzählweisen zu suchen.

Die aus Schlüsselwörtern, Begriffen und Titeln von Ausstellungsobjekten zusammengesetzten Titel Part One: References, Paperclips and the Cha Cha Cha und Part Two: La Mia Scuola di Architettura beschreiben den Zusammenhang jener Quellen, Themen, Kunstpraktiken und Erzählweisen, die im Mittelpunkt der kommenden künstlerischen Auseinandersetzung von ar/ge kunst stehen werden. Dementsprechend sind die beiden Teile eine Antwort auf das Bedürfnis, zur Unterstützung der Ausstellungsprojekte und diskursiven Programme, die gemäß unterschiedlicher zeitlicher und strategischer Kriterien zu entwickeln sein werden, mit dem progressiven Aufbau eines konzeptuellen und räumlich verankerten frameworks zu beginnen.

Installation view, ar/ge kunst Galerie Museum. Photo: Annelie Bortolotti, 2013

Installation view, ar/ge kunst Galerie Museum. Photo: Annelie Bortolotti, 2013

Part One: References, Paperclips and the Cha Cha Cha
Stephen Willats, Curandi Katz, Gareth Kennedy, Hope Tucker, Lorenzo Sandoval & S.T.I.F.F.

1982 veröffentlicht der Künstler Stephen Willats das Buch Cha Cha Cha (Coracle/Lisson, London). Es erzählt die Geschichte des Cha Cha Clubs, eines der legendärsten Clubs der Londoner Post-Punk-Szene, und ist das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen Willats und den Begründern des Clubs, Michael und Scarlett. Bilder von Orten und Objekten ihres Alltagslebens stehen nächtlichen Porträtaufnahmen und Auszügen von Interviews mit den Mitgliedern des Clubs gegenüber und machen deutlich, inwiefern diese selbstverwaltete „Kapsel“ für sie eine Möglichkeit des Widerstands, eine Neuerfindung der „normalen“ Gesellschaft oder eine Flucht aus ihr darstellt. In der Zeit eines Englands der konservativ-liberalen Politik von Margaret Thatcher und eines Londons mit enormen sozialen Spannungen und Unruhen beschreibt Willats die Entscheidung einen Club zu gründen als eine Handlung, in der „Money is definitely not the prime motive, much more important is providing a context for the group to become a community and for the manifestation of something very extreme through creative forms of self-identity, clothing, make-up hairstyles, etc…” Speziell der Cha Cha Club „captured the spirit of this new generation’s attitude perhaps more than any other, where everything was possible if your attitude was right”.

Das workbook Cha Cha Cha wird in den Räumen von ar/ge kunst – im Dialog mit der Audio-Installation Inside the Night (1982) – in Form eines Displays präsentiert, als eine Reflexion über den Begriff der selbstverwalteten Gemeinschaft, den Willats im Laufe seiner Arbeit entwickelt hat, und den möglichen Formen von Austausch, Zusammenarbeit und Repräsentation, die mit diesem einhergehen können. Außerdem steht Cha Cha Cha, das begleitend zur Veröffentlichung des bekannteren Werkes Are you good enough for the Cha Cha Cha? erschienen ist, für eine Haltung, die das Künstlerbuch bzw. allgemeiner die verlegerische Tätigkeit als eine autonome und gleichwertige Ausdrucksform anerkennt. Und schließlich ist die von Willats bereits in den 60er Jahren formulierte Definition des Kunstwerks als „model of human relationships”, „open-ended process” und „learning system” die als „its own institution and as such is independent of art institutions” agieren kann, gerade für eine Institution zeitgenössischer Kunst wie ar/ge kunst ein ergiebiges Moment der Auseinandersetzung und Überprüfung.

Mit Interventionen und Arbeiten, die speziell für dieses erste Projekt konzipiert oder an dieses angepasst wurden, erweitern und verdichten Lorenzo Sandoval & S.T.I.F.F, Hope Tucker, Curandi Katz und Gareth Kennedy das gegebene Szenario.

Mutant Matters (2013), das aus einer Zusammenarbeit des Künstlers und Kurators Lorenzo Sandoval mit dem deutschen Architektenkollektiv S.T.I.F.F entstanden ist, ist eine flexible und anpassbare Struktur, dessen Grund-Modul ein Stuhl ist, aus dem ein Bücherregal, ein Archiv, eine Wand, eine Serie von Sitzgelegenheiten oder ganz generell Trägerflächen für andere Werke geschaffen werden können. Das erste Set-up von Mutant Matters wird ein Bücherregal mit thematisch ausgewählten Beständen aus dem Archiv ar/ge kunst sein, zu dem das Publikum somit zum ersten Mal Zugang erhält. Anschließend wird die Struktur zu einem integrierenden Teil der Architektur von ar/ge kunst und kann in Absprache mit Sandoval und S.T.I.F.F. anlässlich anderer Präsentationen und Projekte neu zum Einsatz kommen.

Das Duo Curandi Katz (Valentina Curandi und Nathaniel Katz) präsentiert in diesem Zusammenhang eine gedruckte und gebundene Ausgabe von achtundzwanzig Übersetzungen des Buches From Dictatorship to Democracy von Gene Sharp, die darüber hinaus kostenlos von der web page herunter geladen werden können (Die pazifistische Bibliothek Aktion #5: Ausbreitung 2013). Seit zwanzig Jahren gilt der amerikanische Intellektuelle für Dissidenten aus aller Welt, von Burma über Ex Jugoslawien bis nach Ägypten, wegen seiner Untersuchung und Veröffentlichung von Praktiken des Widerstands und von Gewaltfreiheit als einer der wichtigsten Bezugspunkte.
In früheren Jahren hat Sharp des öfteren betont, dass er von der geheimen Presse beeinflusst worden sei, die während der Besatzung der Nazis von norwegischen Lehrern an den Schulen produziert und verteilt worden ist. Speziell die Möglichkeit, durch „Schmuggel“ die Rolle einer Institution neu zu erfinden, hat Curandi Katz dazu inspiriert, innerhalb von ar/ge kunst eine selbstverwaltete Editionsstätte zu eröffnen. Das Publikum ist eingeladen, sich das in der Bücherei bereit gestellte Material aus dem Archiv anzueignen, mit der Auflage, dass es auf die Rückseite der Seiten von From Democracy to Dictatorship fotokopiert und anschließend gebunden werden muss.

Auch die amerikanische Filmemacherin Hope Tucker teilt das Interesse an der Arbeit von Gene Sharp und erzählt in ihrem Video Vi holder sammen (We Hold Together 2011) ebenfalls eine norwegische Widerstandsgeschichte. Die von Johan Vaaler Ende des 19. Jahrhunderts erfundene Heftklammer wurde zwar wegen seines nicht wettbewerbsfähigen Designs niemals industriell produziert, erfuhr aber eine Wiedergeburt indem sie, unsichtbar für die Augen der Besatzer, als Symbol der Einheit und der Verbundenheit getragen wurde. Um über eine kollektive Geste zu berichten, die die Funktion und die Bedeutung eines bereits nutzlos gewordenen Gegenstands veränderte und ihn dem norwegischen imaginären Volksgut eingeschrieben hat, verändert Tucker die Heftklammer zu einem typografischen Zeichen.

Eingeladen ist auch der irische Künstler Gareth Kennedy mit einer Präsentation und einem book launch am 24. September. Der Vortrag wird eine Einführung zu seinem Konzept von Folk Fiction und Erfindung der Tradition sein und ist als der Beginn eines einjährigen Projektes gedacht. Im Verlauf des Jahres 2014 wird Kennedy demnach für eine Reihe kürzerer Forschungsaufenthalte nach Bozen zurückkehren und eine regelrechte Forschungskommission begründen. Mit der von Anfang an gegebenen Öffentlichkeit des Projekts ist nicht nur dessen zeitlich umfassende Kommunikation und Dokumentation beabsichtigt, sondern auch die Möglichkeit einer Zusammenkunft, bei der die Quellen, Bezugspunkte und Interessen ausgetauscht und dadurch unmittelbar auf die Forschungsergebnisse eingewirkt und diese beeinflusst werden können.

Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Südtirol, Deutsche Kultur
Stadt Bozen, Amt für Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse

CLOSE
Archiv
Fahmi Reza
Don't Just Complain Fahmi Reza Don't Just Complain

OCCUPRINT
14 Juni - 3 August 2013

Occuprint
kuratiert von Luigi Fassi in collaborazione con Occuprint

Mit der Besetzung des Zuccotti Parks, Wall Street, New York City am 17. September 2011, entsteht das Phänomen Occupy, das sich sehr geschwind in 82 Ländern ausbreitet. In der tiefsten Wirtschafts- und Sozialkrise, die einen Großteil der westlichen Welt fest im Griff hält, erhebt sich ein unerwarteter Sturm des Protestes, der Erneuerung und der Hoffnung auf Veränderung.

Aus der lebendigen Aufbruchsstimmung dieser politisch innovativen Protestkundgebungen entstanden, kümmert sich Occuprint als amerikanisches Kuratorenkollektiv um die Veröffentlichung und Verbreitung künstlerisch besonders relevanter Projekte der internationalen Occupy Moments.

Nina Montenegro An Idea Cannot Be Destroyed

Nina Montenegro
An Idea Cannot Be Destroyed

Auslöser für das Projekt Occuprint war die Einladung des Occupy Wall Street Journals, der Poster Art der Occupy Bewegung eine Sondernummer zu widmen. Entstanden ist daraus eine digitale Plattform, die kontinuierlich wächst und sich zum Ziel gesetzt hat, die im Zusammenhang der global agierenden und mittlerweile alle Kontinente umfassenden Occupy Movements entstandenen Druckwerke zu verwalten und zu verbreiten.

Occuprint sammelt jene Plakate, deren Botschaften und Slogans auf die Offenlegung eines bestimmten Verhältnisses abzielen: Es geht um das Verhältnis zwischen dem 1% der Weltbevölkerung, die angeklagt ist, Politik ausschließlich zum eigenen Nutzen zu betreiben und den 99%, die die Konsequenzen daraus tragen. In der Ausstellung der ar/ge kunst ist es speziell der Slogan we are the 99%, der ins Auge fällt und den kollektiven und weltumspannenden Charakter des Phänomens Occupy unterstreicht.

Widerstand, die Enthüllung des Status Quo der Privilegien und die absolute Zurückweisung jeder führungsorientierten und antidemokratischen Politik sind den ausgestellten Plakaten zufolge die Schlüsselforderungen der Occupy-Ideologie.

Die in der ar/ge kunst Galerie Museum gezeigten Plakate sind somit Teil einer regelrechten Programm-Agenda, die von Statements zur internationalen Politik über Forderungen zur Erneuerung der industriellen Produktionsbedingungen sowie der Arbeitsverhältnisse bis hin zur Bestimmung eines neuen ethischen Modells zugunsten eines kollektiven Wohlstands reicht, der auf den Grundsätzen von Solidarität und der Verteilung eines gemeinschaftlich verwalteten öffentlichen Gutes beruht. Somit die Vorstellung von Demokratie als der Verteilung von commons im Gegensatz zur Habgier der Privatisierungen, wie sie von den neoliberalen Systemen amerikanischen Ursprungs diktiert werden und immer mehr Zuspruch finden in den europäischen Regierungen.

Die Sammlung von Occuprint erweist sich somit als Anregerin von sehr viel komplexeren politischen und ökonomischen Diskursen, als es oberflächlich besehen den Anschein hat. Slogans, Leitsprüche und satirische Zeichnungen, die von den Indianern Nordamerikas über den Stier der Wall Street bis zu den spanischsprachigen Protesten der südamerikanischen Länder und jenen der verschiedenen europäischen Städte reichen, bilden ein immenses Arsenal von Zeichen und Bedeutungen, das mit wenigen Strichen alle ungelösten Probleme umreißt, die die westliche Welt in den kommenden Jahren wird lösen müssen.

Es ist ein Überblick über die neuen, global verankerten Szenarien der politischen Auseinandersetzung, die dem Betrachter, auch dem, der bis dahin noch nie etwas von den Occupy Movements gehört hat, hier geboten wird. Im Fokus steht nicht die offizielle Auseinandersetzung der Parlamente und Regierungen, sondern die authentischere und unmittelbarere einer neuen Generation von Bürgern, wie sie gegenwärtig in allen Städten der Erde von der Basis aus entsteht.

Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Südtirol, Deutsche Kultur
Stadt Bozen, Amt für Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse
www.occuprint.org

CLOSE
Archiv

SPACE TRAVELERS
05 April - 1 Juni 2013

Kristina Inčiūraitė, Cooltūristės, Ugnius Gelguda & Neringa Černiauskaitė
kuratiert von Laima Kreivytė

Eine Ausstellung ist eine Reise. Sie führt dich an Orte, die du noch nie gesehen hast. Diese Ausstellung ist eine Reise durch die Erinnerung, der Versuch, die „kosmische“ Vergangenheit der 1970er Generation in Litauen neu zu erfahren. Sie beginnt also mit dem Fernsehturm in Vilnius, dem höchsten Gebäude in Litauen (326,50 m). Die Aussichtsplattform erinnert an eine (fliegende) Untertasse und dreht sich alle 55 Minuten einmal um die eigene Achse. Hier befindet sich das Kaffee „Milky Way“ (Milchstraße). Man kann hier Kaffee trinken und sich über Vilnius einen Überblick verschaffen, nicht durch einen Stadtführer, sondern durch eine atemberaubende Schau aus der Vogelperspektive. Oder du kommst in die ar/ge kunst Galerie Museum in Bozen und versenkst dich in die „kosmischen Utopien“.
Hier hat alles begonnen. Noch immer gibt es in der Nähe des Fernsehturms einen Kindergarten mit einem geisterhaften Spielplatz, der an eine Mondlandschaft erinnert (er könnte in der Tat jeden Augenblick abgerissen werden). Dieser Ort hat sowohl die Cooltūristės als auch Ugnius Neruda mit Neringa Černiauskaitė angeregt, den verblassenden Erinnerungen nachzugehen, die das einstmalige „kosmische“ Viertel von Vilnius betreffen. Beinahe jede größere Stadt in der früheren UDSSR hatte ein solches. Doch die Besonderheit der litauischen Version war eine seltsame Mischung aus Weltraumrethorik und den fernen Echos heidnischer Mythologie. Naturverbundenheit und der Glaube an den technologischen Fortschritt waren im atheistischen Staat kein Widerspruch. Die Litauer haben sich nämlich immer ganz bewusst als die „letzten Heiden Europas“ gesehen und damit ihren Nationalstolz begründet. Mag sein, dass das der Grund ist, warum für das 1970 neu errichtete Wohnviertel Karolinškės nur eine einzige eindeutige Bezugnahme zum sowjetischen Raumfahrtprogramm auszumachen ist, und zwar der Name der Hauptstraße: Die „Straße der Kosmonauten“ (heute: Freiheitsstraße). Alle anderen Straßen, Geschäfte oder Bushaltestellen tragen die Namen von Himmelskörpern oder von Naturphänomenen: Saturn, Merkur, Komet, Regenbogen, Donner, Blitz, Meteorit, Wirbelsturm, Sterne, Mond.
Es überrascht also nicht, dass jeder Kindergarten und jeder Spielplatz mit einer stählernen Kugel und einem Raumschiff in Form einer Rakete ausgestattet war. Raumfahrer war das, was man als Großer werden wollte. Die namentlich nicht aufscheinenden Künstler der Cooltūristės laden zusammen mit den Performern von Nunu den Betrachter ein, sie in ihrer Mondmission zu begleiten und beziehen sich dabei auf ein heute noch existierendes Gerücht, dass die Apollo 11-Mondlandung von Stanley Kubrick inszeniert in Hollywood stattgefunden habe und dass die Amerikaner in Wirklichkeit nie auf dem Mond gelandet seien. Ihre Mondlandung inszenieren die Cooltūristės und die Nunu also in der Mondlandschaft des Weltraumkindergartens (Space Kindergarten, 2012). Sie steigen aus einem „Erinnerungs“-Raumschiff und folgen der alten Straßenbahnlinie mit ihren „himmlischen“ Haltestellennamen.
Seit dem 13. Januar 1991 ist alles anders: Vierzehn unbewaffnete Zivilisten wurden hier getötet, weil sie sich vor dem Turm den sowjetischen Militärkräften entgegenstellten. Straßen wurden seither umbenannt und den Helden gewidmet und der Fernsehturm ist heute eine Gedenkstätte inmitten eines Nadelwaldgürtels, der inoffiziell als Friedhof für Tiere genutzt wird. Dieses seltsame Zusammentreffen war für den jungen Performer der Gruppe Nunu – Žygimantas Kudirka der Auslöser für sein Gedicht über Tiere im Weltraum.
Ugnius Gelguda und Neringa Černiauskaitė benutzen das schwarz-weiß Foto eines unfertigen Sendeturms als Sprungbrett zu einem parallelen Universum. Dieses imaginäre Gebäude ist Teil eines noch nicht realisierten Szenarios zu einem ersten litauischen Science-Fiction-Film. Sie lassen sich von denselben kosmischen Gegebenheiten anregen, erschaffen aber andere Mythen und Stimmungen. Ihr Film In the Highest Point, (2011), gedreht mit einer 16 mm-Kamera, holt die Aura der verschwindenden utopischen Architektur zurück.
Kristina Inčiūraitė vollzieht einen Ortswechsel, wir befinden uns aber immer noch in Sichtweite. Auch das Wohnviertel Lazdynai wird vom Fernsehturm dominiert, auch hier beherrschen Konzepte der Beobachtung und der ständigen Überwachung das Stadtbild. Mithilfe von Teleobjektiven ist Inčiūraitė drei Männern gefolgt, auf ihrem Weg von der Bushaltestelle bis zu ihrem Zuhause in Lazdynai. Die Erzählungen dieser Überwachung sind in ihrem Film Following Piece, (2011), mit Bildern eines Waldes gekoppelt, der sich im selben Viertel befindet. Nacheinander tauchen in diesem Wald einzelne Frauen auf, die ihren Hund spazieren führen. Wer wird von wem verfolgt? – fragt die Künstlerin.
Ihr neuer experimenteller Dokumentarfilm The Meeting (2012), verwebt noch einmal imaginäre Landschaften mit hochfliegenden Träumen, auch diesmal diente ein „fliegendes“ Bauwerk aus der Sowjetzeit als Inspirationsquelle. Eine Seilbahn oder ein Fahrstuhl, wie sie oder er Kindheitserinnerungen entstammt, bringt die Künstlerin zu einer weit entfernten Stadt in die Region Kalingrad in Russland. Im Film beginnt Kristina Inčiūraitė eine Brieffreundschaft mit einer gleichaltrigen Frau aus der Stadt Svetlogorsk, die im Internet nach neuen Bekanntschaften sucht. Die Autorin verwendet einen männlichen Namen und verschweigt ihrer Briefpartnerin, dass das Ganze Teil eines Kunstprojektes ist. Das Spiel mit der Identität verbindet sich in metaphorischer Weise mit der ungelösten Situation der an der Küste verkehrenden Seilbahn von Svetlogorsk. Einer enormen und augenfälligen Konstruktion, die durch die Einflüsse der Erosion dem Verfall preisgegeben ist.
Die Generation dieser Weltraum-Künstler sucht nach der verlorenen Vergangenheit und projiziert sie in die Gegenwart. Indem sie nach verborgenen Erinnerungslandschaften gegenwärtiger Städte suchen, erschaffen sie alternative Szenarien für die Zukunft. Aber möglicherweise drehen sie sich auch nur im Kaffee „Milky Way“ auf Vilnius‘ Fernsehturm und versuchen, indem sie in Kreisen und Spiralen denken statt in geraden Bahnen, die historische Zeitrechnung in eine mythische umzuwandeln. Eine Reise in den Raum ist immer auch eine Reise in die Zeit.

CLOSE
Archiv
120

MARIANNE FLOTRON – PILVI TAKALA
01 Februar - 23 März 2013

kuratiert von Luigi Fassi

Welchen Veränderungen ist die Arbeitswelt auf globalem Niveau ausgesetzt? Welches Verhältnis besteht zwischen den verbreiteten Flexibilitätsmodellen und der kreativen Arbeit? Hat die Aufweichung des Fordistischen Modells tatsächlich zu einer größeren Freiheit, Dynamik und zu menschlicheren Bedingungen geführt oder hat nur oberflächlich eine Veränderung der Methoden stattgefunden, um die gleichen Produktionsziele zu erreichen?

Solcherart lauten die Fragen der Ausstellung mit Werken zweier Künstlerinnen, die sich in explizit analytischer und tiefgreifender Weise damit auseinander setzen. Trotz der Verschiedenheit ihrer Herangehensweisen benutzen Marianne Flotron (Schweiz, 1970) und Pilvi Takala (Finnland, 1981) vergleichbare Analyseverfahren – zum Beispiel das Rollenspiel oder die Simulation von gefälschten Identitäten –, um ins Innere von geschlossenen Arbeitssystemen zu gelangen und deren Funktionsweisen zu analysieren. Ihren Untersuchungen zufolge stellt sich die abhängige Arbeit heute als ein fortschrittliches Labor gesellschaftlicher Planung, psychologischer Kontrolle und geistiger Unterwerfung dar, das darauf ausgerichtet ist, den Einzelnen immer mehr in Richtung eines angepassten Erfolgsinstruments zu verändern, und jeden Widerstand gegenüber dem System, dessen Teil er ist, zu verhindern.

Fired (2007) ist von Flotron während eines Workshops in einer holländischen Firma realisiert worden, in dem den Managern die rhetorischen und psychologischen Techniken beigebracht wurden, wie Entlassungen an Angestellten durchzuführen sind. In Form eines Rollenspiels inszeniert eine Trainerin ein Gespräch mit einem der Manager und übernimmt dabei die Rolle der Angestellten, die eingeladen wurde, um die Mitteilung der Entlassung zu erhalten. Das Wort „Entlassung“ wird im Verlauf des Gesprächs kein einziges Mal erwähnt und entspricht damit der üblichen Praxis, bewusst jeden allzu eindeutigen Begriff zu vermeiden und stattdessen die Situation abzuschwächen, um damit nicht nur der emotionalen Aggressivität des Angestellten vorzubauen, sondern ihn sogar von der Unvermeidbarkeit der betrieblichen Entscheidung zu überzeugen.

Work (2011) ist das Ergebnis eines längerfristigen Experiments, das Flotron im Umfeld einer großen privaten Versicherungsgesellschaft in Amsterdam durchgeführt hat. Als Teil einer großen Unternehmensgruppe gilt diese Firma als ein Paradebeispiel für das Angebot kreativer Arbeitsverhältnisse und bietet seinen Angestellten neben angemessenen Gehältern und Gewinnbeteiligung auch eine große Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung, was auch bedeutet, dass diesen betreffend die Benützung des Firmengebäudes große Freiheit eingeräumt wird, sofern die Ziele der Produktivität gewahrt bleiben. In Form eines einwöchigen Workshops mit den Angestellten der Firma, zeigt dieses Videowerk, wie das heutige, auf Kreativität, Flexibilität, gleitende Arbeitszeit und emotionale und persönliche Identifikation mit der Arbeit aufgebaute Firmenmodell im Grunde auf einer antidemokratischen und zugespitzt hierarchischen Logik basiert, die darauf abzielt, den Angestellten zu einem sich freiwillig dem Konsens und der intellektuellen Passivität gegenüber der Firma unterwerfenden Spielball zu machen.

Für The Trainee (2008) hat Pilvi Takala ein einmonatiges Praktikum bei der finnischen Niederlassung von Deloitte, einer großen multinationalen Beratungsfirma absolviert. Während dieses Monats hat die Künstlerin unter einem Decknamen (nur ein kleiner Kreis Eingeweihter war über ihr Projekt informiert) ganze Tage damit zugebracht, an ihrem Schreibtisch zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren und ihr Verhalten auf Nachfrage als brain work zu rechtfertigen. Takalas Verhalten wirkt wie ein Virus, der auf provozierende Weise die Logik der betrieblichen Produktivität von innen heraus zersetzt, um schließlich sogar den eigentlichen Zweck des Ganzen, die Ziele des Firmenprofits, in Zweifel zu ziehen. Das als brain work deklarierte Nichtstun erscheint den Angestellten von Deloitte wie eine Bedrohung ihrer Berufsidentität, die innerhalb des von ihnen praktizierten Gehorsamkeits- und Identifikationskults mit dem Betrieb wie eine offene Wunde klafft. Takalas Kritik erwächst daraus die Qualität eines bewussten nihilistischen Aktivismus, in dem ausgerechnet das Nichtstun, die absolute Inaktivität, zur radikalst möglichen Geste avanciert, zum Zeichen einer grundlegenden Sinnlosigkeit, und damit zur absoluten Antithese zur neuen Ideologie der Betriebsarbeit.

Mit freundlicher Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Südtirol, Deutsche Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse
Stadt Bozen, Amt für Kultur
Ministerium für Kultur, Taiwan
Mondriaan Fund, Amsterdam
Pro Helvetia, Zürich
boConcept Store, Bozen

CLOSE
Archiv
Basim Magdy, My Father Looks for an Honest City, video still (2010) Basim Magdy, My Father Looks for an Honest City, video still (2010)

IN THE WINTRY THICKET OF METROPOLITAN CIVILIZATION
16 November - 12 Januar 2013

Yin-Ju Chen & James T. Hong, Basim Magdy, Mores McWreath, Pietro Mele, Camilo Yáñez
kuratiert von Luigi Fassi

Die Arbeit In the Wintry Thicket of Metropolitan Civilization (Im frostigen Dickicht der Großstadt) zitiert eine gleichnamige Passage aus The Culture of Cities, dem ersten Werk des Architekturkritikers Lewis Mumford aus dem Jahr 1938. Als Schlüsseltext der städtebaulichen Entwicklung im 20. Jahrhundert, ist dieses Buch gleichsam das theoretische Manifest eines Urbanisten, der sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden, intellektuellen wie theoretischen Mitteln gegen jene Spirale der chaotischen, unmenschlichen und depressiven Entwicklung gewehrt hat, die sich in jener Epoche abzuzeichnen begann und zunehmend das US-amerikanische Stadtbild prägte. Mumfords leidenschaftliche Analysen vereinten in ihrem Versuch, die Urbanistik als zutiefst humanistische Praxis neu zu konzipieren, tatkräftiges Engagement mit theoretischer Weitsicht. Er betrachtete die Städteplanung von einem Standpunkt aus, der von einem Zusammenspiel gesellschaftlicher und fortschrittlicher Werte ausging. So ist The Culture of Cities Ausdruck einer Konzeption gemeinsamer Projekte und Hoffnungen, die konkret über eine planerische Praxis dekliniert werden, welche die Aufmerksamkeit wieder auf die Städte als entscheidende Zentren des gesellschaftlichen Lebens im 20. Jahrhundert und in naher Zukunft lenken sollten.

My Father looks for an honest city (2010)

My Father looks for an honest city (2010)

Im Rahmen der Ausstellung werden die Arbeiten von fünf Künstlern und Künstlerinnen aus verschiedenen Kontinenten gezeigt, die sich in ihrer künstlerischen Recherche mit der Thematik des Urbanismus und der städtischen Entwicklungsgeschichte der Großstädte auseinandersetzen – angefangen bei einem Wertesystem, das den Menschen in seiner ganzen sozialgeschichtlichen Komplexität in den Mittelpunkt der künstlerischen Reflexion stellt. Es handelt sich dabei nicht um deskriptive Arbeiten oder abstrakte Projektstudien, sondern um Erzählungen und Anregungen auf der Grundlage einer kritische Auseinandersetzung, bei der das Thema Stadt – verstanden als soziokulturelle Agglomeration, als Polis – einen zentralen Stellenwert einnimmt. Zwischen der jüngsten Vergangenheit und einer imaginierten Zukunft changierend, geben die ausgestellten Arbeiten auf ungezwungene Weise den enigmatischen Sinn des Titels wieder, den Mumford einerseits als Alarmsignal verstand, während er zugleich auf die Notwendigkeit hinweisen wollte, die Lebensräume des Menschen neu zu konzipieren, angefangen bei der Stadt als dem seit jeher wichtigsten Ort der Agglomeration und des menschlichen Zusammenlebens.
So stehen der städtische Raum und die Orte der aktuellen Metropolregionen im Mittelpunkt der gezeigten Arbeiten der Ausstellung. Sie werden aus verwinkelten, mehrdeutigen Perspektiven beleuchtet und zwischen den Katastrophen der Vergangenheit und einer Gegenwart in ständiger Erneuerung neu verortet.

Die Arbeit My Father looks for an honest city (2010) von Basim Magdy lässt eine desolate Szene in einem der Randbezirke Kairos erkennen. Der Bezirk dehnt sich aus, er ist gezeichnet von anonymen Gebäuden, die noch nicht fertig gebaut sind, von wassergebundenen Straßen und streunenden Hunden. Dieser Ort des Übergangs zwischen Zement und Wildwuchs, der noch nicht zur Gänze urbanisiert aber auch nicht mehr ländlich ist, wird vom Vater des Künstlers durchquert. Er hält dabei am helllichten Tag eine leuchtende Lampe in der Hand und untersucht das Territorium ohne eindeutig erkennbares Ziel. Die Bezugnahme dieser Arbeit auf den Kyniker Diogenes von Sinope ist evident, denn dieser lief bekanntlich mit einer Lampe in der Hand am helllichten Tag durch den Markt von Athen, um „einen Menschen“ zu finden. Mit dieser paradoxen Geste übte Diogenes eine radikale Kritik an seinen Mitmenschen, er drückte damit seinen Zweifel an ihrer Fähigkeit aus, ihre soziale Realität aktiv mitzugestalten anstatt seelenlose Komparsen zu sein. Die philosophische Wiederholung seitens Magdy inszeniert auf intuitive Weise dieselbe Aufforderung, indem er durch die minimalistische Geste seines Vaters ein anonymes Territorium analytisch als solches dechiffriert. Auf diese Weise hinterfragt er das Schicksal Kairos und ganz Ägyptens. Der Audio-Mitschnitt eines Unwetters mit Donner untermauert eruptiv die Trostlosigkeit dieser sonnigen Landschaft und unterstreicht damit in quasi-abstrakten Begrifflichkeiten die Entropie der industriellen Zerstörung des gesamten Gebietes sowie die radikale Unsicherheit der Gegenwart. Die gesamte Szene wird beherrscht vom sprachlosen Umherpilgern des Vaters-Diogenes – eine paradigmatische Mahnung, die wahre Identität des Menschen hinter den Schleiern der Hypokrisie zu suchen.

You Have never Been There (2010) ist ein 90-minütiger Film von Mores McWreath, der sich aus 120 locker inszenierten Filmszenen zusammensetzt, welche in apokalyptischen Worten das Ende der menschlichen Zivilisation erzählen und thematisieren. Dazu hat der Künstler Szenen gewählt, in denen sich zerstörte urbane Landschaften mit zerstörten Naturlandschaften klar abwechseln. Sie sind gezeichnet von den Überresten der westlichen Zivilisation und von einer Gegenwart, die sich im Niedergang und in Auflösung befindet. Während des ganzen Films erscheinen keine Menschen auf der Bildfläche, so als ob die gesamte Menschheit die letzte Katastrophe, die sich auf den Planeten niedergeschlagen haben würde, nicht überlebt hätte. McWreath hat jede Erzählung, jede anschauliche Inszenierung ausgeschlossen und sich stattdessen beim Schneiden auf Bilder des Übergangs und der Durchquerung konzentriert. Auf diese Weise werden diese Bilder zum wesentlichen Bestandteil seiner Arbeit. In letzter Instanz ist You Have Never Been There ein Abbild der westlichen Gesellschaft nach ihrem Untergang; es ist die bildliche Beschreibung einer fortschreitenden Selbstzerstörung, wobei der Künstler die Filmästhetik letztlich der Fiktion entzieht, um zu einer realen Dokumentation zu mutieren, zu einem Zeugenbeweis, zu einem Archiv ante litteram für ein durchaus glaubwürdiges zukünftiges Szenario.
End Transmission (2010) von Yin-Ju Chen & James T. Hong ist ein weiterer Film voller Zukunftsverweise, bei dem eine latente Bedrohung in der Luft liegt. Eine Reihe aufeinander folgender Schwarzweißbilder von Großstadtplätzen bildet eine nicht dechiffrierbare Landschaft, die ein Gefühl der Überwachung und Unterordnung vermittelt. Periodisch wiederkehrende Botschaften diktieren das neue Programm der globalen Verwaltung durch unbestimmbare, fremde Wesen. Aus den Texten in Befehlsform geht hervor, dass die Menschheit in ihrer Gesamtheit versagt hat und einer radikalen Intervention in Form einer Wiedergeburt seitens einer äußeren Macht bedarf. Dieser Eindruck einer Science-Fiction Szene wird durch die filmische Stringenz der beiden Künstler verstärkt, unterstützt von authentischen Bildern diverser Industrieplattformen sowie nächtlicher Aufnahmen von schier grenzenlosen Metropolen, Treibhäusern und Massen an Konsumgütern, die für den Export bestimmt sind. Der dokumentarische Stellenwert dieser Aufnahmen wird durch den Verzicht auf Farbe und Ton verklärt, dadurch wird die Stimmung des Geschehens suspendiert, während die Botschaften erhalten bleiben. So erscheint der Film zunehmend als visuelle Halluzination zwischen Alptraum und Erlösung. Als Filmschauplätze dienen Yin-Ju Chen und James T. Hong verschiedene Orte in Europa und Asien, ihre Szenen sind Anspielungen auf die derzeitigen Veränderungen des aktuellen urbanen Kontextes sowie auf die industrielle Massenproduktion. Auf diese Weise gelingt es ihnen, ein dramatisches Bild vom Ausmaß der globalen Entfremdung unserer gegenwärtigen Lebens- und Arbeitswelt zu zeichnen.

Im Mittelpunkt der aktuellen künstlerischen Recherche des Italieners Pietro Mele steht die dramatische Entwicklung einer Sardischen Kleinstadt. Der Künstler initiiert eine kritische Reflexion über die traumatischen Auswirkungen der Moderne, deren Fortschritt über das ländliche, einst vom Hirtentum geprägte Leben der Mittelmeerinsel hereingebrochen ist. Ottana (2008) heißt die Arbeit, die nach der gleichnamigen Kleinstadt in der Region Barbagia auf Sardinien benannt wurde. Zu Beginn der 1960er Jahre gründete ein großer Mineralölkonzern hier einen neuen Standort, der im Laufe der Zeit enorme Umweltschäden mit sich brachte. Die Arbeit Meles handelt vom offenkundigen Kompromiss zwischen der Notwendigkeit der industriellen Produktion und dem Alltag der Arbeiter, die nach wie vor ihre Traditionen und Bräuche pflegen und ihre tradierte Lebensweise erst an den Toren der Fabrik ablegen. Ottana reiht sich in diesem Sinne in die kulturkritische Tradition Italiens ein, zu der unter anderem Schlüsselfiguren wie Carlo Levi oder Pier Paolo Pasolini zählen. Sie hatten früh erkannt, dass die Moderne zwar Wohlstand und Massenkonsum bedeuten kann, zugleich aber auch einen unumkehrbaren Bruch mit Jahrtausende alten kulturellen Bräuchen und Traditionen mit sich bringen würde. So erscheinen Urbanisierung und Industrialisierung im Film von Mele als importierter Alptraum, als monströse Halluzination, die sich vom Hintergrund der ländlichen sardischen Umgebung abhebt, während Arbeiter hintereinander auf ihren Rössern durch das Morgengrauen Richtung Fabrik reiten.

Schauplatz des Films Estádio Nacional (2009) von Camilo Yáñez ist die Stadt Santiago de Chile und ihre dramatische Entwicklung im Verlauf der letzten Jahrzehnte. Der Film wurde vom Künstler am 11. September 2009 im Nationalstadion von Chile als einem der wichtigsten Schauplätze der Chilenischen Zeitgeschichte gedreht. Seit dem Staatsstreich vom 11. September 1973 besitzt das Stadion einen besonderen Stellenwert im kollektiven Gedächtnis Chiles, denn an jenem Tag hatte General Pinochet mit Unterstützung der US-Regierung die demokratische Regierung Salvador Allendes gestürzt. In den turbulenten Tagen nach dem Putsch wurde das Stadion zu einem Gefangenenlager umfunktioniert, in dem über 3000 Menschen von den Milizen der neuen Militärdiktatur in wenigen Tagen hingerichtet wurden, wie selbst aus den Dokumenten der offiziellen Geschichtsschreibung hervorgeht. Yáñez hat den Film im Inneren des Stadions gedreht, das gerade renoviert und umgebaut wurde, um für die Feierlichkeiten zum zweihundertjährigen Bestehen der nationalen Einheit Chiles gerüstet zu sein. Dabei filmt er das Stadion aus zwei verschiedenen visuellen Perspektiven, den Blick einmal nach außen und einmal nach innen gerichtet. Der Film wird begleitet von einem bekannten Lied aus dem chilenischen Repertoire, Luchìn von Victor Jara, es handelt von den armen Kindern Santiagos. Somit ist Estádio Nacional eine Hommage an die chilenische Geschichte, aber auch eine Elegie, die der Opfer des Staatsstreichs von 1973 gedenkt. Nicht zuletzt versteht sich die Arbeit Camilo Yáñez’ aber auch als Zeichen der Hoffnung – an einem Ort, der einerseits Schauplatz der größten Hoffnungen, anderseits aber auch der schlimmsten Kapitel der chilenischen Geschichte war.

CLOSE
Archiv
Andreas Bunte, Welt vor der Schwelle/World at the Threshold, still, 2012 Andreas Bunte, Welt vor der Schwelle/World at the Threshold, still, 2012

ANDREAS BUNTE – WELT VOR DER SCHWELLE
14 September - 3 November 2012

kuratiert von Luigi Fassi

Im Mittelpunkt der künstlerischen Recherche von Andreas Bunte steht die Sozialgeschichte des Menschen, die er anhand der urbanen, politischen und baugeschichtlichen Entwicklung unserer Gesellschaft seziert. In seiner Analyse der Randgebiete unserer modernen Epoche und Zeitgeschichte hinterfragt er das Verhältnis zwischen städtischer und kultureller Entwicklung unserer Zivilisation sowie zwischen Baugeschichte und sozialen Verhaltensweisen. Bunte wendet dabei eine rigorose, aber zugleich bildschöpferische Analysemethode an, die in der Lage ist, historische Begebenheiten und Fiktion zu vermengen und visionären Erzählungen Gestalt zu verleihen.

Andreas Bunte, Welt vor der Schwelle/World at the Threshold, still, 2012

Andreas Bunte, Welt vor der Schwelle/World at the Threshold, still, 2012

Seine vorwiegend in schwarz-weiß gedrehten 16 mm Filme vermitteln daher auf synthetische Weise einige der großartigsten und zugleich dramatischsten Geschehnisse der Geschichte. Im Mittelpunkt der filmischen Arbeiten steht dabei vor allem die Moderne ab dem 19. Jahrhundert, in ihrer janusköpfigen Entwicklung zwischen allen möglichen Heilsutopien und der bevorstehenden Katastrophe. So schickt uns der deutsche Künstler mit seinen Arbeiten auf eine Raum-Zeit-Reise durch die Jahrhunderte der späten Neuzeit, dabei nehmen seine Arbeiten bei näherer Betrachtung die phantasmagorischen Züge einer epischen Erzählung an, die zwischen wissenschaftlichem Enzyklopädismus, Ideengeschichte und politischer Chronik schwankt.
Anlässlich der ersten italienischen Einzelausstellung des Künstlers in Bozen entstand Buntes jüngster Film, Welt vor der Schwelle [World at the Threshold], (2012) der während der Eröffnung in der Galerie Museum in Bozen uraufgeführt wird. Es ist eine Synthese der vielfältigen künstlerischen Zugänge, die Bunte bereits in all seinen früheren Arbeiten erkennen ließ. Im Fokus des Films steht die religiöse Architektur Deutschlands in der Nachkriegszeit. Die Theorie, die sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit zieht, folgt zwei Büchern des Architekten Rudolf Schwarz aus dem Jahr 1947, mit dem Titel Welt vor der Schwelle und Vom Bau der Kirche.

Andreas Bunte, Welt vor der Schwelle/World at the Threshold, still, 2012

Andreas Bunte, Welt vor der Schwelle/World at the Threshold, still, 2012

Das 16mm Video wurde als visuelle Entdeckungsreise durch drei bekannte zeitgenössische Kirchen Deutschlands gedreht, die Kirche Johannes XXIII. in Köln (Josef Rikus, 1968), der Nevigeser Wallfahrtsdom (Gottfried Böhm, 1966-68) und die Annakirche in Düren (Rudolf Schwarz, 1951-56). Dabei hinterfragt Bunte die ideologische Beschaffenheit der religiösen Architektur in Deutschland nach dem Unheil des Zweiten Weltkriegs. Als Folge und Ausdruck des Wirtschaftswunders seines Landes ab Mitte der 1950er Jahre, weisen die drei von Bunte analysierten Kirchen einen rigorosen, kompromisslosen Rationalismus auf, der sich darin begründet, die Beziehungen des Menschen zum Göttlichen neu zu definieren und eine neue Interpretation der Rolle der Kirche in einer säkularisierten Gesellschaft zu schaffen. Im Zentrum des Films steht dabei die Beziehung zwischen Individuum und Architektur, die von der Wechselwirkung zwischen dem Ort des Kultes und seiner Wahrnehmung durch Auge, Ohr und Tastsinn bestimmt wird. Die baulichen Details in Beton, die Abwesenheit von Ornamenten sowie die rohe Strenge der Räume und Ausstattungen stehen im Zentrum des Films, der die architektonischen Bauwerke in eine ästhetische Reflexion über die Beziehungen zwischen materieller Form und spirituellem Gebrauch, zwischen öffentlichem Raum und privater Devotion verwandelt. In seiner Erzählstruktur folgt der Film den kanonischen Regeln der wissenschaftlichen Dokumentarfilme, welche die Sprache so verwenden, dass sie höchst komplexe und vielfach unzugängliche Zusammenhänge für den Zuschauer verständlich und wahrnehmbar machen.

Andreas Bunte, Welt vor der Schwelle/World at the Threshold, still, 2012

Andreas Bunte, Welt vor der Schwelle/World at the Threshold, still, 2012

Bunte benützt in Welt vor der Schwelle jene formalen Instrumente der Analyse, die für das Genre des Wissenschaftsfilm typisch sind, darunter Aufnahmen in Zeitlupe, mikroskopische Vergrößerungen, Animationen, Diagramme und Kommentare aus dem Off. Auf diese Weise verleiht er seiner filmischen Arbeit einen neutralen, zugleich jedoch ideologischen Charakter. Dieser äußert sich darin, dass der Film in seinen logischen Schlussfolgerungen zur Gänze verständlich ist, zugleich aber manipulativ in seiner Fähigkeit, den Zuschauer zu einer ganz bestimmten Interpretation der Fakten zu drängen.

CLOSE
Archiv
Cube (draft), 2012; Cube, 2012 Cube (draft), 2012; Cube, 2012

THE RAPE OF EUROPE
08 Juni - 28 Juli 2012

Leander Schwazer
The Rape of Europe (Der Raub der Europa)

Installation View

Installation View

Zu Beginn des Sechsten Buches der “Metamorphosen” berichtet Ovid von Arachne, die weithin bekannt für ihre herausragende Kunst am Webstuhl war. Ihre Begabung erregte den Neid der Pallas Athene, die sich als Schutzgöttin der Spinner und Weber schließlich auf einen Wettkampf mit der talentierten Künstlerin einließ. Arachne fertigte eigens für den Wettkampf einen Wandteppich und wählte als Motiv den „Raub der Europa“. Ihr Wandteppich stellte Zeus dar, wie er in Gestalt eines weißen Stiers das Mädchen Europa entführt. Den Worten Ovids zufolge war die Arbeit so realistisch, dass man jedes Detail darauf für wahr halten musste. Athene, blind vor Wut ob des Talentes und der Dreistigkeit Arachnes, verwandelte die sterbliche Konkurrentin daraufhin in eine Spinne, die von nun an dazu verurteilt war, für immer ihr eigenes Netz weben und die Fäden dafür mit ihrem eigenen Körper zu erzeugen.

Der Mythos der Arachne als metamorphe Gestalt, die an die Geschichte der Textilkunst gebunden ist, zieht sich durch die gesamte europäische Kultur. Eine erste ikonische Darstellung findet sich bei Tizian, der Mitte des 16. Jahrhunderts den „Raub der Europa“ auf einem Gemälde festhält, das im Laufe der folgenden Jahrhunderte vielfach übernommen werden wird. Es zeigt die junge Europa, wie sie von Zeus in Gestalt eines Stieres geraubt wird. Anfang des 17. Jahrhunderts widmet sich auch Pieter Paul Rubens der Ikonographie Europas, sein Gemälde entsteht in Anlehnung an die Vorlage Tizians. Im Jahre 1656 folgt Diego Velasquez mit “Las hilanderas” (“die Spinnerinnen” oder auch “Die Sage der Arachne”). Sein Gemälde spielt sich auf zwei szenischen Ebenen ab. Im Vordergrund des Bildes sitzen Spinnerinnen inmitten von Wollknäuel, Ballen und Spinnrädern, und im Hintergrund hängt ein Wandteppich, der den Mythos der Arachne darstellt. Die Textilarbeit der Arachne wird hier als erstes künstlerisches Zeugnis einer handwerklichen Praxis begriffen, die in Europa über viele Jahrhunderte von großer Bedeutung war, denn die Webkunst befindet sich am Übergang von der Kunst der Tapisserien zur industriellen Massenanfertigung. Am Schnittpunkt zwischen Kunsthandwerk und industrieller Produktion steht Leander Schwazer zufolge der Jacquard-Webstuhl. Dieser im Jahr 1805 von Joseph-Marie Jacquard erfundene mechanische Webstuhl mit Lochkartentechnik revolutionierte im 19. Jahrhundert die Textilwarenproduktion. Es war dieser Webstuhl, der es ermöglichte, die Herstellung von komplex gemusterten Textilien zu mechanisieren und damit deren Produktion zu vervielfältigen.

Im Rahmen der ar/ge kunst Ausstellung stellt Schwazer die Episode vom „Raub der Europa“ als historisch-ikonografisches Sujet in den Mittelpunkt seiner künstlerischen Auseinandersetzung. So wird dieses mythologische Thema bei Schwazer zu einem archetypischen Motiv, das in zahlreichen Werken, Bildern und Schriften auf vielfältige Weise interpretiert wurde und im Verlauf der europäischen Kulturgeschichte häufig rezipiert wurde.

The Rape of Europe, 2012

The Rape of Europe, 2012

Im ersten Raum ist die Arbeit Der Raub der Europa (2012) ausgestellt. Dabei handelt es sich um eine philologische Rekonstruktion der mythologischen Szene des Ovid, so wie sie von Tizian und Rubens dargestellt wurde. Im Mittelpunkt der Szene befindet sich die Figur der Europa, die auf dem Rücken des Zeus in Gestalt eines Stiers davon reitet. Die Arbeit besteht aus einer Aneinanderreihung von Lochkarten im Sinne der mechanischen Technik des Jacquard-Webstuhls. Die Zeichnung selbst ist ein figuratives Mosaik, dessen Motiv von der Gesamtheit der gestanzten Löcher bestimmt wird, welche in ihrer Gesamtheit das Profil der Figuren und des Hintergrunds ergeben. Die Arbeit wird durch einen minimalistischem Kubus (Punched Europe, 2012) ergänzt, der aus hunderten komprimierten Papierstücken besteht, die während der Ausstanzung der Löcher als Ausschuss übriggeblieben waren.

The Head of Europe (2012)

The Head of Europe (2012)

Im zweiten Raum sehen wir die Arbeit Point Design (2012), die als Matrix für die Perforation der Lochkarten nach dem Vorbild Jacquards fungiert. Gleichsam einem Fotonegativ bzw. einer lithografischen Druckplatte, erscheint die Arbeit auf den ersten Blick als ornamental abstrakte Szene. Die Arbeit steht in Bezug zum Raub der Europa und lässt zugleich ihre Anlehnung an das Gemälde Tizians erkennen. Dabei fungiert Point Design als Matrix für die Kollage aus gestanzten Lochkarten. Im Ausstellungsraum verteilt finden sich weitere Fragmente und Zeugnisse der künstlerischen Recherche Schwazers. So sind einzelne Details wie der Kopf der Europa (The Head of Europe, 2012) zu sehen, die der Künstler mit einem historischen Jacquard-Webstuhl und Lochkarten gewebt hat. Zudem findet sich ein kleines, ebenfalls gewebtes Portrait von Joseph-Marie Jacquard (Jacquard, 2012) an der Ausstellungswand, welches nach einer Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert gefertigt wurde. Es erinnert an die fundamentale Rolle dieses französischen Erfinders, der auch Inspiration für die Ausstellung war.

Die abschließende Skulptur Grandfathers Stuff (2012) besteht aus einem Zylinder, der mit handgewebten Leinentüchern aus lokaler Herstellung bedeckt ist. So wird die Einbeziehung der Südtiroler Tradition handgewebter Textilien zu einem sichtbaren Verweis des Künstlers auf sein Herkunftsland.

CLOSE
Archiv
a12_0323_0

PASCAL SCHWAIGHOFER – MISHA STROJ
30 März - 26 Mai 2012

Das Projekt von Misha Stroj (1974, lebt und arbeitet in Wien) und Pascal Schwaighofer (1976, lebt und arbeitet in Mendrisio und Rotterdam) in der ar/ge kunst ist jeweils ihre erste Ausstellung in Italien.

Misha Stroj Chi Semina Vento, Fotogram. 30 x 24 cm. Courtesy thr artist and Kerstin Engholm Galerie, Vienna

Misha Stroj
Chi Semina Vento, Fotogram. 30 x 24 cm. Courtesy thr artist and Kerstin Engholm Galerie, Vienna

Die Arbeit von Misha Stroj beginnt mit historischen Recherchen und Sozialstudien über den jeweiligen Ausstellungsort. In seinen Werken setzt er sich vorwiegend mit ökonomischen Verhältnissen und materiellen Gegebenheiten auseinander, die in unserer Gesellschaft und in unserer Kulturindustrie am Werk sind; so stellt er schlussendlich auf indirekte Weise die Mechanismen und Wirkmächte des Kunstsystems selbst in Frage. So lassen die gezeigten Werke einen Werdegang erkennen, der in Form einer paradoxen, sehr persönlichen Erzählung inszeniert wird – wobei die Lebenserfahrungen des Künstlers auf verzerrte Weise in den Mittelpunkt der Ausstellung rücken. Diese autobiografischen Elemente werden im Licht der europäischen Wirtschaftsgeschichte, aber auch in Bezug zur italienischen Literatur des Neunzehnten Jahrhunderts neu interpretiert.
Die Säule mit dem Knie (2010) ist eine Arbeit, die einen Abdruck vom Knie des Künstlers in Form einer Skulptur mit einer Stahlsäule in Lebensgröße vereint, wobei die Säule aus einem aufgelassenen Berliner Industriegebäude stammt. Es handelt sich um ein ironisches Selbstportrait des Künstlers in Zeiten der Krise der Industrieproduktion in Europa. Die Skulptur ist eine antithetische Vereinigung zweier Materialien, die gemeinhin nicht zusammengehören, sodass der Gipsabdruck, der einen Teil des menschlichen Körpers darstellt, nunmehr auch der Stahlsäule eine quasi-anthropomorphe Gestalt verleiht. Auf diese Weise ruft die Arbeit ganz nebenbei die große industrielle Tradition des 19. Jahrhunderts ins Gedächtnis. Auf derselben Schiene einer verzerrt dargestellten Autobiographie bewegt sich auch die Arbeit Index Broken (2000-2011), die einen Abdruck der Hand des Künstlers zeigt, wobei der Zeigefinger abgebrochen ist. So erscheint Index Broken – mit Referenz auf die Beziehung zwischen persönlicher Identität und Außenwelt, zwischen Selbstgewissheit und Alterität – wie der Versuch einer visuellen Kommunikation, die auf halbem Weg durch unbekannte, aber unwiderrufliche Gründe unterbrochen wurde. Andere Interventionen des Künstlers, die im Rahmen der Ausstellung gezeigt werden, stehen ganz im Zeichen einer idealen Referenz zu Luciano Bianciardis „La vita agra“ [Das saure Leben]. Publiziert im Jahr 1962, war dieses Werk imstande, das italienische Wirtschaftswunder der 1960er Jahre und dessen Auswirkungen auf die italienische Bevölkerung vorherzusehen. Die Gesellschaft wurde in jener Zeit zu einer Konsumgesellschaft, auch in kulturellen Belangen kam es zu einem Paradigmenwechsel und zu neuen Arbeitsrhythmen. Darum verwendet Stroj Bianciardis Werk für seine eigene Analyse. Welcher Bezug herrscht heute in Europa zwischen kreativer Freiheit und Kulturindustrie? Und welchen Handlungsspielraum haben die Künstler heute? Stroj verfolgt hier die Spur der visionären Reflexionen Bianciardis und tritt in seinen Arbeiten, Kollagen, Photographien und Zitaten in einen Dialog mit dem italienischen Schriftsteller. Damit versucht er, sich der existentiellen Einbahn zu entziehen, mit der das Schicksal der Romanfigur endet.

Atlas (Theatrum Orbis Terrarum), 2009-2010. Suminagashi on atlas sheet, 43 x 30,5 cm Courtesy the artist

Atlas (Theatrum Orbis Terrarum), 2009-2010. Suminagashi on atlas sheet, 43 x 30,5 cm Courtesy the artist

Pascal Schwaighofer verbreitet eine unaufhaltsame Entropie innerhalb der von ihm geschaffenen Formen. Es sind Objektkonstellationen voller Bezüge auf Geografie, Naturgeschichte, Archäologie und orientalische Kulturen. Ausgangspunkt seines Schaffens ist der dialektische Bezug zwischen geschlossener Form und Unbestimmtheit, zwischen Kanon und Regelüberschreitung. Schwaighofers Projekt für die Ausstellung in der arge kunst besteht aus zwei unabhängigen Arbeiten, die in Beziehung zueinander gesetzt werden. Beiden gemeinsam sind die Bezüge zur orientalischen Kultur und eine analytische Reflexion zum Druckverfahren als Technik der Reproduktion, aber auch des Vertriebs. In der ersten Arbeit, Atlas (Theatrum Orbis Terrarum) (2009-10), hat Schwaighofer geographische Karten aus aller Welt und verschiedensten Epochen gesammelt und sie einem Mutationsprozess unterworfen, hierfür wendete er die alte japanische Technik des Suminagashi an. Das Monoprint einer farbigen Oberfläche auf die Oberflächen geographischer Karten stellt einen neuen Interpretationscode dar, es verzerrt die Repräsentationsmacht des kartographischen Kanons. Festgelegte geopolitische Formen brechen auf zu neuen imaginären, unvorhersehbaren Dimensionen. Es handelt sich um eine konzentrische Ausdehnung, wo der Kanon der kartographischen Vernunft zerfällt, während dieser Zerfallsprozess unter den Augen des Betrachters stattfindet, gezeichnet durch gewundene Linien mit Tinte in Suminagashi-Technik.
¿Qué horas son en el Japon? (2011) ist eine Arbeit Schwaighofers, die sich japanische Hokusai-Drucke aus dem 18. Jahrhundert aneignet. Darauf sind die Wellen des Ozeans sowie mehrere Personen abgebildet, die mit alltäglichen Ritualen beschäftigt sind. Diese Bilder werden vom Künstler reproduziert, er wendet dabei die Technik der Fotoemulsion an und projiziert die Fotos durch eine spezielle Camera obscura auf die Wände der ar/ge kunst. Auf diese Weise scheinen sie mit dem Wandverputz zu verschmelzen. Die traditionellen Ikonographien werden durch einen vielschichtigen Übergang, der über formal technische Anwendungen wie Fotografie, Fotoemulsion, Wandprojektion und Übertragungen funktioniert, zu neuem Leben erweckt. Auf diese Weise erfahren die Bilder zusätzliche Resonanzen und Stratifizierungen, bis hin zu einem Zustand potentieller Unveränderbarkeit innerhalb des Ausstellungsraumes selbst.

CLOSE
Archiv
Rob Johannesma, Newspapers 2012 Rob Johannesma, Newspapers 2012

WORLD-WIELDING
27 Januar - 17 März 2012

Rob Johannesma
kuratiert von Luigi Fassi – Alberto Salvadori

Rob Johannesma, Newspapers 2012

Rob Johannesma, Newspapers 2012

Die Ausstellung von Rob Johannesma (geboren 1970 in Amsterdam, lebt und arbeitet in Amsterdam) wurde von der ar/ge kunst Galerie Museum in Bozen in Kooperation mit dem Marino Marini Museum in Florenz entwickelt. Die erste Einzelausstellung des holländischen Künstlers in Italien findet zeitgleich in beiden Institutionen statt. Rob Johannesma widmet sich seit einigen Jahren der Erforschung der symbolischen und narrativen Möglichkeiten der fotografischen Reproduktion. Er stützt sich dabei auf eine ausgeklügelte Methode der vergleichenden Bildanalyse, die darauf abzielt, ein Resonanzverhältnis zwischen den Ikonen des geschichtlich-künstlerischen Erbes des Abendlandes und den Materialien des globalisierten Medienuniversums herzustellen. Die Textcodes, welche die abendländische visuelle Vorstellungswelt von der Renaissance bis heute geprägt haben, sind Gegenstand seiner Forschungsarbeit, die die Natur der gegenwärtigen fotografischen Bilder und ihre Wahrhaftigkeitshypothesen als geschichtliche Evidenz zu befragen versucht.

Johannesma verwendet für seine Arbeit vorwiegend Fotos der internationalen Tagespresse, die als Informationsquellen des internationalen Journalismus in direktem Kontakt mit dem Weltgeschehen stehen. Der Künstler bündelt und bewahrt diese Bilder als visuelle Materialien eines extrem beschleunigten Konsums, die innerhalb weniger Stunden nach ihrem Entstehen bereits alt und hinfällig sind. Es sind vor allem Bilder von Krieg und Gewalt, Szenen, die durch einen starken geopolitischen Inhalt geprägt sind.

Johannesma vergleicht in seinen Installationen die mechanische Reproduzierbarkeit der Bilder mit der ideellen Konstruktion der Geschichte mittels visueller Paradigmen der großen europäischen Maltraditionen, die er in der holländischen, flämischen und deutschen Renaissancekultur vorfindet.

Im Rahmen der Ausstellung wird auch die neue, monumentale Fotoarbeit World-Wielding (2012) gezeigt, die sich entlang der Reproduktion eines Schnappschusses, der im Mai 2011 in einer holländischen Tageszeitung publiziert worden war, mit dem Verhältnis zwischen zeitgenössischer Fotografie und Kunstgeschichte auseinandersetzt. Die Fotoarbeit zeigt das Skelett eines menschlichen Wesens, das in Srebrenica auf der Erde liegt. Es ist der Schauplatz des Massenmordes an bosnischen Moslems 1995 während des Bosnienkrieges. Der Künstler hat das Bild einem Prozess der Zersetzung und Wiederzusammensetzung unterzogen, indem er es unzählige Male neu fotografiert. Auf diese Weise verwandelt er das Foto in eine Textanalyse, die sich mit den verschiedenen Bedeutungen des Bildes in Bezug auf Chronik und Kunstgeschichte, aber auch mit der konzeptuellen Kraft der Fotografie in der zeitgenössischen Kunst auseinandersetzt.

Rob Johannesma, Newspapers 2012

Rob Johannesma, Newspapers 2012

Auf einem großen Tisch wird die Arbeit Newspapers (2012) ausgestellt. Dies ist eine Fotocollage, die der Künstler aus Materialien der Tagespresse zusammengetragen hat. Die Arbeit verfolgt die Logik der intuitiven Recherche, der Collagen, parallelen Interpretationen und Dissonanzen. Auf diese Weise wird die Arbeit zu einer Untersuchung auf dem Feld des ikonographischen Patrimoniums der abendländischen Kulturgeschichte. Geschichtsträchtige Landschaften, Reproduktionen von Kunstwerken sowie Schnappschüsse aus der internationalen Presse wechseln einander ab und bilden Reihen: dadurch erzeugen sie eine Vielzahl an Referenzen und Eindrücken, die in der Lage sind, die komplexe Ambiguität der Fotografie als Instrument zur Reproduktion des Realen herauszuarbeiten.

Zwei Videoarbeiten, Blue and Orange (1998) und Untitled (2002) vervollständigen die Ausstellung. Sie illustrieren den Zugang des Künstlers zu jenem Landschaftskonzept, das in seinem Verhältnis von Formen, Farben und Horizonten auf abstrakte und symbolische Weise kodiert wurde. Johannesma richtet sein Augenmerk hier auf zwei parallele Horizonte, auf eine spekulative und eine narrative Ebene. Er versucht, Fragmente und zerstreute, heterogene visuelle Einheiten zu einer möglichen Bedeutungseinheit zusammenzufügen.

Rob Johannesma, Newspapers 2012

Rob Johannesma, Newspapers 2012

So lässt sich die Arbeit des holländischen Künstlers mit Aby Warburgs phantasmatischem Werk des Mnemosyne-Bilderatlanten vergleichen, geht es doch um die Erinnerung an das Verhältnis zwischen Bildern und Bedeutungen, aber auch um das vielseitige Modell, das Warburg zur Verwirklichung seiner großen ikonografischen Tafeln verwendete.

CLOSE
Archiv
Alejandro Cesarco, Methodology, HD video with sound, 7 minutes, 2011 Alejandro Cesarco, Methodology, HD video with sound, 7 minutes, 2011

A LONG TIME AGO LAST NIGHT
18 November - 7 Januar 2012

Alejandro Cesarco
kuratiert von Luigi Fassi

Die Arbeiten von Alejandro Cesarco bewegen sich innerhalb der Grenzen der Konzeptkunst. Sie erforschen die Idee der Erzählung und die Bedingungen, die einen Text und seine Entstehung ermöglichen. Dabei legt Cesarco besonderes Augenmerk auf die Autonomie des Textes und auf die Art der Beziehung, die zwischen dem Werk und dem Betrachter, zwischen dem geschriebenen Wort und dem Leser entsteht. Der Akt der künstlerischen Produktion liegt für Cesarco bereits im Akt des Lesens begründet. So befassen sich alle seine Arbeiten mit Problemen der Hermeneutik und der Übersetzung, die aus einer literarischen Perspektive heraus betrachtet werden.

Index (a Novel) (2003) besteht aus dem alphabetisch geordneten Namensverzeichnis und Glossar eines Buches, das niemals geschrieben wurde, aber nichtsdestoweniger von Cesarco in der kanonischen Form eines Buches präsentiert wird, indem er einige vermeintliche Seiten davon ausstellt. Auf diese Weise wird das Verzeichnis zur paradoxen Aufforderung, das Buch vom Ende her zu lesen und zu interpretieren. Das Verzeichnis enthält eine Klassifikation der Namen, Orte und Geschehnisse, die für sich selbst stehen, unabhängig von dem Werk, auf das sie sich scheinbar beziehen. Dabei hat Cesarco sein Detailverzeichnis so konzipiert, dass es selbst zum Inhalt wird – ähnlich einem narrativen Hypertext, der in der Lage ist, den Leser in die Falle einer unendlichen Aneinanderreihung von Referenzen, Anspielungen und Intuitionen zu locken. Index fordert dazu auf, von den einzelnen Teilen auf das Ganze zu schließen, gleichsam als Versuch, das vorgestellte, jedoch nicht geschriebene Buch zu rekonstruieren, indem die Begriffe aus dem Verzeichnis zusammengefügt und kombiniert werden. Die im Index stehenden Begriffe werden aufgelistet, ohne eine gültige letzte Synthese vorzugeben. Heterogene Verzeichnisse verstricken sich miteinander und überlagern sich, sie beschwören aus dem Hintergrund das Profil einer persönlichen Existenz herauf und nehmen auf diese Weise die Züge einer möglichen Autobiographie des Künstlers an.

Alejandro Cesarco, Everness, 16mm film transferred to DVD, 12 minutes, 2008

Alejandro Cesarco, Everness, 16mm film transferred to DVD,
12 minutes, 2008

Everness (2008) ist ein Film, der sich aus fünf verschiedenen Kapiteln zusammensetzt, die von Cesarco in einem Skript zusammengefasst werden. Die einzelnen Kapitel bestehen aus literarischen Auseinandersetzungen sowie Szenen der politischen Geschichte und der häuslichen Intimsphäre. So beginnt Cesarcos Videoarbeit mit einem Monolog des Schauspielers über die Bedeutung der Tragödie in der westlichen Literatur und über die Erscheinung des Tragischen als kultureller Archetypus. Diese Reflexion fungiert als philosophischer Rahmen für alle folgenden Kapitel des Films. In einem weiteren Kapitel des Films lehnt sich der Dialog der Schauspieler an die zwei Hauptfiguren aus „Die Toten“ in James Joyces Kurzgeschichtensammlung „Dubliner“ an. Den Ehepartnern Gretta und Gabriel wird durch einen Zufall bewusst, dass ihr Leben aus ganz unterschiedlichen Erinnerungen besteht und dass sie in Wirklichkeit nichts voneinander wissen.
Die Zäsur der narrativen und spekulativen Momente des Films erfolgt durch zwei Lieder. Das erste Lied stammt aus der brasilianischen Tropicalismo-Bewegung der 60er Jahre. Diese Künstler- und Musikerbewegung entstand als Reaktion auf den Staatsstreich von 1964 und als Antwort auf die einsetzende Repression sowie auf die Einschränkung der politischen und bürgerlichen Rechte im Land. Das zweite Lied stammt aus dem spanischen Bürgerkrieg, es ist eine Hymne auf die heldenhafte Aufopferung der Kämpfer im spanischen Bürgerkrieg zwischen 1936 und 1939. Das Gefühl des Abschieds und der Erinnerung verdichtet sich im melancholischen Ende des Films, an dem die Handlung zunehmend an Klarheit verliert. Im Vordergrund sieht man ein schweigendes Paar am Frühstückstisch. Was zeigt uns diese Einstellung? Wird hier das Ende eines Streits festgehalten oder zeichnet sich am Frühstückstisch bereits das Ende der Beziehung zwischen dem Mann und der Frau ab?

Auch The Gift and the Retribution (2011) nimmt Bezug auf die Literatur. Das fotografische Diptychon besteht aus den Umschlägen zweier Bücher, „Los adioses” von Juan Carlos Onetti und “Poemas de amor” von Idea Vilariño, zwei der bedeutendsten Schriftsteller Uruguays im 20. Jahrhundert. Die zwei Bücher sind jeweils dem anderen Autor gewidmet. “Los adioses” ist Vilariño gewidmet, die ihrerseits “Poemas de amor” Onetti gewidmet hat. So wird die Widmung zum Bild der fortschreitenden Erfahrung, die sowohl die Arbeit als auch den Autor und die Leserschaft in die verschiedenen Zeiten und Orte, in die Gegenwart als auch in die Vergangenheit, miteinbezieht.

Alejandro Cesarco, Methodology, HD video with sound, 7 minutes, 2011

Alejandro Cesarco, Methodology, HD video with sound, 7 minutes, 2011

Der Autor Onetti wird auch im Werk Methodology (2011) thematisiert. Im Mittelpunkt steht der Dialog eines Paares, das an einem Tisch sitzt und sich mit dem Unsagbaren auseinandersetzt. Geschriebene Worte, Briefe und ein stummes Gespräch bestimmen den Diskurs der zwei Hauptfiguren dieser Arbeit. Die beiden versuchen, die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum – zwischen dem was gesagt werden darf, und dem was nicht gesagt werden soll – festzulegen. Dabei umfasst der Dialog des Paares die gesamte Palette der persönlichen Gefühle, bis hin zur Frage, welche Gefühle in den Beziehungen zu anderen Menschen von einem selbst zugelassen werden. Nicht alles, was gesagt wird, ist klar und verständlich. Vielmehr wird in diesem Dialog deutlich, dass es einen stets gegenwärtigen, opaken Moment gibt, wo die Verständigung zwischen Mann und Frau endet.

CLOSE
Archiv
Alessandro Gagliardo Dei poteri e delle povertà, fotogramma, 2011 Alessandro Gagliardo Dei poteri e delle povertà, fotogramma, 2011

EIN ANTHROPOLOGISCHER FERNSEHMYTHOS
15 September - 5 November 2011

Alessandro Gagliardo
kuratiert von Luigi Fassi

Alessandro Gagliardo, Dei poteri e delle povertà, fotogramma, 2011

Alessandro Gagliardo, Dei poteri e delle povertà, fotogramma, 2011

Alessandro Gagliardos Arbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Fernsehreportagen auf die Konstruktion einer mythografischen Lesart der sizilianischen Zeitgeschichte. Diese mit Un mito antropologico televisivo (ein anthropologischer Fernsehmythos) betitelte Studie befasst sich mit den entscheidenden Jahren zwischen 1991 und 1994. Diese Jahre waren von einer Vielfalt an Ereignissen gekennzeichnet, welche die sizilianische und italienische Geschichte nachhaltig verändern sollten. So wurde Sizilien in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre zum Schauplatz eines wachsenden Konflikts zwischen dem Staat und den Bürgern sowie einer generellen Neuordnung des Landes, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein reichen. Die gesamte Region war geprägt von Mafiamorden, die in der Ermordung der Mafiarichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino bei Palermo gipfelten, aber auch von einer Wohnbaukrise, die von dem jahrzehntelang ungelösten Problem der illegalen Bautätigkeit gekennzeichnet war.
Gagliardos Projekt ist eine komplexe, in einzelne Kapitel unterteilte Erzählung dieser Ereignisse, die bei der alltäglichen Mikrogeschichte der Provinz Catania und ihrer Dörfer beginnt. Anhand der gesammelten Materialien von Reportagen der lokalen Fernsehsender jener Zeit werden diese Ereignisse dokumentiert.

Mitografia (Mythografie), 2011, ist ein visuelles Objekt darstellender Kunst, das aus insgesamt über hundertzwanzigtausend Einzelbildern von Physiognomien und Stimmungen von Menschenmassen besteht. Die Arbeit besteht aus der verlangsamten Abfolge von Fernsehdokumenten, die im Laufe der öffentlichen Protestkundgebungen in der Region Catania in den frühen Neunzigerjahren gefilmt wurden. Sie regt zum Nachdenken über die anthropologische Veränderung der Gesellschaft an, die gerade in den Dokumentationen des Mediums Fernsehen deutlich zutage tritt.
Gagliardo lässt in Mitografia eine kulturelle Sensibilität erahnen, die auch in den zwei anderen Videoarbeiten von Città Stato (Stadt Staat), 2011, erkennbar ist. Auf diese Weise rückt er seine Arbeit in die Nähe jener Denktradition, die seit den Vierzigerjahren die Krise des italienischen Mezzogiorno anklagte und zugleich die sozialen und politischen Potenziale dieses Gebietes im Kampf gegen den Niedergang aufzeigte, den der italienische Neokapitalismus hier verursachte. Die Arbeit Gagliardos scheint diese Tradition wieder aufleben zu lassen. Sie reicht von den Reisen und Büchern Carlo Levis in und über den Süden, über die politische und literarische Tätigkeit von Antonio Gramsci, Rocco Scotellaro und Danilo Dolci bis zur Anklage des Genozids der bäuerlichen Welt Italiens durch Pier Paolo Pasolini. Dank seiner wesentlich anthropologischen Interpretation gelingt Gagliardo die thematische Wiederaufnahme dieser Denktradition, die ihr Augenmerk auf die sizilianische Gesellschaft der frühen Neunzigerjahre legt. Die Zunahme der Mafiamorde in dieser Zeit wird von Gagliardo durch eine minuziöse Darstellung des Mikrokosmos von Catania ausgelotet, wo die Morde und die Brutalität von öffentlichem Unbehagen begleitet wurden, hervorgerufen durch die zahlreichen Spuren illegaler Bautätigkeit, aber auch durch die Unmöglichkeit einer Vermittlung zwischen Bürgern und zuständigen Behörden. Gagliardos Arbeiten bestehen nicht aus zusammengestelltem Filmmaterial, das nachträglich bearbeitet und geschnitten wurde, sondern aus einer magmatischen und rohen Anhäufung von rohem Archivmaterial. Gezeigt werden stundenlange Filmbänder lokaler Fernsehsender, die im Umland von Catania aufgenommen wurden, so, wie sie noch vor jedem Schnitt und vor jeder Verarbeitung zur Ausstrahlung im TV gefilmt wurden.

Alessandro Gagliardo, Dei poteri e delle povertà, fotogramma, 2011

Alessandro Gagliardo, Dei poteri e delle povertà, fotogramma, 2011

Dieselbe Logik herrscht in Dei poteri e delle povertà, (Von den Mächten und der Armut 2011), eine Installation, die aus hunderten von einzelnen, auf Papier entwickelten Standbildern besteht, die aus demselben Material von S-VHS-Kassetten eines lokalen Fernsehsenders in Catania stammen. Wie der Titel erahnen lässt, ist die Arbeit eine visuelle Dramaturgie, die sich zwischen Kontrasten, Schwarzbau und Elend ansiedelt. Der Alltag in den Straßen kleiner Städte wie Biancavilla, Adrano, Misterbianco, Santa Maria di Licodia und Paternò spielt sich zwischen den Schauplätzen der Mafiamorde und Grabsteinen, aber auch zwischen urbanen Landschaften und den ländlichen Gegenden der Peripherie ab. Die Mikrophone, die immer wieder im Bild auftauchen, sind ein entscheidendes Element der ikonographischen Metamorphose der Schauplätze, welche die Vermittlung zwischen den Fernsehkameras und dem Geschehen, zwischen der Alltagserfahrung und der journalistischen Erzählung unterstreichen.

Dieser Vorgang anthropologischer Sublimierung erreicht seinen Höhepunkt in Filosofia della miseria (Philosophie des Elends), ein Video, das Archivbilder von einem kleinen Dorffriedhof in der Provinz Catania zeigt. Inmitten der verwüsteten Szenerie eines trübseligen Friedhofsspaziergang zwischen namenlosen, von Kreuzen überragten Erdhaufen, Grabnischen und alten Besuchern, vermitteln die Bilder der Fernsehkamera das Gefühl von Zerstörung und Not. Auch hier werden die visuellen Aufzeichnungen des Kameramanns in der Neusichtung durch Gagliardo zu universellen Materialien, zu kümmerlichen Fragmenten einer Zeit der Armut, in der sogar der Tod seiner selbst beraubt scheint und in Erwartung einer zukünftigen möglichen Erlösung zu einem säkularisierten Mythos wird.

CLOSE
Archiv
Selma Alaçam
Istiklal Marsi / Turkish National Anthem (2010) DVD loop; 4:28 min. Courtesy the artist Selma Alaçam Istiklal Marsi / Turkish National Anthem (2010) DVD loop; 4:28 min. Courtesy the artist

SELMA ALAÇAM – NICOLÒ DEGIORGIS
17 Juni - 30 Juli 2011

kuratiert von Luigi Fassi

Selma Alaçam (1980, lebt und arbeitet in Karlsruhe, Deutschland) und Nicolò Degiorgis (1985, lebt und arbeitet in Bozen) analysieren in ihren Arbeiten die komplexen Beziehungen zwischen den islamischen und den westlich geprägten Kulturkreisen im gegenwärtigen Europa. Diese Thematik ist heute von zentraler Bedeutung. Was weiß die breite Öffentlichkeit über die Immigration und die Immigranten aus den islamischen Ländern auf unserem Kontinent? Was wissen wir über das Leben in Familien, in denen verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, oder über die Möglichkeiten und Perspektiven der Integration für Einwanderer aus islamischen Ländern? In ihren Arbeiten gehen Alaçam und Degiorgis zunächst von ihrem je eigenen kulturellen Background aus. Sie entwickeln künstlerische Strategien, die es ihnen ermöglichen, viele jener Fragestellungen aufzugreifen, die im öffentlichen europäischen Diskurs verdrängt werden. So gelingt es den beiden Künstlern, einen tiefergehenden und komplexeren Zugang zur gesamten Thematik zu finden.

 Nicolò Degiorgis Hidden Islam - Islamic makeshift places of worship in north - east Italy, photograph (2009-11). Courtesy of the artist

Nicolò Degiorgis
Hidden Islam – Islamic makeshift places of worship in north – east Italy, photograph (2009-11). Courtesy of the artist

Hidden Islam (2009-11) ist ein Fotoprojekt von Degiorgis, der sich auf eine Entdeckungsreise in die islamischen Gebetsräume Norditaliens begibt. Bis heute gibt es in Italien nur zwei offizielle Moscheen. Dagegen zählt die islamische Bevölkerung derzeit über eine Million Einwohner. Nun hat Degiorgis all jene Gebetsräume fotografisch festgehalten, in denen die vielen Moslems im heutigen Italien ihre Religion zelebrieren.

 Nicolò Degiorgis Hidden Islam - Islamic makeshift places of worship in north - east Italy, photograph (2009-11). Courtesy of the artist

Nicolò Degiorgis
Hidden Islam – Islamic makeshift places of worship in north – east Italy, photograph (2009-11). Courtesy of the artist

Diese improvisierten Gebetsräume befinden sich meist in den Peripherien der großen Städte, in prekären und verlassenen Gegenden, etwa in alten Garagen oder aufgelassenen Scheunen und Lagerhallen. Degiorgis hat mit der Zeit ein nachhaltiges Vertrauensverhältnis zu verschiedenen islamischen Gemeinschaften aufgebaut. So konnte er schließlich auch Momente des kollektiven Gebets und religiöse islamische Rituale festhalten. Auf diese Weise gelingt es ihm, ein analytisches Porträt einer verdrängten bzw. an den Rand gedrängten Realität Italiens zu machen. Die Schauplätze reichen dabei von Piemont bis Venetien, von der Lombardei bis nach Südtirol. Auf den ersten Blick fordert seine Arbeit dazu auf, sich mit der unwürdigen Situation auseinander zu setzen, in der sich die islamische Gesellschaft heute in Italien befindet. Auf der anderen Seite zeichnet Hidden Islam damit aber auch ein komplexes und problematisches Bild des heutigen Italien und die fortwährenden Schwierigkeiten des Landes, sich als moderne, fortschrittliche Gesellschaft zu begreifen.
Selma Alaçam analysiert in ihrer Arbeit auf verschiedenste Weise das Verhältnis mit ihrer eigenen, doppelten Identität als deutsche und türkische Staatsbürgerin, die in Deutschland islamisch erzogen worden ist. Isolated and Protected (2009)ist eine Videoinstallation, die aus sieben Monitoren besteht, auf denen häusliche Szenen einer türkisch-muslimischen Familie in Deutschland zu sehen sind. Die Sicht wird durch ein Gitterwerk aus schwarzen Perlen eingeschränkt. Diese ornamentalen Muster des Sichtschutzes sind typische Verzierungen aus der arabischen Kultur. Die Betrachter des Videos erhalten auf diese Weise nur beschränkte bzw. partielle Sicht auf das Geschehen. Die unterbrochene Sichtbarkeit “isoliert und beschützt” zugleich die Bilder vor dem fremden Blick, als Symbol der Kommunikationsschwierigkeiten und des komplexen kulturellen Austausches zwischen der westlichen und der islamischen Kultur im heutigen Europa.
In Haare (2009) ist die Künstlerin selbst zu sehen. Sie kämmt ihre Haare, um danach eine Perücke aufzusetzen, die mit ihrem eigenen Haar identisch ist. Diese Szene gibt Einblick in eine Strategie, die von vielen jungen Frauen in der Türkei angewandt wird, um ihrem Glauben treu zu bleiben, ohne sich selbst zu verneinen. Der Islam verbietet es, das eigene Haar in der Öffentlichkeit zu zeigen. Durch das Aufsetzen der Perücke befolgen die jungen Frauen die Regeln ihrer Religion, ohne auf ihr modisches Erscheinungsbild verzichten zu müssen.

Selma Alaçam Istiklal Marsi / Turkish National Anthem (2010) DVD loop; 4:28 min. Courtesy the artist

Selma Alaçam
Istiklal Marsi / Turkish National Anthem (2010) DVD loop; 4:28 min. Courtesy the artist

National Anthem (2010) zeigt Ausschnitte aus Videos, welche die Künstlerin von der Internetplattform YouTube heruntergeladen hat. Darauf sind kleine Kinder zu sehen, die in der Türkei in privatem Rahmen dabei aufgenommen wurden, wie sie mit großer Inbrunst und Hingabe die Nationalhymne ihres Landes singen. Kommentarlos und ohne die Bilder zu manipulieren, präsentiert die Künstlerin diese Videos, die beim Betrachten großes Unbehagen auslösen, da sie unmittelbar an die Gefahren des Nationalismus erinnern und als ideologische Manipulation wahrgenommen werden, die von der Welt der Erwachsenen auf die Kinder übertragen wird.

CLOSE
Archiv
Runo Lagomarsino, A Conquest Means Not Only Taking Over (II), installation with wallpaper, drawings, photographs, objects, and shelves 2010-11 Courtesy Elastic, Malmo and the artist Runo Lagomarsino, A Conquest Means Not Only Taking Over (II), installation with wallpaper, drawings, photographs, objects, and shelves 2010-11 Courtesy Elastic, Malmo and the artist

RUNO LAGOMARSINO – VIOLENT CORNERS
15 April - 4 Juni 2011

kuratiert von Luigi Fassi

Die Arbeit von Runo Lagomarsino (* Malmö, Schweden 1977, lebt und arbeitet in Sao Paulo, Brasilien) ist von einer Auseinandersetzung mit den historiographischen, geographischen und mathematischen Modellen gekennzeichnet, die es der westlichen Moderne ermöglicht haben, die gesamte Welt zu kolonialisieren. Wie äußert sich das Verhältnis zwischen der Erfindung einer geschichtlich-geographischen Beschreibung des Planeten durch die europäische Ratio und seiner politischen Beherrschung? Lagomarsinos versucht diese Frage zu beantworten, indem er von der Perspektive einer vergleichenden Kulturanalyse ausgeht, zugleich aber die Möglichkeit neuer Formen der kulturellen Interpretation aufzeigt, die sich von den bisherigen Interpretationen der neuzeitlichen europäischen Vernunft unterscheiden und sich ihnen widersetzen.
Im Rahmen der ersten Einzelausstellung des schwedischen Künstlers in Italien wird unter dem Titel Violent Corners eine Reihe an jüngeren und bislang unveröffentlichten Arbeiten ausgestellt. Der Fokus dieser Arbeiten liegt auf der Beziehung zwischen dem europäischen Kolonialismus und der Geschichte des südamerikanischen Kontinents vom 16. Jahrhundert bis heute.

Runo Lagomarsino, A Conquest Means Not Only Taking Over (II), installation with wallpaper, drawings, photographs, objects, and shelves 2010-11 Courtesy Elastic, Malmo and the artist

Runo Lagomarsino, A Conquest Means Not Only Taking Over (II), installation with wallpaper, drawings, photographs, objects, and shelves 2010-11 Courtesy Elastic, Malmo and the artist

So bezieht sich die Arbeit A Conquest Means Not Only Taking Over (II) (2010-11) auf die historische Figur des spanischen Eroberers Francisco Pizarro, der das Oberkommando über die Besetzung und Unterwerfung des südamerikanischen Inka-Reiches Anfang des 16. Jahrhunderts innehatte. Wie Historiker dokumentieren, konnte Pizarro weder lesen noch schreiben. Aus diesem Grund beglaubigte er die Verwaltungsakte in seinem Herrschaftsbereich mit zwei Schnörkeln anstelle der Unterschrift, in deren Mitte ein Notar das Dokument gegenzeichnete, um die rechtliche Authentizität des Schreibens zu garantieren. Dieses graphische Zeichen, das die Echtheit der Dokumente des spanischen Eroberers bezeugt, ist in seiner flüchtigen und an abstrakte Zeichnungen erinnernden Form eine Manifestation der europäischen Kolonialmacht. Es wird zur institutionellen Rechtfertigung von Gewalt und Unterdrückung, von Handlungen, die die Geschichte sowohl der Neuen als auch der Alten Welt für immer verändern sollten. Die Installation von Lagomarsino reproduziert philologisch die „Unterschrift“ von Pizarro in Form einer Wandtapete. Auf diese Weise verleiht er dem Symbol der spanischen Kolonialherrschaft den Charakter einer intimen und familiären Dekoration. Die Installation selbst wird rund um die Tapete herum angeordnet. Sie besteht aus einer Anzahl kleiner und alltäglicher Objekte und Fundstücke, mit deren Hilfe Lagomarsino die Sedimentierungen der neuzeitlichen europäischen Ratio aufzeigt, die sich selbst in den gewöhnlichsten und häuslichsten Formen durchsetzt, indem sie ein Raster an Bedeutungen und Interpretationen über den Rest der Welt stülpt. Pinnwände aus Pressholz, Fotografien und Teile von Wandmalereien werden in ihrer Gesamtheit zu einer Art Kompass, mit dessen Hilfe sich die geistige Matrix der Jahrhunderte währenden Geschichte der europäischen Weltherrschaft erfassen lässt.

Runo Lagomarsino, Contratiempos, installation with Dia projection loop, sculptural model and projection screen, 2010 Courtesy Elastic Malmo and the artist

Runo Lagomarsino, Contratiempos, installation with Dia projection loop, sculptural model and projection screen, 2010 Courtesy Elastic Malmo and the artist

Die künstlerische Auseinandersetzung wird mit der Installation Contratiempos (2009-10) fortgesetzt. Diese Installation, die sich mit dem von Oscar Niemeyer und Roberto Burle Marx 1954 errichteten Parque Ibirapuera in Sao Paolo auseinandersetzt, ist vom Geist des modernistischen Rationalismus Le Corbusiers durchdrungen, der in den südamerikanischen Kontext übertragen wurde. Zahlreiche kulturelle und öffentliche Gebäude der Stadt, unter anderem verschiedene Museen, befinden sich innerhalb des Parks. Diese Gebäude sind durch eine überdachte Promenade aus Zement, den sogenannten Marquise do Parque do Ibirapuera, miteinander verbunden. Contratiempos besteht aus 30 Diapositiven, auf denen die Brüche, Risse und Spalten im Zement des Marquise zu sehen sind. Sie weisen überraschende Ähnlichkeiten mit der geographischen Form des südamerikanischen Kontinents auf. Der Künstler hat hier mit minimalen Mitteln und ohne irgendwelche Veränderungen vorzunehmen, eine zufällige und dennoch reale Kartograophie Südamerikas erstellt, die den Kontinent in einer Annäherung zwischen Wunsch und Einbildung ins Gedächtnis ruft. Kolonialismus, Wunsch und Exotismus verbinden sich in dieser Arbeit auf subtile Weise, wobei das Modell des Marquise in kleinem Maßstab den komplexen Charakter der Erzählung Lagomarsinos verstärkt. Ein Holzmodellbau gibt auf abstrakte und dekontextualisierte Weise die gewundenen Formen der Struktur des Marquise im Parco di Ibirapuera wieder.

Raum, Zeitlichkeit, Kartographie und Aneignung konstituieren die tragenden Achsen der künstlerischen Erforschung des kolonialistischen Geistes bei Lagomarsino, die in der Videoarbeit The G in Modernity Stands for Ghosts (2009) strikt metaphorisch thematisiert werden. Zu sehen ist eine Schachtel aus Karton, die randvoll mit Papierkugeln gefüllt ist – zerrissene Fragmente der klassifizierten Orte und Räume, unbekannte und unentdeckte Orte auf einem geographischen Atlas des Planeten Erde. Das Streichholz, das auf der Schachtel liegt, entzündet sich und setzt damit die ganze Konstruktion in Flammen. Wie der Titel erahnen lässt, wird die Moderne hier als eine Doktrin ideologischer Herrschaftsformen begriffen; als Ideologie, die sich ihrer Geister nun nicht mehr entledigen kann. Es sind die Geister der erkenntnistheoretischen Alternativen, denen durch einen willkürlichen Akt des Ausschlusses aus der Kartographie die Berechtigung entzogen worden war. Auf diese Weise verwandelt das Feuer die Schachtel in einen sich selbst zerstörenden Sarg, der sämtliche globalen Terrae incognitae symbolisch auflöst.

Runo Lagomarsino, The G in Modernity Stands For Ghosts, HD transferred to DVD, 2009

Runo Lagomarsino, The G in Modernity Stands For Ghosts, HD transferred to DVD, 2009

Als Gespenster kartographischer Unzulänglichkeit, die diese Terrae incognitae, diese unbekannten Orte, erst schuf, gehen sie hier in Rauch und Flammen auf. Wie der Titel erahnen lässt, wird die Moderne hier als eine Doktrin ideologischer Herrschaftsformen begriffen, die in ihrem Inneren erkenntnistheoretische Alternativen birgt, denen jedoch durch den Akt des Ausschlusses aus der Kartographie die Berechtigung entzogen wurde. Ausgeschlossen wurden die als fremd wahrgenommenen Körper. Von ihnen blieb keine Spur, nicht einmal in den Buchstaben des Wortes Moderne, wie der Künstler ironisch herausstellt. Provokativ lenkt er die Aufmerksamkeit auf diese Ausgeschlossenen, auf die Gespenster der Moderne, indem er das G des Wortes Gespenst in den Corpus des Wortes Moderne [Modernity] einschließt.

CLOSE
Archiv
Zachary Formwalt, film still from In Place of Capital, single channel HD video with sound, 2009 Courtesy the artist Zachary Formwalt, film still from In Place of Capital, single channel HD video with sound, 2009 Courtesy the artist

ZACHARY FORMWALT
05 Februar - 2 April 2011

kuratiert von Luigi Fassi

Zachary Formwalt, film still from At Face Value, single channel HD video with sound, 2008 Courtesy the artist

Zachary Formwalt, film still from At Face Value, single channel HD video with sound, 2008 Courtesy the artist

Die künstlerische Arbeit von Zachary Formwalt ist von einer philosophischen Auseinandersetzung mit den wirtschaftsgeschichtlichen Ereignissen von der Neuzeit bis zur Gegenwart gekennzeichnet. Die entscheidenden Momente dieser Ereignisse werden über eine vielfältige und vielgestaltige Untersuchung der Materialien und Geschehnisse jener Zeit herausgearbeitet und führen auf diese Weise zu zahlreichen offenen Interpretationen. Formwalts künstlerisches Interesse gilt der Beziehung zwischen der Entwicklung der Moderne und den komplexen Mechanismen der kapitalistischen Ökonomie. So analysiert er aus marxistischer Perspektive den Einfluss der Wirtschaftsgeschichte auf die europäische und amerikanische Gesellschaft und Kultur ab dem 17. Jahrhundert. Der Künstler verwendet in diesem Kontext visuelle Materialien aus unterschiedlichsten Quellen, die mit Massenkommunikation, mit Kino und der Geschichte der Kunst zu tun haben. Anhand dieser Materialien beleuchtet er kritisch die Reihenfolge der Kapitalflüsse und ihre kulturellen Auswirkungen. Wie sehr sind wir uns der symbolischen Mechanismen bewusst, die die Logik des Kapitalismus bestimmen? Verstehen wir ihre Auswirkungen auf die Kultur der zeitgenössischen Welt in vollem Umfang?
Auf diese Fragen antwortet Formalt in seiner Arbeit In Place of Capital (2009). Dabei untersucht er die technologische Entwicklung der frühen Fotografie Ende des 19. Jahrhunderts und parallel dazu die Strategien des Kapitalismus jener Zeit.

Zachary Formwalt, film still from At Face Value, single channel HD video with sound, 2008 Courtesy the artist

Zachary Formwalt, film still from At Face Value, single channel HD video with sound, 2008 Courtesy the artist

Die Analyse des Künstlers beginnt bei einem ganz spezifischen historischen Augenblick Mitte des 19. Jahrhunderts in England. Sie zeigt die Schwierigkeiten der damals von William Henry Fox Talbot entwickelten Fototechnik, bewegliche Personen und Dinge fotografisch festzuhalten. Unbewusst reflektiert die Fotografie jener Zeit die ökonomische Unmöglichkeit, auf rationelle Weise die Kapitalflüsse zu erforschen. Marx zufolge kommt die Bewegung der Kapitalproduktion in dem Augenblick zum Stillstand, in dem sich das Kapital realisiert, übrig bleibt bloß stilles Geld.
In den von Formwalt ausgewählten Bildern des Royal Exchange Building, der Börse von London, treffen zwei Vorstellungen von Kapital aufeinander. Die offizielle, von den Architekten des Gebäudes geplante Repräsentation sieht eine allegorische Gottheit des Handels vor, die im Zentrum des Gebäudes als Schutzpatronin der Börse thront. Eine zweite Repräsentation des Kapitals resultiert hingegen aus dem Stand der Fototechnologie jener Zeit, die nicht in der Lage war, den realen Bewegungsfluss der Menschen und Waren in den belebten Straßen rund um die Börse auf Film zu bannen.
Auch Through a fine Screen (2010) verknüpft einige Episoden der Geschichte der Fotografie und der Ökonomie miteinander, um die soziale Realität unserer Zeit zu beleuchten. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Geschichte des Central Park in New York, der 1856 eingeweiht wurde und sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert häufig fotografiert wurde. Im Mittelpunkt der Arbeit steht ein Foto aus dem Jahr 1880, das am 4. März desselben Jahres in der Tageszeitung The Daily Graphic publiziert wurde. Es zeigt eine Barackensiedlung in Manhattan. Diese Fotografie wird für Formwalt zum Schlüsselelement, um parallel zur Errichtung des Parks mit all seinen durchstudierten, ästhetisch landschaftlichen Klischees die wirtschaftliche Entwicklung von Manhattan zu analysieren. Thematisch begleitet diese Arbeit die fotografische Serie Vanderbilt’s Wants (2010), welche aus drei Seiten besteht, die ebenfalls dem Daily Graphic des 4. März 1880 entnommen sind. Diese beschreiben die Absicht der Unternehmer, die Baracken der Armen in Manhattan niederzureißen und reproduzieren auf diese Weise das fotografische Bild einer Welt der sozialen Misere, wie sie bereits in Through a Fine Screen beschrieben wurde
In At Face Value (2008) setzt sich der Künstler mit diesen Fragen auseinander, indem er durch eine genauere Beleuchtung alter Briefmarken eine Interpretation des 20. Jahrhundert unternimmt. Von der Hyperinflation der Weimarer Republik bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 in den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa zeigt Formwalts Film, dass Briefmarken ein wertvolles und viel zu wenig genütztes Instrument zur Interpretation der bewegten wirtschaftlichen Entwicklungen und der Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts sind.
Die Geschichte der Wirtschaftstheorie steht auch im Fokus von Kritik der Politik und der Nationalökonomie (2009). Diese fotografische Arbeit Formwalts ist eine Reproduktion des Vertrags, den Karl Marx 1845 in Paris mit seinem Herausgeber Carl Leske unterzeichnete. Ein zweites Bild derselben Arbeit ist eine Fotografie des Hauses in der Rue Vanneau 38 in Paris, wo Marx zur Zeit der Unterzeichnung dieses Vertrages wohnte. Auch An Episode in the History of Free Trade (2008) nimmt Bezug auf die intellektuelle Biografie von Karl Marx. Die Arbeit rekonstruiert die Ereignisse des Freihandelskongresses in Brüssel im Jahr 1847. Als Redner waren unter anderem James Wilson, Begründer der Zeitschrift The Economist, und Karl Marx geladen. Die Collage von Formwalt präsentiert das dokumentarische Material dieser beiden Redebeiträge gemeinsam mit einer Rezension des Kongresses, die Friedrich Engels am 9. Oktober 1847 für The Northern Star erstellt hat. Darüber hinaus wird in dieser Arbeit die Seite eines Buches wieder abgebildet, das 1993 anlässlich des 150. Jubiläums von The Economist publiziert wurde und den Text der damaligen Rede James Wilsons in Brüssel auszugsweise wiedergibt. Ziel des Künstlers ist es, dieses Ereignis von 1847 aus unterschiedlichen Blickwinkeln und chronologischen Perspektiven zu zeigen, um den Nachhall dieses Ereignisses für und seinen Einfluss auf die Entwicklung der Wirtschaftstheorie in Europa und der ganzen Welt hervorzuheben.

CLOSE
Archiv
Chto delat? Tower Songspiel, video, 2010 Courtesy the artist Chto delat? Tower Songspiel, video, 2010 Courtesy the artist

CHTO DELAT?
27 November - 22 Januar 2011

kuratiert von Luigi Fassi

Das Künstlerkollektiv Chto delat? aus St. Petersburg besteht aus Künstlern, Kritikern, Philosophen und Autoren, die sich zu einer vielfältigen Plattform zusammengeschlossen haben. Sie erheben Anspruch auf eine kulturelle und politische Reflexion, die auf halbem Wege zwischen Aktivismus und künstlerischer Produktion liegt. Das kritische und zugleich praktische Anliegen der Arbeiten von Chto delat?, die am politisch epischen Theater Bertold Brechts didaktische Anleihen nehmen, versucht im Betrachter den Sinn für seine individuelle Verantwortung wachzurufen. Unter Verwendung satirischer Mittel, die sich stark an die Groteske und die Parodie anlehnen, eruieren sie die Beweggründe, die zum gesellschaftlichen Wandel führen. In diesem Kontext erforscht Chto delat? auf innovative Weise die politische Tradition der Theorie-Praxis-Beziehung, wie sie typisch für die Geschichte der europäischen Linken ist. Dabei bewegt sich das Kollektiv im Inneren eines hybriden Kunstfeldes. Von dort lanciert es die Erarbeitung neuer gemeinsamer Wertvorstellungen und neuer Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens im Namen des zivilen Fortschritts.

Chto Delat?, Perestroika Songspiel, video, 2008

Chto Delat?, Perestroika Songspiel, video, 2008

Im Rahmen der ersten Ausstellung des St. Petersburger Kollektivs in Italien präsentiert Chto delat? eine Trilogie, die in den letzten beiden Jahren entstanden ist und besonderes Augenmerk auf die russische Gesellschaft nach der Ära der Perestroika legt. Diese Zeit war von einer tiefen politischen und gesellschaftlichen Krise gekennzeichnet, die das soziale Gefüge Russlands erschütterte. Unter der Ägide der bürokratischen und ideologischen Strukturen eines autoritären Kapitalismus, der sich des ganzen Landes bemächtigt hatte, begann der vorübergehende Zerfall der russischen Gesellschaft.
Der Titel der drei Arbeiten Songspiel nimmt Bezug auf das Musiktheater von Bertold Brecht und Kurt Weill, wo Theater mit populärer Musik verbunden wird, um politische Botschaften und Reflexionen einem breiteren und heterogenen Publikum zugänglich zu machen. Perestroika Songspiel (2008), Partisans Songspiel (2009) und Tower Songspiel (2010) zeichnen sich somit durch eine Zusammenlegung verschiedener Erzählstile und Ausdrucksmittel aus, die aus unterschiedlichen Traditionen herrühren.

Chto Delat?, Partisans Songspiel, video, 2009

Chto Delat?, Partisans Songspiel, video, 2009

So wird die Rolle des Chors in der klassischen antiken Tragödie – als allwissende Stimme, die mehrmals im Verlauf der dramatischen Entwicklung des Geschehens auf der Bühne erscheint – dazu benutzt, um der methodologisch kritischen Strenge des Brechtschen Theaters auf die Spur zu kommen. Dazu werden antirealistische Ausdrucksformen und Stilmittel der grotesken Parodie verwendet, die zur Darstellung des Geschehens in einem quasi-allegorischen Sinn führen.
Perestroika Songspiel begibt sich auf die Spurensuche des kulturellen Erbes der Perestroika. Im Mittelpunkt der Arbeit steht das politische und gesellschaftliche Scheitern jener Zeit, die unmittelbar auf die Perestroika folgte, nachdem die Mobilisierung der Bevölkerung und die Euphorie der Befreiung verklungen war. Die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Akteure, unter anderem Manager und Revolutionäre, Konservative und Fortschrittsgläubige, sie alle haben radikal voneinander abweichende Vorstellungen in Bezug auf die Zukunft ihres Landes. Voller Ironie und Sinn für karikatureske Überzeichnung entschleiert die Video-Arbeit Perestroika Songspiel die Schwierigkeiten der heutigen Gesellschaft, gemeinsam an der politischen Zukunft des Landes zu arbeiten. Partisans Songspiel befasst sich hingegen mit dem Thema des gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Wiederaufbaus von Belgrad. Auch die Hauptstadt Serbiens ist von radikalen Konfliktsituationen und nicht zuletzt von der Schwierigkeit gezeichnet, einen tatsächlichen Demokratisierungsprozess des gesellschaftlichen Gefüges zu erwirken. Der Neokapitalismus der jungen Republik unterdrückt die am stärksten benachteiligten Schichten, darunter Arbeiter, Roma, Schwule, Lesben und Kriegsveteranen. Ihnen widmet die Arbeit des St. Petersburger Kollektivs breiten Raum innerhalb einer sichtbaren symbolischen Formalisierung. Im Zentrum der Satire Tower Songspiel (koproduziert von ar/ge kunst Galerie Museum) steht dagegen eine öffentliche Auseinandersetzung, die derzeit in St. Petersburg stattfindet. Es geht um den Bau der neuen Gazprom-Zentrale, jener Gesellschaft, die das Monopol der Energieversorgung des ganzen Landes in ihren Händen hält. Unter Verwendung satirischer Effekte inszeniert Chto delat? eine Konferenz zwischen Konzernmanagern und St. Petersburger Kommunalpolitikern. Im Verlauf der Konferenz versuchen die beteiligten Gruppen, Strategien der Korruption und des Populismus zu entwickeln, um einen gesamtgesellschaftlichen Konsens für den neuen Turmbau zu erzielen.

Exhibition view, Chto delat?, 2010 Foto: Ivo Corrà

Exhibition view, Chto delat?, 2010 Foto: Ivo Corrà

Die Trilogie bildet in ihrer Gesamtheit einen Raum des politischen Dissenses, der im Betrachter den Wunsch weckt, mitzumachen, mitzudenken und im Sinne der individuellen und kollektiven Vernunft auf politische Missstände zu reagieren.
Die Trilogie wird von einer Videoarbeit mit dem Titel Builders (2004) sowie von einem Kaleidoskop an Wandzeichnungen begleitet. Dabei werden Zeitungsausschnitte und Grafikbeilagen in Form von Collagen und Zeichnungen auf den Wänden der Ausstellungsräume angebracht. Auf diese Weise versucht Chto delat?, einen einheitlichen Raum zu schaffen, in dem die verschiedenen Ausdrucksweisen des Dissenses und des kritischen Widerstandes, von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, miteinander kommunizieren.

CLOSE
Archiv
Rashaad Newsome, Five, performance, video, 2009 Courtesy the artist Rashaad Newsome, Five, performance, video, 2009 Courtesy the artist

RASHAAD NEWSOME
15 September - 6 November 2010

kuratiert von Luigi Fassi

Rashaad Newsome, Shade Compositions, performance, video, 2009 Courtesy the artist

Rashaad Newsome, Shade Compositions, performance, video, 2009 Courtesy the artist

Im Jahr 2006 begann Rashaad Newsome damit, den gestischen Sprachgebrauch afroamerikanischer Frauen zu erforschen. Dabei untersuchte er die Art und Weise, wie afroamerikanische Frauen ihre Expressivität ausleben, wie sie ihre Emotionen spontan zum Ausdruck bringen. Newsomes Absicht bestand darin, die allgemein gebräuchliche, stigmatisierende Konzeption der Gestensprache als Ausdruck des Großstadtghettos, des sozialen Niedergangs, der schwachen Alphabetisierungsrate und sozialer Randständigkeit, konzeptuell umzukehren und anhand anthropologischer Untersuchungen in einen Ausdruck der kulturellen Würde des afroamerikanischen Gestenrepertoires zu verwandeln. Wem gehört diese Sprache in Wahrheit? Wie hat sie sich im Laufe der Zeit entwickelt und wo liegen ihre geographischen Grenzen? Fragestellungen wie diese bezeichnen den theoretischen Horizont der künstlerischen Untersuchungen Newsomes und führen zu einer komplexen Forschung der Thematik der Zugehörigkeit und der kulturellen Vielfalt.
Im Mittelpunkt der ersten Einzelausstellung des amerikanischen Künstlers in einer europäischen Institution steht die Performance Shade Compositions. Die in Shade Compositions dargestellte natürliche Ausdrucksweise der afroamerikanischen Frauen entwickelt sich zu einer linguistischen Symphonie, zu einer choralen Darbietung, die einem kollektiven Rhythmus folgt. Sie vereint und transzendiert die Einzigartigkeit der individuellen Gesten und verleiht ihnen auf diese Weise eine mit dem Gesangsfluss einhergehende Dynamik.

Rashaad Newsome, exhibition view, 2010 Foto: Ivo Corrà

Rashaad Newsome, exhibition view, 2010 Foto: Ivo Corrà

Im Zuge seiner künstlerischen Recherchen hat Newsome eine erste Version von Shade Compositions bereits 2006 in Paris mit französischen Frauen afrikanischer Herkunft inszeniert. Eine weiterentwickelte und komplexere Variante der Performance wurde 2009 in New York realisiert. Dabei arbeitete der Künstler mit rund zwanzig jungen afroamerikanischen Frauen zusammen. Das Ergebnis ist eine vom Künstler arrangierte Partitur, die der Natürlichkeit des stimmlichen und gestischen Repertoires dieser Frauen Ausdruck verleiht. In fünf unterschiedliche, ineinander übergreifende Abschnitte unterteilt, ähnelt die Performance einer klassischen Orchesterkomposition, deren expressive Kompaktheit sich in den linguistischen und gestischen Mustern reflektiert, welche die jungen Teilnehmerinnen wiedergeben – etwa das Schnipsen mit den Fingern, das Schnalzen mit den Lippen, das Schnauben, Stöhnen, Seufzen und Ausrufen, das Zurückweisen und die aggressive Haltung einer dezidiert ablehnenden Antwort. Neben dem Video der New Yorker Performance, die als unabhängige Arbeit präsentiert wird, werden in der Ausstellung Shade Compositions (Screen Tests 1-2) zwei weitere Videoarbeiten gezeigt, in denen das Casting zahlreicher Kandidatinnen und ein vom Künstler organisiertes Auswahlverfahren zu sehen ist, bei dem die Ausdruckssprache der Frauen beobachtet und studiert wird. So gibt die Videoarbeit Screen Tests in Form von Übungen, Proben und Wiederholungen auch Einblick in das große Videoarchiv, das Newsome im Verlauf der letzten Jahre zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika angesammelt hat.
Das jüngste Projekt Newsomes, Five (2010), ist eine weitere Untersuchung einer marginalisierten linguistischen Ausdrucksform im Gefolge der afroamerikanischen Kultur. Es handelt sich um Voguing, jenen Tanzstil, der in den 70er und 80er Jahre in den amerikanischen Schwulen- und Lesben-Tanzclubs entwickelt wurde. Der Vogue dance ist ein Tanz der Straße, ein freier und kreativer Tanz, der zugleich komplex und ausgeklügelt ist und dabei stets in großer Nähe zum zeitgenössischen Tanz verbleibt. Ähnlich wie in Shade Compositions gilt Newsomes Interesse auch hier der Erforschung der Entwicklung und kulturellen Bedeutung des Voguing als Kommunikationsmodell. So ist Five eine multimediale Performance, die den fünf hauptsächlichen Bewegungen des Vogue-Stils folgt, der aus Rotationen und Fluktuationen besteht, welche die physische Präsenz der Tänzer geradezu herausfordern.
Die Arbeiten Untitled (2008) und Untitled (New Way) (2009) unterstreichen das Ansinnen Newsomes, die fruchtbare Ästhetik des ursprünglichen Voguing wieder ins Gedächtnis zu rufen, so wie sie sich in der afroamerikanischen Tradition der Straßenkultur zwischen freier Improvisation und dem Fluss der Gesten und ihres Ausdrucksrepertoires erhalten hat.

CLOSE
Archiv
Installation view, Katarina Zdjelar,  Everything is Gonna Be, video, 2008 Courtesy the artist Foto: M. Pardatscher Installation view, Katarina Zdjelar, Everything is Gonna Be, video, 2008 Courtesy the artist Foto: M. Pardatscher

KATARINA ZDJELAR – MICHAEL HÖPFNER
25 Juni - 14 August 2010

kuratiert von Luigi Fassi

Installation view, Katarina Zdjelar,  A Girl, the Sun and an Airplane Airplane, video, 2007 Courtesy the artist Foto: M. Pardatscher

Installation view, Katarina Zdjelar, A Girl, the Sun and an Airplane Airplane, video, 2007 Courtesy the artist Foto: M. Pardatscher

Katarina Zdjelar und Michael Höpfner untersuchen in ihren jeweiligen Arbeiten Modelle der Überlieferung und Mechanismen kollektiver Wahrnehmung innerhalb der westlichen Kultur. Diese künstlerischen Untersuchungen führen zu einer tiefgreifenden kritischen Analyse der politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der gegenwärtigen Welt.
In A Girl, the Sun and an Airplane Airplane (2007) bittet Zdjelar einige Bürger der albanischen Hauptstadt Tirana, in einem Aufnahmestudio ganz ungezwungen russisch zu sprechen. Ziel der Künstlerin ist es, im Sinne eines linguistischen Gedächtnisses sprachliche Restbestände aus der Zeit der Diktatur unter Enver Hoxha wieder hervorzukramen, als russisch noch die Sprache der Kultur und Politik in Albanien war. Die Arbeit Zdjelars ist ein Versuch, in den Tiefen des kollektiven Unbewussten zu graben, dieses zu erforschen und individuelle, linguistische Reminiszenzen zutage zu fördern, die einer vergangenen Epoche angehören. Während sich die älteren unter den Teilnehmern noch an zahlreiche Worte und Sätze erinnern, versuchen die jüngeren vergeblich, ihr linguistisches Gedächtnis abzurufen. Zwar scheint dieses Gedächtnis noch dunkel vorhanden zu sein, doch finden die Beteiligten aufgrund der spezifischen Chiffren dieser Sprache heute keinen Zugang mehr zu ihr. In A Girl, the Sun and an Airplane Airplane trifft das demokratische Albanien von heute auf die zersplitterten Erinnerungen aus der jüngeren Vergangenheit des Landes. Auf diese Weise gelingt es der Künstlerin, das Verhältnis zwischen der historischen Wirklichkeit und ihrer Aneignung auf privater wie individueller Ebene zu hinterfragen.

Installation view, Katarina Zdjelar,  Everything is Gonna Be, video, 2008 Courtesy the artist Foto: M. Pardatscher

Installation view, Katarina Zdjelar, Everything is Gonna Be, video, 2008 Courtesy the artist Foto: M. Pardatscher

Everything is Gonna Be (2008) ist eine in Norwegen realisierte Videoarbeit. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von Menschen mittleren Alters. Sie sind allesamt im norwegischen Wohlfahrtsstaat aufgewachsen, der im Zuge der wirtschaftlich industriellen Entwicklung des Landes seit den 60er Jahren langsam aufgebaut wurde. Die Gruppe, ein Laienchor bestehend aus Freunden, singt auf Bitten der Künstlerin ein bekanntes Lied der Beatles, „Revolution“. Es ist ein Dialog zweier Menschen über die Zeit von 1968 und über ein immer noch ungelöstes Verhältnis zwischen Revolution und Gewalt, zwischen sozialem Wandel und politischem Extremismus. Der flüssige, aber fehlerhafte Gebrauch der englischen Sprache vonseiten der Interpreten wird im Rahmen der Arbeit der Künstlerin zur symbolischen Darstellung der Unzulänglichkeit der Sänger in Bezug auf den Inhalt dieses Liedes, zur Inszenierung einer Distanz zwischen den jugendlichen Ambitionen und den tatsächlichen biografischen Daten der Sänger. Everything is Gonna Be wird auf diese Weise zu einer Reflexion über die politische Idee des heutigen Europa und über das Potential der zivilisatorischen und kulturellen Rolle in der gegenwärtigen Welt der Bewohner.

Michael Höpfner, Outpost of Progress, slide series 2005-2010, slides b/w, light table, 2010 Courtesy the artist and Galerie Hubert Winter, Vienna

Michael Höpfner, Outpost of Progress, slide series 2005-2010, slides b/w, light table, 2010 Courtesy the artist and Galerie Hubert Winter, Vienna

Erosion, Identität, Gedächtnis und Verlust sind auch Schlüsselbegriffe der Arbeit von Michael Höpfner. Der österreichische Künstler hat im Lauf der letzten Jahre eine künstlerische Praxis des Gehens bzw. der geografischen und kulturellen Entfaltung entwickelt. Dabei durchwandert er zu Fuß Randgebiete und verlassene Landschaften verschiedener Kontinente. So ist Outpost of Progress (2005-2010) das Ergebnis einer achtwöchigen Wanderung von Höpfner über das Hochplateau des Chang Tang im westlichen Tibet – eine Region, die von etwa fünfzigtausend Menschen bewohnt ist, die nach alter Tradition ein nomadisches Leben führen. Als Gebiet, zu dem Touristen und Ausländer keinen freien Zugang haben, gehört es zu den unbekanntesten Gegenden der Erde. So erweist sich das Gebiet Chang Tang im Verlauf der künstlerischen Erkundung Höpfners als Ort zahlreicher architektonischer Zerstörungen und Umweltschäden. Weit entfernt von jeglichem Ideal einer unberührten Natur und einer sauberen Umwelt, erscheint die von Höpfner dokumentierte tibetische Region ganz im Gegenteil als Vorposten der Zerstörung des Planeten durch die industrialisierte Gesellschaft. Es ist das Schauspiel einer Auslöschung von Kulturen und Traditionen, die seit Jahrtausenden verankert sind. In Schutzhäusern, Grotten und kleinen Hütten trotzen die Einwohner Chang Tangs dem Vormarsch des globalen Fortschritts. Durch vielfältige Formen einer unsichtbaren nomadischen Lebensweise verteidigen sie ihre im Auflösen begriffene Kultur. Mit seinen fotografischen Aufzeichnungen, Diapositiven und notdürftigen Wohnmodulen, die sich an der unscheinbaren Bauweise der Region orientieren, wendet sich Outpost of Progress gegen die Idealisierung einer Harmonie und Homogenität, die wir für gewöhnlich mit den großen Naturgebieten verbinden. Vielmehr zeigt sie die Brutalität des Antagonismus, der zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum, zwischen Tradition und Entwicklung besteht.

Exhibition view, Katarina Zdjelar - Michael Höpfner, 2010 Foto: M. Pardatscher

Exhibition view, Katarina Zdjelar – Michael Höpfner, 2010 Foto: M. Pardatscher

CLOSE
Archiv
Mark Boulos, Frame from All That Is Solid Melts into Air, video, 2008 Courtesy the artist Mark Boulos, Frame from All That Is Solid Melts into Air, video, 2008 Courtesy the artist

MARK BOULOS
23 April - 19 Juni 2010

kuratiert von Luigi Fassi

Exhibition view Mark Boulos,  2010 Photo: M. Pardatscher

Exhibition view Mark Boulos, 2010 Photo: M. Pardatscher

Die erste Einzelausstellung von Mark Boulos (Boston, USA 1975, lebt und arbeitet in Amsterdam) in einer italienischen Institution baut auf drei Videoarbeiten auf: All That Is Solid Melts into Air (2008), The Origin of the World (2009) und The Word was God (2006). Damit soll ein ausgewogener Überblick über das Schaffen des amerikanisch-schweizerischen Künstlers ermöglicht werden. Boulos’ Arbeiten setzen sich mit dem komplexen Verhältnis zwischen religiösem Fundamentalismus, Ideologie und Terrorismus auseinander und bezeugen auf diese Weise seine Intention, zu einer radikalen künstlerischen Praxis zu gelangen, die über die partizipatorische Beobachtung des Künstlers in schwer zugänglichen und gesellschaftlich extremen Kontexten stattfindet. Seine Filme experimentieren mit einem sozialkritischen Gebrauch des Mediums Video. Dabei wird der Zuschauer nicht mit einer vorgefertigten Wahrheit, sondern mit einem filmischen Prozess der Analyse, Interpretation und Evolution konfrontiert.
Der erste Teil der doppelten Videoprojektion, All That Is Solid Melts into Air, wurde in Nigeria gedreht, im Mündungsdelta des Niger als einem der größten Erdölfördergebiete der Erde, wo ein gewaltsamer Konflikt zwischen der lokalen Bevölkerung und den von der Regierung des Landes zugelassenen Erdölfirmen tobt. Die Förderung des Rohöls hat dem betroffenen Landstrich de facto keinerlei ökonomischen Fortschritt gebracht, sondern im Gegenteil dazu beigetragen, die Lebensqualität durch Zerstörung und Umweltverschmutzung zu verschlechtern und die fragile Subsistenzwirtschaft der einheimischen Bevölkerung nachhaltig zu zerstören. Boulos hat mehrere Wochen bei den Mitgliedern der Bewegung Movement for the Emancipation of the Niger Delta zugebracht. Es sind einfache Fischer, die zu Guerillakämpfern wurden, um die neokolonialistische Ausbeutung der Rohstoffressourcen zu bekämpfen. Das Video verfolgt die Spur der internen Perspektive, indem es das paroxystische Crescendo der Riten und Bekundungen sowie des Gemeinsinns begleitet, durch welche die Mitglieder des Movement For Emancipation geeint werden. Ihr Ziel ist es, sich selbst und ihrem Land die Würde zurückzugeben. Der zweite Teil der Videoprojektion zeigt dagegen die Warenterminbörse in Chicago als zentralen Umschlagplatz und Börse für die weltweiten Rohölpreise. Das Video wurde im Zuge des Zusammenbruchs der amerikanischen Bear Sterns Bank zu Beginn der internationalen Kreditkrise gedreht und setzt nun ein gänzlich anderes Ritual in Szene. Es ist das Ritual der spekulativen Raserei der Börsenbroker in Chicago, die den Wert von Erdöl mit Finanzinstrumenten wie den Futures als börsengehandelte Termingeschäfte verhandeln. Die zweigeteilte Perspektive der Arbeit All That Is Solid Melts into Air, die ihren Titel dem Kommunistischen Manifest Karl Marx’ entlehnt, zeigt auf diese Weise das Erdöl als materielle Ware in zwei unterschiedlichen Phasen seiner Reise durch die globale kapitalistische Weltordnung: von seiner Förderung in den Sümpfen des Nigerdeltas bis hin zur ökonomischen Auflösung an den elektronischen Börsentafeln in Chicago.

Installation view, Mark Boulos, All That Is solid Melts into Air, 2010 Photo: M. Pardatscher

Installation view, Mark Boulos, All That Is solid Melts into Air, 2010 Photo: M. Pardatscher

The Word was God ist eine aus zwei aufeinanderfolgenden Teilen bestehende Arbeit, die sich mit dem Problem der Repräsentation und Thematisierung der metaphysischen Erfahrung des Numinosen auseinandersetzt, dabei jedoch von den Gegebenheiten der konkreten materiellen Wirklichkeit ausgeht. In der ersten Hälfte des Videos zeigt der Künstler das Portrait eines alten Eremiten in einer entlegenen Region Syriens, welche zugleich eine der ersten frühchristlichen Siedlungen war. Noch heute sprechen hier einige tausend Menschen aramäisch, die Sprache der Offenbarung Jesu Christi. Der zweite Teil der Arbeit wurde in der Shiloh Pentecostal Church von London gedreht, einer christlichen Gemeinschaft von Pfingstgläubigen afrikanischer Herkunft, wo das gemeinsame Gebet in einem Crescendo von Lauten und Rufen in Folge unbekannter linguistischer Codes eruptive Formen mystischer Ekstase annimmt. Sie sind sogar den Betenden selbst unbekannt, nur Gott kennt sie. Die Mitglieder der Pfingstgemeinde von Shiloh, die durch die Zungenrede über sich selbst und über die Grenzen der diskursiven Rationalität hinausgehen, werden für den Künstler zur Metapher und Metonymie der Gott-Mensch-Beziehung, zur Repräsentation des Übergangs vom Irdischen zum Überirdischen vermittels der intuitiven Kraft der Sprache.

Installation view, Mark Boulos, The Word was God, video, 2006 Photo: M. Pardatscher

Installation view, Mark Boulos, The Word was God, video, 2006 Photo: M. Pardatscher

Das Problem der Selbstdarstellung und der Beziehung zwischen Authentizität und Fiktion wurde von Boulos in einer späteren Arbeit, The Origin of the World, analysiert. In dieser Arbeit wird eine Videokamera hinter einem doppelten Spiegel angebracht, um ein Spiel der Bilder und der überlappenden Rückverweise zu erzeugen, wobei das Antlitz des Künstlers sich in seiner eigenen Pupille reflektiert. Dies wird im Vordergrund des Bildausschnittes wiedergegeben. Inspiriert von der Arbeit Gustave Courbets, dem filmischen Werk Dziga Vertovs und dem Denken von Jacques Lacan, ist The Origin of the World ein raffiniertes Experiment entlang der Chiffren der Psychoanalyse, der theatralischen Fiktion und der narrativen Täuschung.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Bakroman, Gianluca & Massimiliano De Serio, 2010 Photo: M. Pardatscher Exhibition view, Bakroman, Gianluca & Massimiliano De Serio, 2010 Photo: M. Pardatscher

BAKROMAN – GIANLUCA E MASSIMILIANO DE SERIO
19 Februar - 10 April 2010

kuratiert von Luigi Fassi

Exhibition view, Bakroman, Gianluca & Massimiliano De Serio, 2010 Photo: M. Pardatscher

Exhibition view, Bakroman, Gianluca & Massimiliano De Serio, 2010 Photo: M. Pardatscher

Bakroman ist die erste Einzelausstellung von Gianluca und Massimiliano De Serio (geb. 1978 in Turin, leben und arbeiten ebenda) in einer italienischen Galerie. Die gezeigte Videoarbeit entstand 2010 während eines mehrwöchigen Aufenthalts der beiden Künstler in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos. Im Mittelpunkt der Arbeit standen dabei die Straßenkinder dieser Stadt, die Bakroman, wie sie auf Mòoré genannt werden. Als Waisenkinder oder von ihren Familien getrennt, wachsen sie in extremer Armut und unter schwierigsten Lebensbedingungen in den Straßen der Stadt auf. Sie sind auf sich allein gestellt und werden leicht Opfer von Gewalt, Vergewaltigungen und Aggressionen jeglicher Art, denn sie stehen am untersten Ende des ohnehin prekären Sozialsystems von Burkina Faso.

Exhibition view, Bakroman, Gianluca & Massimiliano De Serio, 2010 Photo: M. Pardatscher

Exhibition view, Bakroman, Gianluca & Massimiliano De Serio, 2010 Photo: M. Pardatscher

Die Bakroman besitzen keine Unterkunft und haben weder eine Schulbildung genossen noch eine Arbeit in Aussicht. Ihre Tage bestehen darin, auf der Suche nach Essen und Wasser durch die Straßen der Hauptstadt zu ziehen. Doch die primären Ressourcen des Lebens müssen mühsam erkämpft werden. Gerade diese grundlegenden Probleme, das Gefühl der Verlassenheit und die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, haben die älteren unter ihnen dazu veranlasst, eine Vereinigung zu gründen. Ziel der Vereinigung Ajer – Association des jeunes en situation de rue ist es, eine gewisse Ordnung in den Tagesablauf zu bringen, aber auch die Kommunikation zu fördern, einen Dialog zu entfachen und sich gegenseitig zu helfen. Durch tägliche Treffen und gemeinsam verfasste Regeln, wurde die Vereinigung zu einer Art spontaner Selbsthilfe, zu einer Plattform neuer Möglichkeiten und gegenseitiger Solidarität, um das tägliche Elend und die harten Bedingungen des Straßenlebens abzumildern.
Als filmische Explosion in Form einer Vielzahl an Projektionen und Bildschirmen, ist Bakroman eine hybride und vielschichtige Arbeit, in der sich die Bilder der Association des jeunes und ihrer internen Gruppen überlapppen und immer wieder mit den fließenden Dialogen und biographischen Bruchstücken aus dem Hier und Jetzt überschneiden. Die Vermittlung und der essentielle Filter der Filmkamera haben die Arbeit der beiden Künstler, die sich erst das Vertrauen der Straßenkinder erarbeiten mussten, nachhaltig verändert. Aus einer anfänglich distanzierten Herangehensweise wurde eine teilnehmende Beobachtung, die sich zunehmend von ihrem neutralen Standpunkt entfernte und zu einem Vertrauensverhältnis entwickelte, das die Distanz zwischen den Künstlern und den Bakroman mit der Zeit schwinden ließ.

Exhibition view, Bakroman, Gianluca & Massimiliano De Serio, 2010 Photo: M. Pardatscher

Exhibition view, Bakroman, Gianluca & Massimiliano De Serio, 2010 Photo: M. Pardatscher

So verweigert sich diese Arbeit der geschlossenen Form des Dokumentarfilms, die gleichsam einer Reportage auf kodifizierte und als folgerichtig eingestufte Erzählstränge aufbaut. Dagegen basiert Bakroman auf dem Versuch, eine vertrauensvolle Form der Gleichheit zwischen den Jugendlichen von Ouagadougou und den Filmemachern herzustellen, welche über die gleichzeitige Anwesenheit sowohl der einen als auch der anderen innerhalb eines geographisch und zeitlich limitierten Rahmens vermittelt und filmisch dokumentiert wird. Als tiefgreifende Analyse einer Gemeinschaft von „Unsichtbaren“, die in krassem Gegensatz zur Bankrotterklärung der bestehenden Gesellschaftsordnung steht, ist die Arbeit der Brüder De Serio zugleich eine beharrliche Untersuchung der ethischen Dimension des Dokumentarfilms, bezeugt sie doch die Entstehung einer kollektiven Identität im Gefolge einer prekären und diasporischen Erfahrung des Widerstands.

CLOSE
Archiv
Nanna Debois Buhl, Donkey Studies #07, C-Print, 90 x 59,5 cm, 2008 Courtesy the artist Nanna Debois Buhl, Donkey Studies #07, C-Print, 90 x 59,5 cm, 2008 Courtesy the artist

BLACK ATLANTIC
27 November - 30 Januar 2010

Nanna Debois Buhl, Kiluanji Kia Henda, Maryam Jafri, Hank Willis Thomas
kuratiert von Luigi Fassi

Exhibition view, Hank Willis Thomas, The Day I Discovered I was Colored, 2009 Courtesy the artist and Jack Shainman Gallery, New York Photo: M. Pardatscher

Exhibition view, Hank Willis Thomas, The Day I Discovered I was Colored, 2009 Courtesy the artist and Jack Shainman Gallery, New York Photo: M. Pardatscher

Ausgangspunkt der Ausstellung ist der Atlantische Ozean in seiner räumlichen Dimension, als Ort der Begegnung zahlreicher Kulturen und Völker im Verlauf der letzten drei Jahrhunderte. Mit Bezug auf die Formulierung Black Atlantic, die auf den englischen Theoretiker Paul Gilroy zurückgeht, setzt sich das Projekt mit der Vielfalt und den Verstrickungen europäischer, amerikanischer und afrikanischer Identitäten auseinander. Dazu werden vier Künstler und Künstlerinnen aus den drei am Atlantik liegenden Kontinenten vorgestellt, deren Arbeiten sich mit jenen historischen Ereignissen und Erinnerungen befassen, die in Zusammenhang mit der Geschichte des Kolonialismus und mit dessen Erbe in Form der heutigen rassenpolitischen Auseinandersetzungen stehen. Die zentralen Themenkreise der Künstler sind: die Geburt der europäischen Nationalstaaten, das Erbe der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika und die komplexen postkolonialen Gegebenheiten im heutigen Afrika. Stimmen und Erinnerungen sowie persönliche, aber auch kollektive Aufzeichnungen und Gestaltungen bezeichnen den labyrinthischen Verlauf der Ausstellung, die zu einer Reflexion über die Natur der individuellen Freiheit und der politischen Emanzipation in unserer heutigen Welt anregt.

Maryam Jafri, Independence Day 1936-1967, photo installation, 2009 Courtesy the artist

Maryam Jafri, Independence Day 1936-1967, photo installation, 2009 Courtesy the artist

Im Hintergrund bleibt stets das Bild des Atlantischen Ozeans bestehen: als symbolischer und realer Ort des Kreislaufs der Kulturen, als Ort der Unterdrückung und der Freiheit, sowie als Lebensraum, welcher die Neuzeitliche Geschichte der am Atlantik gelegenen Kontinente unauslöschlich geprägt hat.

Kiluanji Kia Henda, Karl Marx, Luanda, Photography triptych print on aluminium, 86 cm x 130 cm, 2006 Courtesy the artist and Collezione Raffaella e Stefano Sciarretta, Nomas Foundation, Roma e Galleria Fonti, Napoli

Kiluanji Kia Henda, Karl Marx, Luanda, Photography triptych print on aluminium, 86 cm x 130 cm, 2006 Courtesy the artist and Collezione Raffaella e Stefano Sciarretta, Nomas Foundation, Roma e Galleria Fonti, Napoli

Kiluanji Kia Henda (*1979 Angola; lebt und arbeitet in Luanda)
Der Künstler konzentriert sich in seiner künstlerischen Recherche auf sein Heimatland Angola, in welchem seit 1975 – als das Land die Unabhängigkeit von Portugal erlangte – ein grausamer Bürgerkrieg tobt. Die Hauptprotagonisten in diesem Krieg waren die beiden wichtigsten politischen Stömungen des Landes, die wiederum als Stellvertreter der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion agierten. Die beiden Supermächte wollten sich auf diese Weise die geopolitische Kontrolle des Landes und seiner Ölreserven sichern. Bis 1979 wurde Angola von Agostinho Neto regiert, einem intellektuellen marxistischen Präsidenten, welcher Revolutionär und gleichsam Poet war. Doch nach ihm entwickelte sich Angola in einem endlosen Bürgerkrieg zu einem völlig wehrlosen Land, welches zwischen den beiden Supermächten des Kalten Krieges aufgerieben wurde. Der Preis, den das Land für diese neue Version kolonialer Gewalt in Form von Menschenleben und allgemeiner Zerstörung zahlen musste, war immens. Karl Marx, Luanda (2006) ist ein fotografisches Triptychon. Es zeigt das Wrack eines gigantischen sowjetischen Fischereischiffes, das ein Geschenk der UdSSR an Angola war, heute jedoch verlassen am atlantischen Strand vor der Hauptstadt Luanda liegt. Als Relikt und gleichsam Sinnbild einer jahrzehntelangen politischen Zusammenarbeit zwischen Angola und der Sowjetunion, zeugt es von den einstigen Handelsbeziehungen zwischen diesen beiden Ländern. In den Bildern Kiluanji Kia Hendas konzentrieren sich auf emblematische Weise Themen wie ideologische Gewalt, atlantischer Kolonialismus, Kalter Krieg, Marxismus und Unabhängigkeit. Sie erscheinen im Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart, als Vektoren einer unmöglichen Zukunft, die dem Land Angola selbst heute noch verwehrt zu sein scheint.

Maryam Jafri (*1972, Karachi, Pakistan; lebt und arbeitet in Kopenhagen und New York, US)
Die Arbeit Independence Day 1936-1967 besteht aus einer Fotoserie anlässlich der Feierlichkeiten zum jeweils ersten Unabhängigkeitstag einer Vielzahl von asiatischen und afrikanischen Ländern, darunter Indonesien, Ghana, Senegal, Pakistan, Syrien, Libanon, Kenia, Tansania, Mosambik und Algerien. Der Unabhängigkeitstag erscheint in diesen Aufnahmen wie eine formelle Zeremonie, eine Kodifizierung von Ritualen und diplomatischen Diskursen an öffentlichen Plätzen und privaten Räumen. Das gesamte offizielle Protokoll, von der Vereidigung der neuen Regierung und der Unterzeichnung der Dokumente bis hin zum Pomp und Salut der Paraden, wird von der sich zurückziehenden Kolonialmacht orchestriert und geleitet. Aus diesem Grund sind die fotografischen Materialien, welche die Künstlerin in Archiven rund um den gesamten Globus gesammelt hat (und welche dreißig Jahre Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts abdecken) trotz der geografischen und historischen Unterschiede untereinander erstaunlich ähnlich. Sie bezeugen das Fortwähren des europäischen Kolonialmodells selbst noch im Moment seiner offiziellen Beendigung. Jafris Arbeit ist auf diese Weise ein verstecktes, indirektes Zeugnis der Schwierigkeiten, sich von der kolonialen Vergangenheit zu befreien. Gleichsam ist es jedoch retrospektiv betrachtet ein dunkles Präludium jener politischen und sozialen Tragödien, welche einen Großteil der postkolonialen Länder in der Folgezeit ihrer Unabhängigkeit zerstört haben.

Exhibition view, Hank Willis Thomas, Afro American Express, 2007 Courtesy the artist and Jack Shainman Gallery, New York Photo: M. Pardatscher

Exhibition view, Hank Willis Thomas, Afro American Express, 2007 Courtesy the artist and Jack Shainman Gallery, New York Photo: M. Pardatscher

Hank Willis Thomas (*1976, Plainfield, NJ; lebt und arbeitet in New York, US)
Die Geschichte des Sklavenhandels im atlantischen Raum, die Erinnerung an die Sklavenarbeit der schwarzen Bevölkerung auf den amerikanischen Plantagen und das allgegenwärtige Erbe des Kolonialismus und des Rassendiskurses in unserer heutigen Gesellschaft: Dies sind die thematischen Knotenpunkte, die sich durch das Werk von Hank Willis Thomas ziehen. So greift er in seiner Arbeit The Curious in Ecstasy The Day (2006) die Geschichte von Saartjie Baartman auf, einer jungen südafrikanischen Frau, die Anfang des 19. Jahrhunderts als Sklavin verschleppt und in England und Frankreich herumgereicht wurde, um dort als exotisches Ausstellungsobjekt für die neugierige Öffentlichkeit unter dem Namen “Hottentotten-Venus” einem bürgerlichen europäischen Publikum vorgeführt zu werden. Ihr Aussehen wurde als Symbol primitiver Schönheit interpretiert, welche dem Tierreich näher als dem Menschen zu stehen schien und dem europäischen Blick unverständlich erscheinen musste. Zu diesem Thema reproduzierte Hank Willis Thomas einen französischen Druck aus jener Zeit, wobei er jedoch das Bildnis von Saartjie Baartman, die gerade von einer Gruppe Neugieriger betrachtet wird, wegretuschierte und an ihre Stelle die Venus von Botticelli setzte, welche in Europa als kanonisches Ideal weiblicher Schönheit gilt. Auf diese Weise kehrt Hank Willis Thomas die Logik des weißen, europäischen Blickes um und enthüllt das rassistische Konstrukt dieses Ideals. The Day I Discovered I Was Colored (2006) reproduziert eine amerikanische Illustration aus den Sechziger Jahren. Darin leiht der Künstler seine Stimme jener Unzufriedenheit, die mit der Entdeckung beginnt, dass die eigene Identität als Andersartigkeit und rassische Unterlegenheit gesetzt wird. Afro-American Express (2008) besteht in der Reproduktion einer Grafik von drei weitverbreiteten Kreditkarten, deren offizielle Logos mit Abbildern von Sklavenhändlerschiffen ersetzt wurden. Mit diesen Schiffen wurden die Sklaven von der afrikanischen Westküste aus verschifft, um auf amerikanischen Plantagen zu arbeiten. Auf diese Weise wird der von internationalen Banken kontrollierte, immaterielle Kreislauf der finanziellen Mittel mit bitterer Ironie in Zusammenhang mit dem Kreislauf des Sklavenmarktes gebracht, der sich in den vergangenen Jahrhunderten entlang der Routen im Atlantischen Ozean abspielte.

Nanna Debois Buhl (*1975, Aarhus, Dänemark; lebt und arbeitet in New York, US)
Die Arbeit der dänischen Künstlerin Nanna Debois Buhl ist eine komplexe Untersuchung der kolonialen Erblast der dänischen Geschichte. Looking for Donkeys (2008-2009) dokumentiert, wie die Künstlerin eine Woche lang den wildlebenden Eseln auf der Insel St.John nachspürt. Die ehemalige Kolonie St.John befand sich – als Teil der Jungferninseln im Atlantischen Ozean – zwischen 1718 und 1917 im Besitz Dänemarks, danach wurde sie an die Vereinigten Staaten von Amerika abgetreten. Zusammen mit den schwarzen Sklaven, die an Afrikas Westküsten versammelt und per Schiff auf die Jungferninseln verfrachtet wurden, brachten die Dänen Anfang des 18. Jahrhunderts auch zahlreiche Esel nach St. John, die dort als Arbeitstiere für die schwere Arbeit auf den Plantagen eingesetzt wurden. Nach dem Ende der Kolonialzeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, wurden sie in St. John zurückgelassen. Heute leben etwa 400 ihrer Nachfahren, die sich als wildlebende Tiere unkontrolliert vermehrt haben, auf der Insel. Das Video der Künstlerin handelt von ihrer Begegnung mit diesen Eseln von St. John – gleichsam Gespenster der kolonialen Vergangenheit des Landes. Es sind mysteriöse und scheue Wesen, kulturgeschichtliche Rätsel eines kollektiven Gedächtnisses, welches verdrängt wurde und noch darauf wartet endlich untersucht zu werden. Die Arbeit Incredible Creature (2009) stellt eine weitere Nachforschung der Künstlerin zur kolonialistischen Vergangenheit Dänemarks dar. Sie handelt von dänischen Händlern und Missionaren, die sich auf die Reise über den Atlantik machten, auf der Suche nach kolonialisierbaren Ländern und unerschöpflichen Reichtümern. Der dänische Kolonialismus als Teil der Geschichte des Atlantischen Sklavenhandels widerspiegelt sich heute noch in der Architektur des Landes. So stellen die Blumenmotive der Lagerhallen des Kopenhagener Hafens, die in das 18. Jahrhundert zurück datieren, zumeist typische Blumen der karibischen Flora dar.

CLOSE
Archiv
William E. Jones, still from Tearoom, 1962/2007, 16mm film transferred to video, colour, silent, 56 minutes Courtesy the artist and David Kordansky Gallery, Los Angeles William E. Jones, still from Tearoom, 1962/2007, 16mm film transferred to video, colour, silent, 56 minutes Courtesy the artist and David Kordansky Gallery, Los Angeles

WILLIAM E. JONES
03 September - 31 Oktober 2009

kuratiert von Luigi Fassi

William E. Jones, still from Tearoom, 1962/2007, 16mm film transferred to video, colour, silent, 56 minutes Courtesy the artist and David Kordansky Gallery, Los Angeles

William E. Jones, still from Tearoom, 1962/2007, 16mm film transferred to video, colour, silent, 56 minutes Courtesy the artist and David Kordansky Gallery, Los Angeles

Die Kulturgeschichte der Sexualität, Ideologien der Macht und Strategien der sozialen Kontrolle, das sind die zentralen Thematiken der ersten Einzelausstellung des amerikanischen Künstlers William E. Jones in Europa (*1962, Canton, Ohio, USA; arbeitet und lebt in Los Angeles).
Die Arbeiten von William E. Jones entfalten sich entlang der Sozialgeschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts, sie erforschen anhand von Archivmaterialien und visueller Kommunikation Geschehnisse, die in Vergessenheit geraten sind. So werden pornografische Filme der 70er Jahre, Footage-Materialien gerichtlicher Untersuchungen und nicht verwendete Foto-Negative zum Rohmaterial, mit welchem der Künstler seine interpretative Archivarbeit ans Tageslicht bringt – bis hin zu einer erstaunlichen semantischen Erneuerung von Kulturdokumenten, die für gewöhnlich als nicht relevant betrachtet werden.

Exhibition view, William E. Jones, 2009 Photo: M. Pardatscher

Exhibition view, William E. Jones, 2009 Photo: M. Pardatscher

Tearoom (1962/2007), die zentrale Arbeit der Ausstellung, ist ein Footage, das im Jahre 1962 vom Mansfield Police Department im Bundesstaat Ohio unter Zuhilfenahme versteckter Videokameras gedreht wurde. Der Film ist technisch betrachtet ein vom Künstler in voller Länge gezeigtes objet trouvé, auf welchem rege wechselnde homosexuelle Handlungen zu sehen sind, die sich in den öffentlichen Toiletten einer Kleinstadt im amerikanischen Mittelwesten abspielen. Als bahnbrechendes Experiment der sozialen Kontrolle durch Anwendung von Technologie, zeigt Tearoom die Strategien der Kriminalisierung von Homosexualität im Amerika der 60er Jahre auf und wird so zu einer Reflexion über Repression und Ausübung von Macht seitens der zuständigen Autoritäten. Zugleich stellt es aber auch ein faszinierendes und nostalgisches Portrait der homoerotischen Sexualität dar, wie sie vor dem Bekanntwerden von AIDS stattfand. Nahezu 50 Jahre nach seiner Anfertigung ist der Film Tearoom, dessen eigentliche Aufgabe in einer dokumentarischen Untersuchung bestand, noch immer ein kulturell schwer verständliches Werk – und in der beinahe unerschöpflichen Vielfalt seiner Bedeutungen eine geradezu geheimnisvolle Arbeit.

William E. Jones, Still from Killed, 2009, Video black&white, silent, 1:44 minute Courtesy the artist and David Kordansky Gallery, Los Angeles

William E. Jones, Still from Killed, 2009, Video black&white, silent, 1:44 minute Courtesy the artist and David Kordansky Gallery, Los Angeles

Weitere Arbeiten der Ausstellung wie Killed (2009) oder die Fotoserie Sailors, Pan, Orpheus (Francis Benjamin Johnston and F. Holland Day) (2008), die beide mit Bildern vom Archiv der Washingtoner Library of Congress realisiert wurden, bezeugen das konstante Interesse des Künstlers für Archivmaterial, welches als kraftvoller, philosophischer Auslöser zur Wiederentdeckung von Geschichten, ideologischen Manipulationen, Ereignissen und möglichen Interpretationen dient.

Exhibition view, William E. Jones, 2009 Photo: M. Pardatscher

Exhibition view, William E. Jones, 2009 Photo: M. Pardatscher

Die Arbeit von William E. Jones ist somit eine Reise durch die labyrinthischen Dimensionen der zeitgenössischen Geschichte, Ergebnis eines unreinen und zugleich scharfen Blickes, der in der Lage ist, die gewohnten und traditionellen Bilder der Moderne herauszufordern.
Text Luigi Fassi

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Dictation-Eva Kot'àtkovà, 2009 Exhibition view, Dictation-Eva Kot'àtkovà, 2009

EVA KOT’ÁTKOVÁ – DICTATION
30 Mai - 27 Juli 2009

kuratiert von Luigi Fassi

Eva Kot’átková, Walk to school, 2008 Courtesy the artist

Eva Kot’átková, Walk to school, 2008 Courtesy the artist

Dictation ist die erste Einzelausstellung der tschechischen Künstlerin Eva Koťátková (1982, Prag) in Italien. Eine philosophische Recherche, die neben den jüngsten Arbeiten der Künstlerin auch neue, speziell für die Räumlichkeiten der ar/ge Kunst geschaffene Arbeiten präsentiert.
In einer Dialektik zwischen Erfahrung und Entwicklung, Norm und Bestrafung, konstruiert Koťátková performative Modelle der Gesellschaftsanalyse und erforscht mit diesem Instrumentarium die Ausprägungen des gesunden Menschenverstandes sowie den ideologischen Aufbau von Verhaltensweisen und individuellen Gewohnheiten. Dabei wird der Körper der Künstlerin selbst zu einem relevanten Teil dieser Strategie, denn sie lotet die sinnlich erfassbaren Grenzen unserer Gewohnheiten und festgelegten Ausdrucksformen aus, indem sie sie nach vollkommen neuen Koordinaten umgestaltet.
Eva Koťátkovás bevorzugter Ort der Auseinandersetzung ist die Kindheit und die Schule als Ort der Bildung und Erziehung – Paradigmen der gesellschaftlichen Integration und Kontrolle, deren Rituale und festverankerte Verhaltensmuster von Koťátková erforscht werden. In der Arbeit Sit straight with your arms behind your back (2008) unterstreichen einfache Holzstrukturen die verschiedenen Körperhaltungen der Kinder während der Schulstunden. Sie veranschaulichen darüber hinaus etliche Strategien sozialer Kontrolle, die von der Schule als Institution vermittelt werden. Das erzieherische Umfeld spielt auch eine zentrale Rolle in der Arbeit Dictate (2009), eine Audioinstallation, in der die Stimme eines Lehrers im Befehlston eine Reihe von Befehlen und Strafmaßnahmen diktiert. Diese entsprechen der normativen Atmosphäre jener Kontrolle, die von den Lehrkräften an die Schüler weitergegeben wird.

Eva Kot’átková, House arrest 1, Table object, 2009 Courtesy the artist

Eva Kot’átková, House arrest 1, Table object, 2009 Courtesy the artist

Die Arbeit ist räumlich performativ gegliedert, sodass die Besucher an einem Tisch Platz nehmen und das Strafdiktat über sich ergehen lassen können. Dabei erweist sich Dictate als offenes und nachvollziehbares Register – ein papiernes Archiv, das im Laufe der Ausstellung wachsen wird, weil in ihm die Einträge der Besucher aufgelistet werden, die dazu aufgefordert wurden, eine im Gedächtnis verborgene Praxis ihrer Schulzeit wiederzuerleben. Andere Arbeiten, wie Drawing Archives (2005-2009), inszenieren eine Art Archiv der Gedanken und Phantasien der Künstlerin, das sich zwischen Erinnerungen, Ängsten und gesellschaftsanalytischen Experimenten bewegt.
In einer geradezu obsessiven Aufzeichnung von Ereignissen, Erinnerungsmomenten und allgemein akzeptierten Mechanismen, demontiert Eva Koťátková Stück für Stück die Gewissheiten der individuellen und kollektiven Identität. Indem sie die gesellschaftlichen Normen und Modelle immer wieder in Frage stellt, unternimmt sie in letzter Instanz auch eine radikale Erforschung des Wesens der Freiheit und Willensfreiheit.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Roberto Ago, Senza titolo, 2008 Courtesy  the artist Photo: Ivo Corrà Exhibition view, Roberto Ago, Senza titolo, 2008 Courtesy the artist Photo: Ivo Corrà

A LETTER CONCERNING ENTHUSIASM
21 März - 15 Mai 2009

Tim Hyde, Andreas Bunte, Johanna Billing, Olga Chernysheva, Roberto Ago
kuratiert von Luigi Fassi

Exhibition view, Andreas Bunte, Die letzten Tage der Gegenwart, Courtesy Galerie Ben Kaufmann Photo: Ivo Corrà

Exhibition view, Andreas Bunte, Die letzten Tage der Gegenwart, Courtesy Galerie Ben Kaufmann Photo: Ivo Corrà

Die Ausstellung “A letter concerning Enthusiasm” (Ein Brief über den Enthusiasmus) bezieht ihren Titel und Anfangspunkt aus dem gleichnamigen philosophischen Brief des britischen Denkers Anthony Ashley Cooper, dem siebten Earl von Shaftesbury, aus dem Jahr 1707. Untersucht werden die dunklen Seiten der Konzeption von Enthusiasmus im Zeitalter der europäischen Moderne, da diese Gesinnung als Quelle der Obsession, des Fanatismus’ und der Gewalt betrachtet und in Folge weithin vermieden und fallen gelassen wurde.

Exhibition view, Olga Chernysheva, Alley of Cosmonauts, 2008 Courtesy the artist and Foxy Production, New York, Whitespace Gallery London, Hamel Family Collection, Paris Photo: Ivo Corrà

Exhibition view, Olga Chernysheva, Alley of Cosmonauts, 2008 Courtesy the artist and Foxy Production, New York, Whitespace Gallery London, Hamel Family Collection, Paris Photo: Ivo Corrà

Die Arbeiten der ausgestellten Künstler greifen diese Konzeption wieder auf. Sie beschreiben auf vielfache Weise das Scheitern der revolutionären, mit Enthusiasmus überfrachteten Ideen im Zwanzigsten Jahrhundert, und markieren jenen Punkt, an dem der Enthusiasmus sein Misslingen offenbart, indem er in sich zusammenfällt und zu Langeweile und Inaktivität wird.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, California Conceptual Art, Tony Labat, Simone, 2009 Photo: Ivo Corrà Exhibiton view, California Conceptual Art, Tony Labat, Simone, 2009 Photo: Ivo Corrà

CALIFORNIA CONCEPTUAL ART
16 Januar - 28 Februar 2009

Paul Kos, Tony Labat
kuratiert von Hans Winkler

Exhibiton view, California Conceptual Art, 2009 Photo: Ivo Corrà Ivo Corrà

Exhibiton view, California Conceptual Art, 2009 Photo: Ivo Corrà
Ivo Corrà

Beeinflusst vom gesellschaftlichen Umbruch in Kalifornien der 1960er Jahre, geprägt von fernöstlicher Philosophie und fern ab vom New Yorker Kunstmarkt, formten Künster wie Paul Kos, Tony Labat, Dennis Oppenheim, Terry Fox, Tom Marioni, oder auch Bruce Nauman in der Bay Area, rund um San Francisco, die Californian Conceptual Art.

Exhibiton view, California Conceptual Art, 2009 Photo: Ivo Corrà

Exhibiton view, California Conceptual Art, 2009 Photo: Ivo Corrà

Mit neuen künstlerischen Ausdrucksformen, neuen Medien, Videoarbeiten, Performances und Installationen, für die man nicht selten vergängliche Materialien (wie Eis, oder Staub) verwendete, trat das Konzept und die Idee der orts- und situationsbezogenen, künstlerischen Arbeit und nicht die Vermarktung der Kunst in den Vordergrund.

Exhibiton view, California Conceptual Art, Paul Kos, 2009 Photo: Ivo Corrà

Exhibiton view, California Conceptual Art, Paul Kos, 2009 Photo: Ivo Corrà

Hiermit erhielten vor allem ephemere, vergängliche Kunstwerke mit ihrem poetisch–erzählerischem Ansatz eine neue Bedeutung. Zwei wichtige Vertreter aus San Francisco: Paul Kos und Tony Labat werden vom 16. Januar bis 28 Februar 2009 Objekte, Installationen und Projekte in der ar/ge kunst Galerie Museum Bozen zeigen. Hierfür entwickelten die beiden Künstler speziell einige neue Arbeiten. Als Künstler und Professoren des San Francisco Art Institute beeinflussen sie bis heute mehrere Künstlergenerationen.

Exhibiton view, California Conceptual Art, Paul Kos, 2009 Photo: Ivo Corrà

Exhibiton view, California Conceptual Art, Paul Kos, 2009 Photo: Ivo Corrà

CLOSE
Archiv
Mel O’Callaghan, Installation View, Overlines, 2007 Courtesy Schleicher & Lange, Paris. Photo: Ivo Corrà Mel O’Callaghan, Installation View, Overlines, 2007 Courtesy Schleicher & Lange, Paris. Photo: Ivo Corrà

FANTASMATA
08 November - 20 Dezember 2008

Becky Beasley, Susanne Bürner, Alice Guareschi, Mel O’Callaghan, Niamh O’Malley, Ana Prvacki, Magnus Thierfelder
kuratiert von Luigi Fassi

Magnus Thierfelder, Installation view, Who here among us still believs in choice, 2007 Courtesy Malmö Konstmuseum and Elastic Gallery, Malmö. Photo: Ivo Corrà

Magnus Thierfelder, Installation view, Who here among us still believs in choice, 2007 Courtesy Malmö Konstmuseum and Elastic Gallery, Malmö. Photo: Ivo Corrà

“Fantasmata” ist ein Schlüsselwort im Sprachgebrauch der westlichen Philosophie. Eng an die Reflexion über die Einbildungskraft und Phantasie geknüpft, konstituiert der Begriff von seinen historischen Ursprüngen im griechischen Denken bis zur Gegenwart ein komplexes philosophisches Problem.
Aristoteles definiert in De Anima die Einbildungskraft als Zwischenort zwischen Wahrnehmung und Denken, der solcherart die ephemere Verbindung zwischen den beiden Momenten ermöglicht und zugleich von beiden unterschieden bleibt. Für Aristoteles ist das Einbildungsvermögen oder die Phantasie in der Lage, aus sich heraus Fantasmata zu erzeugen: Bilder, die ihren Ausgangpunkt in der Erinnerung an das Wahrgenommene haben und durch die Erfahrung der sinnlichen Wahrnehmung einzelner Gegenstände und Ereignisse erzeugt werden. Diese Fantasmata nehmen eine primäre Rolle in der Entwicklung des Denkens ein, insofern in der aristotelischen Psychologie jede begriffliche und geistige Handlung zwangsläufig auf sie rekurriert und derart an sie gebunden ist. So wenig es daher Bilder ohne Wahrnehmung gibt, kann es in diesem Sinn auch ein Denken ohne Bilder nicht geben. Auf diese Weise bilden die Fantasmata eine Brücke zwischen Wahrnehmung und Denken und stellen sich als eigentlicher Motor der Erkenntnis dar, ohne jedoch in ihrer Eigenschaft der Ambivalenz und Flüchtigkeit selbst eine ontologische Größe zu konstituieren. Fantasmata sind demnach zweideutige Einheiten, diaphan und wechselhaft, so wenig rein sensitiv wie vollkommen intellektuell. Aus diesem Grunde jedoch sind sie in der Lage, den Bereich des Möglichen und seiner Entwicklungen Richtungsnahmen auf exemplarische Weise zu repräsentieren.
Die Ausstellung „Fantasmata“ will der Komplexität der ursprünglichen philosophischen Bedeutung von Fantasmata gerecht werden, indem sie sich auf die Spur ihrer Nuancen und Ambivalenzen begibt.
Die ausgestellten Arbeiten der Künstler und Künsterlinnen zeugen vom Wesen der Fantasmata und setzen Imagination, Erinnerung und Wahrnehmung gleichermaßen in Gang, ohne dass das eine oder andere der vertretenen Elemente stärker als die anderen wäre. Die Arbeiten der Ausstellung produzieren Bilder als jenen mentalen Ort, der als Grenze zwischen einer Welt der Empfindung und Wahrnehmung und einer Welt des rationalen und konzeptuellen Denkens zur Sichtbarkeit kommt. Auf diese Weise wird die grundlegende Bedeutung der Imagination und Phantasmen in der Kunst unterstrichen und zugleich die Aktualität des klassischen philosophischen Denkens im zeitgenössischen Kunstdiskurs hervorgehoben.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Elisabeth Weiss, 2008 Exhibition view, Elisabeth Weiss, 2008

TRA-MONTI
13 September - 31 Oktober 2008

Martina Drechsel, Werner Gasser, Sissa Micheli, Christian Niccoli, Elisabeth Weiss, Letizia Werth
kuratiert von Sabine Gamper

Als zweite von zwei Ausstellungen, welche im Zeitraum und während der 100 Tage Manifesta7 in der Galerie Museum ausgetragen werden, folgt auch diese Ausstellung einem Grundgedanken, der uns im Zeitraum der Biennale als wichtig erschien, nämlich die je eigene, spezifische Situation des Austragungsortes und seiner Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen. Mittels einer geladenen Ausschreibung wurden einige der im Moment spannendsten Positionen regionaler KünstlerInnen ausgewählt, diese zwei Ausstellungen mit ihren Werken zu bespielen. In der Jury saßen neben der Galerieleitung und Teilen des Vorstandes auch die beiden externen Kuratoren und Kenner der regionalen Szene, Astrid Wege, Köln, und Andrea Lissoni, Bologna/Mailand.
Im Gegensatz zur ersten, im Juli und August gezeigten Ausstellung, welche sich mit unserem äußeren Lebensraum (Umwelt, Kultur, Gebautes etc.) auseinandersetzte, ermittelt, thematisiert und reflektiert diese Ausstellung anhand der gezeigten Arbeiten unseren inneren Lebensraum, unsere Psyche, Zwischenmenschliches, unseren Alltag.
Der zweideutige Titel lässt unterschiedliche Lesearten zu, verweist auf die Komplexität von Themen, welche das Menschliche betreffen, und kann durchaus auch ironisch verstanden werden.
Als zwei große inhaltliche Stränge, die zu komplexen und prekären Situationen des Zwischenmenschlichen führen, kann man einerseits die Beschäftigung mit Situationen innerhalb des familiären und privaten Rahmens hinter den vier häuslichen Wänden erkennen, sowie den Verlust von Halt und Orientierung, sobald die gewohnte Umgebung verlassen wird.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Leander Schwazer, 2008 Exhibition view, Leander Schwazer, 2008

ALP-TRAUM
11 Juli - 30 August 2008

Maria Gamper, Krüger & Pardeller, Sonia Leimer, Philipp Messner, Leander Schwazer, Karl Unterfrauner

Dem Grundgedanken von Manifesta folgend, nämlich die je eigene, spezifische Situation des Austragungsortes und seiner Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen, beschäftigen sich die beiden Ausstellungen der Galerie Museum, die mit Beteiligung von überregional vernetzten Südtiroler KünstlerInnen während der 100 Tage Manifesta7 ausgetragen werden, mit ebendieser Frage: wer sind wir als Menschen, als KünstlerInnen, als Kulturschaffende in einem regionalen und in einem europäischen Kontext, was macht unsere Identität aus in einer Welt, die sowohl Regionalisierung wie Globalisierung forciert, zu einem Zeitpunkt, zu dem der Diskurs von Zentrum und Peripherie schon lange mit neuen Vorzeichen versehen ist?
Künstlerische Praxis untersucht, thematisiert und reflektiert unseren äußeren (Umwelt, Kultur, Gebautes etc.) und inneren (Psyche, Zwischenmenschliches, Alltag etc.) Lebensraum, stellt diesen in Frage und konzipiert ihn immer wieder neu. Es geht um den Blick hinter die Fassaden, um das Sichtbar machen von Transformationen, Übergängen, Verbindungen und Formprozessen. Trennungen, Umrisse, Distanzen sind positiv, und als Nuancen wirksam. Zwischenräume sind konstitutiv. Annäherungen und Entfernungen sind wichtiger als starre Positionen und Definitionen.
Auf dieser Suche nach dem Eigenen und dem Anderen zeigt die ar/ge kunst Galerie Museum im Rahmen der Ausstellung „alp-traum“ verschiedene künstlerische Positionen, die sich mit äußeren, räumlichen, konstruktiven Parametern beschäftigen.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Flora, 2008 Exhibition view, Flora, 2008

FLORA
09 Mai - 28 Juni 2008

Line Bergseth, Daniela Deinhard, Ettore Favini, Regula Dettwiler, Carla Mattii, Klaus Mosettig, Paolo Piscitelli, Ene-Liis Semper, Luzia Simons
kuratiert von Sabine Gamper

Exhibition view, Flora, 2008

Exhibition view, Flora, 2008

Durch die Möglichkeiten der technischen Reproduktion hat sich die Natur für den Menschen im letzten Jahrhundert grundlegend verändert. Ebenso fundamental hat sich die Situation des Menschen, der selber Natur ist, in der Natur verändert, also die Beziehung und Wechselwirkung der beiden. Natur ist als wesentliches Element unserer europäischen Kultur über Jahrzehnte entwertet bzw. immer wieder kulturell umgedeutet worden. Heute kämpfen wir bereits weltweit in Kampagnen um den Schutz unserer Natur, welche mittlerweile fundamental bedroht ist. Die Pflanzen, im Speziellen die Blüte, sind Wahrzeichen und Sinnbild für Schönheit, aber gleichzeitig auch für die Verletzlichkeit. Am Beispiel von Werken zeitgenössischer Kunst, welche sich mit Blumen und Pflanzen beschäftigt, soll diese Ausstellung unseren Blick auf all diese Themen werfen.
Die Ausstellung „Flora“ zeigt Werke von KünstlerInnen, welche sich in ihrer künstlerischen Arbeit und Recherche generell mit dem Thema Pflanzen, im Speziellen Blumen, beschäftigen. Es werden Positionen und Zugangsweisen vorgestellt, welchen einerseits eine forschende, wissenschaftliche Recherche zum Thema Pflanzenwelt zugrunde liegt, und die sich aber nicht scheuen, in ihrer Umsetzung die Ästhetik und Schönheit der Pflanzen in ihrer poetischen Kraft in den Vordergrund zu stellen. Anhand der gezeigten Werke wird die Galerie Museum in einen künstlichen Garten Eden verwandelt, der den Besucher eintauchen lässt in die besondere Ästhetik und sinnliche Präsenz der Pflanzenwelt. Über diesen Weg soll eine Reflexion über unseren Umgang und unser Verhältnis zur Natur in die Wege geleitet werden. Themen sind die Dichotomie zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, Schönheit und Verfall, Sinnlichkeit und wissenschaftlicher Beobachtung. Themen, die unsere Realität als lebendige Wesen bestimmt, und die über die Betrachtung der Naturdarstellungen reflektiert werden können.
Line Bergseth realisiert eine sich wöchentlich in Farbe und Duft verändernde Rauminstallationen mit echten Blüten, während Luzia Simons uns anhand ihrer großformatigen Scannogramme das Blühen und Verwelken von Pflanzen mit stechender Schärfe und in übernatürlich großen Dimensionen vor Augen führt. Die Bilder sind beherrscht von einem Pathos der Vergänglichkeit und der Trauer um die in ihrer vermeintlichen Pracht schon verlorene Schönheit.
Regula Dettwiler’s Arbeiten kreisen inhaltliche um die Simulation von „Natur“, indem sie künstliche Blumen als kreative Interpretationen von biologischen Strukturen in ihre Bestandteile zerlegt und nach wissenschaftlichen Kriterien auflistet.
Die Eingriffe des Menschen in Natur und Landschaft bzw. die Überschneidungen zwischen dem Natürlichen und dem kulturell Entstandenen werden in den Werken der Künstlerin Carla Mattii thematisiert. Die Unterscheidung zwischen sogenannten wertvollen Pflanzen und als Unkraut eingestuften „niederen“ Pflanzen sowie Querverweise zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen bespricht Paolo Piscitelli in seiner eindrücklichen Videoproiektion „some prefer nettles“, hingegen ist die historische Verknüpfung zwischen der wuchernden Pflanzenwelt und dem (zu zähmenden) weiblichen Körper Inhalt der Videoarbeit „Oasis“ von Ene-Liis Semper. Ettore Favelli setzt einen Spielautomaten in die Galerie, welcher kleine Sphären mit Pflanzensamen beinhaltet, die das Publikum mit nach Hause nehmen kann, um ihr Umfeld mit Pflanzen und Grünflächen zu gestalten.

CLOSE
Archiv
Exhibition view,  Elisabeth Baumgartner, 2008 Exhibition view, Elisabeth Baumgartner, 2008

ELISABETH BAUMGARTNER – UP-DATE
04 April - 26 April 2008

kuratiert von Sabine Gamper

Exhibition view,  Elisabeth Baumgartner, 2008

Exhibition view, Elisabeth Baumgartner, 2008

Das Kuratorium für Technische Kulturgüter veranstaltet in Zusammenarbeit mit der ar/ge kunst Galerie Museum Bozen eine Ausstellung, in der drei Jahre nach dem Tod von Elisabeth Baumgartner an ihre vielfältigen Tätigkeitsbereiche erinnert wird. Wir werfen einen Blick auf die journalistische Tätigkeit in den Bereichen Kultur und Zeitgeschichte, aber auch auf die Persönlichkeit von Elisabeth Baumgartner, unter anderem anhand von Zeichnungen, die sie in den 80er Jahren anfertigte.
Im Rahmen der Ausstellung sind Bilder, Ton- und Filminstallationen sowie Fotos und private Gegenstände zu sehen. Zu diesem Anlass erscheint auch eine Publikation im Reatia Verlag. Weiters wird der online-Katalog www.mediathek.bz.it präsentiert, in dem zeitgeschichtlich wertvolle audiovisuelle Materialien verortet wurden. Das web-Projekt ist auf Anregung von Elisabeth Baumgartner zustande gekommen.

Exhibition view,  Elisabeth Baumgartner, 2008

Exhibition view, Elisabeth Baumgartner, 2008

Elisabeth Baumgartner war Gründungsmitglied der ar/ge kunst Galerie Museum und war von Beginn an an der Programmgestaltung beteiligt. Ihre Produktivität und Offenheit für Neues prägte die gemeinsame Arbeit, wobei ihr Beitrag nicht einzelnen künstlerischen Manifestationen zum Selbstzweck galt, sondern immer Zeugnis einer Haltung und Lebensweise darstellte. Ihre Antriebskraft gründete auf der Fähigkeit, Verbindungen herzustellen, Menschen mit Menschen und Menschen mit Themen zusammenzuführen. Die Kulturjournalistin hinterlässt eine Fülle an Aufzeichnungen, Dokumenten, Interviews…, heute schon wieder wertvolles Quellenmaterial zum Weiterdenken, im Sinne der von ihr praktizierten sensiblen Neugierde in der Erkundung der kulturellen Identität unseres Lebensumfeldes. Besonders in den letzten Jahren fühlte sie sich den vom Kuratorium für Technische Kulturgüter aufgegriffenen Themen verpflichtet, womit schwierige, politisch und historisch sensible Abschnitte der Zeitgeschichte im öffentlichen Bewusstsein neu verankert wurden.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Abstract of syn, 2008 Exhibiton view, Abstract of syn, 2008

ABSTRACTS OF SYN
19 Januar - 8 März 2008

Marius Watz, @c (Pedro Tudela, Miguel Carvalhais), G.R.A.M. (Martin Behr, Günther Holler-Schuster), LIA , Rashim (Gina Hell, Yasmina Haddad), Remi (Renate Oblak, Michael Pinter), TAMTAM (Sam Auinger, Hannes Strobel), N.I.C.J.O.B. (Nicolas Jasmin) , Siegrun Appelt, Rosa Barba, Martin Brandlmayr, Xoper Davidson, HÜseyin Evirgen, Tina Frank, KARØ Goldt, Florian Hecker, Dariusz Kowalski, Siegrun Appelt, Gerold Tagwerker, Axel Stockburger, Schreiber Bernhard Lang, Pfaffen Pichler, Dietmar Offenhuber, Karina Nimmerfall, Christopher Musgrave, Jan Robert Leegte, Andrés Ramirez, Martin Siewert, Annja Krautgasser, Stefan Németh, Ga-Viria, Tomas Eller, Jan St. Werner
kuratiert von Sandro Droschl

Exhibiton view, Abstract of syn, 2008

Exhibiton view, Abstract of syn, 2008

Im Bereich experimenteller intermedialer Gegenwartskunst wird die synästhetische Verbindung zwischen Audio und Video kontinuierlich markanter. In 18 Arbeiten stellt der Grazer Kunstverein Medienturm eine jüngere Künstlergeneration vor, die sich in diesem Bereich eine wachsende internationale Reputation erarbeitet.

Exhibiton view, Abstract of syn, 2008

Exhibiton view, Abstract of syn, 2008

In den ausgewählten Arbeiten lässt sich eine Auseinandersetzung mit einem abstrahiert-konzeptuellen Produktionsbegriff ablesen; tendenziell trifft dabei eine präzis gehaltene Visualisierung auf einen fein verwobenen Sound, um sich zu komplexen Audio-Visionen zu verdichten.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, StadtRäume-spazi urbani, 2007 Exhibition view, StadtRäume-spazi urbani, 2007

STADTRÄUME – SPAZI URBANI
09 November - 29 Dezember 2007

A2 architetti, AllesWirdGut Architektur ZT GmbH, ARTEC Architekten, ASP Landschaftsarchitekten AG, Uwe Bacher, BKK-3 Architekten, Beth Gali, Stanislao Fierro, Frötscher Lichtenwagner Architekten, Hager Landschaftsarchitektur AG, Karin Standler, Technisches Büro für Landschaftsplanung, Kuhn Truninger Landschaftsarchitekten, MADE associati, Officina del paesaggio, Raderschall Landschaftsarchitekten AG, Meilen Rotzler Krebs Partner GmbH, Uli Weger, Johannes Wiesflecker Architekt, Albert Willeit, Winter & Weberle

Exhibition view, StadtRäume-spazi urbani, 2007

Exhibition view, StadtRäume-spazi urbani, 2007

Öffentliche Räume werden zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Personengruppen benutzt: Mütter mit Kindern, ältere Menschen, Jugendliche, Fremde, Touristen…
Die Stadt ist eine soziale Struktur, sie ist ein organisches Netzwerk, in dem alle Fäden miteinander verwoben und verbunden sind: einzelne Teile bilden das Gesamte, bunte Unterschiede drücken Lebendigkeit aus, Veränderungen darf man nicht durch goldene Käfige aufhalten wollen. Die Stadt Bozen ist letzthin sehr gewachsen. Häufig wurde jedoch bei der Planung der Wohngebäude verabsäumt, auf die Gestaltung der Verbindungsflächen größeren Wert zu legen. Wirkliche gelebte Stadträume in Bozen stammen aus der Zeit der Gotik und aus jener des Rationalismus. Damals hatte man die Bedeutung der Tradition der Plätze noch nicht vergessen, und beherbergte im Viertel noch unterschiedliche Funktionen wie Wohnen, Arbeiten, Handel, öffentliche Ämter.
In den neueren Erweiterungszonen werden zwar die verschiedensten Siedlungs- bzw. Wohntypologien experimentiert, häufig wurden jedoch nur Schlafstädte generiert, in denen der öffentliche Raum sich auf „Kondominiumsgärten oder – höfe“ beschränkt und wo kaum öffentliches Leben entstehen kann. Dadurch sind in der Peripherie keine Orte entstanden, mit denen sich die Einwohner identifizieren. Mit dieser Ausstellung, welche die traditionelle Zusammenarbeit zwischen der ar/ge kunst Galerie Museum um der Stiftung der Kammer der Architekten der Provinz Bozen fortführt, möchten die beiden Institutionen das Interesse der Bürger am Thema „Öffentlicher Raum“ sensibilisieren.
Bereits im Rahmen der Initiative „Time_Code“ der Gemeinde Bozen lenkte die Stiftung der Architekten anhand ihres Projektes „BZoom_in“ mit der Positionierung von 16 roten Säulen im öffentlichen Raum den Blick auf ganz bestimmte Stadtraum-Situationen, um dadurch ein kritisches Nachdenken über jene Räume anzuregen, in denen wir uns bewegen und leben.
Diese Ausstellung zeigt nun darüber hinausgehend Beispiele aus dem regionalen wie auch internationalen Kontext, die sichtbar machen, wie im In-und Ausland heute mit dem Stadträumen umgegangen wird, und welche Versuche unternommen werden, um diesem wieder mehr Lebensqualität zurückzugeben.
Stadträume müssen mit neuen Augen gesehen werden, sie können nur zu Stadtlandschaften werden, wenn sie von der Bevölkerung akzeptiert oder ausgesucht werden, man kann sie sicher nicht aufdrängen. Historisch gesehen waren die Kirche, das Gasthaus, die öffentlichen Ämter, die kleinen Läden Bezugs- und Treffpunkte für die Einwohner jeder Stadt. Dies geschieht zum Großteil heute nur noch in den Dörfern.
In einer reinen Stadtrandsiedlung können nicht Plätze wie der Obstmarkt, der Musterplatz, der Rathausplatz oder der Mazziniplatz entstehen: der Handel, die Beziehungen, das Sich Treffen laufen heute immer mehr an anderen Orten ab.
Erwachsene verbringen immer öfter ihre Freizeit im Einkaufszentrum, an die Stelle des Stadtplatzes treten heute anonyme Flächen in den Handelszentren. Die Jugendlichen hingegen eignen sich „Nicht Orte“ an und markieren sie mit ihren eigenen Zeichen – mit Graffitis und Schmierereien. Für sie sind Treppen vor Schulen, kleine Mauern, Brunnen oder Straßenecken wichtige Begegnungsorte. Traditionelle Funktionen werden abgelehnt, neue werden geschaffen. Eine Stadt besteht aus Gebautem, aber auch aus Leerräumen. Besonders diese verkehrsfreien Zwischenräume heißt es zu schützen oder aufzuwerten, wenn eine echte Stadtstruktur geschaffen werden soll: die Stadt mit Sinn für urbane und soziale Struktur wächst um den öffentlichen Raum und nicht umgekehrt. Nur ein neuer Maßstab in der Städteplanung mit kleinteiligen, feinfühligen Planungseingriffen kann der Stadt wieder zu Lebensqualität verhelfen. Die Stadt ist ein lebender Organismus, in dem es neue, lebendige Gesichter zu entdecken gilt: Ansichten, die das veränderte Leben beschreiben. Die Stadt besteht nicht nur aus Gebäuden, Leerräumen und Verkehr, wie es die bestehenden Bauleitpläne vorgeben wollen, sondern ist ein komplexes Netzwerk von unterschiedlichsten Verbindungen. Der öffentliche Raum sollte die Fortsetzung unseres Privatraumes sein, der Park sollte Garten für alle jene sein, die keinen Privatgarten besitzen oder die außerhalb von diesem anderen Menschen begegnen wollen, das Flussufer sollte Schwimmbäder ersetzen, genauso wie ein richtig geplanter Brunnen Planschbecken für Kinder sein sollte. Wir sollten üben, in diesen Dimensionen zu denken…

CLOSE
Archiv
_DSC0023 Kopie

DIE KUNST DES ALTERNS
06 September - 27 Oktober 2007

Marina Ballo Charmet, Marcell Esterhazy, Isa Genzken, Elisabeth Hölzl, Melanie Manchot, Aernout Mik, David Zink Yi, Louise Bourgeois, Marrie Bot, John Coplans, Anton Corbijn, Ines Doujak, Herlinde Koelbl, Vera Lehndorff, Maria Lassnig, Nicolas Nixon
kuratiert von Sabine Gamper Karin Pernegger

_DSC0050 Kopie

Im Treibsand „Die Kunst des Alterns“ ist eine zweiteilige Ausstellung, die als Gemeinschaftsprojekt von der Galerie Museum Bozen (I) und der stadtgalerie schwaz (A) konzipiert wurde. Sie ist mit unterschiedlicher Schwerpunktgebung und künstlerischer Besetzung von Anfang September bis Ende Oktober 2007 in den beiden Räumlichkeiten zu sehen. Die Ausstellungen zeigen eindrückliche Porträts über das Älterwerden, über Nostalgie und Erinnerung zwischen Selbstwahrnehmung und dem Mythos der Jugend, sowie den Blick jüngerer Familienmitglieder auf ihre alten Eltern und Großeltern, sie recherchieren anhand von Werken zeitgenössischer Kunst das Alter sowohl im Kontext von Familie und Gesellschaft wie auch mit Augenmerk auf den alternden Körper zwischen Verlustangst und Intimität. Angesichts der Veralterung unserer Gesellschaft und den damit verknüpften Herausforderungen wird klar, dass wir neue Bilder brauchen, um dem Thema des Alters gerecht zu werden. Die Video- und Fotoarbeiten, die in der Galerie Museum in Bozen gezeigt werden, dokumentieren die gleichsam bereichernden wie auch schwierigen Momente der Präsenz alter Menschen in unserer Gesellschaft und unseren Familien, deren Eingebundensein und auch deren Ausgeschlossen werden, die Kraft des Alters sowie auch den Verfall und die Vergänglichkeit.
Einen sehr privaten Blick auf die Präsenz alter Menschen in unseren Familien zeigt uns der ungarische Künstler Marcell Esterhazy in seinem Video „v.n.p. v.2.0.” (2005), indem er seine Videokamera während eines gemeinsamen Familienessens auf den Großvater richtet. Der Künstler orientiert die Geschwindigkeit des Videos an den langsamen Bewegungen des Großvaters, indem er den Film etwas schneller ablaufen lässt und damit auch die Zeitabläufe der anderen Familienmitglieder beschleunigt.
Aernout Mik inszeniert in seiner Videoarbeit „Kitchen“ (1997) drei ältere Männer, die vor dem Hintergrund einer neu installierten Küche kämpfen. Spielerisch wechseln sie laut Anweisungen des Künstlers – wie damals auf dem Schulhof – die Rollen zwischen Angreifenden und Bedrängten. In dieser inszenierten Situation erkennt man trotzdem, wer als kleiner Junge schon zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern gehörte.
Machtverhältnisse zwischen einem Vater und seiner Tochter werden in dem Video „Elocution“ (1996) von Imogen Stidworthy abgehandelt, wobei die Rollen Eltern-Kind, Vater-Tochter, Lehrer-Schülerin, Mann-Frau reflektiert werden.
Die deutsche Fotografin Melanie Manchot zeigt Porträts ihrer Mutter, die nicht nur ihre intime Beziehung dokumentiert, sondern auch die Haut als Projektionsfläche des Alters zeigt. Kein anderes Organ ist ein sensiblerer Seismograf des Lebenswandels als unsere Haut, da sich jede Narbe oder auch der vergangene wie aktuelle Lebendwandel darin bestimmend ablesen lässt.

4 Kopie

Elisabeth Hölzl begleitete mit ihrer Fotokamera über einen gewissen Zeitraum die Bewohner des Meraner Altenpflegeheim “Seisenegg”. In ihrer Installation „Souvenir“, (2007) arrangiert sie Alltagsgegenstände und Fotografien, die für die alten Menschen das Leben von früher repräsentieren. Auf sehr einfühlsame Weise dokumentiert Marina Ballo Charmet in ihrem Video „frammenti di una notte“ (2005) mit ihrer Videokamera eine Nacht in einer geriatrischen Abteilung eines Krankenhauses, zwischen Krankheit, Alter und medizinischer Betreuung. Die Bilder sprechen vom Schlaf als Loslösung, an der Grenze zwischen Bewusstsein und Unbewußtem, im Rhythmus der Schichtwechsel des Krankenhauspersonals, und gekennzeichnet von den rituellen Gesten der Zuwendung.

_DSC0073 Kopie

Das Thema der Vergänglichkeit bespricht Daniela Chinellato in ihrer Installation „coltempo“ (2007), eine Reminiszenz an die „Alte Frau“ von Giorgione, deren Charakterportrait und unerbittlich an das Verrinnen der Zeit und erinnert, eine unausweichliche Tatsache des Lebens. Um Nostalgie und Erinnerung geht es auch in den Fotoarbeiten von David Zink Yi, der in „Roma 395-6“ (2006), seine italienische Großmutter fotografierte, die aus Italien nach Südamerika auswanderte und ihre Porzellanfigürchen und Spitzendeckchen als Erinnerung an das ferne Europa um sich versammelt hält. Ihm geht es um das kulturelle Gedächtnis aller Menschen, welche Rolle familiäre Wurzeln spielen, woraus unsere Heimatbindung besteht.
Wir leben in so vielen Bildern, wie das Alter auszusehen hat, aber leben mit so wenigen Bildern, die unser aktives Alter spiegeln können. Die Ausstellung versucht einen Anstoß hierzu zu geben. Die Schönheit des alten Körpers steht im Vordergrund der Ausstellung.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Jeanne Faust, 2007 Exhibiton view, Jeanne Faust, 2007

JEANNE FAUST – WAS ICH GESEHN HAB, DA SAG ICH NICHTS DRAUF
07 Juni - 26 Juli 2007

Jeanne Faust
kuratiert von Astrid Wege

Exhibiton view, Jeanne Faust, 2007

Exhibiton view, Jeanne Faust, 2007

„Was ich gesehn hab, da sag ich nichts drauf“ betitelt Jeanne Faust ihre Ausstellung in der Galerie Museum in Bozen und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf ein zentrales Motiv ihrer künstlerischen Praxis: das Verhältnis von Bildern und Sprache. Momente der Imagination, Projektionen und Gefühle, die sich an die Wahrnehmung und Deutung von Bildern heften, spielen in Jeanne Fausts Filmen und fotografischen Serien eine wichtige Rolle. Auch die Bilder ihrer neuen Werkgruppe, die erstmals in diesem Umfang in einer Einzelausstellung gezeigt werden, greifen diese Elemente auf. Sie verweisen auf Medienbilder, die signifikante Ereignisse in ein prägnantes Bild zu fassen suchen und die in der Wiederholung gleicher oder ähnlicher Motive zu stereotypen Zeichen gerinnen. Jeanne Faust nimmt solche Bilder als Vorlage für ihre Scherenschnitte und fotografiert diese wieder ab. Die Arbeiten durchlaufen demnach mehrere Stufen medialer Übersetzungen und Interpretationen, eine Rückbindung an die Anlässe der Ausgangsbilder ist kaum mehr möglich. Dennoch bleibt ein Gefühl von Unbehagen, obwohl (oder gerade weil) den Arbeiten eine fast schon erschreckende Schönheit innewohnt, etwa wenn das Bild eines festlich geschmückten Straßenzugs nicht zu erkennen gibt, dass hier kurz zuvor ein Brand stattgefunden hat. Jeanne Faust ist fasziniert von der Verführungskraft schöner Oberflächen – und misstraut ihr zutiefst. In ähnlicher Weise setzt sie in ihrem Film IV die Diskrepanz zwischen sprachlicher Bildfindung und beschriebenem Bild in Szene. Zu sehen ist eine junge Frau, die, nach Worten tastend, zwei unterschiedliche Beschreibungen desselben Bildes – genauer: eines Filmstills aus einem Vampirfilm – vorträgt. Wie der Titel der Ausstellung durchaus ironisch nahelegt, scheint es manchmal angebracht, „nichts mehr zu sagen“. Jeanne Fausts bildnerische Sprache hingegen ist äußerst beredt. Jeanne Faust wurde 1968 in Wiesbaden geboren und lebt in Hamburg. Sie hatte zahlreiche Ausstellungen und ist eine der vier Letztnominierten für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, Hamburger Bahnhof, Berlin, 2007. „Was ich gesehn hab, da sag ich nichts drauf“ ist Jeanne Fausts erste Einzelausstellung in Italien.

CLOSE
Archiv
Philipp Messner Philipp Messner

DIE PRODUKTION DER KONSTRUKTION
30 März - 25 Mai 2007

Philipp Messner
kuratiert von Sabine Gamper

Philipp Messner

Philipp Messner

Philipp Messner, (1975 in Bozen geboren, lebt und arbeitet in München), realisiert anlässlich seiner Einzelausstellung in der Galerie Museum eine großformatige, raumfüllende Skulptur, die aus vielen Einzelteilen besteht und vom Künstler je nach Raumsituation zu einer Konstruktion mit architektonischem Charakter zusammengestellt wird. Die einzelnen Körper bestehen aus einem Metall-Kunststoffverbund, welcher eine spiegelglatte Beschichtung aufweist, wodurch die Oberfläche der Skulptur sich innen in sich selber spiegelt und dadurch einen kaleidoskopischen Effekt erzielt. Für den Betrachter ergibt sich ein changierendes Spiel an Reflexionen, Spiegelungen und Verdoppelungen, durch die das Auge ständig gefesselt und gleichzeitig auf den Prüfstand gestellt wird.

Philipp Messner

Philipp Messner

Messners Arbeiten sind konzeptuell, sie thematisieren die Funktion von Form und Oberfläche, und beziehen durch ihre räumliche Größe den Betrachter in seiner körperlichen und psychischen Präsenz mit ein. Messners Objekte zeichnen sich durch ihre äußerst präzise und exakte Bearbeitung der meist empfindlichen und glatten Oberflächen aus, sie bestehen durchgehend aus industriellen Materialien, und werden auf industriellem Wege gefertigt. Diese Arbeiten fungieren als Spiegel, die uns der Künstler vor Augen hält, um den auf das Kunstwerk gerichteten Blick auf uns selber zurückzuwerfen.

Philipp Messner

Philipp Messner

Formal gesehen nimmt Philipp Messner mit seiner Skulptur Bezug auf frühere Arbeiten, in denen er sich mit Flaggen bzw. ihren symbolisch visualisierten Formen auseinandersetzte, wie z.B. die Raum-Stellwand „Arsenale“, die er 2006 im Kunstpavillon in Innsbruck zeigte, seine Performance „flash back“, die er erstmals anlässlich des internationalen Festivals der Performance 2006 in Trient präsentierte, sowie seine filmische Arbeit „Flash Flag“ (35 mm, 15 “, 2006), ein Kinostreifen, in dem die Flaggen der UNO Mitgliedsstaaten auf Schwarz/Weiß reduziert und in rasantem Ablauf so schnell hintereinander gezeigt werden, dass dem Auge kaum mehr Zeit bleibt, die einzelnen Symbole getrennt voneinander wahrzunehmen. Diese Arbeit wird während der gesamten Ausstellungsdauer täglich im Filmclub Bozen zu sehen sein.
In seiner künstlerischen Vorgehensweise reduziert, dekonstruiert, collagiert, überlagert und sampelt Philipp Messner. Er streicht Überflüssiges weg, reduziert Bildformen auf das Minimum, seziert Ganzes bis hin in seine kleinsten Teile, und fügt unterschiedliche Teile wieder zu einem virtuellen Ganzen zusammen, mit dem Ziel, ein Kunstobjekt als Paradefeld zu schaffen, an dem ein je einzigartiges Experiment vollzogen werden kann: das Experiment der Überprüfung der Wahrnehmung des Betrachters in Bezug auf die Fiktion der Oberfläche.
Ausgehend von religiösen und politischen Symbolen und deren Proportionen hat Philipp Messner für seine Konstruktion in der Galerie Museum einzelne Elemente als Hohlkörper entwickelt, welche die geometrischen Formen von Stern, Halbmond, Kreuz, Rechteck (für farbige Fläche), usw. aufnehmen. Durch das Abwechseln von Hohlräumen und Begrenzungsflächen oszilliert die Wahrnehmung des Betrachters zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, womit die Frage nach Authentizität, Realität und Abbild gestellt wird. Was die Oberflächengestaltung wie auch die Formensprache oder Materialität betrifft, verweisen die Objekte auf die Ästhetik der Minimal Art oder den Konstruktivismus. Messners Intention ist jedoch nicht jene, die Form auf ihre Anfänge hin zurückzuführen und von Überfrachtungen zu reinigen, wie es die Künstler der Zwischen- und Nachkriegszeit betrieben. Messner reduziert, um seinen Fragestellungen in Bezug auf den Zusammenhang von Form und Wahrnehmung so exakt wie möglich zu fokussieren.
Zentrales Thema in Philipp Messners künstlerischer Arbeit ist die Hinterfragung der menschlichen Wahrnehmung, im Speziellen die Frage nach unserer Erwartungshaltung angesichts dessen, was wir sehen: Es geht um Bilder und ihre identitätsstiftende Funktion.
Wenn sich Philipp Messner mit symbolischen Formen und Flaggen auseinandersetzt, dann nicht weil er ein realpolitisches Statement abgeben will, sondern weil die Flagge ein sehr konzentriertes Beispiel an Visualisierung von symbolischen Inhalten darstellt, und insofern ein Paradebeispiel an Bedeutung stiftender symbolischer Formgebung ist. Angefangen bei den Flaggen über die Formensprache unserer Architektur, das Design unserer Autos, unserer Kleidung etc.: Als künstliche Artefakte definieren sie unseren realen Raum, und erzeugen als Bedeutungsträger gleichzeitig „Psychoräume“, die sehr viel mit unseren Befindlichkeiten zu tun haben.
Jede optische Wahrnehmung knüpft virtuelle Verbindungen in unserem Kopf, dockt an unser Erinnerungsreservoir von gespeicherten visuellen Informationen an, und ruft gleichzeitig unsere damit in Zusammenhang stehenden Gefühle auf den Plan. In diesem Kontext stellt sich auch die Frage nach Zugehörigkeit und Norm. Mit seinem Projekt „Haus in Gröden“ (2003) schlug Messner in genau diese Kerbe, indem er über Nacht die optische Attrappe eines durchschnittlichen Grödner Einfamilienhauses aufstellen ließ, und die Frage nach Realität und Schein bzw. nach der Erscheinung der Realität stellte.
Messner geht es nicht um das Objekt an sich, sondern vielmehr um das Objekt als Bedeutungsträger, um dessen Kontext, und um die Frage nach dem Standpunkt, dem Blickwinkel des Betrachters. Anhand seiner Werke dekonstruiert Messner vermeintliche Wahrheiten, um das „Konstrukt“ von Realität zu entlarven. Mit seinen Interventionen fordert er uns heraus, unsere Wahrnehmung der Realität auf ihr Funktionieren hin zu überprüfen, abzuscannen, neu zu ordnen, und somit auch unsere Wahrnehmungs- bzw. Erkenntnisfähigkeit unter die Lupe zu nehmen.
Messners Formen sind insofern immer Brücken, Verbindungsteile zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sehen. Dazwischen spielt sich das Ereignis der Konstruktion von Identität ab.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Ophelia's World,  Asta Gröting, 2007 Exhibition view, Ophelia's World, Asta Gröting, 2007

OPHELIA’S WORLD
13 Januar - 10 März 2007

3 Hamburger Frauen (D), Asta Gröting (D), Una Hunderi (NO), Irini Karayannopoulou (GR), Margot Quan Knight (USA), Zoë Mendelson (GB), Marzia Migliora (I)
kuratiert von Sabine Gamper

Exhibition view, Ophelia's World, Margot Quan Knight, 2007

Exhibition view, Ophelia’s World, Margot Quan Knight, 2007

Die Ausstellung “Ophelia’s World” ist die Fortsetzung eines Projektes, das wir 2004 mit der Gruppenausstellung “Innocence & Violence” (Unschuld & Gewalt) begonnen haben, und das sich mit dem Schaffen von Künstlerinnen im Kontext frauenspezifischer Fragestellungen auseinandersetzt.
Thema dieser Ausstellung ist Ophelia, William Shakespeares Figur aus “Hamlet” (1602), eine Frauenfigur, die sich im Diskurs von Schönheit, Wahnsinn, Natur und Tod zu einem gesellschaftlichen Mythos entwickelt hat. Die Verehrung von Ophelia ging so weit, dass sich Frauen nach der Ophelia-Mode kleideten und Laubkränze ins Haar banden. Indem sie die Nahtstelle zwischen der Natur und dem Menschlichen kennzeichnete, wurde sie zum Gegenstand der Kunst erhoben – so wurde das Motiv der Selbstmörderin Ophelia im Frankreich des 19. Jahrhunderts in unzähligen Darstellungen von verschiedensten Künstlern festgehalten. Durch diese oszillierende Verknüpfung wurde die Frau von nun an mit all jenen Eigenschaften verbunden, die der „zivilisierte Mensch“ der Natur zuordnete: einerseits das vollkommen Gute, Reine und Hilflose, andererseits das absolut Gefährliche, Chaotische und Verführerische.
Die Verbindung des Bildes der Frau mit dem Element Wasser findet sich immer wieder in Musik, Kunst und Literatur, ebenso wie in den aktuellen Neuinterpretationen und Adaptionen in Spielfilmen, Comics oder Werbeprojektionen. Im Zuge des Trends hin zu Wellness und sanftem Tourismus erlebt diese singuläre Verbindung heute eine neue Konjunktur. Doch worin steckt die unglaubliche Faszination, die Ophelien, Sirenen, Nymphen und Wasserfrauen auf uns ausüben?
Die unsichtbare Klammer zwischen Wasser und Frau verbirgt sich vor allem in dem Begriff Leben. Wasser, Natur und Weiblichkeit stehen für die schöpferische Kraft und für die Fähigkeit, neues Leben zu gebären, für Mütterlichkeit, Eros und Sexualität, aber auch für die Macht über Leben und Tod. In dieser Zuweisung steckt sowohl die kreative Energie der Schöpfung wie auch jene der Zerstörung. Diese Kraft – befruchtend und bedrohlich zugleich – muss in den Bereich des Symbolischen überführt werden, damit sie gebändigt werden kann. Infolgedessen muss die schöne Frau, damit sie als Gegenstand der Kunst gefahrlos genossen werden kann, exemplarisch sterben. Ophelia ist somit die zum Kunstwerk erstarrte Tote, eine Verführerin, die nun nicht mehr bedrohlich ist, und deren Schönheit und Macht nicht länger Unruhe aulösen, sondern vielmehr allgemeine Faszination ausüben.

Exhibition view, Ophelia's World, Zoë Mendelson, 2007

Exhibition view, Ophelia’s World, Zoë Mendelson, 2007

In dieser Ausstellung geht es darum, das Prinzip der Auslagerung dieser bedrohlichen weiblichen Kräfte umzukehren und über einen vielschichtigen Zugang anhand von Werken junger zeitgenössischer Künstlerinnen eine Recherche rund um die Kunstfigur Ophelia anzuregen. Im Hintergrund steht das Bestreben, die Bedeutung gesellschaftlich gewachsener Konstrukte rund um das Thema Ophelia für ein Frauenbild von heute in Erfahrung zu bringen. Indem nun die Verquickung von Weiblichkeit mit Natur, Wasser und Sinnlichkeit von Künstlerinnen aufgegriffen wird, lässt sich das Prinzip der Auslagerung des Fremden schon dadurch außer Kraft setzen, dass die Künstlerinnen sich nicht mit dem „Anderen“, sondern mit dem „Eigenen“ beschäftigen, und zwar häufig anhand des eigenen Körpers.
Jedoch geschieht dies heute nicht mehr in Form einer schmerzlichen Auseinandersetzung mit teilweise gewaltsamen Eingriffen in den eigenen Körper, wie es etwa noch bei den Künstlerinnen der Generation der 70er Jahre (z.B. Gina Pane) der Fall war, sondern mit gestiegenem Selbstbewusstsein mittels subtiler Kritik am kulturellen Selbstverständnis und einem großen Potential an Selbstironie.
3 Hamburger Frauen (D)
Ergül Cengiz (* 1975 Moosburg a.d. Isar, lebt in Hamburg), Henrieke Ribbe (*1979 in Hannover, lebt in Oslo und Berlin) und Kathrin Wolf (*1974 in Ruit, lebt in Hamburg)
Wandmalerei, “Memento”, 2007, ca. 500 x 350 cm
Speziell für die Ausstellung „Ophelia’s World“ entwickelt das Malerinnenkollektiv 3 Hamburger Frauen – Ergül Cengiz, Henrieke Ribbe und Kathrin Wolf – eine eigene Wandmalerei, wobei jede der drei Malerinnen für sich eine ganz bestimmte Motivik zum Thema erarbeitet, welche dann in einem unglaublich vitalen und frechen Mix an Techniken zu einem kompositionellen Gesamten zusammengefügt werden. Die 3 Hamburger Frauen beschäftigen sich mit klischeehaft besetzten Rollenbildern von Frauen, die sie mit einem kritischen und sehr ironischen Ansatz aufgreifen, indem sie sich selber in die Rolle der jeweiligen Statistinnen versetzen. Wie eine zweite Haut schlüpfen sie in unterschiedliche Frauenfiguren. Pflanzen, Tiere und Wasser sind dabei die Basiselemente, die der Erforschung und Aufdeckung des Klischees dienen. 3 Frauen, die sich der Vielseitigkeit und historischen Gewachsenheit eines gegenwärtigen Konstrukts von Frau-Sein mit allen diesbezüglichen Implikationen bewusst sind, und uns dessen vielfältige Klischeevorstellungen selbstbewusst provozierend vor Augen führen
Asta Gröting (D)
* 1961 in Herford bei Bielefeld. Sie lebt und arbeitet seit 1995 in Berlin und München.
„Die Schwimmerin“, 1997 (mit Marlen Thamm),
35 mm Film übertragen auf DVD (Farbe, Sound), 7’45”
Eine Frau läuft unter der Wasseroberfläche, sie befindet sich mit dem Kopf nach unten, wobei ihre Füße die Oberfläche über ihr abtasten. Ihr Körper dreht sich in freier Bewegung, jedoch mit genau vorgegebener Choreographie. Asta Gröting untersucht in dieser Videoarbeit die Bewegung des menschlichen Körpers im Element Wasser, das wegen seiner Formlosigkeit dem Chaos und der Urmaterie gleichgestellt werden kann.
In dieser Autonomie des Bewegungsablaufes der Schwimmerin, und in ihrem lebendigen Körperausdruck, werden Impulse eines Inneren in Gesten eines Äußeren gekehrt. Durch das Vertauschen der Elemente Luft und Wasser und durch die Invertierung von Oben und Unten spürt der Betrachter gleichzeitig Beklemmung und Faszination, die Schwimmerin verführt uns in einen Bereich zwischen Kontrolle und Abgrund.
Una Hunderi (NO)
* 1971 in Norwegen, lebt und arbeitet in Oslo
4 Fotografien aus der Serie „Domestic Landscapes“, 104 x 130 cm, Foto, 2002
Die norwegische Künstlerin Una Hunderi greift in ihren Fotografien tradierte Bildfindungsstrategien aus ihrer nordischen Herkunftskultur auf, welche die Natur als Quelle für Schönheit und Wohlbefinden versteht. Dabei scheut sich Hunderi keineswegs, Sujets zu verwenden, die mit einem konventionellen Verständnis von „Schönheit“ in Verbindung stehen, nämlich idyllische Natur, blühende Pflanzen, romantische Tiere und junge Frauen.
In der Folge verfremdet Hunderi die Inhalte ihrer Bilder zum Teil durch subtile Übertreibungen in der Farbgebung bzw. durch das Setzen von Brüchen und Pausen, die
sie anhand von Schnitttechniken erreicht die üblicherweise im Film angewendet werden. So schafft Una Hunderi fiktive Orte, die in ihrer Ambivalenz einerseits Anleihen einer romantischen Vorstellung von Natur sind, und gleichzeitig beinahe unmerkliche Elemente des Unheimlichen in sich tragen. Durch einen virtuosen Einsatz von Farbe und Licht gelingt es der Künstlerin, Stimmungen zu erzeugen und Assoziationen beim Betrachter anzuregen, die den Bildern gleichzeitig ein narratives Potential verleihen.
Irini Karayannopoulou (GR)
* in Tessaloniki, Griechenland, lebt und arbeitet in Athen
„My Room“, 2006, Video, Dauer 3’06″
Die griechische Künstlerin Irini Karayannopoulou realisiert Zeichnungen, die sie teilweise zu animierten Videofilmen montiert. In ihrer Arbeit XXX beschäftigt sie sich mit ihrem Alter Ego, das in Gestalt einer grazilen kleinen Tänzerin und dann wieder als Rocker-Junge mit wildem Haarschnitt auftritt. Repräsentationen einer menschlichen Figur, die den Gesetzen der Schwerkraft entwischen und deren Existenz von einer alles umfassenden Natur vereinnahmt scheint. Die Figuren sind Teilhaber an einer fiktiven Geschichte nach dem Vorbild antiker Fabeln, mit groteschen Schauplätzen und einer noch ungeordneten, wild wuchernden natürlichen Umwelt, deren Wachstum und deren Lebendigkeit im Zentrum des Geschehens stehen. Die Geschichte zeichnet sich durch eine phantastische und feuerwerksartige Geschwindigkeit aus, in der sich Pflanzen, Tiere und menschliche Figuren bewegen und verwandeln, als gäbe es keine von der Physik oder Zivilisation vorgegebene Reglementierungen. In ständiger Metamorphose verwandelt sich ein Bild in das nächste, und formen sich wild wuchernde Architekturen aus Pflanzenwelten. Darstellungen einer reinen, ursprünglichen und fundamental schöpferischen Kraft der uns umgebenden Natur.
Margot Quan Knight (USA)
* 1977 in Seattle (USA), lebt und arbeitet in San Francisco und Seattle
„Dock“ (Procreation), 2005, lambda print auf Aluminium, Triptychon, 2 Elemente: 70 x 50 cm jades, 1 Element: 70 x 100 cm, Ed. 7
Die amerikanische Künstlerin Margot Quan Knight beschäftigt sich in ihrer Fotoserie „Procreation“ mit dem Thema der künstlichen Befruchtung. Anhand inszenierter fotografischer Sets fingiert die Künstlerin Bilder, die durch anschließende digitale Eingriffe die reale Welt an Realität noch zu übertreffen scheinen. Mithilfe von Anleihen bei den formalen Kompositionen spätmittelalterlicher Malereien (im Speziellen Altarbilder des niederländischen Meisters Hugo van der Goes), eröffnet Quan Knight thematisch ein weites Feld, in welchem es um die Schöpfung neuen Lebens im Kontext christlicher Tradition geht. Göttinnen gleich befördern Frauen die mit Embryonen befruchteten Eizellen aus der Tiefe eines Sees, während zwei weibliche Engel die froschlaichartigen Stränge der DNA kontrollieren. Die ambivalente Verbindung zwischen dem organischen Element Wasser und der Frau als künstlicher Schöpferin führt zu Irritationen in der Assoziationskette der Betrachter.
Zoë Mendelson (GB)
* 1976 in London (GB), lebt und arbeitet in London
“Water Creeper”, 2006, Collage (Blätter aus einem naturwissenschaftlichen Buch, Bleistift, gerahmt), 30 x 40 cm
„Lockings“, 2006, Collage (Blätter aus einem naturwissenschaftlichen Buch, Bleistift, gerahmt), 30 x 40 cm
Zoe Mendelson präsentiert zwei Collagen, in denen sie gefundene Texte und Fotos mit ihren Zeichnungen versieht, um so eine Recherche jenseits des Offensichtlichen einzuleiten. Sie kombiniert scheinbar fremde Inhalte miteinander (Winston Churchills Kinderhaar, nackte Frauen in erotischer Pose, Pflanzen aus dem Lehrbuch oder wissenschaftliche Abhandlungen), und experimentiert mit ungewohnten Assoziationsketten und intuitiven gedanklichen Verknüpfungen. So entsteht eine unglaubliche Vielfalt an Bedeutungsebenen, welche ein ganzes Universum an Themen rund um weibliche Bilderwelten und Klischeevorstellungen eröffnet. Mendelson zeichnerische Inhalte bewegen sich rund um das Thema der weiblichen Erotik. Sie inszeniert ihre Frauenfiguren in diversen theatralischen Settings, eingebettet in eine verschwenderische, üppige Pflanzen – und Tierwelt. Somit entlarvt sie klassische Codes einer idealisierten Romantik als Vorwand für Obsessionen und geheime Wünsche, und kehrt damit unser kollektives Unterbewußtes nach außen.
Marzia Migliora (I)
* 1972 in Alessandria (Italien), lebt und arbeitet in Turin (I).
Ortiche / Nettles, 2001, video, DVD, Sound, Farbe, 2’46”, Videoprojektion.
Das Gesicht einer Frau taucht im Rhythmus ihrer Atmung aus einer Wanne gefüllt mit Milch und Brennnesselblättern auf und wieder unter. Im Hintergrund hört man das Singsang eines Schlafliedes und das Weinen eines Kleinkindes. Die Frau hat die Augen geschlossen, ihr Körper wirkt wie schlafend. Der hypnotische Rhythmus der Bildabfolge, die sich im Loop des Videos unendlich wiederholt, greift die wiederkehrende Struktur des Schlafliedes auf, das an die Ruhe des Schlafes erinnert. Der Bild- und Soundkontext vermittelt jedoch Ambivalenz, da er gleichzeitig die Möglichkeit der Entspannung sowie auch jene der Bedrohung innerhalb dieser intimen Szene suggeriert. Die Badewanne als ein Ort des Wohlbefindens kontrastiert mit der Präsenz der verletzenden Blätter der Brennnessel. Das Loslassen von der Realität beinhaltet hier gleichzeitig das Risiko eines Albtraumes, wodurch die Möglichkeit der totalen Entspannung und Hingabe verhindert wird.
„Lei“, 2005, 40 x 10 cm, weiße Baumwolle, Plexiglasbox, 40 x 10 x 8 cm
Die zweite Arbeit der Künstlerin ist „Lei“, eine Stoffpuppe aus weißer Baumwolle, die Migliora selber von Hand genäht hat. „Lei“ liegt seitlich ausgestreckt mit schwangerem Bauch und großen Brüsten unter einer Glasvitrine. Sie ist mehr als bloß eine Puppe: sie ist eine Repräsentation von Weiblichkeit, ähnlich der Figuren antiker weiblicher Gottheiten, deren Bäuche und Schambereiche betont waren, um die große schöpferische Kraft der Fruchtbarkeit des Weiblichen zu repräsentieren. „Lei“ repräsentiert den mütterlichen, den verletzlichen Leib (kommt von Leben!), im Gegensatz zu dem makellosen toten Körper (kommt von Korpus!) der schönen Kunstfigur Ophelia.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Sigi Hofer, 2006 Exhibition view, Sigi Hofer, 2006

I’M JUST A GIRL WHO SAYS WHAT SHE FEELS
11 November - 23 Dezember 2006

Siggi Hofer
kuratiert von Veit Loers

Exhibition view, Sigi Hofer, 2006

Exhibition view, Sigi Hofer, 2006

In Fortführung einer Reihe von Ausstellungen junger Südtiroler KünstlerInnen in den letzten Jahren, zeigt die ar/ge kunst Galerie Museum nun in Form einer Einzelpräsentation die Arbeiten des in Wien lebenden Künstlers Siggi Hofer, geboren 1970 in Bruneck.
Ausgehend vom Titel der Ausstellung, einem Schlagertext der 80er Jahre, der vom Künstler ins Englische adaptiert wurde, erarbeitet Siggi Hofer eigens für die Räumlichkeiten der Galerie Museum eine komplexe und gut choreographierte Schau, die aus mehreren unterschiedlichen Werkteilen besteht, so z.B. aus einer Reihe von groß- und kleinformatigen Aquarellzeichnungen, einer Modellburg, einem Video sowie Zeitungsartikeln und einem Paar von der Decke ragender Pferdebeine aus Holz.
In der Entwicklung des Gesamtkonzeptes bedingen sich die einzelnen Werke gegenseitig, eines geht aus dem anderen hervor, und gemeinsam ergeben sie in ihrer Gegenüberstellung den roten Faden, der den Betrachter durch das Hauptthema der Ausstellung führt, (mit dem gleichzeitig auch schon die Gegenposition zum Ausstellungstitel konstatiert wird): „Ein Übermaß an Realität“.

Exhibition view, Sigi Hofer, 2006

Exhibition view, Sigi Hofer, 2006

Als Bild für die Einladungskarte zur Ausstellung wählt Siggi Hofer den Ausschnitt eines Zeitungsartikels zu einem realen Ereignis aus seiner eigenen privaten Biografie (die er hiermit für öffentlich relevant erklärt), nämlich der Zerstörung seiner Wiener Wohnung nach einer Gasexplosion. Dieses Ereignis verknüpft Siggi Hofer diskursiv in seinen Gedankennotizen zur Ausstellung mit der Zerstörung des World Trade Centers in New York im Jahre 2001. Susan Sontag äußerte sich damals in Bezug auf die Fernsehberichterstattung rund um 9/11 folgendermaßen: nie sei Amerika weiter von der Wirklichkeit entfernt gewesen als zu diesem Zeitpunkt, als ein Übermaß an Wirklichkeit auf uns hereinstürzte.
„Übermaß“ prangt in großen Lettern über dem Modell einer mittelalterlichen Burg, die der Künstler in planerischer und handwerklicher Kleinstarbeit für die Ausstellung mit zeitgenössischen Anbauten ergänzt hat, (womit wir von der Textebene auf die Raumebene springen, eine Übung, die bei Siggi Hofer bedeutungsstiftend ist.) Mit seinen Objekten und Zeichnungen werden unsere herkömmlichen Begriffe von Raum und Ordnung, sowie die Qualität von menschlich geplanten Systemen hinterfragt, und gleichzeitig die Frage nach der Größenordnung und damit nach dem Maß (bzw. Übermaß) an Realität gestellt.

Exhibition view, Sigi Hofer, 2006

Exhibition view, Sigi Hofer, 2006

Das Private und das Öffentliche, die Idylle und die plötzliche Zerstörung stehen sich einander gegenüber, treffen aufeinander und wechseln die Vorzeichen. Die gängige Gleichsetzung des Privaten mit Idylle und Frieden und der äußeren Welt mit Zerstörung und Gefahr, unterläuft Siggi Hofer auf kritische und ironisierende Weise. Kleinformatige „schöne Aquarelle“ zeigen galoppierende Pferde, Almhütten oder intime Selbstportraits des Künstlers in seiner Wohnung, doch eines Tages brennt die Idylle, explodiert die Wohnung des Künstlers, oder steht die Menschheit vor einer tödlichen Bedrohung.
In seinen großformatigen Zeichnungen (ca. 3 Meter Breite), welche Städte- bzw. Landschaftsansichten aus der Vogelperspektive zeigen, zelebriert Siggi Hofer in beinahe obsessiver Detailgenauigkeit eine vermeintliche Kontrolle über solcherart chaotische Vorgänge. Rasterartig angeordnete Wohnsiedlungen, Industriebauten, Autobahnen, Brücken und Flüsse erstrecken sich über zerklüfteten Gegenden, und sind Bausteine einer utopischen Architektur. Macht und Kontrolle wird anhand einer rigiden, vom Künstler vorgegebenen Ordnung ausgeübt, die jedoch immer wieder an unterschiedlichen Stellen derart unterbrochen wird, dass sich letztlich Desorientierung breit macht.

Exhibition view, Sigi Hofer, 2006

Exhibition view, Sigi Hofer, 2006

In die architektonische Struktur eingefügte Textblöcke, wie „Der Schrei“, „Licht“ oder „Übermaß“, deren Bedeutung innerhalb des Bildes schwerlich nachvollziehbar ist, haben die Funktion kompositorischer und inhaltlicher Brüche und heben den narrativen Erzählstrang auf eine andere, parallele Ebene, jenseits der gewohnten Interpretationslinien von Bild – Inhalt – Text. Die Botschaften von Siggi Hofer werden immer erst in der Kombination der unterschiedlichen „Codes“ verständlich, die ausgestellten Werke müssen quer gelesen werden.
Das kleine Mädchen möchte nur mitteilen, was es fühlt, verursacht damit aber ein Desaster: sein geliebtes Pferd erschrickt, es erhebt gefährlich seine Hufe… Werden wir als Betrachter hier wohl ungeschoren davonkommen?

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, go climb the mountains, I tell you, and eat strawberries, 2006 Exhibiton view, go climb the mountains, I tell you, and eat strawberries, 2006

STEIG AUF DIE GEBIRGE, SAG ICH DIR, UND ISS ERDBEEREN
16 September - 18 Oktober 2006

Monica Bonvicini, Sam Durant, Thomas Eggerer, Matthias Herrmann, Cameron Jamie, Justine Kurland, Kalin Lindena, Hans Schabus, Lois & Franziska Weinberger
kuratiert von Eva Maria Stadler Thomas Trummer

Exhibiton view, go climb the mountains, I tell you, and eat strawberries, 2006

Exhibiton view, go climb the mountains, I tell you, and eat strawberries, 2006

Steig auf die Gebirge, sag ich Dir, und iß Erdbeeren.
Sigmund Freud schreibt diesen Satz 1873, als Siebzehnjähriger an seinen Schulfreund
Eduard Silberstein. Das Gebirge steht für die Einöde, die Wüste, die unzivilisierte Welt jenseits urbaner Unübersichtlichkeit, in dem sich das Ich finden kann. Sigmund Freud rät seinem Freund sich loszusagen von den Zumutungen des Alltäglichen, des Zwischenmenschlichen. Noch bevor er seine Psychologie der Kunst entwickelt, sieht er die unzivilisierte Welt fern urbaner Unübersichtlichkeit und Versuchung als Möglichkeit der Selbstfindung.

Exhibiton view, go climb the mountains, I tell you, and eat strawberries, 2006

Exhibiton view, go climb the mountains, I tell you, and eat strawberries, 2006

Die Ausstellung in der Galerie Museum in Bozen, die aus Anlass des 150. Geburtstags von Sigmund Freud und in Zusammenarbeit mit dem Fotohof Salzburg zusammengestellt wurde, setzt sich mit dem Modell der Sublimierung als Triebkraft für künstlerischen Ausdruck auseinander und erörtert die Probleme von Ersatz, Projektion und Imagination in Bezug auf die zeitgenössische Kunst. Der Ratschlag des jugendlichen Freud, sowohl Askese als auch Genuss zu suchen, ist Ausgangspunkt für die Auswahl von internationalen Positionen zeitgenössischer Kunst. Die künstlerischen Arbeiten, die zum Teil für diese Ausstellung in Auftrag gegeben wurden, thematisieren Unwägbarkeiten, Sehnsüchte und Konflikte als Motive für ein Leben, welches Bilder entwirft, um sich in Bildern zu finden. Die Erdbeere, im Mittelalter Symbol für das vergossene Blut Christi und der Märtyrer, nehmen wir heute anders wahr. Sie steht für Weltlust, Rausch und erotisches Begehren.

Exhibiton view, go climb the mountains, I tell you, and eat strawberries, 2006

Exhibiton view, go climb the mountains, I tell you, and eat strawberries, 2006

Die Sinnlichkeit ist es wohl auch, auf die Freud in seinem Rat Bezug nimmt, sodass er zugleich Einkehr und Genuss empfiehlt. Der Genuss von Erdbeeren im Gebirge soll helfen, Enttäuschungen zu überwinden, oder steht für Kräfte, die es wieder zu erlangen gilt, – ist Ersatz für (erotische) Entsagungen. Die Rolle der Erdbeere in dem Jugendbrief wird Freud später der Kunst zuweisen. In seiner Kunsttheorie sieht Freud die Kunst als Symptom unerledigter Wünsche des Künstlers. Denn nach Freuds Ansicht verarbeitet der Künstler seine Konflikte, wobei er durch genau jene Kräfte angetrieben werde, die bei anderen Menschen Neurosen bewirken. Doch der Weg vom Künstler zum Neurotiker ist laut Freud nicht weit: “Er wird von überstarken Triebbedürfnissen gedrängt, möchte Ehre, Macht, Reichtum, Ruhm und die Liebe der Frauen erreichen; es fehlen ihm aber die Mittel, um diese Befriedigungen zu erreichen.” Die Folge: Kunst wird zu einer Art der Triebbefriedigung, wobei der Künstler das Anstößige seiner Wünsche umformt und den Schönheitsregeln anpasst. Freuds Idee der Sublimierung von Ideen inspiriert viele Künstler/innen des 20. Jahrhunderts, insbesondere solche, die Trieb- und Traumgeschehen in die Kunst integrieren wollen. Doch Freud enttäuscht auch viele Künstler/innen, wie etwa Breton, der sich von der Begegnung mit Freud viel erwartet, jedoch einem Mediziner gegenüber sitzt, der die Kunst als Beschwichtigung, als Ersatzhandlung ansieht. Monica Bonvicini und Sam Durant beschäftigen sich in ihrer Gemeinschaftsarbeit „Cage“ mit dem Verhältnis von Architektur, Sprache und Körper. In einer Serie von Zeichnungen setzen sie sich mit dem künstlerischen Prozess auseinander. Was sind die Motive für ein ‚kreatives Gestalten’. Handelt es sich um einen diskursiven Prozess innerhalb eines kulturellen Feldes, um göttliche Eingebung, geniale Imagination, oder Sublimation subjektiver Sehnsüchte und Bedürfnisse? Architektur als Schnittstelle zwischen Außen und Innen, zwischen Natur- und Kulturraum dient als Folie für die Diskussion der künstlerischen Praxis. In einer dreiteiligen Siebdruckserie arbeitet Thomas Eggerer mit Fotocollagen. Wichtig erscheinen ihm dabei das Neben- und Übereinander unterschiedlicher Raumtiefen, bzw. die Möglichkeit, menschliche Figuren in verschiedenen sozialen Zusammenhängen zu platzieren. Stets wird die Rolle des Individuums im Verhältnis zur Gruppe befragt. Historische Fotodokumente bilden die Grundlage für neue Formulierungen, in denen Thomas Eggerer Erzählungen aus unterschiedlichen Kontexten ineinander greifen lässt. Matthias Herrmann setzt seinen eigenen Körper ein, um Körperbilder zu dechiffrieren, aber auch, um sie zu konstruieren. In seiner Toskana-Serie befragt er das Verhältnis von Landschaft und Körper indem er sich in unterschiedlichen Posen und Kostümen in die Szene setzt. Sexuell codierte Praktiken überlagern sich mit soziokulturellen und ikonographischen Verweisen. Das Gegensatzpaar von Natur und Kultur, wie es Freud formuliert hat, löst sich hier zugunsten eines Handlungs- und Gestaltungsraumes für Körperzuschreibungen auf. In San Fernando Valley, Kalifornien, aufgewachsen, beschäftigt sich Cameron Jamie mit subkulturellen Gegenwelten und rituellen Schattenreichen. Er sucht nach Mythischem und Magischem, in dem er Jugendliche beim halbstarken “Wrestling” filmt oder selbst in der Verkleidung eines Vampirs durch die Nacht streift. Halloween aber auch die Krampusrituale im Gasteiner Tal finden sein Interesse. Lärmende Kinder und Monster im Schnee zeigt er in seinem Film “Kranky Klaus”. Sorglose Weltvergessenheit, Kameraderie, Idylle jenseits der Zivilisation. Die Bilder der amerikanischen Künstlerin Justine Kurland erwecken Vorstellungen von Intimität von Jugendlichen. Nacktheit, Unabhängigkeit und Abenteuer wie sie die Kunstgeschichte im Bildnis der ungezwungenen Badenden geprägt hat, aber auch Anklänge an Aussteiger und romantische Vorstellungen von Blumenkindern und markige Holzfällergenres bindet Kurland in ihren Fotografien zusammen. Aquarelle, Collagen oder Assemblagen sind Techniken, deren Kalin Lindena sich bedient, um ihre Erzählungen zu entwickeln. Songtitel, Liebesgeschichten, persönliche Gefühle oder Stimmungen – Kalin Lindena interessiert sich für dieses Amalgam von subjektiver und kollektiver Wahrnehmung. Mit der Betonung spezifischer Materialwirkungen von Seidenpapier, Glitter, Stoff oder Wasserfarbe geht es ihr um die Herausarbeitung von Spuren des Allgemeinen im Subjektiven und umgekehrt des Subjektiven im Allgemeinen. Ihre subjektiven Landschaftsbilder sind gleichsam allgemeine Stimmungsbilder und vice versa. Über die Gebirge und die Erdbeeren’ nennt Hans Schabus das Modell, das er für diese Ausstellung ausgewählt hat. Eine aufwändig mit dem Computer berechnete Gebirgsformation erhebt sich reliefartig aus einem an die Wand gelehnten Tafelbild. Das Gebirge gebiert sich aus einer gebauten Architektur. Oder erdrückt es dieselbe? Die unzähligen Kanten, Grate, Winkel und abgeschrägten Flächen ergeben ein scheinbar unendliches Formengewirr, das penibel nach dem Vorbild eines Stealth Bombers, der im Golfkrieg eingesetzt wurde, konstruiert wurde. Die spezifische Form verunmöglicht es den Bomber auf Radarschirmen wahrzunehmen. Hans Schabus entwirft mit seinen Zeichnungen, Modellen, Skulpturen, Installationen Situationen von großer Beklemmung. Hier is es nicht ein befreiendes und erhabenes oder ozeanisches Gefühl wie es Romain Rolland, ein Freund Sigmund Freuds ausgedrückt hat, das sich ausbreitet, wenn man einen Berg besteigt. Vielmehr ist es der immense Druck der Gesteinsmassen, die auf dem Individuum lasten. Pflanzen, die wenig Beachtung finden, die sich an der Peripherie, im Dickicht und auf schlechten Böden ansiedeln, bilden das Augenmerk des Künstlerpaares Lois & Franziska Weinberger. Die so genannten Ruderalpflanzen, die mit minderen Lebensbedingungen auskommen, sind für sie Stellvertreter menschlicher Sozialisation. Auch die Erdbeere, die Freud als Frucht und Verlockung interpretiert, ist eigentlich eine solche “niedere”, duldsame Pflanze. Gemeinsam ist vielen der ausgestellten Arbeiten die Befragung von künstlerischer Praxis im Verhältnis zum Naturraum. In Bezug auf Sigmund Freud, der die Natur nicht nur als Konterpart zur Kultur gesehen hat, sondern auch den ‚Rückzug in die Natur’, die ‚gewollte Vereinsamung’ als ‚Schutz gegen Leid’ oder die ‚Vermeidung von Unlust’ gesehen hat, begreifen die Künstler/innen dieser Ausstellung Natur als kulturellen und sozialen Faktor, die Imaginationskraft die sie imstande ist auszulösen, als Projektionsfläche großer Erzählungen. (Thomas Trummer und Eva Maria Stadler)

CLOSE
Archiv
Beat Streuli, Con Sens, 2006 Beat Streuli, Con Sens, 2006

CON SENS
26 Mai - 5 Juli 2006

Elodie Carré, Pascal Sémur, Dominique Petitgand, Peter Senoner, Rudolf Stingel , Franz West, Beat Streuli, Akio Suzuki

Exhibiton view, Con Sens, 2006

Exhibiton view, Con Sens, 2006

Die Ausstellung con-sens soll die zentrale Bedeutung der fünf Sinne für das Erfassen und Erfahren unserer Umwelt betonen. Dies ist nur oberflächlich ein Allgemeinplatz, wenn wir bedenken, dass der westliche Mensch heutzutage gemeinhin eine gewisse Distanz zwischen sich selbst und seinem Körper schafft, die gleichzeitig eine Distanz zwischen ihm und seiner Umwelt und den anderen Menschen bedeutet. Und doch sind wir letztlich nun einmal nicht nur denkende sondern auch fühlende Subjekte, ja, diese beiden Eigenschaften sind untrennbar miteinander verbunden. Weiters gehört es zu den Gegebenheiten dieser Welt, dass wir einander begegnen, ob wir diesen Begegnungen nun mit Interesse und Neugier gegenüberstehen oder nicht. Und ohne andere Menschen existieren wir schlicht nicht.

Akio Suzuki, Con Sens, 2006

Akio Suzuki, Con Sens, 2006

Der Titel con-sens bezieht sich also auch auf die Pluralität, die von der Philosophin Hannah Arendt als das fundamentale und überwältigende Gesetz der Erde aufgefasst wird. Der grundlegende Gedanke dieser Ausstellung besteht nun darin, die fünf Sinne durch Kunstwerke gleichermaßen zu verstärken oder zu schärfen, wobei jedes Kunstwerk einen Moment der Begegnung darstellt. Darüber hinaus sollen die Arbeiten der acht teilnehmenden Künstler Teil der Stadt werden, oder besser gesagt, Teil jener Strukturen, die die Stadt als solche konstituieren (wenn wir diese als eine bewohnte Raumzeit begreifen, die einerseits aus sichtbaren Konstruktionen, andererseits aber auch aus unsichtbaren Zusammenhängen, aus Erinnerungen und Projekten besteht). Die Arbeiten sollen dementsprechend weder als autonome Objekte verstanden werden, noch in der urbanen Struktur verschwinden, sondern vielmehr an den Geschehnissen teilhaben und mit ihren Fähigkeiten, Fragen aufzuwerfen und mit Konventionen und Erwartungen zu spielen, einen eigenen Beitrag zu eben diesem urbanen Gefüge leisten. Ihre Anwesenheit und die Art dieser Anwesenheit, die von der Erfahrung der fünf Sinne und der Aktivierung des Vorhandenen bestimmt ist, soll die Besucher und die Einwohner der Stadt zur Teilnahme anregen. Ihre Rolle wird so nicht auf jene der teilnahmslosen Beobachter beschränkt sein, vielmehr werden die Arbeiten sie dazu veranlassen, anderen und auch sich selbst zuzuhören, miteinander in den Dialog zu treten, zu schmecken und zu trinken, zu riechen und zu sehen, sich in alle Richtungen und mit all ihren Sinnen durch den Ort zu bewegen, an beiden Ufern des Flusses, in den italienischen wie in den deutschen Vierteln, und dabei auch anzuhalten und innezuhalten. Auf diese Weise werden nicht nur Beziehungen zwischen den Arbeiten und Orten hergestellt sondern vielleicht auch zwischen Menschen, die einander zuvor nicht kannten oder zumindest nicht miteinander redeten. Jedem Einzelnen werden diese Beziehungen oder Verbindungen dabei eine neue Art der Reflexion über sein “Hiersein” ermöglichen, die aus Worten und Gefühlen, aus Spaziergängen und schließlich aus Diskussionen besteht, die sich über vier Dimensionen entfalten, in dem sie sich vom Gedächtnis des Körpers bis zu den urbanen Strukturen, von den Muttersprachen bis hin zum Berghorizont bewegen.

Franz West, Rudolf Stingel, Con Sens, 2006

Franz West, Rudolf Stingel, Con Sens, 2006

Wie aber kann es gelingen, dass Kunstwerke vor dem Maßstab der Stadt und der Landschaft in der urbanen Struktur und deren unablässiger Bewegung ganz aktiv anwesend sein können?
Kunst, sei sie nun in Werken materialisiert oder in Handlungen manifestiert, ist etwas demgegenüber wir nicht gleichgültig bleiben können. Irgendwann, irgendwo, hat jeder von uns die Erfahrung gemacht, von einem Kunstwerk zutiefst erschüttert oder berührt worden zu sein. Unser Atem verändert sich dann und vielleicht verschiebt sich auch das Schwerkraftzentrum,
welches bis zu diesem Zeitpunkt den Fixpunkt jenes Systems darstellte, mittels dessen wir die Bedeutung unserer Gesten und Worte ermessen konnten. Obschon diese innerliche Veränderung nur schwer zum Ausdruck gebracht werden kann, hat dieses Ereignis stattgefunden und vielleicht in der Folge gar einen Einfluss auf unser Verhältnis zur Umwelt und zu unseren Mitmenschen gehabt. Wenn nun dieses Ereignis außerhalb des Museums oder außerhalb der Museumswelt stattfindet, nämlich im Stadtzentrum, dann könnte seine Wirkung letztlich gesellschaftlicher Natur sein und jenseits der persönlichen Dimension der Begegnung führen. Die aktive Anwesenheit der Kunst wird an diesem Punkt der Artikulation spürbar.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Yves Netzhammer, 2006 Exhibiton view, Yves Netzhammer, 2006

YVES NETZHAMMER
24 März - 14 Mai 2006

Exhibiton view, Yves Netzhammer, 2006

Exhibiton view, Yves Netzhammer, 2006

Der Schweizer Multimedia-Künstler Yves Netzhammer, 1970 in Schaffhausen geboren, verwandelt in seiner ersten Einzelausstellung in Italien die Räume der Galerie Museum mit Wandzeichnungen und projizierten Computeranimationen in einen geheimnisvollen, poetischen Bilderkosmos.
Ausgangspunkt der Arbeiten Yves Netzhammers sind am Computer entwickelte Zeichnungen, die er zu merkwürdigen Geschichten kombiniert, die unsere Lebenswelt modellhaft reflektieren. Es sind Bilder voller Rätselhaftigkeit, Chiffren, die im Kopf jedes einzelnen Betrachters zu neuen Sinnzusammenhängen führen.

Exhibiton view, Yves Netzhammer, 2006

Exhibiton view, Yves Netzhammer, 2006

Der Protagonist in Netzhammers Filmen ist eine gesichts- und geschlechtlose Gliederpuppe, eine künstlich und technoid wirkende Figur, die gleichzeitig eine ideale Repräsentation des Menschen und Projektionsfläche für unsere Phantasien darstellt.
Netzhammer schafft in seinen Geschichten Handlungsketten, in denen es um Vernetzung und Verwandlung geht, zwischen der Welt des Menschlichen, der Welt des Gegenständlichen und der Tier- und Pflanzenwelt. Durch dramaturgische und optische Brüche, Verschachtelungen und Verzweigungen werden Bilderfolgen aneinander gereiht, die das Naheverhältnis von heiler Welt und Katastrophe thematisieren.
Die philosophisch und psychologisch besetzte Thematik der Grenze zwischen dem Ich und dem Anderen, zwischen innerer und äußerer Realität, setzt der Künstler in Bildern um, die an Ovids Metamorphosen erinnern. Hauptthemen dabei sind die fundamentalen Fragen des Lebens, Krankheit, Liebe, Sexualität und Tod.
Da Netzhammer den Betrachter nie durch dramaturgische Effekte überfordert, wird man in die Lage versetzt, die subtil-eindringlichen Geschichten mit maximaler Offenheit und Durchlässigkeit an sich heran zu lassen.

Exhibiton view, Yves Netzhammer, 2006

Exhibiton view, Yves Netzhammer, 2006

Die Bildfindungsverfahren Netzhammers erinnern an visuelle Simulationen aus dem Bereich der Naturwissenschaften, die dazu dienen, unsichtbare Prozesse sichtbar zu machen (z.B. abstrahierte Darstellungen von Viren in Form von roten Kugeln). Netzhammers Geschichten gleichen solchen naturwissenschaftlichen Versuchsanordnungen. Dabei erinnern die Ereignisse zwar an reale Zusammenhänge aus unserem alltäglichen Leben, lassen sich aber nicht nach logischen Gesetzmäßigkeiten erklären. Netzhammer zeichnet vielmehr unterbewußte Verbindungslinien nach, seine Bilder evozieren Gedanken und Vernetzungen im Kopf des Betrachters, rufen Gefühle hervor.
Das Natürliche und das Künstliche kommen sich sehr nahe, Fiktion und Wirklichkeit gleiten ineinander. Ort- Zeit- und Maßstablosigkeit lassen stabile Grenzen verschwimmen, wodurch Bedeutungen immer neu verschoben werden können.
Netzhammers modellhafte Bildersprache schafft gedankliche Landschaften, die in ihrer Distanziertheit und Kühle unsere Welt umso präziser, sinnlicher und schmerzlicher beschreiben.

CLOSE
Archiv
Doris Piwonka, 2006 Doris Piwonka, 2006

KONZEPTE AUS DER MALEREI
14 Januar - 15 März 2006

Lecia Dole-Recio, Will Fowler, Doris Piwonka
kuratiert von Martin Prinzhorn

Doris Piwonka Doris Piwonka, 2006

Doris Piwonka
Doris Piwonka, 2006

Eine Eigenschaft, die den Malereidiskurs nach der Moderne und bis in die Gegenwart oft auszeichnet, ist, dass das Medium als Alternative zu den inzwischen nicht mehr so neuen ‘Neuen Medien’ und Kunstpraktiken gesehen wird. Eine solche Sichtweise wird letztendlich immer von einer reaktionären Attitüde begleitet, da sie immer auch ein Zurückgehen zu einer Szenerie impliziert, in der Malerei eine fixe und unhinterfragte Stellung einnimmt und so eine scheinbare Essenz der Kunst bedeutet. Gerade in der gegenwärtigen Situation wird das Medium oft sehr unkritisch abgefeiert und in Traditionen gestellt, die im schlimmsten Fall politisch problematisch und im besten Fall für die Gegenwart bedeutungslos sind.
Eine alternative Tradition hat sich mit der Krise der Malerei der Moderne ab den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts explizit auseinandergesetzt und diese Krise dazu benutzt, das Tafelbild vis à vis alternativer künstlerischer Programme wie Konzeptkunst, Minimal Art oder Installation in einer Art und Weise infrage zu stellen, die tatsächlich zu neuen Ergebnissen und Problemstellungen führt. Frank Stellas Auseinandersetzung mit der eben nur scheinbaren Immaterialität des Bildes ist hier eines von vielen Beispielen, genauso wie später Christopher Wools Untersuchungen von Text und Bild oder Albert Oehlens Fragen zum Problem der Gegenständlichkeit nach dem monochromen Bild. In diesen Diskursen löst sich das Bild oft in sich auf, wird Teil des Raumes und so zur Installation. Gerade der schmale Grat zwischen autonomen Objekt und räumlicher Auflösung bildet die Spannung in dieser Malerei.

Will Fowler, 2006

Will Fowler, 2006

Die in der Ausstellung gezeigten KünstlerInnen sind einerseits in dieser Tradition zu sehen, gleichzeitig aber doch VertreterInnen einer neuen jungen Generation, die diese Auseinandersetzung weiterführt. Lecia Dole-Recio und Will Fowler haben beide das Graduiertenprogramm am Art Center College of Design in Pasadena absolviert, an dem in der künstlerischen Lehre jener spezifisch kalifornische Mix aus Konzeptkunst, Skulptur und Installation vertreten ist, der eine losgelöste Beschäftigung mit Malerei unmöglich macht. Fowlers Arbeiten sind stark von skulpturalen und installativen Momenten bestimmt: Während er in früheren Arbeiten oft Skulpturen aus dem Bild heraus gebaut hat und so die Grenzen zum Räumlichen völlig aufgelöst hat, werden in den neuen Bildern diese Effekte durch Schichtungen im Bild, die in sich oft Reibung erzeugen und durch formale Elemente, die über den Rand des Bildes hinausreichen, hergestellt. Trotz der Massivität der Keilrahmen sehen wir so niemals autonome Objekte mit einer Oberfläche vor uns, sondern immer auch Pfade, die ins Bild und aus diesem heraus führen. Bei Lecia Dole-Recio gibt es Widersprüchlichkeiten anderer Art: Die Leichtigkeit des Materials – Papier und Klebeband – könnte an sich auf eine Auflösung des bildnerischen Objekts hindeuten, wäre da nicht wieder jene Tiefe und Vielschichtigkeit, die durch ein komplexes System von Anordnungen des Materials und der Farbgebung entstehen. Opazität und Durchlässigkeit sind in den Arbeiten kein Gegensatz, sondern oszillieren vor unseren Augen. Es entstehen auch keine Collagen, wie dies das Material vermuten lassen könnte, die Dinge werden immer wieder zu einem Ganzen zusammengefügt, das Thema ist die Komposition und deren Grenzen. Die dritte Künstlerin der Ausstellung, die Österreicherin Doris Pivonka, hat an der Wiener Akademie der bildenden Künste studiert und hat dabei doch gar nichts mit der dort üblichen stark expressiven und materialorientierten Malerei zu tun. In ihren Arbeiten geht es üblicherweise darum, in einem stark reduzierten Setting und in einer oberflächlichen Ruhe Brüche zu konstruieren oder einfach nur aufzuspüren, die ganz im oben besprochenen Sinn über das Bild hinausführen und so auf etwas Außenliegendes verweisen. Bei den in der Ausstellung gezeigten Arbeiten wird diese Reduktion scheinbar verlassen, aber auf den zweiten Blick verdichten sich die verschiedenen bunten Figuren wiederum zu einer räumlichen Überlagerung, die in einer vergleichbaren, aber doch völlig unterschiedlichen Art über das Bild hinausweist wie dies bei den beiden anderen Positionen der Fall ist.
Das Konzept dieser Ausstellung ist nicht, Malerei für völlig neue Behauptungen in der Kunst zu instrumentalisieren, sondern die Kontingenz einer Entwicklung zu dokumentieren, die das Medium in den Rahmen anderer Medien und Entwicklungen stellt und dabei doch eigenständig weiterentwickelt.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Martina Steckholzer, 2006 Exhibiton view, Martina Steckholzer, 2006

SET – MARTINA STECKHOLZER
16 September - 30 Oktober 2005

Exhibiton view, Martina Steckholzer, 2006

Exhibiton view, Martina Steckholzer, 2006

Mit Martina Steckholzer präsentiert die Galerie Museum erneut eine junge Südtiroler Künstlerin, die seit ihrem Abschluss an der Akademie in Wien vor 2 Jahren eine steile Karriere begonnen hat. Im selben Jahr ihres Diploms bekam sie den Würdigungspreis des Österreichischen Bundesministeriums, 2004 den Förderpreis „planquadrat“ in Bozen. Martina Steckholzer machte Einzelausstellungen in der Galerie 5020 in Salzburg (2001), im Salzburger Kunstverein und bei Meyer Kainer in Wien (2004). Die konzeptuelle Malerei von Martina Steckholzer dokumentiert Räume der zeitgenössischen bildenden Kunst, in denen Kunst- und Kulturvermittlung stattfindet.

Exhibiton view, Martina Steckholzer, 2006

Exhibiton view, Martina Steckholzer, 2006

Ausgangspunkt bei Martina Steckholzer sind Videoaufnahmen dieser Kunst-Räumlichkeiten. Einzelne Stills dienen dann als Vorlage für ihre Malereien.
Es entstehen schattenhafte Abdrücke, Reflexlichter, Spiegelflächen, Andeutungen von Räumen und deren Details. Dadurch erfolgt eine Verzeitlichung im Bild, eine Flüchtigkeit, durch die die Räume sich in ihre Konturen auflösen.
Martina Steckholzer wandelt an der Grenzlinie zwischen geometrischer Abstraktion und figurativer Darstellung, und verführt uns zu einem Hinsehen ganz anderer Art, in dem sie das Unauffällige und Unbedeutsame ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. In schwarz-weiß gehaltene Flächen und Fluchtlinien, perspektivische Zerrungen von Decken und Böden ziehen sich durch die Bilder. Martina Steckholzer ist bedächtig im Konzept der Bildfindung, und die Bedeutungsebenen in ihren Motiven sind vielschichtig. Raumspuren und Licht sind zügig und frisch auf die Leinwand gesetzt, das gemalte Bild ist Spur und Dejàvu. Die Ausstellung „set“ ist mehr als ein Nebeneinander einzelner Bildeinheiten. Die Motive sind nur ansatzweise körperhafte, vielmehr flüchtige Malerei. Das eigentliche Zentrum von „set“ ist die Leerstelle zwischen den Leinwänden und dem Betrachter. Steckholzers Umgang sowohl mit den Motiven wie auch mit dem Pinsel ist ein sehr freier, wodurch eine unmittelbare Wirkung der Malerei entsteht. Die inhaltlich komplexe Ebene der Bilder trägt sich mit der sinnlich-ästhetischen Wirkung die Waage.

Exhibiton view, Martina Steckholzer, 2006

Exhibiton view, Martina Steckholzer, 2006

Martina Steckholzers „Malereishow“ präsentiert ein Spannungsfeld, in dem der Betrachter permanent in seiner Rolle hinterfragt, gespiegelt, angeleuchtet und verschoben wird. Martina Steckholzer wurde 1974 in Sterzing geboren, und lebt und arbeitet in Wien. Nach dem Studium der Architektur in Innsbruck besuchte sie die Freie Kunstschule in Stuttgart. Von 1997-99 studierte sie Malerei am Mozarteum in Salzburg, 2001 machte sie das Diplom als Multi Media Producer am SAE Technology College in Wien. 2003 Abschluss der Akademie der bildenden Künste Wien bei Gunter Damisch und Heimo Zobernig. 2003 Würdigungspreis des Bundesministeriums für Kultur, 2004 Förderpreis „planquadrat“, Bozen. Seit 1998 Teilnahme an Gruppenausstellungen in Salzburg, Wien und New York, 2005 Beteiligung an der Prag Biennale. Einzelausstellungen: 2001 Studio Galerie 5020, Salzburg; 2004 „studio“, Kabinett, Salzburger Kunstverein; „messe“, Galerie Meyer Kainer, Wien.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Martin Gostner, 2005 Exhibiton view, Martin Gostner, 2005

MARTIN GOSTNER – EIN ENTSPANNTES FELD
24 Juni - 30 Juli 2005

kuratiert von Christian Gögger

Exhibiton view, Martin Gostner, 2005

Exhibiton view, Martin Gostner, 2005

„ Ein entspanntes Feld“ bezeichnet den spannungslosen Zustand, bei dem keine Bereitschaften des Ernstverhaltens wie Hunger, Müdigkeit, Angst usw. (…) aktiviert sind. Nur im entspannten Feld können sich die Verhaltenstendenzen der Explorations- (Erkundungsverhalten) und Spielbereitschaft (…) durchsetzen (…). (aus: Lexikon der Biologie, Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag 1998)
Ein raumfüllendes schwebendes Wattefeld empfängt den Besucher beim Betreten der Galerie. Kaum schafft man es, den schmalen noch verbliebenen Gang am Feld entlang zu gehen, ohne das Gefühl zu haben hineingezogen zu werden: Watte repräsentiert für Gostner das Weiche, Formbare, das er mit dem historisch Unpräzisen der offiziellen Geschichtsschreibung wie auch der persönlichen Erinnerung verbindet. Das sinnliche und assoziativ hoch besetzte Material steht für ein imaginäres Reservoir von unbewussten, vergessenen Geschichten und Erinnerungen und bezeichnet Gostners konzeptuelle Verfahrensweisen: Martin Gostner dringt in das kollektive Gedächtnis ein, hinterfragt politische, soziale und kulturelle Phänomene. Geschichte wird nicht als linearer Vorgang, sondern als kreisender, sich wiederholender Prozess betrachtet. Im hinteren Galerieraum erwarten den Besucher zwei Arbeiten: „After my death“ (2003) ist ein Silikonabdruck des Gesäßes des Künstlers, der zum Trink- und Badebassin für Singvögel umfunktioniert wurde, die sich als Dekorations-Attrappen in einem darunter befindlichen Plexiglas-Sockel befinden. „After my death I would like to be a paradise for birds“, steht in weißen Lettern auf dem Glas. Bei der zweiten Arbeit, „Geruch in seinem Modell (Bozner Seligkeit)“ (2005), die eigens für diese Ausstellung entstanden ist, handelt es sich um eine Duftskulptur. Die Tür zum Kasten ist nur einen Spalt weit geöffnet, sodass man nur ahnen kann, was sich drinnen befindet. Der Duft von frischer Wäsche strömt uns entgegen und entfacht ein Wechselspiel von Sinneserfahrung und Vorstellung. Martin Gostner’s Formensprache ist voller Andeutungen, es geht ihm um das Aufbrechen der vordergründigen Wirklichkeit, darum, den Blick auf das Dahinterliegende zu ermöglichen, ohne dieses freizulegen. Daraus ergibt sich ein spannungsgeladener Zwischenraum, in dem Interpretation und Sinngebung dem Betrachter lebst überlassen werden. Insofern sind die Arbeiten Gostners als Angebote an den Betrachter zu verstehen, sich mit seiner persönlichen und unserer kollektiven Vergangenheit, Aktualität und Zukunft auseinanderzusetzen.

Exhibiton view, Martin Gostner, 2005

Exhibiton view, Martin Gostner, 2005

Martin Gostner wurde 1957 in Innsbruck geboren. Seit Herbst 2004 leitet er eine Klasse für Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf. Wichtige Einzelausstellungen der letzten Jahre waren: Museum Folkwang, Essen, Of Milk And Honey. El Gato Ranch, Big Sur, Dear John. Gabriele Senn Galerie, Wien, Karma again (2003). Galerie im Taxispalais, Innsbruck, Seitlich aus der Requisite kommend (2002). Secession Wien, Kupferpfandl – und darüber. Neue Galerie Graz, steirischer herbst, All I See I Cover. Gabriele Senn Galerie, Wien, Entwürfe – Kupferpfandl (2001.) Rupertinum, Salzburg, Apparat für Sonntag. Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, Video 14. (2000) Kunstraum Johann Widauer, Innsbruck, Leeres Haus, voll von Lärm (1999). Kölnischer Kunstverein, Erinnerung weich (1998). Galerie Hoffmann & Senn, Wien, Altes, liebes Schlachtfeld (1998). Villa Merkel / Bahnwärterhaus, Esslingen, öde Galle. Galerie Hamelehle & Ahrens, Stuttgart, Guten Tag, kaufen Sie auch Skulpturen? (1997). Galerie Giorgio Persano, Turin, Stepping Into the Shit of History. (1996). Studio Oggetto, Mailand, Vacant Posessions, Erratic Boulders. (1995). Ausgewählte Gruppenausstellungen sind 2005 Fundación Marcelino Botín, Santander, Blancanieves y los siete enamitos. Galerie im Taxispalais, Innsbruck, Arbeit*. – I.Biennale internazionale di scultura, Gorizia/Nova Gorica. Art Metropole,Toronto, Artist Books Revisited. 2004 Büro Friedrich, Berlin/ BAWAG Foundation, Wien, Funky Lessons. DaimlerChrysler Contemporary, Berlin, Foto, Video, Mixed Media 2. 2003 ZKM Karlruhe, Bankett. Neue Galerie Graz, M_ars Kunst und Krieg. 2002 Palais Tokyo Paris, Je veux, One Star Press.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Y-Tong, 2005 Exhibiton view, Y-Tong, 2005

EXTENSION POINT – AMPLIAMENTI SU NUCLEI DI REALTÀ
06 Mai - 11 Mai 2005

Y-Tong, Simone Barresi, Riccardo Previdi, Patrick Tuttofuoco, David Casini, Christian Frosi
kuratiert von Guido Molinari

Exhibiton view, 2005

Exhibiton view, 2005

Der aus Bologna stammende Kurator Guido Molinari vereinte für die Ausstellung PUNTO D’ESTENSIONE. Ampliamenti su nuclei di realtà“ sieben Vertreter der jüngsten Künstlergeneration Italiens, die sich anhand von unterschiedlichen Medien mit dem Thema der künstlerischen Intervention auf bestehende Realitäten und die dadurch hervorgerufenen Veränderungen der uns umgebenden Welt auseinandersetzen. Die gezeigten Werke – Photographien, Videos, Ready Mades und Installationen – sind teilweise eigens für die Ausstellung entstanden, und werden hier zum ersten Mal präsentiert. Die Ausstellung ist vom 06. Mai bis 11. Juni 2005 in den Räumlichkeiten der Galerie Museum zu sehen. Neuere Auseinandersetzungen in der zeitgenössischen Kunst richten ihr Augenmerk immer wieder auf Fragmente von Realitäten, die man als Bedeutungsträger bzw. emotionale Verdichtungen beschreiben könnte. Dabei basieren künstlerische Interventionen auf der Idee, Teile von Welt bzw. Realität zu verwenden (ready mades), und auf diese Realitäten einzuwirken, indem diesen Teile von anderen Elementen „transplantiert“ werden. Diese neuen Elemente können durchaus die Ursprungsrealität destabilisieren oder sind mit dieser sogar unvereinbar. Durch minimale Veränderungen und Erweiterungen können sich auf diese Weise für den ursprünglichen Nukleus neue Möglichkeiten der Definition und Interpretation ergeben, wobei die Ausgangsform in ihrer ursprünglichen Erscheinung immer erkennbar bleibt. Alle der sieben teilnehmenden Künstler arbeiten bereits seit längerem mit solchen Möglichkeiten künstlerischer Intervention. Hiermit fügen sie sich nahtlos in einen Diskurs, der zurzeit die internationale Kunstszene mitbestimmt. Von größter Wichtigkeit erscheint in diesem Zusammenhang die Wahl des Künstlers. Es geht darum, einen Teil von Realität als Bedeutungsträger zu extrahieren, durch den es möglich wird, sowohl Inhalte wie ästhetische Spannung auf maximale Art und Weise zu transportieren.

Exhibiton view, Simone Barresi, 2005

Exhibiton view, Simone Barresi, 2005

Erst dann kann anhand von unterschiedlichen Interventionen wie Verpflanzungen, Veränderungen oder Ausdehnungen der Vorgang der Erweiterung des Nukleus erfolgen. Durch diesen Vorgang der Neuschaffung können sich jederzeit unvorhersehbare Überraschungen ergeben. Und gerade in diesen Augenblicken, die sich nicht planen lassen, enthüllen sich komplexe und tief greifende Momente der Poesie des Privaten. Ziel dieser Auseinandersetzung ist die Hinterfragung der Vorstellung, dass die Realität unverrückbare Grenzen hat bzw. die Welt sich eindeutig definieren ließe. Durch minimale äußerliche Eingriffe könne Grenzen verschoben werden hin zu neuen Ebenen von Sinnhaftigkeit und Form.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Karl Unterfrauner, 2005 Exhibition view, Karl Unterfrauner, 2005

KARL UNTERFRAUNER
19 März - 22 April 2005

Exhibition view, Karl Unterfrauner, 2005

Exhibition view, Karl Unterfrauner, 2005

Karl Unterfrauner präsentiert verschiedenformatige Fotoarbeiten, die er – paarweise gruppiert und an genau errechneten Stellen platziert – in einen Dialog mit den Galerieräumen treten lässt. Unter dem knappen Titel ‘Bäume’ zeigt er mit beeindruckender Präzision aufgenommene Bilder von beblätterten Ästen, die losgelöst von Pflanze und Hintergrund an den Wänden zu schweben scheinen. Die Herkunft der Motive und ihr ursprünglicher Kontext bleiben dem Betrachter verborgen. Als Abbildungen sind sie nicht im althergebrachten Sinn als „Fenster“ in einen anderen Wirklichkeitsbereich zu verstehen, sondern als Grenzräume zwischen fiktiven Orten, die weder der Natur noch dem Künstlichen angehören.

Exhibition view, Karl Unterfrauner, 2005

Exhibition view, Karl Unterfrauner, 2005

„Wie ornamentale Strukturen an der Grenze zur Abstraktheit tauchen die Bilder aus dem Nichts auf den Wänden auf, selbst nicht nur kontext-, sondern auch heimatlos wirkend. Was sich vorher zwischen Kunstfotografie und außerkünstlerischen Objekten (z.B. die Radiatoren, Teppiche oder Garagentore der bisherigen Arbeiten des Künstlers), zwischen den Räumen der Kunst und den Räumen, die außerhalb von ihr liegen, getan hat, scheint sich hier mehr und mehr zu verallgemeinern und sich nur mehr auf Natürlichkeit und Künstlichkeit in einem ganz generellen Sinn zu beziehen“, so Martin Prinzhorn in seinem Katalogtext.
Die Fotoarbeiten von Karl Unterfrauner sind nur von ihrem installativen Charakter und vom historischen Hintergrund der konzeptuellen Fotografie her zu verstehen. Martin Prinzhorn schreibt: „Es geht nicht mehr darum, wie eine Außenwelt ins Kunstwerk transportiert ist, ob also etwas wie Wahrheit oder Authentizität im künstlerischen Akt mitgenommen wird, vielmehr wird eine Wahrheit oder Authentizität im irgendwo im Außen als ein ganz grundsätzlich komplexes und problematisches Konzept aufgezeigt, bei dem es in letzter Konsequenz die Möglichkeit gibt, dass es gar nicht existiert“.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Francisco Valdés, 2005 Exhibiton view, Francisco Valdés, 2005

MERKWÜRDIG VERTRAUT
21 Januar - 5 März 2005

Oskar Korsár, Mile Nicevski, Jenny Perlin , Stefan Rauter, Roland Senoner, Paul Thuile, Francisco Valdés, Simone Van Dijken, Chris Warrington, Letizia Werth
kuratiert von Sabine Gamper Yane Calovski

Exhibition view, A releaxed field, 2005

Exhibition view, A releaxed field, 2005

Nachdem die Zeichnung in neuester Zeit europaweit einen überraschenden Aufschwung erlebt hat, möchte die Galerie Museum einen Einblick in die spannenden und vielfältigen Formen zeitgenössischer Zeichnung sowohl aus dem regionalen als auch aus dem internationalen Kontext geben. Die Zeichnung ist heute, ähnlich wie viele andere Bereiche der Kunst, stark von den technischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte geprägt. Computertechnik, Film und Fotografie haben sich in die Äußerungen dieses traditionsreichen Mediums unwiderruflich eingeschrieben.

Exhibition view, Stefan Rauter, 2005

Exhibition view, Stefan Rauter, 2005

Die Ausstellung “Merkwürdig vertraut” (“Strangely Familiar”) präsentiert Arbeiten von zehn jungen Künstler/innen aus unterschiedlichen europäischen und amerikanischen Ländern sowie aus Südtirol. Alle Beteiligten haben die Zeichnung zu ihrem Hauptausdrucksmittel entwickelt. Die Ausstellung setzt sich mit den vielfältigen Zugängen auseinander, die die zeitgenössische Zeichnung heute bietet: Arbeiten auf Papier in unterschiedlichsten Formaten, gezeichnete Filme, Computeranimationen, architektonische sowie fotografische Komponenten.
In der Ausstellung werden einerseits spekulative, der Traumwelt und Phantasie der Künstler/innen entspringende Themen gezeigt, andererseits faktische Zugänge aus der realen Umwelt, sowie Einblicke in private oder familiäre Enigmen. Die Zeichnung beweist sich hier als vorzügliches Mittel, das Bekannte, das Gewohnte zu transformieren und neu zu definieren. Das Alltägliche erfährt dadurch eine Verschiebung hin zum Ungewöhnlichen. Unter dem forschenden Blick der gezeichneten Linie offenbart sich das Merkwürdige im Vertrauten.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, auffällig, cinque posizioni, 2004 Exhibiton view, auffällig, cinque posizioni, 2004

AUFFÄLLIG. CINQUE POSIZIONI
12 November - 31 Dezember 2004

ALLESWIRDGUT , Gerd Bergmeister, S.O.F.A. Architekten, Scagnol Attia, Ulapiù

Exhibiton view, auffällig, cinque posizioni, 2004

Exhibiton view, auffällig, cinque posizioni, 2004

Auffällig geworden sind fünf Architektenbüros. Auffällig beim „Durchs-Land-Fahren“, auffällig bei Wettbewerben und Diskussionen. Alle haben irgend etwas mit Südtirol zu tun, einige sind weggegangen und wiedergekommen, andere sind fern geblieben und arbeiten und kommen nur für einzelne Projekte zurück oder arbeiten mit Partner aus anderen Regionen dieser Welt zusammen.
Alle arbeiten in kontextuellen Dimensionen – wobei Kontext hier nicht nur eine geografische Konnotation besitzt – und bauen am Vorgefundenen intelligent, anspruchsvoll und verantwortungsbewusst weiter.
Sie zeugen vom Potential, das dieses, einem „ideologischen Einheitsdenken“ verschriebene Land, eigentlich besitzen könnte und wie Architektur mit konzeptionellen Ansprüchen Ergebnisse von höchster Qualität hervorbringen kann. Symptomatisch, dass es sich – bis auf eine Ausnahme – um Projekte des öffentlichen Bauens handelt, die fast einzige Plattform, die es ambitionierten Architekten erlaubt, das vielschichtige Potential dieses Landes in konsequente und anspruchsvolle Architektur umzusetzen, abseits vom Reihenhaus-Denken oder anderem „realsozialistischen“ Einheitsbrei.

Exhibiton view, auffällig, cinque posizioni, 2004

Exhibiton view, auffällig, cinque posizioni, 2004

Es sind fünf verschiedene Ansätze, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die architektonisches Feuer entfachen und wieder Orte der Diskussion und Reibung zu neuem Leben wach küssen sollen. Kein anthologischer Ansatz also, bewusst unvollständig, weil daraus dialektischere Ansätze für die zeitgenössische Südtiroler Architekturszene entstehen mögen, die dieses Land auch dringend wieder bedarf.
Der Ort dieser Ausstellung ist nicht zufällig. Seit ihrer Gründung hat sich die AR/GE KUNST Galerie Museum einem vernetzten Denken zwischen Kunst und Architektur verschrieben. Und es ist daher auch nicht zufällig, dass für und während dieser Ausstellung die fünf Teilnehmer jeweils einen Abend „gestalten“, sich outen, Architektur aus dem Dasein ihrer fachspezifischen Aufgabe herauslösen und diese interdisziplinären und vernetzten Ansätze über das Medium der Architekturausstellung hinaus verdeutlichen.
Walter Angonese

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Jonathan Monk, 2004 Exhibiton view, Jonathan Monk, 2004

ENTROPIE: ÜBER DAS VERSCHWINDEN DES WERKES
17 September - 30 Oktober 2004

Bas Jan Ader, Fiona Banner, Marcel Broodthaers, Chris Burden, Sam Easterson, Dora Garcia, Felix-Gonzalez Torres, Job Koelewijn, Jonathan Monk, Ilona Ruegg, Joelle Tuerlinckx
kuratiert von Moritz Küng

Exhibiton view, Felix Gonzalez-Torres, 2004

Exhibiton view, Felix Gonzalez-Torres, 2004

Ein Kunstwerk wird meistens als Artefakt betrachtet, als ein – je nach dem Status, der ihm zugemessen wird – für die Ewigkeit bestimmtes künstlerisches oder ‘geniales’ Produkt. Nach dem Entstehungsprozess im Atelier des Künstlers erhält das Werk bei der Überführung in die Öffentlichkeit eine unwiderrufbare passive Rolle, wo im institutionellen Kontext meistens an seinem finalen Ist-Zustand festgehalten wird. Das Kunstwerk wird bleibend konserviert, womit sein natürliches ‘Altern’ ausgeschlossen wird. Es wird zur passiven Materie, der nur noch intellektuell durch die jeweilige Kontextualisierung und Interpretation eine neue Bedeutung widerfahren kann.

Exhibiton view, Sam Easterson, 2004

Exhibiton view, Sam Easterson, 2004

Die Ausstellung “Entropie: über das Verschwinden des Werkes” bringt Arbeiten von elf internationalen Künstlern und Künstlerinnen zusammen, welche die Auffassung des Kunstwerkes als ein für die Ewigkeit geschaffenes, nicht mutierbares, messbares und physisches Objekt untergräbt, indem die Präsenz und die Vorstellung des Werkes dubios und wechselhaft, schwierig lokalisierbar und zufällig, prozesshaft und veränderlich, ja selbst chaotisch wird. Der Begriff der Entropie, welcher in der Thermodynamik und Informationstheorie verwendet wird und die Unstabilität und das Zufällige innerhalb eines Systems definiert, erhält eine konzeptuelle Definition.

Exhibiton view, Chris Burden, 2004

Exhibiton view, Chris Burden, 2004

Die gezeigten Arbeiten – Live-Performances, In-Situ-Installationen, Objekte, Dokumente, Filme auf 16mm und Video auf DVD – verweisen in ihrer Konzeption auf die Idee des Veränderlichen und Vergänglichen, ja existieren ultimativ selbst nur noch in ihrer Vernichtung.

Exhibiton view, Marcel Broodthaers, 2004

Exhibiton view, Marcel Broodthaers, 2004

Das Wesen und die Vollendung dieser Arbeiten liegt somit bereits in der Vorstellung ihrer zukünftigen Auflösung begründet. Aus dieser ‘destruktiven’ Ausrichtung entsteht paradoxerweise ein äußerst vitales Moment: Nur was vergeht, wird (ewig) bleiben. Das Evolutionäre – der Wechsel von einem in den anderen Zustand oder Status – verweist letztendlich auf das Fragile des menschlichen Seins.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Esther Stocker, 2004 Exhibition view, Esther Stocker, 2004

ESTHER STOCKER – DAS WORT “GLEICHARTIG” ZIEHT UNSERE AUFMERKSAMKEIT AUF SICH, UND DOCH BESAGT ES EIGENTLICH GAR NICHTS
25 Juni - 31 Juli 2004

Exhibition view, Esther Stocker, 2004

Exhibition view, Esther Stocker, 2004

Esther Stocker präsentiert in den Räumen der Galerie Museum ein Projekt in zwei Abschnitten.
Im vorderen Teil veranschaulicht eine Installationsarbeit ein Organisationsprinzip, das sich durch zahlreiche Arbeiten der Künstlerin hindurch zieht: Ein mit Quaderformen bestückter Innenraum ist geometrisch strukturiert, wobei das daraus resultierende Raster Brüche und Verschiebungen aufweist. Die im Grunde genommen einfache, exakte und strenge Oberflächengestaltung wirkt insgesamt desorientierend, da sich der Blick des Betrachters / der Betrachterin an keinem Punkt wirklich festhalten kann.
Im hinteren Raum zeigt die Künstlerin eine Fotoserie, in der die Zeichenbeziehungen zwischen dem menschlichen Körper und der geometrischen Form untersucht werden.

Exhibition view, Esther Stocker, 2004

Exhibition view, Esther Stocker, 2004

Esther Stocker verfolgt mit ihrem Werk nicht die Produktion von unmittelbaren Bedeutungsinhalten. Ihre einfachen und zugleich komplexen Strukturen überraschen die betrachtende Person noch innerhalb des Wahrnehmungsprozesses selbst. Sie führt sie von schematischen Zuordnungsversuchen, vereinfachenden Interpretationsrastern, zusammenfassenden Sinngebungen weg – hin zu einer manchmal Schwindel erregenden Aufmerksamkeit für das nicht eindeutig Bestimmbare.

Exhibition view, Esther Stocker, 2004

Exhibition view, Esther Stocker, 2004

Das Thema, das die Arbeit der Künstlerin verbindet, ist die Frage nach der Wahrnehmung als ein beweglicher Akt, bei dem die Grenze zwischen Sehen und Denken nicht definitiv festlegbar – und vor allem nicht genau formulierbar ist.
Auch wenn die Arbeit von Esther Stocker auf dem ersten Blick mit historischen Werken der Op-Art in Verbindung gebracht werden könnte, geht es der Künstlerin nicht um das Experiment mit optischen Effekten an sich, sondern um eine kontinuierliche Neudefinition der Dinge durch den Prozess des Wahrnehmens. Bei diesem wird die Person, die sich auf die Raum- oder Bildsituationen einlässt, immer mitgedacht und ist Teil der Vollständigkeit einer Arbeit.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Brigitte Mahlknecht, 2004 Exhibiton view, Brigitte Mahlknecht, 2004

BRIGITTE MAHLKNECHT – IN STATU NASCENDI
06 Mai - 12 Mai 2004

Exhibiton view, Brigitte Mahlknecht, 2004

Exhibiton view, Brigitte Mahlknecht, 2004

Es kreiselt, gurgelt, bläht… in den Malereien, Zeichnungen und Fotografien von Brigitte Mahlknecht. Die Bildwerke konfrontieren den Betrachter mit einem eigensinnigen Panoptikum des Wandels und Werdens. Üppig wuchernde Gebilde und Figurenkonstellationen verkörpern hybride Existenzformen. Linien, Chiffren, Symbole und Figuren besetzen flüchtig den Bildraum und sähen wiederum die Keimzellen für weitere prekäre Fortpflanzungen. Keine Bildergeschichten sondern vielmehr utopische Kartographien, Endlosschleifen im Spannungsfeld von gelebtem Raum, urbanen Erinnerungen, biologischen Visionen und kosmischen Formeln. Brigitte Mahlknechts Thema ist das Leben, das in seiner unheimlichen Fülle auf provisorische Tableaus gebannt wird, um aus immer wieder neuen Blickwinkeln betrachtet und gedacht zu werden. Auf die schwindenden Gewissheiten und großen Wahrscheinlichkeiten antwortet die Künstlerin mit einem offenen Projekt, das den Spielraum zwischen der eigenen Existenz als Künstlerin und den Herausforderungen der Welt auf eigenwillig humorige Weise immer wieder aufs Neue auslotet.

Exhibiton view, Brigitte Mahlknecht, 2004

Exhibiton view, Brigitte Mahlknecht, 2004

In der für die Ar/ge Kunst – Galerie Museum Bozen konzipierten Installation gewinnt die Arbeit von Brigitte Mahlknecht eine neue räumliche Qualität. Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und eine Videoarbeit wechseln sich mit Elementen, die direkt auf die Galeriewände aufgetragen werden, in einem offenen, begehbaren Parcours ab. Somit wird die bisherige, selbstgesetzte Begrenzung auf das Tafelbild gesprengt und die Inszenierung der Zeichen auf die gesamten Mauerflächen des Galerieraumes ausgedehnt.

Exhibiton view, Brigitte Mahlknecht, 2004

Exhibiton view, Brigitte Mahlknecht, 2004

Brigitte Mahlknecht, 1966 in Bozen geboren, besuchte die Akademie der Bildenden Künste in Wien, hielt sich in New York und Berlin auf und lebt zur Zeit in Wien. Ihre Werke wurden in Salzburg, Bozen, Wien, Rovereto, München, Berlin, Genua und Innsbruck gezeigt. Außerdem veröffentlichte sie in Zusammenarbeit mit Schriftstellern wie Oswald Egger, Schuldt, Robert Kelly und Aage Hansen-Löve verschiedene Bücher.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Innocence & Violence, 2004 Exhibiton view, Innocence & Violence, 2004

INNOCENCE & VIOLENCE
12 März - 24 April 2004

Nadine Norman, Tany, Zilla Leutenegger, Maike Freess, Mathilde Ter Heijne
kuratiert von Sabine Gamper

Exhibiton view, Innocence & Violence, 2004

Exhibiton view, Innocence & Violence, 2004

Innocence & Violence – Unschuld und Gewalt, das sind die beiden Pole, zwischen denen sich die Darstellungen und Inhalte dieser Ausstellung bewegen. Fünf Künstlerinnen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Kontexten geben uns Einblicke in ihre je eigene Vorstellung – und gleichzeitig auch in gesellschaftliche Konstruktionen – von Weiblichkeit am Beginn des 21. Jahrhunderts.
Die Ausstellung zeigt Bilder von Alltagskultur und zeitgenössischem Lifestyle junger Frauen, gibt Einblicke in unterschiedliche Lebensentwürfe, kreist um Weiblichkeits-Mythen und weibliche Strategien zur Realitätsbewältigung. Die Arbeiten beleuchten Intimitäten und Grausamkeiten, Phantasien von Unschuld und Gewalt, Selbstverliebtheit und Selbstzerstörung: ein Ausloten und Eruieren von Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit sich selbst und mit dem Anderen. Alle fünf Künstlerinnen stellen in ihren Video- und Fotoarbeiten, Zeichnungen und Performances ihren eigenen Körper und sich selber als Protagonistinnen dar, als ein Ganzes oder in ihrer Zerrissenheit, jedenfalls vor ihrem je eigenen kulturellen Hintergrund, und nicht ohne auf (Kunst)-Geschichte und ihre eigene Sozialisation zu verweisen. Gleichzeitig thematisieren sie ganz bewusst auch ihre Position als Frauen in einem männlich definierten Kunstmarkt. Das “Mysterium Frau”, Freuds “dunkler Kontinent”, wird hier von weiblicher Seite her beleuchtet. Und dies gibt ein vielschichtiges, spannendes Bild von der neuen zeitgenössischen Frau. Um Verdoppelung und Abspaltung von Teilen der eigenen Persönlichkeit geht es in der Video-Arbeit “Mathilde Mathilde…” (2000) der Künstlerin Mathilde ter Heijne (Strassburg). Die Künstlerin setzt sich hier mit dem Thema des weiblichen Opfers auseinander, indem sie sich ein Double verschafft. Dieses verdoppelte Selbst wird in einer gewaltsamen Szene von einer Brücke in den reißenden Fluss geworfen. Die Künstlerin ermordet ihr eigenes Ebenbild, und wird damit Täterin und Opfer gleichzeitig.
In der Arbeit der kanadischen Künstlerin Nadine Norman ist die Darstellung des Weiblichen in seiner gesellschaftlich vermittelten Körperlichkeit, aber auch der Begriff des Begehrens und all seiner Widersprüche zentrales Thema. Es geht der Künstlerin vorwiegend um das Spannungsfeld zwischen Fiktion und Realität der unterschiedlichen Darstellungen und Rollen von Frauen in der Werbung, in anderen Kommunikationsmedien, aber auch im Kunstkontext.
Die japanische Künstlerin TANY verarbeitet in ihrem Video “Dedicated to my Ex Lover” (2001) ihre beendete Liebesgeschichte mit einem Künstlerkollegen. Man sieht gewaltsame Szenen in einem dunklen Park, in dem die Künstlerin ihren Ex-Freund mit dem Mofa verfolgt und anschließend verprügelt. Die extreme Aggressivität der Darstellung im Video überrascht und überfordert den Betrachter, da die Künstlerin hier das Gewaltthema innerhalb des Geschlechterverhältnisses zwischen Mann und Frau korrumpiert.
Von den Selbstinszenierungen Cindy Shermans bis zu den popkulturell kodierten Portraitzeichnungen Elisabeth Peytons rufen Zilla Leuteneggers (Schweiz) Filme unterschiedlichste Referenzen auf. In ihren Videozeichnungen werden intime und private Wünsche und Befindlichkeiten der Künstlerinnen dargestellt und öffentlich gemacht. Doch es handelt sich keinesfalls um exhibitionistische Darstellungen, sondern eher um lyrische, unspektakuläre Selbstinszenierungen: die Künstlerin zeichnet und animiert ihr eigenes Abbild wie in einem Zeichentrickfilm, wodurch die Figur etwas sehr Intimes zurückbekommt, und daher als Identifikationsfläche funktioniert.
Die Deutsche Maike Freess beschäftigt sich in ihrer Arbeit ebenfalls mit dem weiblichen Körper und dessen Selbst- bzw. Fremdbild: die Arbeit “The river around me” (2001), eine Videoprojektion, in der die Künstlerin in die Rolle der drei klassischen Frauentypen der “Blonden”, “Brünetten” und “Rothaarigen” schlüpft, wird frontal zum Betrachter auf eine durchscheinende Folie projiziert, sodass sich die drei Frauen im Blick des Betrachters spiegeln. In einer unaufhörlichen Aktion des sich ständigen An- bzw. Ausziehens pendeln die dargestellten Frauen zwischen Selbstbezogenheit und Flirt mit dem Betrachter. Bei allen Arbeiten steht niemals der weibliche Körper an sich im Mittelpunkt, sondern stets die Phantasien, die ihn umkreisen, und diese werden zum eigentlichen Thema. Das Selbstbildnis der Künstlerinnen wird uns zur Projektionsfläche für unsere eigenen Wünsche und Absurditäten, zur Spielwiese im Minenfeld zwischen Unschuld und Gewalt.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Josef Rainer, 2004 Exhibition view, Josef Rainer, 2004

JOSEF RAINER – METROPOLIS
23 Januar - 28 Februar 2004

kuratiert von Sabine Gamper

Exhibition view, Josef Rainer, 2004

Exhibition view, Josef Rainer, 2004

Josef Rainer wurde 1970 in Brixen (Südtirol) geboren. Nach seiner Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste, München (bis 1997) und einem Arbeitsstipendium der Stadt Wien (2001-02), vergeben vom Ministerium für Wissenschaft, Bildung und Kultur, lebt er seit 2003 in Bozen. Artist in Residence in der Glenfiddich Destillery in Dufftown, Schottland im Sommer 2003. Ausstellungsbeteiligung Innsbruck, Cham, Suzarra sowie in der Stadtgalerie Bozen (2000), Art Innsbruck und Phönix Art Sammlung Hamburg (2002), sowie Panorama 03 Bozen, Tiroler Wasserkraftwerk Imst, kuratiert von Prof. Christoph Bertsch, und Glenfiddich Schottland (2003).

Exhibition view, Josef Rainer, 2004

Exhibition view, Josef Rainer, 2004

Mit der Ausstellung in der Galerie Museum realisiert Josef Rainer eine Weiterführung seiner METROPOLIS -Reihe, die er in den Ausstellungen in Glenfiddich, Schottland, und im Wasserkraftwerk Imst, begonnen hat. Josef Rainers Kunst spielt mit der Verbindung von Realität und Fiktion, die er in dieser Ausstellung METROPOLIS am Beispiel einer Stadt entwirft. Im Rahmen des Ausstellungsraumes entstehen Szenen, die der Künstler mit der Sprache der Installation, also der Darstellung von Inszenierungen, sowie durch die Photographie realisiert. Die Architektur, in die diese Inszenierungen eingebettet sind, ist nicht bloß Kulisse, sondern wird zum wichtigen inhaltlichen Anhaltspunkt. Der Künstler zeigt uns ein Spiel von Proportionen, Ausschnitten, Architekturfragmenten, in Kombination mit ca. 30 cm großen, bemalten, dreidimensionalen Gipsfiguren, die sich zwischen den Architekturteilen bewegen, was zu einer Verwandlung der Größenverhältnisse und somit zu einem Verfremdungseffekt führt. Es sind also zweierlei Protagonisten, die in dieser Ausstellung zum Zug kommen: einerseits die Figuren aus Gips und Eisendraht, Männer, Frauen und Kinder, die eigentlichen Bewohner der Stadt, die sich hier in scheinbar vertrauter Umgebung bewegen, und ihren alltäglichen Handlungsweisen nachkommen. Und andererseits die Galeriebesucher, die im Spiel der Größenverschiebungen zu Statisten werden, und sich ganz plötzlich in einer ungewohnten Situation wiederfinden, in der die Wahrnehmung erst neu überprüft werden muss.

Exhibition view, Josef Rainer, 2004

Exhibition view, Josef Rainer, 2004

Josef Rainer spielt mit den Dimensionen, mit den Größenverhältnissen: der Galerieraum wird zum Stadtraum, das Fiktive wird über die Verschiebung der Dimension ins Reale transportiert, und auch umgekehrt. Auf diese Weise werden mehrere Bedeutungsebenen integriert. “Welche Größe ist hier relevant?” fragt sich die Autorin Sigrid Hauser. “Oder: wo sind hier die Grenzen des Kunstraumes? Und: wie nahe sind diese in unserer Realität? Und weiter: sind auch wir Teile dieser Installation, ist unser Zuschauen in diesen Themen inbegriffen? Und weiter so: was ist Einbildung, was entspricht der Wirklichkeit?”
Die Figuren erhalten, “dreidimensional auf dem Boden, zweidimensional an den Wänden, Anteil (…) am Leben unserer Realität.” (Sigrid Hauser) Es sind persönliche Geschichten, private Erinnerungen, die den Künstler zu seinen Geschichten inspirieren, die den intellektuellen Inhalt ausmachen, und die hier in einen größeren, allgemeineren Kontext gestellt werden. Sie dienen nur als Beispiel, als “Illustration der Reise eines einzelnen Mannes durch die Stadt der Welt”. Die Figuren erzählen die Momentaufnahme einer Geschichte ihres Lebens. Auf den Photographien sind es vor allem vergessene Orte, Un-Orte und Ab-Orte, die den Künstler interessieren: Es sind vor allem Abwasserleitungen in schmutzigen Hinterhöfen, Rohre und Maschinenteile, oder auch Kabel unter Bürotischen, Heizkörper und Holzkisten, vergessene und verstaubte Ecken, in denen der Künstler seine Figuren beheimatet, und die plötzlich ungewohnte Bedeutung erlangen.
Josef Rainers Kunst ist unbekümmert und heiter, der Humor des Alltäglichen zeigt sich zwischen Stuhlbeinen und Abwasserrohren, es sind namenlose Orte, denen der Künstler einen nie gekannten Charme verleiht, indem er die Geschichten der kleinen Protagonisten genau hier ansiedelt, und somit eine eigenartige Faszination der Verfremdung der Realität und deren Bedeutung erzielt. Hier lässt sich einiges in Frage stellen: die eigentliche Größe der Situation, im realen wie im metaphorischen Sinne, aber auch unsere Größe im Verhältnis der Dinge: wo stehen wir, und wer gibt eigentlich die Regieanweisungen…?

CLOSE
Archiv
Exhibition view, himmel&höll, 2003 Exhibition view, himmel&höll, 2003

HIMMEL&HOELL
12 Dezember - 9 Januar 2004

Peter Kaser, Kurt Lanthaler

Exhibition view, himmel&höll, 2003

Exhibition view, himmel&höll, 2003

Vor drei Jahren, im Herbst 2000, hat Peter Kaser einen Kunst-Ort geschaffen, der sich knapp neben der Staatsstraße am Brenner befindet, ein Ort am Rande eines Wasserfalls, mit einem kleinen Beobachtungsbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, zu dem eine namensgebende Treppe mit 84 Stufen hinaufführt. Seither finden an dem Kunst-Ort regelmäßig künstlerische Interventionen statt. Eines dieser Projekte am Kunstort “scalini 84 stufen” am Brenner war “: himmel & hoell” von Kurt Lanthaler und Peter Kaser, eine lyrische Treppeninstallation. Es handelte sich um eine eigens für den Ort verfasstes Gedicht des Autors Kurt Lanthaler, das in Form von Plexiglas-Platten auf den Stirnseiten der 84 Stufen so montiert wurde, dass der Besucher die lyrische Installation lesen konnte, indem er die Treppe Stufe für Stufe erklomm, 84 Stufen und 84 Strophen bergauf. 26 Monate lang.

Exhibition view, himmel&höll, 2003

Exhibition view, himmel&höll, 2003

Die Ausstellung in der Galerie Museum in Bozen (12.12.2003 – 10.01.2004) ist eine Weiterentwicklung der Installation “: himmel & hoell” am Kunstort am Brenner, und gleichzeitig eine völlige Neudefinition der Geschichte. Dort wie hier geht es um die spannende Kooperation zweier Künstler, die aus unterschiedlichen kulturellen Bereichen kommen, aus der bildenden Kunst und der Literatur. Es geht um die Herausforderung, Literatur und bildende Kunst in dem Maße zu verknüpfen, dass sich eine einzigartige spartenübergreifende Verbindung ergibt: am Brenner war der Schriftsteller gefordert, eine lyrische Arbeit für den Kunstort zu schaffen, und diese dann optisch zu präsentieren, für die Ausstellung in der Galerie Museum ist umgekehrt der Künstler aufgefordert, bildnerische Arbeiten zu gestalten, die einerseits literarisch – in Buchform – präsentiert werden können, andererseits die Fußzleser-Lyrik zurückführen in eine rein bildnerische Form. Hier lässt nun Peter Kaser eine vergoldete Kartoffel über die 84 stufen herunterkullern, über die der Protagonist von Lanthalers Gedicht “: himmel & hoell” – Tschaekk Madoia – auf der Flucht vor seinen Häschern hinaufgeflüchtet war. Während man Lanthalers episches Gedicht über die 84 Stufen zum Bunker mit den Füßen erlesen musste, kann das Kartoffeldrama bequem als Daumenkinobesucher betrachtet werden: Der Fußzleser wird zum Daumenschauer. Kaser geht davon aus, dass Bildende Kunst vor allem in den Köpfen stattfindet. Zuerst im Kopf des Künstlers und dann im dem des Betrachters, der das Werk durch seine Rezeption erst komplettiert. Doch warum lässt Kaser ausgerechnet eine Kartoffel den Sturz vom “himmel zur hoell” antreten? Wer so fragt, bekommt vom Künstler eine lakonische Antwort: “Warum nicht?” Der Schlagzeuger Paolo Jack Alemanno, bekannt durch seine Arbeit mit Bands wie Westbound, Cherry Moon, Skanners, Burning Mind on the Road, Skanners u.v.a.

CLOSE
Archiv
exhibition view, Marjetica Potrc, 2003 exhibition view, Marjetica Potrc, 2003

MARJETICA POTRC – URBANE STRATEGIEN
25 Oktober - 6 Dezember 2003

Exhibition view, Marjetica Potrc, 2003

Exhibition view, Marjetica Potrc, 2003

“Es gefällt mir, Fallstudien solcher Communities mit Menschen zu teilen, die Galerien und Museen frequentieren, Orte, wo augenscheinlich über schwierige Kategorien wie Schönheit, Form und Konzept nachgedacht und diskutiert wird. Mit der Schönheit ist es etwas seltsam. Du kannst versuchen, sie rational zu erklären, aber am Ende berührt sie dich nur, wenn dein Körper sie wirklich versteht.” (Marjetica Potrc)
Die Ausstellung “Marjetica Potrc – Urbane Strategien” in der Ar/ge Kunst Galerie Museum (24.10.-06.12.2003) legt ihr Augenmerk auf eine entscheidende zeitgenössische Tendenz, nämlich auf die Verbindung von Architektur und Kunst.

Exhibition view, Marjetica Potrc, 2003

Exhibition view, Marjetica Potrc, 2003

Diese hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr ausgeprägt und zu einem selbstverständlichen Teil der ästhetischen Diskussion und künstlerischen wie architektonischen Praxis entwickelt. Mehr und mehr beeinflussen Architekturtheorien und Städteplanung die zeitgenössischen Kunsttheorien sowie auch die ästhetischen Kriterien, und zwar in einer Weise, wie es bis vor Kurzem noch undenkbar gewesen wäre. Es findet eine tiefgreifende Analyse von Formen statt, die mit einem grundlegenden Verständnis für soziale Phänomene in unserer heutigen Welt zusammentrifft, um Werke von großer Schönheit, Bedeutung und Interesse entstehen zu lassen. Marjetica Potrc wurde 1953 in Ljubljana (Slowenien) geboren. Sie studierte Architektur (Abschluss 1977) und freie Kunst an der Universität Ljubljana (Abschluss 1986). Ihre Arbeiten wurden seit 1988 in zahlreichen Gruppenausstellungen gezeigt. 1993 war sie Repräsentantin Sloweniens auf der Biennale von Venedig. In den letzten Jahres wurden Potrcs Arbeiten in Einzelausstellungen in ganz Europa und den Vereinigten Staaten gezeigt, außerdem nahm die Künstlerin an vielen Gruppenausstellungen teil, wie z.B. an der 23.Biennale von Sao Paulo (1996), Skulptur Projekte Münster (1997), Manifesta 3, Ljubljana, (2000), Art Unlimited in Basel und Biennale von Venedig (2003).

Exhibition view, Marjetica Potrc, 2003

Exhibition view, Marjetica Potrc, 2003

1996 gewann Marjetica Potrc den Preis der Philip Morris Kunstförderung sowie ein Stage mit Einzelausstellung im Künstlerhaus Bethanien in Berlin im Jahre 2000. Im selben Jahr erhielt sie auch den Hugo-Boss-Preis, der mit einer Ausstellung im Guggenheim Museum in New York verbunden war. Marjetica Potrc nimmt sich in ihren Projekten der Randgebiete der modernen Großstädte an, indem sie Wohnmodelle der sogenannten Armenviertel dieser Welt untersucht, Städte, die krasse Unterschiede zwischen Arm und Reich aufweisen, deren unterentwickelte und unterversorgte Viertel oft jeglicher Unterstützung entbehren und aufgrund der Armut ihrer Bewohner sehr begrenzte materielle Ressourcen aufweisen. Sie beobachtet die Slums an den Rändern von Städten wie Caracas, Sao Paulo oder Rio de Janeiro, und untersucht dabei vor allem den menschlichen Lebensraum – sozusagen aus einer geopolitischen Perspektive heraus.
Dabei interessiert sie sich vor allem für kreative Raum- und Städteplanung, sowie für die Art und Weise, wie sich die Menschen den ständigen Veränderungen und Gegebenheiten in ihrem jeweiligen architektonischen Umfeld in der zeitgenössischen Stadt anpassen. Potrc beobachtete im laufe der letzten Jahre mehrere Projekte, die sie als Fallstudien in Ausstellungen in Europa und Amerika präsentiert, und – wie im Falle von Duncan Village – einer ständigen inhaltlichen wie künstlerischen Weiterentwicklung unterzog. Die Künstlerin präsentiert diese baulichen Lösungen mit respektvoller und echter Bewunderung, indem sie die untersuchten Fallbeispiele ohne sozialen moralisierenden Kommentar, vielmehr als anthropologische Fakten in Form von architektonischen Installationen innerhalb von Ausstellungskontexten dem westlichen Kunstpublikum vorstellt.
Diese Installationen zeugen in unserer von Globalisierung und Migration geprägten Welt von Lebensrealitäten am Rande der menschlichen Gesellschaften, und dokumentieren den persönlichem Einsatz und die Selbständigkeit ihrer Bewohner. Abseits der durchgeplanten Stadtgebiete richtet sich Marjetica Potrcs Augenmerk also auf die kreativen Möglichkeiten, die solche temporären, aus der Not geborenen Behausungen bergen. So verdeutlicht sie, wie eine ausgegrenzte Ökonomie die offizielle Ökonomie der geplanten Stadt umgibt und es den Einwohnern der Favelas, der Borgate und der Townships ermöglicht, eine Autonomie zu erlangen, die für die Planstruktur der Stadt durchaus auch eine Herausforderung darstellen kann.
Marjetica Potrcs Arbeiten verstehen sich insofern als Gegenmodelle zur urbanistischen Utopie der funktionierenden Stadt. In der Galerie Museum zeigt Marjetica Potrc mehrere Beispiele ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit urbanen Strategien:
In erster Linie die Installation Duncan Village, ein Beispiel von selbstorganisierter Architektur aus Südafrika. Dieses Projekt stellt nunmehr die vierte Generation von “Duncan Village” dar, die Potrc im Rahmen von Ausstellungen präsentiert. Nach ihrer ersten Intervention in der Galerie Nordenhake in Berlin 2002 wurde Duncan Village in den Ausstellungen im Badischen Kunstverein in Karlsruhe sowie auf der Art Unlimited 2003 in Basel zu sehen. Die vierte Generation dieses Fallbeispiels aus Südafrika entsteht nun eigens für die Galerie Museum in Bozen.
Es handelt sich hierbei um eine Hütte, die Marjetica Potrc in einem Architekturprojekt in Duncan Village, East London, Südafrika gesehen hatte, und die mehrere Elemente aufweist, die dieses Bauwerk zu einer idealen Fallstudie für die Künstlerin macht, so z.B. die enge Zusammenarbeit zwischen Städteplanern und Siedlern bei der Entstehung dieser Bauten, die Verschmelzung der formellen und der informellen Stadt. Bei diesem Projekt veranlasste die Stadt East London im Rahmen eines Hilfsprogramms die Errichtung der Infrastrukturen für Trinkwasser, Strom und Wasserabfluss in Duncan Village, und die neuen Bewohner waren dafür zuständig, ihre Häuser auf Eigeninitiative selber zu bauen. Weiters zeigt diese Ausstellung mehrere Objekte, die nach dem Prinzip der Verbindung zwischen High-Tech und Low-Tech funktionieren und kreative Lösungen bieten, um auf simple Art und Weise das Leben der Menschen zu erleichtern. Es werden die Fotoarbeiten der Serie “City States” zu sehen sein, sowie Urban independent Web Project, das einen umfassenden Überblick über alle Arbeiten der Künstlerin geben wird.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Balkan Visions, 2003 Exhibiton view, Balkan Visions, 2003

BALKAN VISIONS
06 September - 11 Oktober 2003

Mariela Gemisheva, Ivana Keser, Tanja Ostojic, Tome Adzievski, Erzen Shkololli, Anri Sala, Kristina Leko, Solomon Alexandru, Andrei Ujica, Athanasia Kyriakakos
kuratiert von Eda Cufer

Exhibiton view, Balkan Visions, 2003

Exhibiton view, Balkan Visions, 2003

Was ist der Balkan? Wo ist der Balkan? Gibt es den Balkan wirklich? Der Balkan existiert, darüber gibt es keinen Zweifel; aber durch die negativen Assoziationen, die dieses Wort hervorruft, und den völligen Mangel an politischer und kultureller Einheit, wird diese Region eher mit einer Mentalität oder einer kulturellen Gegebenheit als mit einem Ort auf der Landkarte identifiziert. Die geographischen, linguistischen und ethnischen Grenzen des Balkans waren immer Grund für Streitigkeiten; die Unklarheit und der Widerstand bei ihrer Festlegung sind in der Tat eines der Merkmale dieses Gebietes. In gewisser Hinsicht ist der Balkan besser definiert als Mitteleuropa. Sein geopolitisches Schicksal ist quasi komplementär zu jenem Mitteleuropas, d.h., beide sind Teil eines nicht genau festgelegten oder begrenzten geopolitischen Raums, der aus zahlreichen kleinen Sprachgruppen, Nationen und Randstaaten, sowie größeren Sprachgruppen und Völkern zwischen West und Ost, Christen und Moslems, lateinischer und arabischer Welt besteht.

Exhibiton view, Balkan Visions, 2003

Exhibiton view, Balkan Visions, 2003

Jeder von uns hat eine vage Vorstellung vom “Balkan”. Es genügen auch nur einige Begriffe: ein Ort ethnischer Spannungen, ein Ort, an dem sich alte Dramen ständig wiederholen, ein Ort, dessen Einwohner es über die Grenzen hinaus mit gefährlichen Feinden zu tun haben, ein Ort voller Probleme, die nicht gelöst werden wollen. Eine Mischung aus schrecklichen und exotischen Merkmalen verfolgt den Balkan vom Mittelalter bis zur Moderne und Postmoderne, und hat Stereotype geschaffen, die auf einer grundlegenden Vieldeutigkeit basieren, die sowohl positive und romantische, aber gleichzeitig auch negative und barbarische Aspekte beinhalten. So wie der Vampir, ein ewiges, aus dem Balkan stammendes Wesen, immer blutrünstig und todesgierig, ein Symbol des Bösen, das viele Schriftsteller und Regisseure inspiriert hat. Ein Protagonist äußert spannender Erzählungen, in denen diesem Wesen allgemeingültige Bedeutungen und Charakteristika übergestülpt wurden.

Exhibiton view, Balkan Visions, 2003

Exhibiton view, Balkan Visions, 2003

Wer den Balkan erforscht und darstellt, begreift, dass es sich um ein komplexes Thema handelt, das nicht nur reich an Kreativität ist, sondern auch voller historischer Widersprüche und kultureller Vorurteile, letzthin in aller Welt verrufen durch den tragischen Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Und gerade diese explosive Mischung aus Realität und Vorstellungen hat wiederum den Nährboden dafür geschaffen, dem Balkan eine neue Faszination zu verleihen. Vor allem in Westeueropa und insbesondere im deutschen Sprachraum wurden dem Balkan in den letzten beiden Jahren zahlreiche kulturelle Veranstaltungen gewidmet.

Exhibiton view, Balkan Visions, 2003

Exhibiton view, Balkan Visions, 2003

Die Ausstellung BALKAN VISION, die am 5. September 2003 in der Galerie Museum Arge-Kunst in Bozen eröffnet wird, gibt mit ausgesuchten Werken von zehn KünstlerInnen und FilmemacherInnen aus den unterschiedlichen Ländern Einblick in die Geheimnisse und Phänomene des heutigen Balkans.
ATHANASIA KYRIAKAOS lädt am Eröffnungsabend zu einer “//Coffee performance” ein: sie serviert den Besuchern “türkischen” oder “griechischen” Kaffee und liest allen, die daran interessiert sind, nach den Regeln einer uralten, balkanischen Kunst, aus dem Kaffeesatz ihre Zukunft und deren Geheimnisse. Die bulgarische Schauspielerin und Stilistin MARIELLA GEMISHEVA begleitet die Besucher in ihre Vision von Mode und Femininität: ein Stil, der anders ist als alles, was man in den Modeschauen Italiens bis jetzt zu sehen bekam. Die Kroatin IVANA KESER beweist mit ihrer Arbeit eine mutige und kritische Sicht in Bezug auf die Relativität der Grenzen zwischen den sogenannten “zivilisierten” und “barbarischen” Gesellschaften. Die Serbin TANJA OSTOJIC dokumentiert in einem Fotozyklus ihre radikale und provokative Arbeit “Looking for a husband with EU Passport” (Auf der Suche nach einem Ehemann mit europäischen Pass). Der Mazedonier //TOME ADIJEVSKI beschäftigt sich auf kritische Art und Weise mit den europäischen Hilfseinsätzen während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Das Video von ANDREI UJICA gibt Zeugnis zum Fall des Regimes von Nicolae Ceaucescu in Rumänien. Der Film von //ANRI SALA, “Intervisa”, zeigt den emotionsreichen und äußerst persönlichen Versuch dieses jungen albanischen Künstlers, einen Zugang zu finden zur politischen Einstellung seiner Mutter unter der Diktatur von Enver Hoxha in Albanien. Der Film von KRISTINA LEKO “Sarajevo International” erzählt die Geschichte von Personen aus unterschiedlichen Ländern, die aus verschiedenen Gründen beschlossen, sich in Sarajevo niederzulassen, und zwar während und nach der Zeit des Krieges, einem der blutigsten Massaker des 20. Jahrhunderts. Ist New York traurigerweise wegen seiner Obdachlosen bekannt, steht Bukarest für seine streunenden Hunde, deren Leben den Mittelpunkt des ergreifenden Films “Dog’s Life” (Hundeleben) des rumänischen Filmvorführers und Regisseurs ALEXANDRU SOLOMON bildet. Das Video //”Hey You” des Künstlers ERZEN SHKOLOLLI aus dem Kosovo erzählt anhand des Gesanges einer einheimischen Liedermacherin die berührende Geschichte der Emigration seines Volkes. Alle diese BALKAN VISIONS ergeben ein Puzzle, das die Besucher einlädt, den Balkan nicht als Welt für sich anzusehen, sondern als Spiegel der Menschheit, als Quelle von Archetypen und Symbolen, die in der Vergangenheit und auch heute noch Städte, Kriege, Experimente, Ideen und Visionen, unabhängig von Grenzen und Nationalitäten, geschaffen haben und entstehen lassen. (Eda Cufer)

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Moltitudini-Solitudini, 2003 Exhibition view, Moltitudini-Solitudini, 2003

MOLTITUDINI-SOLITUDINI
07 Juni - 2 August 2003

Pier Paolo Campanini, Absalon, Loris Cecchini, Marco De Luca, Flavio Favelli
kuratiert von Sergio Risaliti

Exhibition view, Moltitudini-Solitudini, 2003

Exhibition view, Moltitudini-Solitudini, 2003

Für das Jahr 2003 hat Sergio Risaliti, der ehemalige Direktor des Palazzo delle Papesse von Siena und derzeit freier Kurator, das Projekt “Moltitudini – Solitudini” im Auftrag des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen konzipiert. Es geht dabei um eine generelle Reflexion über das Binom “Vielheit – Vereinzelung”; Risaliti setzt beim komplexen Verhältnis zwischen Masse und Individuum an, wie es sich seit dem 19. Jahrhundert mit der Entwicklung der Metropolen entwickelt hat und bei Autoren wie E.A. Poe, Charles Baudelaire und Walter Benjamin auf höchst luzide Weise zum Ausdruck kommt. Die Fragestellung findet auch einen reichen Niederschlag in der Kunst, wobei es nicht um eine Illustration des Thema gehen kann, sondern um ganz eigene Interpretationsparadigmen.
Es handelt sich bei “Moltitudini – Solitudini” nicht um eine Themenausstellung, sondern um einen Ansatz, der neue Hypothesen sichtbar machen kann: dies erfolgt über eine Auswahl von Werken, die sich auf ganz verschiedene Bereiche beziehen, sich aber letzten Endes auf einen gemeinsamen Nenner zurückführen lassen. Es lassen sich verschiedene Nuklei ausmachen: Werke, die sich mit der Frage nach dem Raum und der Architektur auseinandersetzen und dabei regelrechte Wohn-Zellen konstituieren, die das komplexe Verhältnis zwischen Innen und Aussen, zwischen Ich und Welt thematisieren. Zu dieser Gruppe gehören Werke von Pierpaolo Campanini, Loris Cecchini, Atelier van Lieshout, Costa Vece, Andrea Zittel und die Videos von Absalon. Das – manchmal gewalttätige – Verhältnis zu den “Anderen” findet eine Thematisierung in den Videos von Francis Alÿs wie auch in den Werken von Paolo Canevari. Die Einsamkeit schlechthin in ihrer Eigenschaft als tendenziell solipsistische Entfremdung von der Wirklichkeit findet eine Umsetzung in den Werken von Marco De Luca, Armin Linke, Sabrina Mezzaqui und Luca Vitone. Hassan Khan, Kim Sooja, Marco Vaglieri und Cesare Pietroiusti thematisieren die Einsamkeit inmitten der Menge, Anri Sala (Fotografie) und Melik Ohanian (Video) die Ausgrenzung als Folge der Vermassung. Die Vielheit (Menge) als unvermeidbare Last, als Voraussetzung für Bereicherung oder auch als chaotischer Zustand findet einen Niederschlag in den Werken von Letizia Cariello, Lara Favaretto, Domenico Mangano und Starker.

Exhibition view, Moltitudini-Solitudini, 2003

Exhibition view, Moltitudini-Solitudini, 2003

Das Projekt findet seine Realisierung in der Stadt Bozen mit seiner spezifischen Vermischung der Kulturen: Bozen erscheint dabei als Ort der Vielheiten, aber zugleich als Ort der Vereinzelung. Die Ausstellung entwickelt sich einerseits in der Galerie Museum und im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, zum anderen an verschiedenen Orten der Stadt (EURAC – Europäische Akademie, Carambolage, Hauptpostamt, Durchgängen, Banken, dem Flughafen, der Universität, dem Freibad).

CLOSE
Archiv
Exhibition view, corporal ideas, 2003 Exhibition view, corporal ideas, 2003

VERKÖRPERUNGEN
09 Mai - 29 Mai 2003

Urban Grünfelder, Anna Maria Innerhofer, Markus Delago
kuratiert von Sabine Gamper

Exhibition view, corporal ideas, 2003

Exhibition view, corporal ideas, 2003

Zu aktuellem Anlass – nämlich der Eröffnung der Panorama-Ausstellung im alten Postgebäude, präsentiert die ArGe Kunst Galerie Museum im Rahmen einer thematischen Ausstellung Arbeiten der drei Südtiroler Künstler Anna Maria Innerhofer, Urban Grünfelder und Markus Delago. Diese Ausstellung nähert sich einem Thema, das im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer zentralen Auseinandersetzung in der Kunst und zu einem Diskurs zwischen den Geschlechtern führte, nämlich die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper, der Versuch, eine psychische und soziale Realität durch die Darstellung der Körper-Oberfläche nach außen mitzuteilen, die Untersuchung der Begriffe Bild und Abbild sowie – im weiteren Sinne – die Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk als Repräsentation des Körpers an sich.

Exhibition view, corporal ideas, 2003

Exhibition view, corporal ideas, 2003

Die strukturelle Verbindung des menschlichen Körpers mit dem Bild hat eine sehr bewegte und vieldiskutierte Geschichte hinter sich, die im Laufe der Kunstgeschichte zu den unterschiedlichsten Formen und Resultaten geführt hat, bis hin zur Auflösung und Zerstörung des Bildes als symbolischer Akt der Destruktion des Körpers ab den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts. Alle drei der hier vertretenen Künstler nähern sich diesen gemeinsamen Themen an, auch wenn die Zugänge denkbar unterschiedlich sind. Verkörperungen bedeutet einerseits die Repräsentation und Darstellung des Körpers an sich, andererseits aber auch die Darstellung dessen, was hinter der Oberfläche steht, nämlich die psychische oder soziale Realität, die durch den Körper repräsentiert wird. Und genau das ist es, worum es den drei Künstlern geht: ein Spiel mit dem Sichtbaren und Unsichtbaren, mit dem Körper und seiner Idee, mit Repräsentation und Imagination.

Exhibition view, corporal ideas, 2003

Exhibition view, corporal ideas, 2003

Urban Grünfelder ist Maler, und beschäftigt sich mit der Darstellung des Menschen in seiner physischen und psychischer Dimension. Die Ausstellung präsentiert ein Tryptichon in Öl auf Leinwand sowie 5 Zeichnungen. Auf den Bildern sind Menschen zu sehen, oder besser etwas, was wir als “Logo”, als Symbol oder Metapher eines Menschen bezeichnen können, nämlich dessen abstrahierte Umrisse, stets ohne Gesicht, ohne individuelle Wiedererkennbarkeit, meistens ohne Geschlechtsmerkmale. Die Körper sind reduziert und konzentriert auf bloße Farbe, Umrisse und Gesten. Grünfelder vermeidet akribisch jeden Gestus, jeden individuellen “Strich”. Die Menschen von Urban Grünfelder bestechen durch ihre simple Komplexität, durch die einfachen Formen, Farben und Flächen, mit denen er die Körper auf die zweidimensionale Ebene bannt. Die Suche nach dem Wesentlichen findet in der Reduktion statt. Anna Maria Innerhofer geht in ihrer Arbeit gewissermaßen einen konträren Weg. Der Titel ihrer Arbeit “Die Fremde” bezeichnet eine Distanz, die jedoch in ihrer Arbeit selber wieder aufgelöst, ja umgekehrt wird, denn die Künstlerin lässt den Betrachter so nahe an sich und ihre körperlichen Erfahrungen heran, dass ein unmittelbares Nachvollziehen ihres radikalen Schaffensaktes möglich wird. Die Arbeit, die wir in der Galerie Museum präsentieren, besteht in einer fotografischen Dokumentation der Entstehung des Kunstwerkes “Die Fremde”, das den Wachsabdruck des Körpers der Künstlerin darstellt.
Anna Maria Innerhofer ist die Kluft zwischen Wahrnehmung und Wahrgenommen werden wichtig, sowie die Suche nach dem “Ich” in den Grenzen ihres eigenen Körpers. Die Frage nach der Wahrnehmung des Körpers ist mit der Frage nach der Wahrnehmung des Ichs unabdingbar verknüpft. Markus Delagos Auseinandersetzung mit dem Körper besteht vor allem in der Beschäftigung mit Formen und Materialien, die er in der Natur sucht und findet, und dann in seinen Kunstwerken zu übergeordneten, allgemeingültigen und trotzdem sehr persönlichen Objekten umformt. Er greift auf der Suche nach seinen Formenskulpturen nicht auf seine innere Erfahrungswelt zurück, sondern auf Naturphänomene, die er z.B. in Schneekristallen und unterschiedlichen Fels- oder Steinformationen findet. Die Materialien, die er verwendet, sind vom Menschen künstlich geschaffene Derivate wie Schaumstoff oder Silikon, die einerseits die Distanz, den Mangel andeuten, und gleichzeitig ihre Herkunft aus der Natur manifestieren. Der Mensch und seine soziale Realität spielt dabei eine nicht zu verachtende Rolle: die Formen der Natur werden in der Phantasie des Künstlers zu Repräsentationen der menschlichen Gemeinschaft, des Individuums und dessen Zusammenspiel in der Gesellschaft. Insofern sind Delagos Kunstwerke gewissermaßen Grenzlinien des Mangels oder Repräsentationen des Abstandes zwischen dem Einen und dem Anderen, sie bezeichnen Orte zwischen der einen künstlichen/toten und der anderen natürlichen/lebendigen Identität.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Thomas Feuerstein, 2003 Exhibition view, Thomas Feuerstein, 2003

THOMAS FEUERSTEIN – FIAT – RADIKALE INDIVIDUEN, SOZIALE GENOSSEN
15 März - 16 April 2003

Exhibition view, Thomas Feuerstein, 2003

Exhibition view, Thomas Feuerstein, 2003

Der Tiroler Künstler Thomas Feuerstein (geboren 1968 in Innsbruck) beschäftigt sich in seiner Arbeit mit der Mediatisierung von Realität. Die Projekte reflektieren und interpretieren gesellschaftliche Produktionsprozesse im Kontext technokultureller Phänomene, naturwissenschaftlicher Obsessionen sowie ideologischer Visionen und Phantasmen. Speziell die Befragungen medialer und biotechnologische Eingriffe und Manipulationen als Praktiken der Identitäts- und Realitätskonstruktion dienen der Eruierung sozialer Bedingungen und Konstruktionen, die auf eine Interferenz zwischen Politik, Technologie und Biologie verweisen. Der für die Galerie Museum konzipierte Ausstellungstitel fiat bezieht sich in seiner Doppeldeutigkeit einerseits auf das lateinische Wort fiat, nach dem Schöpfungsspruch “fiat lux!” = es werde Licht, 1. Mose 1, 3): “es geschehe!” oder „man verarbeite zu..“. (auf Rezepten; Med.), andererseits auf den italienischen Autokonzern FIAT. Fiat erschließt sich in diesem Zusammenhang als Schöpfungsformel für das Programm und den Code einer technisch konstruierten und konstituierten Gesellschaft, die über die Tradition der Moderne hinausgehend an der Realisierung autoevolutiver Utopien laboriert. Der Untertitel radikale individuen – soziale genossen verweist auf einen gesellschaftlichen Dualismus, in dessen Spannungsfeld aktuelle Fragen einer sozialen Gerechtigkeit zwischen Solidarität und Subsidiarität im Feld globaler Transformationen verhandelt werden. Die Ausstellung setzt sich modular aus zwei Installationen (Leviathan und Myzel), einer grafischen Wandarbeit (der Schriftzug „fiat“ wurde mit einer Faustfeuerwaffe in die Wand der Galerie eingesschrieben/eingeschossen) und einem Video im vorderen Ausstellungsraum zusammen. Der hintere Ausstellungsraum der Galerie präsentiert in Form einer Camera Biophilista ein Konzentrat des Projektes Biophily, in dessen Zentrum die Installation Plus ultra::Der Künstler als Avatar #29 steht. (http://www.myzel.net/biophily) Fiat operiert mit zwei Metaphern aus der Biologie, einem Pilzgeflecht oder Myzel als radikales Individuum und einer Staatsqualle als sozialer Metaorganismus. Die Arbeit Leviathan – soziale Genossen, die das Bild einer Staatsqualle aufgreift, bezieht sich auf Thomas Hobbes gleichnamiges Werk. Der Hydrozoenkörper, der sich in der Natur aus Tausenden Polypen aufbaut, setzt sich im Objekt “Leviathan” aus transparenten Kristallsteinen zusammen und verweist damit auf die älteste Beschreibung von Gesellschaft als ein kristallines Netzwerk: Das Netz der Göttin Indra. Gesellschaft wird dabei als ein Netz begriffen, das aus einer Vielzahl facettengeschliffener individueller Kristalle gebildet wird. Nur im gegenseitigen Wechselspiel der Reflexionen erstrahlt das Individuum im Glanz des Kollektiven. Die Arbeit “Myzel – radikales Individuum” zeigt einen Bioreaktor, in dem ein Pilzgeflecht kultiviert wird. Im Kontext der Ausstellung fungiert der Pilz als Metapher für ein “radikales” Lebewesen, welches in der Welt der Biologie als Individuum mit der größten Ausdehnung und Biomasse gilt. (Die größten bisher entdeckten Pilze erstrecken sich über Tausend Kilometer und erreichen eine Biomasse von mehreren Tonnen).

Exhibition view, Thomas Feuerstein, 2003

Exhibition view, Thomas Feuerstein, 2003

Die DVD FIAT (Präsentation am 11.04.03 um 19.00 Uhr) projektiert ein Video, das Interviews mit Antonio Negri, Andrea Pininfarina und Oliviero Toscani enthält und die aktuelle Krise des Fiat-Konzerns zum Ausgang für einen Diskurs über Modernität und Globalität nimmt. Die mit Kristallen besetzte Staatsqualle wurde unterstützt von der Fa. Swarovski, die Arbeit Myzel entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Mikrobiologie der Universität Innsbruck, die Installation “Plus ultra::Der Künstler als Avatar #29” entstand mit Unterstützung der Galerie E+K Thoman, Innsbruck.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Othmar Prenner, 2003 Exhibiton view, Othmar Prenner, 2003

OTHMAR PRENNER – JEDER TAG EIN ALLTAG
24 Januar - 1 März 2003

kuratiert von Sabine Gamper

Exhibiton view, Othmar Prenner, 2003

Exhibiton view, Othmar Prenner, 2003

Die Galerie Museum präsentiert in einer Einzelausstellung mehrere neue Arbeiten des Künstlers in einer eigens für die Ausstellungsräumlichkeiten geschaffenen Installation. Zentrales Thema bei Prenner ist „Die Mühle“, ein Sujet, mit dem sich der Künstler bereits seit einiger Zeit auseinandersetzt. Im ersten Galerieraum befindet sich eine beinahe raumfüllende Installation einer Mühle, in deren Innerem zwei Mühlsteine Weizenkorn zu Mehl mahlen, welches im Laufe der Ausstellungsdauer zu weißen Mehlbergen heranwächst. Der hintere Galerieraum beherbergt eine Videoinstallation, bestehend aus zwei Projektionen, die sich frontal spiegeln. In teilweise stark verlangsamten Zeitrhythmen und beinahe bis zum Abstrakten vergrößerten Aufnahmen wird hier in der Person und Tätigkeit des Müllers noch einmal das Leitthema aufgegriffen. Othmar Prenners Arbeit bietet Anlass zu einer Auseinandersetzung mit einem Thema, das einerseits tief in unserem kollektiven Unterbewussten eine Rolle spielt, und andererseits auch bedeutsam wird in Bezug auf unser alltägliches Leben: Der ewige Strudel des Vergehens und des Werdens im Kreisschwung einer sich ständig drehenden Mühle.

Exhibiton view, Othmar Prenner, 2003

Exhibiton view, Othmar Prenner, 2003

Man stellt sich vor, dass die Mühle, die meistens aus Granitsteinen und Holz hergestellt wurde, heutzutage in einem antiken Museum schaubar ist. Ihre archaische Ästhetik verleiht uns häufig ein nostalgisches Gefühl, das zur Vergangenheit unseres Daseins zurücklaufen lässt . Dies hat lange dazu beigetragen, an die Volkseele zu glauben, die man des öfteren in zahlreichen Liedern, Gesängen, in der Lyrik, in Romanen und Filmen dargestellt hat. Die Atmosphäre, die in den Verdichtungen in Bezug auf die Mühle anklingt, ist z.B. romantisch, melancholisch, froh – tiefsinnig, phantasierend, grübelnd usw. Sie hat also ein Urbild der menschlichen Lebensform verdichtet, die jeder Zeitlichkeit enthoben ist. Sie transformiert etwas Mystisches. Früher wie heute bestimmen Arbeitsvorgänge unseren Alltag. Die Mühle war im Grunde die erste Maschine, die das Leben unzähliger Menschen erleichtert hat. Das Mahlen war ursprünglich eine Tätigkeit, die ausschließlich von Frauen durchgeführt wurde. Und das Betreiben der Mühlen war mit schwerster, körperlicher Arbeit verbunden, so dass man diese Arbeit deswegen mit der knechtischen bzw. sklavischen Arbeit assoziiert, wobei das Leid dem ewigen Strudel des Vergehens und des Werdens, dem Kreisschwung der sich ständig drehenden Mühle ausgeliefert ist. Die Mühle symbolisiert in diesem Assoziationsverhältnis auch einen ewigen Kreislauf, dem die Kontinuität einer Wiederkehr des Immergleichen eingeschrieben ist. Sie steht im übertragenen Sinn nicht still, sondern kreist von Dasein zu Dasein unabänderlich und in „Jeder Tag ein Alltag“ transformiert.

Exhibiton view, Othmar Prenner, 2003

Exhibiton view, Othmar Prenner, 2003

Der Mensch schafft sich im Geiste nicht nur eine innere Welt sondern er schafft eine neue, reale Welt in der Zukunft, in der er einen Sprung von seiner aktuellen Situation hin zu einer besseren Welt machen will. Wir haben heute nicht mehr die Mühle, welche uns die unermessliche Daseinsform des Werdens und Vergehens vor Augen führt, und unserem Alltag einerseits Sinn und andererseits das rechte Maß verleiht. Jeder Einzelne muss sich selber auf die Suche nach sinnstiftenden Momenten begeben. Prenner belässt das Thema der Mühle also nicht auf der Ebene des Mythos. Der ewige Strudel des Vergehens und des Werdens im Kreisschwung einer sich ständig drehenden Mühle bietet Assoziationen in die Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. In dieser Perspektive über die Mühle möchte der Künstler zeigen, dass die Mühle ein Spiegel unseres reflektierenden Bewusstseins zur menschlichen Lebensform und daraus auch hervorrufende Ästhetik ist.

CLOSE
Archiv
Olgiati

IDEE
15 November - 8 Januar 2003

Valerio Olgiati
kuratiert von Christoph Mayr Fingerle

Architektur zwischen Ordnung und Willkür. In Fortsetzung der Ausstellungsreihe über „Architektur aus den Nachbarländern“ zeigt die Ar/Ge Kunst, nach der Ausstellung über die Tiroler Architekten Norbert Fritz und Rainer Köberl (1997) und dem 4.Vorarlberger Hypo – Bauherrenpreis (2001), eine Einzelausstellung über Valerio Olgiati, einem Architekten aus Graubünden. Die Familie Olgiati stammt aus Flims (ca. 20 km westlich von Chur), wo der Vater bis 1994 ein bedeutendes Architekturbüro führte und die moderne Architektur in Graubünden entscheidend mitbeeinflusste. Valerio Olgiati , Jahrgang 1958, fiel in der internationalen Architekturszene der letzten Jahre vor allem durch zwei Projekte auf: Die Schule in Paspels 1998, und das Gelbe Haus in Flims 1999. Diese Bauten erhielten mehrere Auszeichnungen, darunter jene Auszeichnung im Rahmen des in Sexten stattfindenden Architekturpreises für „Neues Bauen in den Alpen – 1999“, den „Architekturpreis Beton – 2001“ sowie eine Auszeichnung von „Gute Bauten Kanton Graubünden – 2001“. Die Ausstellung mit dem zweisprachigen Titel „idee“ stellt die Idee und das Konzept in den Mittelpunkt des Interesses. Die Projekte werden von Valerio Olgiati nicht zeichnerisch ermittelt, sondern sie werden gedanklich erfasst und direkt am Computer konzipiert. Es geht ihm weder um den skulptural – bildhaften Aspekt der Architektur noch um die besondere Bedeutung des Materials oder der Oberfläche, sondern mehr um das Strukturelle und das Allgemeingültige, unabhängig von Stilrichtungen oder Zeitgeschmack. „Es ist mir lieber, wenn ich die Parameter so festlege, dass sie weitgehend einen Entwurf bestimmen. Wenn ich diese strategisch ordne, zeigt sich immer ein Weg für einen Entwurf. Ich lasse das Haus unter Einbezug dieser Einflussfaktoren sozusagen selbst entstehen. – Ich muss meinen Entwurf formal nicht mögen, ich muss ihn inhaltlich so richtig wie möglich finden. Bis dahin ist es ein langer Weg.“ Ein anderer markanter Aspekt in der Entwurfsarbeit des Architekten ist das Einbeziehen von Brüchen und Irritationen die seinen Entwürfen jeden akademischen Charakter entziehen. „Der Regelbruch ist ein Kunstgriff, welcher das was hinlänglich bekannt ist, in neuem Licht erscheinen lässt. Sobald ich aus einem Rahmen ausbreche, beginne ich zu denken. Das ist mein Instinkt. Ausbruch ist nicht zuletzt eine Kompositionsform. Wenn etwas absolut regelhaft bleibt, fällt vieles weg. Spannend wird es erst, wenn ein Gebäude Dinge darstellt, die nicht nachvollziehbar sind. Es entsteht so etwas wie ein metaphysisches Ereignis. Wenn sich ein Gedanke oder eine Handlung nicht vollends entschlüsseln oder auch nur nachvollziehen lässt, bleibt ein Gebäude für den Bewohner oder Betrachter magisch. Diese Verzerrung, eine Art Mutation, ist beliebig und entbehrt jeder Logik. Dadurch entstehen wunderbare, modellierte Räume. Und genau hier, im Spannungsfeld zwischen Ordnung und Willkür zeigt sich mein Verständnis eines “richtigen” Entscheides. Architektur ist eine Disziplin mit eigenen Regeln. Ihr Grundmaterial hat für mich viel mehr mit Mathematik als mit Phänomenologie zu tun.“ Diese Vorstellungen werden in der Ausstellung an Hand von Bildern, Projektionen, Computerzeichnungen und Modellen visuell dargestellt.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Das Land, 2002 Exhibiton view, Das Land, 2002

MANFRED WILLMANN – DAS LAND
26 September - 26 Oktober 2002

Exhibiton view, Das Land, 2002

Exhibiton view, Das Land, 2002

Die Ar/ge Kunst Galerie Museum zeigt 33 Fotografien aus dem seit 1991 entstandenen Werkzyklus “Das Land”. Die sehr aussagekräftigen und suggestiven Fotos zeigen intime Einblicke in die Natur und das Leben der Menschen in der südlichen Weststeiermark, an der Grenze zu Slowenien. Diese Gegend wird von jenen, die dort leben, als “Das Land” bezeichnet. Willmanns Bilder halten die Spiritualität und Schönheit dieses ländlichen Raumes auf sehr persönliche, ja beinahe tagebuchartige Weise fest, geben teilweise sehr intime Einblicke in private und öffentliche Szenen des Dorflebens.
Seit 1980 bedeutete “Das Land” für den Künstler auch das Kennenlernen dieser Gegend, das Kennenlernen von Familien, ihrer Arbeit, ihrer Häuser, ihrer Freunde. Willmann verbindet in seinem Werk betont sinnliche Bilder mit konzeptionellen Elementen. Sein Thema ist der Mensch und sein Leben, sowie die Natur im Allgemeinen. Willmann will an die Grenze des Sagbaren gelangen, den Schmerz und das Glück dieser Welt vor Augen führen. Der Verweis auf die Natur kann nicht drastisch genug sein, um ihre Sensibilität (Vergänglichkeit) zu zeigen. Er zeigt die Dinge noch schöner und noch hässlicher, als sie tatsächlich sind. Seine Bilder sprechen über die Dinge, die das Leben wirklich ausmachen: das Wachsen, das Blühen, die Frucht, die Kälte, die Liebe; töten und getötet werden. Und nur “ja keine langweiligen Geschichten von glorreichen Tagen” erzählen.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, to actuality, Ward Shelley, 2002 Exhibiton view, to actuality, Ward Shelley, 2002

TO ACTUALITY … WORK IN PROCESS
28 Mai - 31 Juli 2002

Lucy Orta , Carolina Caycedo, Kendell Geers, Martin Creed, Michael Kienzer, N55, Martin Walde, Ward Shelley, Yane Calovski, Yvonne Dröge Wendel, Walter Niedermayr
kuratiert von Maia Damianovic

Exhibiton view, to actuality, Carolina Caycedo, 2002

Exhibiton view, to actuality, Carolina Caycedo, 2002

To Actuality umgeht vermittelte Formen der Darstellung, erforscht vielmehr die Möglichkeiten von Kunst, mit verschiedenen Lebenserfahrungen und Wirklichkeiten in einer urbanen Umgebung direkt in Beziehung zu treten. Das Projekt stellt eine Reihe unterschiedlicher künstlerischer Positionen vor, die ein direktes Miteinbeziehen des Publikums über die Erfahrung beinhalten: Um ihr Anliegen kommunizieren zu können, suchen die Künstler von To Actuality nach Alternativen für die Kunst, abseits und jenseits von visuellen, ästhetischen und textlichen Grundlagen.

Exhibiton view, Lucy Orta, 2002

Exhibiton view, Lucy Orta, 2002

Trotz aller Verschiedenheit versuchen die Projekte von To Actuality, einen direkten Bezug zu den sozialen, kulturellen und politischen Verhältnissen in Bozen herzustellen. Die künstlerischen Projekte werden in Innenräumen, aber vor allem auch im Freien an verschiedenen Orten der Stadt präsentiert, und operieren sowohl mit bereits bestehenden Momenten der Infrastruktur als auch mit eigens für To Actuality hergestellten Situationen.
Dadurch soll verschiedenen Publikumsgruppen Gelegenheit zu einer unmittelbareren Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst geboten werden. Die Umsetzung des Projekts stärkt die Verbindung zwischen Kunst und Leben, und erinnert daran, dass wir die Kunst haben, um nicht an der Wirklichkeit zugrunde zu gehen.

 Exhibiton view, to actuality, Yane Calovski, 2002


Exhibiton view, to actuality, Yane Calovski, 2002

Die performativen Strategien von To Actuality sind weniger am Metaphorischen, am Mythisch-Poetischen oder an einer Art “tieferer Bedeutung” interessiert, sondern vielmehr an der sensiblen, kritischen und konkreten Verknüpfung der Beziehung zwischen Kunstwerk und Publikum in einer weitläufigen städtischen Arena. So eröffnet To Actuality neue Wege, Kunst als etwas eigenständig Aktives zu erleben. (Maia Damianovic)

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Hamburg-Bozen, 2002 Exhibiton view, Hamburg-Bozen, 2002

HAMBURG-BOZEN – VERTRAUTE RÄUME
11 April - 19 Mai 2002

Matthias Berthold, Till F.E.Haupt, Philipp Schewe
kuratiert von Sabine Gamper Letizia Ragaglia Anne-Marie Melster

Exhibiton view, Hamburg-Bozen, 2002

Exhibiton view, Hamburg-Bozen, 2002

Junge Kunst aus Hamburg. Die Ausstellung führt unterschiedliche Medien einer künstlerischen Generation zusammen. Nicht nur, um einen querschnittartigen Einblick in Hamburgs aktuelles Kunstgeschehen zu bieten, sondern vor allem, um ästhetisches Verständnis und rationale Grundlagenforschung zu verknüpfen. Die Schnittmenge der Positionen bündelt sich in dem Begriff Raum. Der Betrachter findet geistige Denkräume, Lebensgestaltungsräume, Landschaftsräume, Körperräume, Erinnerungsräume, virtuelle und private Räume. In Anbetracht der intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit der sogenannten Cyber-Gesellschaft im Laufe der letzten Jahre wurde in dieser Ausstellung ganz bewusst Wert auf vielfältige Ausdrucksformen gelegt, die Photographie und Videokunst mit einschließen, gleichzeitig aber eine sinnliche und haptische Berührung zulassen, ja sogar herausfordern. Der Betrachter partizipiert im Ausstellungsprozess, wird ein Teil der Kunstwerke. In unterschiedlichen Dimensionalitäten und sensitiven Ansprüchen wird der Betrachter in die Pflicht genommen, sich das einzelne Werk im Sinne Pierre Bourdieus zu eigen zu machen: “Das Kunstwerk im Sinne eines symbolischen – und nicht so sehr ökonomischen Gutes (auch das nämlich kann es sein) – existiert als Kunstwerk überhaupt nur für denjenigen, der die Mittel besitzt, es sich anzueignen, d.h. es zu entschlüsseln.” In Hamburg macht sich eine Bewegung bemerkbar, die die jungen Künstler in private, sinnlich erfassbare Räume führt. Mit Witz und Ironie, mit plastischen Stoffen und kräftigen Farben wird mit Phantasiewelten experimentiert. Es entstehen figurative Sphären, die die Künstler durch Besinnung auf ihre persönlichen Traumwelten entdecken. Sie kreieren ideelle und virtuelle Lebensgestaltungsräume, indem sie sich autokritisch mit ihren Körpern, Erinnerungen, Gefühlen und ihrem Intellekt auseinandersetzen. Das Bedürfnis nach Ästhetik und privater Sinnlichkeit, nach Schutz und Geborgenheit ist gerade heute ein allzu gegenwärtiges Zeichen des Umbruchs in unserer Gesellschaft. In Zeiten der virtuellen Überspanntheit, der medialen Überreizung haben intime Räume wieder an Bedeutung gewonnen, in die das Individuum zurückweichen und sein Bedürfnis nach Vertrautheit auffüllen möchte. In dieser Ausstellung findet der Betrachter an verschiedenen Orten die Möglichkeit des Eintauchens in solche vom Künstler erschaffenen mentalen und intellektuellen Refugien. Die Ausstellung bietet nicht nur reflektierte oder konstruierte Lebensräume an, sondern zeigt auch Möglichkeiten für zukünftiges Leben auf. Vorausgesetzt der Betrachter lässt sich auf derartige Gedankenkonstrukte ein und spielt das Spiel der kulturellen Konditionierungen mit. Der ortlose Mensch, der sich selbst zum “Ort der Bilder” verwandelt hat, wie es Hans Belting beschreibt , wird hier auf spezifische Weise seiner Ortlosigkeit beraubt und in einen Entstehungsprozess von Kunst und assoziativer Zugehörigkeit mit eingebunden. Ist der durch virtuelle Welten gejagte und von dramatischen Ereignissen verängstigte Mensch nicht auf der Suche nach einer neuen emotionalen Begrifflichkeit, nach einer Neu-Definition unseres Wertesystems und nach konstanter Gebundenheit im weitesten Sinne? Auf der Suche nach neuen Lebensgestaltungsräumen öffnet sich letztendlich wieder der Blick zurück ins Private. Matthias Berthold entfremdet mit Anweisungen die monochromen Denkschemata, konterkariert die Funktionen alltäglicher Gebrauchsgegenstände, formuliert als Manifestation des Absurden, schafft Prototypen von Wohnräumen, die höchste Anforderungen an ihre Bewohner stellen, fertigt und vertreibt das ultimative Universalwerkzeug, formt aus Papier und Sand eine tatsächlich wirksame Dunkelbirne. Die Ironie in seinen Arbeiten, das Infragestellen alltäglicher menschlicher Routine, lässt den Betrachter bei seinen Arbeiten verweilen, entdeckt dieser erst auf den zweiten oder dritten Blick die Vielschichtigkeit und Hintergründigkeit seiner Sozialkritik. Der Inhalt, die Botschaft seiner Arbeiten ist meist nur über einen intellektuellen Umweg zu erfahren, was den Betrachters besonders herausfordert und diesen in einen vom Künstler erschaffenen Denkraum situiert. Die Rezeption des Bildes der Landschaft ist der Ausgangspunkt der Werke bei Anna Gujónsdóttir. Im Mittelpunkt stehen die unterschiedlichen Formen der Annäherung an die gesuchte Natur. Diese Annäherung, geprägt von mediatisierter Wahrnehmung, wird hauptsächlich in Gemälden, aber auch in Objekten, Photographien und Installationen transportiert und stellt auf diese Weise eine Dokumentation und Verkörperung des Zugriffes auf die Natur dar. Ihre Installationen aus Steinsammlungen, Zeichnungen, Graphiken und Photographien erinnern an die Wunderkammern im 16. Jahrhundert. Auch sie sammelt Gegenstände, um sich ein Bild von der Welt und dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu machen. Die gesammelten Materialien werden ihres ursprünglichen Funktionszusammenhanges beraubt, was eine Neudeutung zulässt. Ihre Tafeln, Landschaftsskizzen, Pflanzenstudien und Detailaufnahmen verweisen als künstlerische Collagen und wissenschaftliches Anschauungsmaterial auf das Vorgehen von Naturkundemuseen. Landschaft fungiert als Imaginationsraum, den der Betrachter besucht und darin Teil einer Inszenierung wird, in der kulturelle Unterschiede und der menschliche Umgang mit Natur präsentiert werden. Christian Hahns psychedelische Ölbilder nutzen zwar eine traditionsreiche Technik, beinhalten allerdings entfremdete Botschaften. Der Betrachter wird verwirrt mit scheinbar bekannten Assoziationen. Hinterfragt er beim zweiten Blick die tatsächlichen Motive, stellt er fest, dass es sich bei den dargestellten Elementen um Phantasiegebilde handelt, die lediglich einen Wiedererkennungswert konnotieren. Die großformatigen Gemälde ziehen nicht nur wegen ihrer fröhlichen Farbigkeit in Bann, sondern die an Computeranimationen erinnernden Motive lassen eine Multidimensionalität entstehen, in der es sich zu verlieren droht. Der Künstler schafft Welten, die sich dem Betrachter öffnen, aber nicht offenbaren. Es gilt, die Bilder mit Bedeutung zu füllen und darin die verschiedenen Wirklichkeitsebenen, in denen wir leben, wiederzufinden. Der Gegensatz zwischen organischen, plastischen und zeichnerischen Elementen kennzeichnet die Malerei Hahns. In ihrer spezifischen Dynamik suggerieren die Bilder Anziehung und Distanz zugleich. Eines der künstlerischen Themen von Till F. E. Haupt ist die zyklische Bewegung im Raum, die er anhand von Reisedokumentationen wiedergibt. Er legt die Landkarten der jeweils bereisten Region zugrunde, übermalt sie u.a. mit Nachzeichnungen der vorgenommenen Reiserouten. Bei der Übermalung rücken die bekannten Landschaften in den Focus, nicht berührte Orte treten in den Hintergrund. Zugehörig zu diesen Gemälden sind Reisetagebücher und Photographien, die den Ablauf und das Erlebte dokumentieren sollen.
Ein weiteres zentrales künstlerisches Anliegen von Till F. E. Haupt liegt in einer kreativen, d.h. schöpferischen und somit ungewöhnlichen Bewältigung des Lebens. Eine dies darstellende Materialsammlung ist Grundlage für ein Gestaltungskonzept das praktische Leben betreffend: Es umfasst Wohnstätte, Arbeitsplatz und Tätigkeit, sowie Standort und Lebensart. Der Künstler stellt mit Witz und Ironie die eingefahrenen Denkschemata des zivilisierten Menschen infrage und bietet Möglichkeiten der Bewältigung und neue Formen des kommunikativen Austauschs beispielsweise durch “Kreativitätstraining”, welches dem Kunstinteressierten in einer sozialen Performance zugänglich gemacht wird. Gunilla Jähnichen stellt in ihren naiv anmutenden Bildern Traumwelten dar. Assoziative Ideen, die an die Kindheit ankoppeln, Vorstellungen von idealen Kinderwelten werden durch die Protagonistin der Bilder hervorgerufen. Die dargestellten kindhaften Wesen lösen beim Betrachter einen Beschützerinstinkt aus, man fühlt sich in die intensive Welt des Kindseins zurückversetzt. Auf der anderen Seite spielen die teilweise stereotyp wirkenden Figuren mit den Vorstellungen von Macht und Gewalt, welches in Kontrast zu dem Bild des Niedlichen steht. Der Mensch als Hauptakteur und das Tier und Monster als Gegenspieler werden in großformatigen Acrylbildern gegenübergestellt, so dass eine ähnliche narrative Situation wie in Märchen und Fabeln entsteht. Das Anliegen dieser Arbeiten liegt in der Konstitution eines Ichs durch das Einnehmen verschiedener Rollen, denen der Mensch in Alltagssituationen in Form von sozial geprägten Klischées begegnet. Diese Klischées werden in den Arbeiten ironisch gebrochen. Streifzüge durch die Industriewüsten des Hamburger Freihafens. Thomas Jehnert setzt die entstehenden lebensgroßen Holzfiguren in Bezug zum Fundort des Materials. Der Ort des Fundes bietet dem Künstler einen atmosphärischen Raum, in dem bereits eine Bildidee entsteht. Der Kontrast zwischen Ursprungsort, meist der Hamburger Freihafen, und dem künstlerischen Ergebnis lässt eine Spannung entstehen, die den Betrachter gefangen nimmt. Die Bearbeitung des Holzes ist ein zentraler Aspekt der Inhaltlichkeit. Motorsäge, Axt, Feuer und Verwitterung lassen durch Zerstörung Neues entstehen. Der Balanceakt zwischen physischem Aufbegehren und physikalischer Destruktion ist diesem Prozess immanent. Es entstehen nicht nur aufrechte, selbstbewusste Figuren mit eigenem Charakter, sondern auch fragmentarische Bilder, Spuren eines vorangegangenen Arbeitsprozesses. Diese Arbeiten transportieren Gefühle innerer Spannung und Aggressivität. Sie verwandeln sich in ein Bild, welches den Ausdruck von Destruktion impliziert, werden aber gleichzeitig zu einem Symbol tiefer Verbundenheit mit der Natur, die sie hervorgebracht hat. Diese sogenannten Körperbilder vermitteln die Kontroverse zwischen Virtualität und körperlicher Präsenz. Es stellt sich die Frage nach Relevanz oder Irrelevanz eines menschlichen Körpers; ist der Menschenkörper im Zeitalter von Cyberspace und Robotik nicht eher ein Hindernis? Oder entspringen die Figuren diesem Zweikampf als Zeichen der Selbstbehauptung in einer wahnsinnig gewordenen Welt? Dieser Welt werden die Figuren entgegengestellt und sagen: Dieser Körper ist ein Zuhause, erbärmlich, nackt und verletzbar. Und dennoch ist der dargestellte Protagonist ein fester Bestandteil der Natur. Wo soll ein Geist wohnen, wenn der Körper nutzlos geworden ist?
Die Arbeiten von Birgit Lindemann, die auf drei Dimensionen interagieren, geben die Auseinandersetzung mit Raum und Körperlichkeit wieder. Der Betrachter kann sich plastisch mit den Arbeiten beschäftigen, sich in ihnen bewegen, sie erkunden, sie berühren. Das visuelle Erfahren wird mit dem körperlichen Erlebnis verbunden. Die Wechselwirkung verstärkt das Bewusstsein des eigenen Körpers im Raum und als Teil des Kunstwerkes. Durch seine Bewegung hat der Betrachter einen unmittelbaren Einfluss auf die Werke und deren Wahrnehmung. Die unterschiedlichen Facetten des Stoffs in Bezug auf Transparenz und Dichte reflektieren die molekulare Verbindung des Lebens. Die Beschaffenheit und die Bearbeitung des Stoffes vermitteln gleichzeitig Gewicht und Leichtigkeit, Schwerkraft und Schwerelosigkeit. Birgit Lindemann verbindet Siebdruck mit Stoff. Portraits verknüpft die Künstlerin mit Texten, die teilweise aus ihrer eigenen Feder stammen, teilweise literarischen Werken entnommen sind. Sie greift aber auch auf Briefe und Aussagen der dargestellten Personen zurück. Die Texte geben Erinnerungen und Gedanken der Künstlerin und anderer Personen wieder, die sich auf den privaten wie auch den politischen Bereich beziehen. Die rasterartige Überlagerung verschiedener Ebenen und die Betrachtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln, im allgemeinen und im einzelnen, führen in jedem Fall zu einer distanzierenden Selbstreflexion. Susanne Reizlein konzipiert und modelliert Installationen . vornehmlich mit Diaprojektion oder Video, die den Besucher in das Kunstwerk eintreten lassen. Sie schafft Berührungspunkte zwischen Betrachter und Werk, die – formal wie inhaltlich – eine dialektische Auseinandersetzung zwischen Innen und Außen aufwerfen. Innenleben und äußere Einflüsse werden kontextualisiert, indem Befindlichkeiten, Gefühle und Fiktionen in Bezug zur Gesellschaft gesetzt werden. Das Immaterielle der Projektionen, die Entstehung eines magischen Momentes sind zentrale Aspekte, die den Betrachter Teil der Installation werden lassen. Die orts- und situationsspezifischen Gegebenheiten sind wichtiger Bestandteil der Arbeiten, da die Künstlerin den Moment des Betrachtens in dem jeweiligen Ausstellungskontext als Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichen Raum betrachtet. Die zentrale Aussage der Arbeiten von Philipp Schewe ist der Mensch als Jäger und Sammler. In konstruierten Räumen stellt er Photographie, Videoaufnahmen, Performance und auch Objektkunst zu Installationen zusammen, in denen verschiedenste Alltagssituationen reflektiert werden. Die Rekonstruktion und Wiederverwertung individueller Phänomene und persönlicher Ereignisse soll menschliche Sehnsüchte und das Scheitern der Träume veranschaulichen. Die Bereitschaft zur völligen Entblößung, die in Form von Selbstversuchen des Künstlers verdeutlicht wird, ist ein prototypisches Mittel, um eine Infragestellung der eigenen Person zu ermöglichen und dem Betrachter zu illustrieren. Vergrößerte Ausschnitte von Plastiktüten sind zur Zeit das Ausgangsmaterial und die Keimzelle der Arbeiten von Sebastian Zarius. Diese, der Polyäthylenwelt entrissenen “Gemälde” betrachtet der Künstler als eigenständige Bilder, die manchmal aufgrund von beispielsweise Farbkombinationen an ihre eigentliche Herkunft erinnern, jedoch nicht erkannt, sondern nur assoziativ erahnt werden. In Gedanken an Malerei und Minimalismus aber auch an die Rekonstruktion von archäologischen Fundstücken überträgt der Künstler aus den Farb- und Formwelten des Alltags Bilder in die Welt der Kunst. Durch diese Technik entsteht ein Kosmos, der eine kaum enden wollende Bilderflut in sich trägt. Ein exzerpierter, entliehener Mikrokosmos ist für den Betrachter der Ausgangspunkt und Quelle für unendlich viele Assoziationsmöglichkeiten, in denen er sich aber nicht unbedingt verlieren muss, sondern seine persönliche Nische durchaus finden kann. In einem Teil seiner skulpturalen Arbeit nutzt der Künstler u.a. die Transparenz eines Materials. In weißlackierte Holzleisten gefasstes, zum Teil eingefärbtes Paraffin bildet lichtdurchlässige “Wachsstäbe”, die durch Transparenz, Farbigkeit und Form an Neonröhren erinnern und die in Gruppen aber auch individuell objekthaft oder raumbezogen installiert werden.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Another Swiss version, 2002 Exhibition view, Another Swiss version, 2002

ANOTHER SWISS VERSION
25 Januar - 16 März 2002

Stefan Altenburger, Philippe Schwinger, Bohdan Stehlik, Beat Streuli, Frédéric Moser, Jörg Lenzlinger, Myk Henry, Emmanuelle Antille, Szuper Gallery
kuratiert von Simon Lamuniére Jerome Leuba

Exhibition view, Another Swiss version, 2002

Exhibition view, Another Swiss version, 2002

Nach Mario Vargas Llosa “ergänzt die Fiktion uns verstümmelte Wesen, die wir nur ein einziges Leben haben, um die Fähigkeit, tausend zu wünschen”. Was Fiktion ist und was nicht, wo die Wirklichkeit aufhört und wo die Erfindung anfängt ­ das war so etwas wie ein untergründiges Leitmotiv des gerade zu Ende gegangenen Jahrhunderts. Es ist gleichzeitig der schmale Grat, auf dem sich die jüngste Ausstellung der Galerie Museum bewegt: “Another Swiss Version” ­ junge Videokunst aus der Schweiz. Das ausgehende 20. Jahrhundert hat eines unabweisbar gezeigt: Eine klare Trennlinie zwischen Fiktion und Realität kann nicht mehr gezogen werden. Gebrauchs-Bilder werden unmerklich geschönt, gestreckt, ergänzt, verändert, die Retusche sieht man nicht mehr ­ die Welt der Wünsche lappt hinein in die wirkliche Welt. Die wirkliche Welt wiederum hat Besitz ergriffen von der Fiktion. Kaum ein Film mehr verlässt die Traumfabriken ohne das Label:
Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen erwünscht und beabsichtigt. Das ironische Spiel mit den möglichen Wirklichkeiten hat längst alle Bereiche des Lebens ergriffen. Wo aber beginnt diese Grauzone zwischen Wunsch und Wirklichkeit? Wo hört das Beobachten auf und wo beginnt es, ein Interpretieren zu werden? Der Schweizer Kurator Simon Lamunière hat eine Auswahl aktueller Schweizer Videokunst zusammengestellt, die versucht, Anfang und Ende dieses Zwischenbereichs auszuloten. Das Publikum betritt die Galerie und gerät in eine Wartehalle, irgendwo zwischen Flughafen und Busbahnhof, eine Halte-Stelle im konkreten Wortsinn, ein Verlangsamen der Zeit, die Kunst geschieht in einer Zeitblase. Und damit ist man schon mitten in der Fragestellung. Denn Geschichten haben einen Anfang und ein Ende und damit beginnt bereits ein Stück Fiktion. Videokunst aber erzählt eher selten Geschichten in diesem klassischen Sinne. Sie ist ­ so gesehen ­ zeitlos. Die Betrachter begeben sich in die Situation, sie sehen ein Bild oder eine Bildfolge “und wenn sie wieder weggehen, ist das Bild noch immer da. Ich als Betrachter entscheide, wann Anfang und wann Schluss ist.” (Lamuniere). Beat Streuli, 1957, etwa ist so ein Seiltänzer zwischen Beobachtung und Interpretation. Er ist bekannt geworden durch seine fotografischen Momentaufnahmen des Alltags: “Kids Playground”, 1995 entstanden, zeigt Kinder, die spielen. Oder besser: Kinder, von denen man denkt, dass sie spielen – die Betrachter ergänzen die Beobachtung mit der eigenen Interpretation.
Oder Myk Henry, 1965. Auch in dieser Ausstellung ist seine Videoarbeit dem Dokumentarcharakter verpflichtet. In drei Städten – Prag, Berlin und Genf ­ startete er ein Experiment: Er überquerte die Straße, ließ einige Papiere fallen und hob sie in demonstrativer Langsamkeit wieder auf. Die Reaktionen ­ zum Beispiel des wartenden Trambahn-Fahrers – wurden filmisch dokumentiert. Kurz vorher ist die Tram an einem Schild mit der Aufschrift “what is five minutes of your time?” vorbeigefahren.

Exhibition view, Another Swiss version, 2002

Exhibition view, Another Swiss version, 2002

Das Duo Philippe Schwinger, 1961, und Frédéric Moser, 1966, geht einen Schritt weiter in Richtung Fiktion. Artifizielle Bildsequenzen, bei denen die Akteure Waffen in der Hand tragen, zielen, oder in ähnlichen Versatzstücke einer Thriller-Handlung agieren, vor dem Hintergrund einer Trabrennbahn. Doch die Bildfolge entspringt nicht aus der Logik einer zu erzählenden Geschichte. Die logische Reihenfolge ist durchlöchert. In die Löcher stößt die Interpretation der Betrachter.
Auch die dreiköpfige Künstlergruppe Szuper Gallery spielt mit dem Automatismus der Betrachter, aus einzelnen Bildfolgen Geschichten kreieren zu wollen. Die drei Künstler bewegen sich durch die Hallen und Büros eines großen Firmengebäudes in London, durch Gänge und Konferenzräume, Glastüren, Bildschirme und Empfangstische ziehen vorbei ­ alles menschenleer, aber doch alles in Funktion. Irgendwann liegt jemand, unkennbar aus welchem Grund, am Boden…
Emmanuelle Antille, derzeit von vielen als die kommende junge Künstlerin der Schweiz bewertet, zeigt eines ihrer Videos über die menschlichen Beziehungen und deren Abgründe. Wie in einem Home-Video mit geradliniger Kamera-Bewegung und naiv wirkendem Schnitt bewegt sie sich in “It wouldn’t it be nice”, 1999, durch eine Normalfamilie, ihre eigene übrigens: Die Tochter kehrt zurück, gemeinsames Essen, die Tochter geht nach oben usw.. Doch die scheinbare Harmlosigkeit wird überschattet durch eine unangenehme, körperlich Spannung zwischen Mutter und Tochter. Ohne jemals explizit dargestellt zu werden, schwingt in der Szenenfolge die Bedrohung durch etwas Andersartiges, vielleicht Abgründiges mit. Doch alleinige Interpreten dieses Beziehungsnetzes sind die Zuschauer.
Jörg Lenzlinger, auch er einer der starken Jungen der Schweizer Szene, steuert drei Objekte bei, schmelzende Fernbedienungen, in einer sehr farbigen, dem Kitsch entlehnten Ästhetik.
Bohdan Stehlik, schließlich, zeigt in seinen Fotos Parks oder städtische Vororte, die er geringfügig verändert, z. B fügt er Reifenspuren oder Beleuchtungselemente ins Bild ein. Die ausgestellten Arbeiten im Galerieraum ähneln den Posters in Reisebüros. Im hinteren Raum der Galerie wird die Wartehalle verlassen. Dort wird ein digitaler Film gezeigt. Stefan Altenburger, 1968, hat einen Flugsimulator auf die Umkreisung der Erde programmiert. Der Rechner kalkuliert immer neue Bilder von der Erde, wie sie vom Cockpit aus zu sehen ist. Startpunkt der unendlichen Umkreisung war Genf, an Bozen führt die Flugbahn in rund zehn Kilometern Entfernung vorbei.

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, architecture Vorarlberg, 2001 Exhibiton view, architecture Vorarlberg, 2001

ARCHITEKTUR IN VORARLBERG
09 November - 5 Januar 2002

kuratiert von Christoph Mayr Fingerle Wolfgang Ritsch

Das (informelle) Label „N e u e s B a u e n i n d e n A l p e n“ ist in dem vergangenen Jahrzehnt zu einer Art Qualitätsmerkmal geworden. Das liegt vor allem daran, dass alpenländische Architekten sich nicht nach der Decke gestreckt haben (und den internationalen, urban dominierten Kriterien hinterhergeeifert haben), sondern dass sie eine ureigene Qualität in die Diskussion geworfen haben: Die Sensibilität im Umgang mit der Landschaft. Dabei sind unter „Landschaft“ nicht etwa nur Bäume, Berge, Bäche und was sonst dazu gehört zu verstehen. „Landschaft“ wird begriffen als eine historisch gewachsene, als ein Zusammenspiel von Natur und Kultur. Es geht um den besonderen Blick, für das Unverwechselbare eines Ortes. E i n e L a n d s c h a f t ist wie ein Körper – ebenso verwundbar. Sie ist – wie ein Körper – ein Gebilde, dessen einzelnen Glieder voneinander abhängen, in dem es lebenswichtige Organe gibt, deren Zerstörung unweigerlich den Tod des gesamten Gebildes zur Folge hätte. Es gibt Netzsysteme, die den Blutbahnen nicht unähnlichen sind, es gibt Dinge, die durchaus erneuerbar sind, andere sind dies nicht. Die Fähigkeit des Architekten ist die eines Arztes, der nicht sofort losschneidet, sondern das System in seiner Gesamtheit betrachtet. Das entspricht derzeit durchaus nicht der Normalität. Vielmehr wird meist sehr unpenibel an der Landschaft „herumgeschnitten“, vielerorten ist diese komplexe Struktur, die hier der Einfachheit halber „Landschaft“ genannt wird, längst ein Leichnam, unbeerdigt, von den Bewohnern kaum wahrgenommen, aber erlitten. In diesem Sinne ist die zeitgenössische A r c h i t e k t u r i n V o r a r l b e r g eine besonders innovative und auch wagemutige, ohne dabei waghalsig zu werden. Die Dichte guter, „schöner“, sinnvoller Architektur ist in diesem Landstrich besonders hoch, ob es sich um öffentliche Bauten handelt oder um Privathäuser, vom Feuerwehrhaus bis zum Industriebau, vom Kindergarten bis zur Villa. Das hängt mit dem besonderen Bemühen dortiger Architekten um die Vermittlung ihres Anliegens zusammen, aber auch mit einem vergleichsweise unbürokratischen, besonders fruchtbaren Zusammenspiel von Verwaltung, Politik und Wirtschaft. Zum 4. Mal wurde in diesem Sommer der „V o r a r l b e r g e r H y p o – B a u h e r r e n p r e i s“ vergeben. Der Preis ist – wie der Titel bereits sagt – eine Ehrung besonders innovativer Bauherren. Die gemeinsam mit dem Bauherren (und -damen) ausgezeichneten ArchitektInnen erhalten ein Diplom. Bereits dies ist eine praxisnahe Lösung. Auch ansonsten ist dieser Preis ein bodennaher Preis: Hier werden nicht Projekte und Visionen ausgezeichnet, sondern umgesetzte Bauentwürfe. Da ein Gebäude durch Fotos und Baupläne nicht hinlänglich charakterisiert ist, begab sich die fünfköpfige Jury unter dem Vorsitz des Bozner Architekten Christoph Mayr-Fingerle zum Lokalaugenschein. Von der hochkarätigen Jury bewertet wurde also, ob ein Bau „Kopf und Fuß“ hat, wie es Christoph Mayr-Fingerle ausdrückt.. Oder, salopper formuliert: „Ob es von der Garage in die Stube hereinstinkt, ob der Ort gespürt wurde, ob die Dimensionen den Raum sprengen.“ Weitere Mitglieder der Jury waren Friedrich Achleitner (Wien), Marianne Burkhalter (Zürich), Günther Schwarz (Bregenz) und Florian Nagler (München). Die A r / g e K u n s t wird die Preisträger dieses Wettbewerbs in den kommenden Wochen in den Räumlichkeiten der Galerie Museum präsentieren und parallel dazu zu Diskussionen anregen. Beginn ist die Einstiegsveranstaltung, eine öffentliche Diskussionsrunde mit Repräsentanten der Vorarlberger Architekturszene, einem (häufig ausgezeichneten) Architekten, Wolfgang Ritsch, Präsident des Vorarlberger Architektur Insituts, einem Gemeindepolitiker, Josef Moosbrugger, Bürgermeister von Bizau, und Dr. Ulrich Grasmugg als Amtssachverständiger für Raumplanung, Baugestaltung und Landschaftsschutz der Vertreter der Vorarlberger Landesverwaltung.
Sollten Sie weitere Informationen über die Preisträger, die Begründungen der Jury, Fotografien der ausgezeichneten Gebäude oder die Biografien der Juroren benötigen, wenden Sie sich bitte an die Galerie oder laden Sie sich die Informationen direkt von der Homepage des Vorarlberger Hypo-Bauherrenpreis herunter (http://bauherrenpreis.vol.at).

CLOSE
Archiv
Exhibition view, capitalism and flight, 2001 Exhibition view, capitalism and flight, 2001

KAPITALISMUS UND FLUCHT
15 September - 27 Oktober 2001

Christoph Hinterhuber, Thomas Feuerstein
kuratiert von Sabine Gamper

Exhibition view, capitalism and flight, 2001

Exhibition view, capitalism and flight, 2001

Hinterhuber installiert optische Dolby Systeme, die im Surround-Modus immersiv den Betrachter, der zwischen diesen Interdependenzen oszilliert, verschlucken und ihn derart transformieren, dass dieser in die Lage versetzt wird die digitale Re-Evolution von Kultur und seine eigene Stellung darin als mediatisiertes Subjekt ästhetisch, d.h. wahrnehmend zu stratifizieren.
Seine Bilder könnten metaphorisch gesprochen als Boxen und die dazugehörigen Objekte und Installationen als Raumklänge verstanden werden (…). Die visuellen Beats schaffen eine physische Umwelt eines digitalen Biotops, das den Betrachter gleichzeitig in den hypnotischen Rhythmus einer Cybertrance und in das Bewußtsein eines menschenfernen Informationsstadiums der Maschinen und ihrer Netzsozietät versetzt, das eine Vorahnung auf mögliche posthumane Kommunikationsformen eröffnet, die wir kognitiv lediglich in abstrakte Patterns zu konvertieren vermögen.
(Thomas Feuerstein)

CLOSE
Archiv
Exhibiton view, Peter Senoner, 2001 Exhibiton view, Peter Senoner, 2001

PETER SENONER – TRANSITION1
05 Juli - 4 August 2001

kuratiert von Marion Piffer Damiani

Exhibiton view, Peter Senoner, 2001

Exhibiton view, Peter Senoner, 2001

Der Südtiroler Künstler Peter Senoner (geboren 1969 in Kastelruth) nimmt das Leben, sein Künstlerdasein und die Kunst kompromisslos wahr. Internationale Aufmerksamkeit erweckt er erstmals mit seinem 1998/99 in New York realisierten Projekt “Transition 1-…”, einer Intervention im Stadtraum von “sich auflösenden” Zeichnungen. Das Kölner “Kunstforum” berichtete im vergangenen Jahr ausführlich über das Projekt, jetzt wird es in der Galerie Museum erstmals in Form einer Ausstellung vorgestellt. Die Aktion “Transition 1-…” beinhaltet eine radikale künstlerische Handlung: Über 1600 Zeichnungen setzt Peter Senoner zwischen 1998 und 1999 in New York im öffentlichen Raum aus, um sie buchstäblich sich selbst zu überlassen. Die entsprechenden Zeit- und Ortsangaben überträgt er im Atelier mit Kugelschreiber auf eine großformatige Leinwand. Die Summe der Übertragungen führt, so der Künstler, zu einer grafischen Dichte bzw. Zeichnung: “Dieses Zeichnen, Weggeben und spätere Codieren in eine grafische Form entspricht für mich den heutigen Tendenzen der Entmaterialisierung im alltäglichen Leben durch den Einsatz digitaler Medien und den dadurch notwendigen Umwandlungsprozess in einen binären Code.” Der rote Faden im Werk von Peter Senoner – dies gilt auch für die ausgesetzten Zeichnungen – sind gezeichnete, gemalte oder lebensgroß geschnitzte Bildnisse. Keine Porträts, sondern Allgemeinbildnisse, fast Spielfiguren, die der Künstler auf dem Spielfeld der Wirklichkeit inszeniert, um das Beziehungsgeflecht zwischen Kunst und Leben, Natürlichkeit und Künstlichkeit, Kontext und Identität zu erforschen. Seine Dramaturgien thematisieren die Verstörung von Konventionen, aber auch das Ausgesetzt- und Fremdsein. Paolo Bianchi bezeichnet den Künstler als einen “Gastarbeiter zwischen Kunst und Leben”.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Thomas Eller, 2001 Exhibition view, Thomas Eller, 2001

THOMAS ELLER – RAPID-SLEEP
11 Mai - 23 Juni 2001

kuratiert von Sabine Gamper

Exhibition view, Thomas Eller, 2001

Exhibition view, Thomas Eller, 2001

Die Videoarbeiten des 25jährigen Künstlers Thomas Eller lassen ein Spiel zwischen Realem und Irrationalem entstehen, zwischen der einen Realität und den vielen möglichen Wirklichkeiten. Wie in einem Kaleidoskop zerfällt die gesicherte Wahrnehmung und eine Grauzone entsteht, ein Niemandsland, das erst noch definiert werden muss. Seine Installationen lassen die Wirklichkeit und ihren Absolutheitsanspruch paradox erscheinen und stellen sie gleichzeitig in Frage. Gezeigt wird die mehrteilige Arbeit „TRAFFIC part/one“, die sich aus sechs verschiedenen Segmentfilmen zusammensetzt. Auf ebensovielen Bildschirmen tritt ein Akteur in unterschiedlichen Lebenssituationen auf, die nachinszeniert und filmisch dokumentiert werden. Er fährt eine Rennmotormaschine auf einer kurvigen Bergstrasse – steuert ein Flugzeug – läuft Amok im Stadtzentrum… Die zweite Arbeit von „TRAFFIC“ zeigt individuelle und massenhafte Bewegungen am JFK-Flughafen in New York. Zeitgenössische Tendenzen von Globalisierung und Mobilität, eine Verbindung von sozialem Gefüge und Architektur, ein ununterbrochenes und einmaliges Pulsieren. Demgegenüber fährt ein sich stets bewegender, industrieller Stoßdämpfer auf und ab. Alles bewegt sich – es lässt sich nicht stoppen. „rapid sleep – der schnelle Schlaf – eine Anlehnung an den Traum, den Bereich zwischen Realität und Fiktion, zwischen Langsamkeit und Schnelligkeit, der Undeutlichkeit der Handlungen und der dazu in Gegensatz stehenden Eindringlichkeit der Bilder.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Schock-Sensor, 2001 Exhibition view, Schock-Sensor, 2001

SCHOCK-SENSOR
17 März - 18 April 2001

Markus Draper, Eberhard Havekost, Sophia Schama
kuratiert von Sabine Gamper

Exhibition view, Schock-Sensor, 2001

Exhibition view, Schock-Sensor, 2001

Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer beweist Dresden die Lebendigkeit seiner akademischen Tradition gerade darin, daß einige der Künstler der jüngsten Generation die international geführten Diskurse nicht nur angenommen haben, sondern sie mitbestimmen.
Wundervoll leicht, dabei geheimnisvoll und z.T. abgründig, erscheint Eberhard Havekost’s Tritychon “Click&Fly”. Für ihn ist Malerei “ein Medium, mit dem andere Medien überhaupt differenzierbar und beobachtbar werden”. Der plakativ verwendete Begriff “Dresden-Pop” weist in die falsche Richtung. Havekost entwickelt und animiert nicht schmutzfreie Oberflächen, er experimentiert mit diesen und durchbricht mit kühler Distanz die Bilder unserer Amüsierkultur.
Sophia Schama präsentiert sich mit großen Bildformaten. Ihre Arbeiten nehmen Anleihen bei dem Hochgeschwindigkeitsdesign der 90er Jahre. Es entstehen Schlauch-Labyrinthe, Kabel-Pyramiden, Dschungel-Biotope einer Polyurethanschaum-Generation. Ihre Bilder narren das Auge, der Blick driftet zwischen Fläche und Raum hin und her. “Saloon” ist voller Gegenstands-Assoziationen, spielt mit der kleinbürgerlichen Blockhütten-Behaglichkeit und ist doch in erster Linie abstrakte Flächenkomposition.
Bei Markus Draper verdichtet sich Malerei zum räumlichen Eingriff. Mit leicht theatralischer Note und als meisterlich zeitgemäßer Comoc Strip im Raum bestechen seine Arbeiten “Schwarz sehen” und “Pyrotechnik”. Drapers Installationen binden den Zuschauer mit ein.
Allen Dreien ist gemeinsam, daß sich ihre Phantasien zwar am Vorgefundenen entzünden, doch sie schaffen gleichzeitig irritierend fragile Balancen zwischen vertrauten Motiven und plötzlichen Brechungen.

CLOSE
Archiv
Futuro
In corso
Passato
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2001-2008
1987-2000
 
Exhibition view, Elisabeth Hölzl, 2001

 
Exhibition view, Elisabeth Hölzl, 2001 Futuro In corso Passato 2014 2013 2012 2011 2010 2009 2001-2008 1987-2000 Exhibition view, Elisabeth Hölzl, 2001 Exhibition view, Elisabeth Hölzl, 2001

ELISABETH HÖLZL – TWILIGHT
26 Januar - 10 März 2001

kuratiert von Sabine Gamper

Exhibition view, Elisabeth Hölzl, 2001

Exhibition view, Elisabeth Hölzl, 2001

Twilight meint Zwielicht, Dämmerlicht, das unsere Wahrnehmung aufs äußerste herausfordert, den Raum völlig verändert, Vorstellungen verschiedenster Art weckt.
Der erste Raum der Galerie wird von einer Lichtinstallation eingenommen, die sich der bestehenden Neonbeleuchtung bedient und die Galerie ins Zwielicht taucht. Auch im zweiten Raum dreht sich vieles ums Licht: mehrere Leuchtboxen zeigen Diaserien, in einem Regal sind Agenden für das Jahr 2001 ausgestellt, die einen Jahreslauf im künstlerischen und privaten Leben der Elisabeth Hölzl dokumentieren, 2 Großdrucke schließlich zeigen das Archiv eines Fotostudios: Es geht um das diffizile Gefüge der Realität, ihrer Wahrnehmung, ihrer Verdoppelung in der Erinnerung und deren Hilfsmitteln (den Fotografien). Trotz ihres scheinbaren Dokumentarcharakters zeigt sich eine enge Beziehung zwischen den Fotos und den übrigen Arbeiten der Ausstellung: im Licht, im Konzept des Archivierens, das in der Agenda vom funktionell-öffentlichen zum privaten Bild- und Erinnerungsarchiv der Künstlerin mutiert.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Incarico, 2000 Exhibition view, Incarico, 2000

INCARICO
22 September - 30 November 2000

CALC (Casqueiro Atlantico Laboratorio Cultural), Peter Grenacher, Christine & Irene Hohenbüchler, Daniela Keiser, Manfred Alois Mayr, Walter Niedermayr , Daniel Pflumm, Michelangelo Pistoletto, Erik Steinbrecher, Günther Vogt, Heimo Zobernig

Exhibition view, Incarico, 2000

Exhibition view, Incarico, 2000

Die ARGE KUNST erkennt für künstlerische Interventionen im Zusammenhang mit solchen Großprojekten die enorme Chance und Herausforderung, traditionelle Orte der Kunstproduktion und –vermittlung im Rahmen des Betriebssystems Kunst (Museen, Galerien, etc.) zu verlassen, um in einer größeren Dimension am Dialog traditionell voneinander getrennter Wissens- und Aktionsfelder zu arbeiten. Auf Einladung der Galerie übernahm der Künstler Erik Steinbrecher, der das Kunst-am-Bau-Szenario für den Neubau konzipiert hat, die Regie des Ausstellungsparcours in der ARGE KUNST Galerie Museum. Entlang ausgewählter Bereiche des Bauprojekts sollen sowohl die Projektansätze einzelner Künstler, als auch deren Schaffen vorgestellt werden.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Maybe in Sarajevo, 2000

MAYBE IN SARAJEVO
27 Juli - 31 August 2000

Gea Casolaro
kuratiert von Viviana Gravano

1998 nahm Gea Casolaro in Sarajevo an einem internationalen Kunstprojekt im Rahmen der “Biennale dei Giovani Artisti dell’Europa e del Mediterraneo” teil. Ziel des Projektes war es, einigen jungen KünstlerInnen die Möglichkeit zu geben, sich mit der vom Krieg zerstörten, aber kulturell sehr lebendigen Stadt auseinanderzusetzen.
Das Stadtbild, das Gea Casolaro bei ihrer Ankunft antraf, vermittelte eindeutig den Eindruck materieller Zerstörung: ausgebrannte Gebäude, teilweise zerbombte Stadtteile, Trümmerhaufen……
Mit ihrer Fotoarbeit “Maybe in Sarajevo” erforschte die Künstlerin die Zwischenräume dieser Zerstörung. Ohne die “Wunden” der Stadt unmittelbar anzusprechen, produzierte die Künstlerin eine Serie von fotografischen Aufnahmen über Schauplätze, die bereits wieder restauriert oder wie durch Zufall unberührt geblieben waren.

Exhibition view, Maybe in Sarajevo, 2000

Exhibition view, Maybe in Sarajevo, 2000

Die Fotoarbeit und Ausstellung besteht aus 60 Farbfotografien im Format 40×60 cm oder 60x 40 cm, mit verschiedensten Stadtansichten, wie sie in dieser Form auch in anderen Orten der Welt zu finden sind.
So erkennen wir Cafés, wie man sie in Amsterdam antrifft, bürgerliche Gebäude, die ebenso den Stadtteil Balduina in Rom charakterisieren, eine Tür und einen Eimer, wie man sie in Scanno in den Abruzzen entdecken könnte, Bauten, die an Russland oder die Türkei erinnern, typisch Wienerische oder aus Budapest stammende Dekorationen aus dem 19. Jahrhundert.
Die jeweiligen Bildtitel wie “Maybe in Scanno”, “Maybe in Amsterdam”, “Maybe in Mosca” sind integrierender Bestandteil der Fotografien. Die einzelnen Aufnahmen sind für sich genommen nicht mehr zu “verorten”: Gea Casolaro stellt fest, daß die Wahrnehmung eines Ortes niemals objektiv ist, sondern sich vielmehr aus persönlichen Projektionen zusammensetzt, die aus der Berührung mit der jeweiligen Umgebung und aus den eigenen Vorstellungen und Erinnerungen heraus neu entstehen.
Das Fotoprojekt und die Ausstellung “Maybe in Sarajevo” zeigen Sarajevo als die Stadt, wie sie vor dem Ausbruch des Krieges war: Ein Ort der Begegnung und des Aufeinandertreffens unterschiedlichster Kulturen, ein in seiner Multikulturalität und Ubiquität schwer greifbarer Ort.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Heinz Mader, 2000 Exhibition view, Heinz Mader, 2000

HEINZ MADER – TÜCHER
19 Mai - 24 Juni 2000

kuratiert von Marion Piffer Damiani

Die Ausstellung des Künstlers Heinz Mader in der Galerie Museum Bozen und der begleitende Katalog kombinieren in einer parallelen und überlappenden Montage eine wuchernde Installation von Tüchern im Patchworkstil mit einer erzählerischen Bilderwand aus Filzstiftzeichnungen. Die Entwicklung der Arbeit des Künstlers weist damit eine deutliche und doch konsequente Akzentverschiebung auf: sein ursprünglich emotionsbetonter malerischer Ausdrucksgestus nimmt in diesen jüngsten Installationen eindeutig Kurs auf ein humorvolles, bisweilen auch parodistisches Spiel mit dem Alltag und der Kunst.
Die Konturen zwischen Kunst und Leben sind im Zeitalter der Popkultur fließend geworden, entsprechend präsentiert Heinz Mader seine “Tücher” nicht mehr als zu betrachtende autarke Werke, sondern vielmehr als gebrauchsfertige, verwertbare Objekte: Das Publikum ist aufgefordert, das Kunstwerk mitzugestalten und die künstlerische Wirklichkeit als eine relative und fließende Entität zu erfahren.
Die großformatigen “Tücher” setzen sich aus “geöffneten”, aufgetrennten Kleidungsstücken wie Mäntel, Hosen oder Jeans zusammen und sind an den Rändern mit Ösen versehen. Wie auf einer Landkarte breitet sich die ehemals dreidimsionale Geographie der Kleidungsstücke aus, um die unendlichen Exkurse des Alltäglichen zu topographieren.

Exhibition view, Heinz Mader, 2000

Exhibition view, Heinz Mader, 2000

Wir erinnern uns vielleicht an die künstlerischen Strategien der Kubisten, an Picasso oder Braque, wie sie Bilder und Materialien in ihre Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt haben, um eine neue Beziehung zu einer bekannten und erlebten Wirklichkeit herzustellen und die dieselbe Realität in einem neuen Wahrnehmungszusammenhang zu zeigen. Heinz Mader geht es in erster Linie darum, ein neues “Gefühl” für die Realität zu generieren, ihm geht es um den paradoxen Versuch, aus der Haut zu schlüpfen und dabei ihre Oberflächlichkeit abzutasten. Seine Zeichnungen und Installationen übersetzen den pragmatischen Zusammenhang von Alltagsobjekten in eine Welt der Ahnungen, Anspielungen und fließenden Bedeutungen.
Die Ösen an den Rändern der “Tücher” unterstreichen ihren vielfältigen Gebrauchs- und Bedeutungszusammenhang, verwandeln die Tücher in fliegende Teppiche oder Zaubermäntel, die auffordern, die in ihnen eingeschriebenen Möglichkeiten und Geschichten zum Ausdruck zu bringen. Der Betrachter wird dabei zum Komplizen des Künstlers, “pret a portèr”, d.h. in diesem Zusammenhang “bereit zur sofortigen kreativen Anwendung”, dem Bedürfnis und der Übereinstimmung des “Konsumenten” entsprechend.
Parallel zu den Tüchern präsentiert Heinz Mader einen comikhaften Bildroman aus variablen Sequenzen seiner unzähligen Filzstiftzeichnungen als Plakat und als Wandinstallation ebenfalls in einer Art Patchwork und damit wieder in jener Form, die aus der Skepsis gegenüber der linearen Erzählung entsteht. Immer wieder bricht der Künstler in dieser Ausstellung mit dem autobiographischen, selbstgenügsamen Monolog zugunsten einer Suche nach Dialog und Interferenzen: in diesem Sinn lädt er selbst wieder Freunde und Kolleginnen zu einer Präsenz oder Ausstellung in der Ausstellung ein, wie Christian Jung, Brigitte Niedermayr, Kathy Leonelli und Nelly Putzer, Marion Piffcer Damiani, Mr Alex und DJ Hubert, Ruth Bernardi.

CLOSE
Archiv
Exhibition view, Outside-in, 2000 Exhibition view, Outside-in, 2000

OUTSIDE-IN – NEUE ARCHITEKTUR AUS GROSSBRITANIEN
23 März - 7 Mai 2000

Tony Fretton, Florian Beigel, Peter Allison

Die Ausstellung OUTSIDE-IN setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Während das Architekturforum in Innsbruck Arbeiten der fünf jüngeren britischen Architekten Caruso St John, Maccreanor Lavington, East, Sergison Bates und Adjaye and Russell zeigt, stellt die Galerie Museum in Bozen Projekte von Florian Beigel und Tony Fretton vor. Gemeinsam vermitteln die beiden Teile der Ausstellung einen umfassenden Einblick in eine bestimmte Entwicklungslinie der britischen Gegenwartsarchitektur.

Exhibition view, Outside-in, 2000

Exhibition view, Outside-in, 2000

Die Ausstellung OUTSIDE-IN wird von Peter Allison kuratiert, und es wird ein gemeinsamer Katalog erscheinen. Florian Beigel und Tony Fretton haben 1970 bzw. 1982 zu arbeiten begonnen und eine Reihe von Projekten realisiert, die für die jüngere Architektengeneration von entscheidender Bedeutung waren. Dies gilt für Beigels Half Moon Theatre (1985) ebenso wie für Frettons Lisson Gallery (1991). Beispiele für Arbeiten der jüngeren Generation sind das 1997 fertiggestellte Gebäude am Kai von Walsall von Sergison Bates, das Lux Building am Hoxton Square mit Kino, Bar und Galerieraum von Maccreanor Lavington aus dem Jahr 1987, die Galerie für moderne Kunst in Walsall von Caruso St. John, die im Februar 2000 eröffnet wird, das St.-Albans-Projekt von muf und verschiedene innovative Projekte von Adjaye and Russell. Die Architektur beider Generationen zeichnet sich durch den Grundsatz aus, auf moderne Weise allgemein übliche Materialien einzusetzen, um Umgebungen zu schaffen, die Teil des öffentlichen Raums sind. Im Unterschied zu vielen anderen Bauten der neunziger Jahre gründet die Identität dieser Architektur also nicht darin, daß sie sich von ihrem Umfeld abhebt, sondern vielmehr in dem Versuch, einen gewissen Zusammenhang zwischen Neuem und Bestehendem herzustellen. Viele Projekte zielen darauf ab, isolierte Räume in öffentlichen Gebäuden durch Verbindungen zur Außenwelt zu erschließen. Daß im Innenbereich gewisse Materialien Verwendung finden, die sich auch für den Außenbereich eignen, unterstreicht den Schwerpunkt der in OUTSIDE-IN präsentierten Art von Architektur. Die Architekten beider Generationen konnten aufgrund ihres Erfolges bereits viele Bauten realisieren, setzen sich jedoch auch weiterhin mit aktuellen Problemen auseinander und bauen nicht nur, sondern arbeiten an einer Reihe zukunftsweisender Projekte, die noch nicht realisiert worden sind. Die Ausstellung in Innsbruck und Bozen wird anhand von vor allem aus den neunziger Jahren stammenden repräsentativen Arbeiten in erster Linie die sich verändernde Beziehung zwischen Bauen und Schaffen von sozialem Raum beleuchten.


Futuro In corso Passato 2014 2013 2012 2011 2010 2009 2001-2008 1987-2000   Exhibition view, Outside-in, 2000   Exhibition view, Outside-in, 2000   Exhibition view, Outside-in, 2000

Futuro
In corso
Passato
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2001-2008
1987-2000
Exhibition view, Outside-in, 2000
Exhibition view, Outside-in, 2000
Exhibition view, Outside-in, 2000

Florian Beigel
 studium an der Universität von Stuttgart und der Bartlett School of Architecture and Planning, London. Gründet 1970 ein eigenes Büro und leitet seit 1980 das Architectural Research Unit an der University of North London, das sich mit Planung und Bau architektonischer Prototypen für den öffentlichen Raum befaßt. Florian Beigel Architects hat mehrere bemerkenswerte Projekte wie etwa das Half Moon Theatre (1985) in London realisiert und ist im Rahmen von Wettbewerben mit eine Reihe von innovativen Projekten hervorgetreten, die sich mit der Bedeutung unterschiedlicher Landschaftsarten für den Städtebau der Gegenwart beschäftigen. Zu den Arbeiten aus jüngster Zeit gehören zwei Wohnungen in London und ein mit dem 1. Preis ausgezeichnetes Wettbewerbsprojekt für die Umgestaltung eines Tagebaugebiets in Cospuden südlich von Leipzig. Florian Beigel ist Professor für Architektur an der University of North London und hat in den letzten Jahren verschiedene Gastprofessuren an Architekturinstituten innerhalb und außerhalb Europas bekleidet. Tony Fretton
Studium an der Architectural Association in London. 1981-82 Arbeit als Performancekünstler. Gründet 1982 ein eigenes Büro, Tony Fretton Architects. Weithin bekannt wird Fretton durch die Planung der Lisson Gallery in London, ein Bauvorhaben, das in zwei Phasen 1986 und 1991 umgesetzt wird. Seither Fertigstellung eines Zentrums für bildende Kunst in Sway, Hampshire, und des Quay Arts Centre in Newport, Isle of Wight. In mehreren Wettbewerbsprojekten hat sich Fretton mit neuen Entwicklungsgebieten auseinandergesetzt. Zu seinen jüngsten Arbeiten gehört ein Haus für einen Kunstsammler in London. Lehrtätigkeit an der AA, Gastprofessur am Berlage Institute in Amsterdam und an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne; zur Zeit Professor für Architektur und Innenausstattung an der Technischen Hochschule Delft. Peter Allison
Studium an der Architectural Association in London und an der Cornell University. Zusammenarbeit mit O. M. Ungers bei verschiedenen Wettbewerbsprojekten 1972-74. Lehrtätigkeit an der UCLA und der AA; unterrichtet zur Zeit an der South Bank University, London. Betreut 1993-98 ein vom British Council gefördertes Austauschprogramm mit der Universität für Architektur in Hanoi. Gastprofessur an der Technischen Universität Graz; Mitarbeit am Katalog der Architekturausstellung “Standpunkte ’94″ im Forum Stadtpark 1994. Kurator der 1998 an der AA und in der Art Front Gallery in Tokio sowie 1999 in Kyoto gezeigten Ausstellung “Beyond the Minimal”, die sich mit dem Werk von ARTEC, Adolf Krischanitz, PAUHOF und Riegler Riewe beschäftigt (Katalog)
Einführende Worte von Peter Allison, Caruso St John, Maccreanor Lavington, Sergison Bates und Adjaye and Russell, East

CLOSE
Archiv
Luigi Ghirri, Atlante, 2000 Luigi Ghirri, Atlante, 2000

LUIGI GHIRRI – ATLANTE
28 Januar - 11 März 2000

Luigi Ghirri, Atlante, 2000

Luigi Ghirri, Atlante, 2000

“Atlante”, betitelt der suggestiven Fotoessay einer Entdeckungsreise durch die Seiten eines Atlasses von einem der bedeutendsten zeitgenössischen italienischen Fotografen der Gegenwart: Luigi Ghirri (1943-1992). Der Fotokünstler erkennt darin den “Ort, wo alle Zeichen der Erde, sowohl die natürlichen als auch die künstlichen, repräsentiert sind: Berge, Seen, Pyramiden, Ozeane, Städte, Dörfer, Sterne, Sonne”. Er betrachtet diese unter einem tradierten und universal anerkannten System zusammengefaßten Zeichen wie jedes andere alltägliche Objekt und damit als Bild.
Das Verfahren ist jenes der Makrofotografie: der Künstler liefert keine Vergrößerung des Details, sondern bewegt sich auf der Erdoberfläche unter dem Eindruck, daß “die einzig mögliche Reise heute nur noch innerhalb von Zeichen- und Bilderwelten stattfindet, im Verlust des direkten Erlebnisses.

Atlante nimmt als Schlüsselprojekt der 70er Jahre eine Haltung vorweg, welche in den 80er Jahren die Landschaftsfotografie von Luigi Ghirri und anderen Fotografen nachhaltig geprägt und dadurch zur grundlegenden Erneuerung der italienischen Fotografie beigetragen hat. Das Katalogbuch entstand in Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsgruppe Linea di Confine per la Fotografia Contemporanea, dem Archiv Luigi Ghirri, der Bibliothek Panizzi-Reggio Emilia, des IBC der Region Emilia Romagna und beinhaltet die 34 Fotografien der Ausstellung sowie Texte desselben Autors Luigi Ghirri (1973) und des Kunstkritikers Vittorio Savi (1999).
Zusätzlich ist in Atlante die Fotoserie “Week-end” abgebildet, eine mögliche Variante der vorangehenden Arbeit Ghirris.
Eine ausführliche Bibliographie zu Luigi Ghirris Fotoprojekten von Laura Gasparini, der Leiterin der Photothek der Bibliothek Panizzi in Reggio Emilia schließt den Katalog ab.

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1999


JEAN NOUVEL – L’EXACTE REPRÉSENTATION D’UN VOLONTÉ
29 Oktober – 4 Dezember 1999

ANN MANDELBAUM
10 September – 16 Oktober 1999

A MEETING
09 Juli – 4 September 1999
Jan Fabre, Ilya Kabakov

PROJEKTE FÜR BOZEN
04 Juni – 26 Juni 1999

WALTER NIEDERMAYR – RESERVATE DES AUGENBLICKS
13 April – 22 Mai 1999

TRANSLOCATION – NEW MEDIA ART
12 Februar – 27 März 1999
Maurizio Arcangeli, Tom Barth, Ulli Vonbank-Schedler, Ernst Tragwöger, Wolfgang Temmel, Augusto Maurandi, Thomas Feuerstein, Volker Hildebrandt, Werner Hofmeister, Liliana Moro, Gertrud Moser-Wanger, Möslang Norbert/Andy Guhl, Flora Neuwirth, Permanent food, Stoph Sauter

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1998


PRINZIP GRAUSAMKEIT
04 Dezember – 30 Januar 1999
Anna & Bernhard Johannes Blume

MANFRED A. MAYR – FARBEN
30 Oktober – 28 November 1998

ARCHITEKTUR AUS TIROL
11 September – 17 Oktober 1998
Norbert Fritz, Rainer Köberl

TRACEY MOFFAT
10 Juli – 5 September 1998

JUNGE KUNST AUS SÜDTIROL 2
05 Juni – 4 Juli 1998
Walter Pardeller

KARIN WELPONER – DER WEG EINES KUBUS
04 Juni – 28 Juni 1998

WILLIAM GUERRIERI – HEUTE KANN SICH NIEMAND MEHR NEUTRAL NENNEN
23 März – 18 April 1998

JUNGE KUNST AUS SÜDTIROL 1
23 Januar – 28 Februar 1998
Barbara Tavella, Klaus Pobitzer, Werner Moser Dorfmann, Carmen Müller

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1997


AGLAIA KONRAD – WORKS 1997
07 November – 10 Januar 1998

ARCHITEKTUR IN CORTINA D’AMPEZZO 1950-56
12 September – 25 Oktober 1997
Eduardo Gellner

TREFFPUNKT NIEMANDSLAND
26 Juli – 9 August 1997
Bernhard Kattan, Werner Klotz, Dan Peterman, Heinz Pfahler, Four Walls, Ute Weiss-Leder, Stefan Micheel, Hans Winkler, Walter Niedermayr

ERICH KOFLER FUCHSBERG
06 Juni – 12 September 1997

JOHN HILLIARD – WORKS 1990-96
04 April – 24 Mai 1997

CARTOGRAPHIA
22 März – 27 April 1997
Siegrun Appelt , Alessandro Gatti , Erwin Lantschner , Carsten und Olaf Nicolai , CALC

LUIGI GHIRRI – ALDO ROSSI
21 Februar – 29 März 1997

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1996


RICHARD LONG – DOLOMITE STONES
11 Oktober – 30 November 1996

CRUZ/ORTIZ 1975-1995
06 September – 5 Oktober 1996
Antonio Cruz, Antonio Ortiz

MARTIN POHL
27 Juni – 3 August 1996

CARMEN MÜLLER – BERLINER ZIMMER
22 Mai – 22 Juni 1996

PAUHOF
13 April – 18 Mai 1996
Michael Hofstätter, Wolfgang Pauzenberger

MICHAEL HÖLLRIGL – FRIES DER SCHWARZEN FRAUEN
01 März – 30 März 1996

GUIDO GUIDI – VARIANTI
19 Januar – 24 Februar 1996

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1995


DAS SPIEL IN DER KUNST
08 September – 21 Oktober 1995
Stefano Arienti, Corrado Bonoi, Maurizio Cattelan, Emilio Fantin, Amedeo Martegani, Antonio Riello

BERNHARD CELLA
12 August – 31 August 1995

WERNER GASSER
07 Juli – 5 August 1995

MARINA BALLO CHARMET – CON LA CODA DELL’OCCHIO
26 Mai – 1 Juli 1995

DREI ZEITGENÖSSISCHE ARCHITEKTEN AUS PORTUGAL
08 April – 13 Mai 1995
GonValo Sousa Byrne, Joao L. Carrilho da Graca, Eduardo Souto de Moura

BEAT ZODERER
18 Februar – 31 März 1995

WALTER PICHLER
01 Januar – 5 Januar 1995

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1994


VALIE EXPORT
02 Dezember – 10 Februar 1995

PROJEKT FÜR BERLIN
08 Oktober – 19 November 1994
Hans Kollhoff, Helga Timmermann

ERICH DEMETZ
09 September – 1 Oktober 1994

JOHN BLAKE – MEHR LUFT
23 Juli – 27 August 1994

JULIA BORNEFELD
18 Juni – 16 Juli 1994

WALTER NIEDERMAYR – HOTEL & CAFFÈ KUSSETH
15 Juni – 28 Juni 1994

JUAN NAVARRO BALDEWEG
07 Mai – 3 Juni 1994

ERICH DAPUNT – SOLNHOFEN
09 April – 30 April 1994

FLORIN KOMPATSCHER
05 März – 2 April 1994

MARL’S 5TH VIDEO ART PRIZE
22 Januar – 26 Februar 1994
Angela Melitopulos, Volker Schreiner, Bjorn Melhus

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1993


GOTTFRIED BECHTOLD – GRAZ-BREGENZ-BOLZANO
04 Dezember – 15 Januar 1994

WALTER NIEDERMAYR – DIE BLEICHEN BERGE
29 Oktober – 27 November 1993

STEVEN HOLL
18 September – 23 Oktober 1993

HANS KNAPP – THOLOS
09 Juli – 14 August 1993

ARCHITEKTUR IN SÜDTIROL, 1900 BIS HEUTE
04 Juni – 3 Juli 1993

INS BLAUE
17 April – 22 Mai 1993
Marius Pfannenstiel, Peter Saurer, Günther Unterburger

ARTHUR KOSTNER
05 März – 10 April 1993

NOBUYOSHI ARAKI – ARAKI : AKT TOKYO
22 Januar – 27 Februar 1993

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1992


L’ART EST INUTILE
20 November – 9 Januar 1993

MISURE PERPLESSE
10 September – 9 Oktober 1992

BRIGITTE KOWANZ
31 Juli – 5 September 1992

HISTORISCHE INDUSTRIEARCHITEKTUR – TIROL-SÜDTIROL-VORARLBERG
19 Juni – 25 Juli 1992

KARL BACHMANN
06 Mai – 13 Juni 1992

MICHAEL SCHMIDT
20 März – 30 April 1992

GIULIO FAIN – FARBARCHITEKTUREN
21 Februar – 14 März 1992

DAVID CHIPPERFIELD
17 Januar – 15 Februar 1992

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1991


ABSOLUTISMUS UND EXZENTRIK
30 November – 11 Januar 1992

LEWIS BALTZ
11 Oktober – 9 November 1991

BEHNISCH & PARTNER
06 September – 5 Oktober 1991

PETER FELLIN
31 Juli – 31 August 1991

FRED EERDEKENS
06 Juli – 27 Juli 1991

EINFACH MÖBEL
01 Juni – 29 Juni 1991

HEINZ GAPPMAYR – FLÄCHE UND RAUM
24 April – 25 Mai 1991

OLIVO BARBIERI – PAESAGGI IN MINIATURA
23 März – 20 April 1991

JÖRG HOFER
23 Februar – 16 März 1991

DIPLOMARBEITEN IN ARCHITEKTUR
25 Januar – 15 Februar 1991

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1990


BLINKY PALERMO
07 Dezember – 18 Januar 1990

JOSEPH BEUYS
25 Oktober – 24 November 1990

BETTINA GRUBER
21 September – 10 Oktober 1990

HUBERTUS REICHERT
24 August – 15 September 1990

KURT MATT
20 Juli – 18 August 1990

MARIA STOCKNER
22 Juni – 14 Juli 1990

MICHELE BERNARDI
22 Mai – 16 Juni 1990

GABRIELE BASILICO
27 April – 19 Mai 1990

FRITZ BERGLER
30 März – 24 April 1990

HEINZ MADER – MONDMANN
07 März – 28 März 1990

PETER ZUMTHOR
09 Februar – 2 März 1990

ARNOLD MARIO DALL’O
17 Januar – 6 Februar 1990

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1989


HERBERT ACHTERNBUSCH
15 Dezember – 13 Januar 1990

MANFRED A. MAYR – BILDER UND BILDOBJEKTE
21 November – 12 Dezember 1989

KLAUS PINTER
18 Oktober – 15 November 1989

GERHARD MERZ
14 September – 14 Oktober 1989

CARLO MOLLINO
08 August – 2 September 1989

DREI KÜNSTLER AUS NÜRNBERG
12 Juli – 5 August 1989
Harald Pompl , Wolfgang G.Bühler, Huber Lackner

BAUHAUSFOTOGRAFIE
15 Juni – 8 Juli 1989

MAURIZIO BONATO
19 Mai – 10 Juni 1989

ELISABETH WEISS
26 April – 17 Mai 1989

CARMEN MÜLLER
31 März – 22 April 1989

HEIDRUN PUPP
03 März – 29 März 1989

CARLO GUAITA
03 Februar – 28 Februar 1989

PAUL BLANCHARD
13 Januar – 30 Januar 1989

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1988


SCHÖNE DINGE
02 Dezember – 24 Dezember 1988

ALFREDO PIRRI
11 Oktober – 26 November 1988

NEUES KUNSTSCHAFFEN AUS SÜDTIROL
23 August – 1 Oktober 1988

RUPERT LARL
06 Juli – 27 Juli 1988

ARCHITEKTURWETTBEWERB FÜR DIE GESTALTUNG DES PFLEGEPLATZES IN INNICHEN
17 Juni – 2 Juli 1988

CHRISTIAN JELLICI
20 Mai – 15 Juni 1988

ATTILO MARCOLLI
29 April – 18 Mai 1988

FLORIN KOMPATSCHER
08 April – 27 April 1988

HELMUT SCHOBER
11 März – 6 April 1988

SEHTEXTE – 33 KÜNSTLER AUS 5 LÄNDERN
19 Februar – 9 März 1988

BERGWERK SCHNEEBERG
08 Januar – 30 Januar 1988
Peter Kaser, Walter Niedermayr, Fritz Pichler

CLOSE
Archiv
Senza titolo-1-01

EXHIBITIONS 1987


FRANZ NOFLANER
15 Dezember – 6 Januar 1988

JUNGE KÜNSTLER AUS DER STEIERMARK
11 November – 15 Dezember 1987

HEINZ FRANK
09 Oktober – 4 November 1987

KUNSTSZENE GEISLER
18 September – 3 Oktober 1987

MICHAEL SCHUSTER
28 August – 17 September 1987

DANIELA DEINHARD
11 August – 26 August 1987

ARNOLD HOLZKNECHT, HUGO VALLAZZA
17 Juli – 8 August 1987

ANDY CHICKEN
17 Juli – 8 August 1987

CHRISTIAN CASSAR
19 Juni – 16 Juli 1987

LOIS WEINBERGER
27 April – 21 Mai 1987

MATTHIAS SCHÖNWEGER
14 April – 24 April 1987

MICHAEL HEDWIG
20 März – 11 April 1987

MAX WEILER
27 Februar – 18 März 1987

BERTY SKUBER
06 Februar – 25 Februar 1987

ERNST HAAS
08 Januar – 3 Februar 1987

CLOSE